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Die Irrfahrt des Odysseus 4

Die Freier belustigten sich indessen auf dem Platz vor dem Palast wie gewöhnlich mit Diskuswerfen und Speerschleudern, bis sie der Herold an das Mittagmahl erinnerte. Da verließen sie die „geebnete Tenne“, wie im alten Liede der festgestampfte Lehmboden im Hofe vor dem Königshause genannt wird, und traten in den Saal. Sie warfen ihre Mäntel über Sessel und Stühle, schlachteten fette Schafe und Ziegen, einen Ochsen dazu und ein paar gemästete Schweine, und rüsteten das Mahl. Unterdessen hatten sich Odysseus und Eumaios auf den Weg gemacht. Sie hatten das Gehöft den Knechten und den Hunden zur Bewachung überlassen. Nach gemächlicher Wanderung gelangten sie an den Brunnen nahe der Stadt, den einer von Odysseus‘ Ahnen dort hatte errichten lassen. Der Ort war den Nymphen geweiht. Rings um ihn her war ein Pappelhain gepflanzt, und auf der Anhöhe, wo die Quelle entsprang, stand ein Altar. Hier pflegten Ithakas Bürger ihr Wasser zu holen und den Nymphen zu opfern, und hier trafen die beiden Wanderer mit dem Hirten Melanthios zusammen, der mit Hilfe zweier Knechte die besten Ziegen seiner Herde in die Stadt trieb, den Freiem zum Schmaus. Als Melanthios das Paar erblickte, fing er laut zu schimpfen an: „Ei, seht doch, ein Taugenichts führt den andern! Ja, gleich und gleich gesellt sich gern. Wohin führst du den heißhungrigen Bettler, verdammter Sauhirt? Gib ihn mir als Hüter meines Geheges oder als Stallputzer, da kann er Ziegenmilch saufen nach Herzenslust und das Fleisch um seine dürren Lenden wieder wachsen sehen! Aber freilich, er wird lieber an den Türpfosten stehen und um Brocken betteln, sich den gefräßigen Wanst zu füllen, sonst versteht er ja nichts, der arbeitsscheue Müßiggänger!“ So rief er und gab dem Dulder einen Fußtritt in die Hüfte. Odysseus verbiss den Schmerz und schluckte die Schmach hinunter. Eumaios aber wendete sich gegen den Altar über der Quelle und sprach: „Ihr heiligen Nymphen, Töchter des Zeus, die ihr diesen Ort umschwebt, gewähret dem Helden Odysseus heimzukehren, damit er diesen Frevler bestrafe!“ „Du Hund!“ schrie Melanthios, „dich sollte man als Sklave auf den Inseln verkaufen! Und deinen Telemachos treffe der Bogen Apollons oder der Dolch der Freier, damit er endlich umkomme wie sein Vater!“ Mit solchen Scheltworten ging er an ihnen vorbei in den Palast und setzte sich mitten unter die Freier; die sahen ihn gerne und gaben ihm von ihrem Schmause stets etwas ab. Jetzt kamen auch Odysseus und der Sauhirt vor den Königspalast, und als jener nach so langer Zeit sein Haus wieder erblickte, langte er ergriffen nach der Hand seines Begleiters und sprach: „O Eumaios, das muss fürwahr die Wohnung des Odysseus sein! Sieh nur, wie gut der Vorhof von breiten Mauern und Zinnen umschlossen ist, und welch mächtige Torflügel den Eingang beschützen! Diese Burg ist gewiss unbezwinglich. Doch horch, welch fröhliches Lärmen dringt aus dem Saal? Viele Männer, dünkt mich, feiern da drinnen ein Gastmahl; köstlicher Bratenduft weht bis hierher, vermischt mit den Harfenklängen des Sängers.“ Sie vereinbarten, dass Eumaios vorangehen und im Saal einen Platz für den Bettler auskundschaften sollte. Odysseus würde eine Weile später nachkommen. Neben dem Hoftor lag auf dem Düngerhaufen ein alter Hund, der auf den Namen Argos hörte. Odysseus hatte ihn, ehe er sich nach Troia einschiffte, noch selbst aufgezogen. Er war einst ein guter Spürhund gewesen, hatte die Männer auf die Jagd begleitet und manches Stück Wild im Dickicht aufgestöbert und gestellt. Jetzt kümmerte sich keiner mehr um ihn, von Ungeziefer bedeckt, lag er auf dem Mist. Als er jedoch die Stimme des Odysseus hörte, spitzte er die Ohren und hob mühsam die Schnauze; ihn täuschte keine Verwandlung, nach zwanzig Jahren erkannte er seinen Herrn wieder, doch war er zu schwach, um näher zu kommen. Er wedelte noch stumm mit dem Schweif, dann sank ihm das Haupt auf die Pfoten, und er verendete. Mit Tränen in den Augen beugte sich Odysseus über ihn. Eumaios hatte den Palast betreten. Sogleich rief Telemachos ihn zu sich. Der Sauhirt blickte sich vorsichtig um, ergriff dann den leeren Stuhl des Fleischzerlegers, auf welchem dieser vor dem Mahle zu sitzen pflegte, und setzte sich seinem jungen Herrn gegenüber an den Tisch. Man reichte ihm Brot und Fleisch. Bald darauf wankte auch Odysseus, der Bettler, an seinem Stabe in den Saal. Auf der Schwelle aus Eschenholz ließ er sich nieder und lehnte den müden Rücken gegen den Türpfosten, der war aus einem kunstvoll geschnitzten Zypressenstamm. Sogleich nahte ihm, allen anderen unsichtbar, Pallas Athene, die hohe Zeustochter, und sprach: „Erbettle dir Nahrung von den Freiem, so kannst du die Bessergesinnten von den Bösewichtern unterscheiden und später jedem den Tod zuteilen, den er verdient, diesem einen grausamen, jenem einen milden. Doch sterben müssen sie alle!“ So ging denn Odysseus mit ausgestreckter Hand von einem zum andern, wie Bettler tun. Mancher zeigte sich mitleidig und gab ihm etwas, und es entstand ein Gefrage unter den Freiem: „Wer ist der Mann? Wo kommt er her?“ Da erhob sich Melanthios, der treulose Ziegenhirt, und rief: „Ich traf den Burschen zuvor am Brunnen, der Sauhirt hat ihn vom Gebirge herabgeführt!“ Heftig fuhr Antinoos auf Eumaios los und schrie ihn an: „Verfluchter Sauhirt, haben wir in der Stadt nicht schon genug Landstreicher? Was musst du uns auch noch diesen Fresser in den Saal schleppen?“ Gelassen blickte Eumaios auf und sagte: „Du bist ein harter Mann, Antinoos. Den Seher, den Arzt, den Baumeister, den Sänger, der uns mit seinen Liedern erfreut, sie alle beruft man gerne in die Paläste der Großen – den Bettler lädt niemand ein, er kommt von selbst, aber man jagt ihn auch nicht hinaus.“ Weiß vor Wut über die gütige Rede des Sauhirten erhob sich Antinoos von seinem Sitz und rief: „So will ich diesen da beschenken, dass er drei Monate lang das Haus nicht wieder betritt!“ Damit packte er seinen Fußschemel und schleuderte ihn dem Odysseus nach, der sich gerade wieder von den Tischen zu seinem Platz auf der Schwelle zurückzog. Das Holz traf ihn mit Wucht an dem Schulter, doch Odysseus stand unerschütterlich wie ein Fels. Schweigend schüttelte er sein Haupt und sann auf Rache. Er setzte sich hin, legte den mit Gaben gefüllten Ranzen neben sich auf den Boden und erhob Klage über die Kränkung, die ihm Antinoos zugefügt. Dieser aber rief dem Bettler zu: „Schweig endlich und friss, oder packe dich, sonst lasse ich dich an Hand und Fuß über die Schwelle schleifen, dass dir die Glieder bluten!“ Diese Rohheit empörte selbst die Freier, und einer von ihnen sprach: „Du tust nicht wohl, Antinoos, diesen Unglücklichen zu misshandeln. Wie, wenn er ein Himmelsbote in Menschengestalt wäre? Bisweilen verhüllen die Götter sich so.“ Aber Antinoos schlug diese Warnung höhnisch in den Wind. In ihrem Frauengemach saß Penelope, die Königin. Sie hörte alles, was im Saale vorging. Sie empfand Mitleid mit dem Bettler und schickte eine ihrer Dienerinnen zu Eumaios. „Bring mir den Sauhirten hierher“, befahl sie. Als Eumaios freudigen Herzens bei ihr eintrat, sagte sie zu ihm: „Führe mir doch diesen Bettler herbei, ich will mit ihm reden. Vielleicht weiß er etwas von meinem fernen Gemahl zu berichten oder hat ihn gar selbst gesehen. Es scheint, er ist weit in der Welt herumgewandert.“ „O Herrin“, erwiderte Eumaios, „drei Tage und drei Nächte lang hat der Alte mit seinen Erzählungen mein Herz gerührt. Ja, er weiß viel von Odysseus zu sagen und prophezeit des Königs baldige Heimkehr!“ „So bringe mir den Fremdling schnell“, rief Penelope. „Käme Odysseus zurück, wie würden er und Telemachos die Freier bestrafen!“ Eumaios begab sich wieder in den Saal, trat an den Bettler heran und überbrachte ihm Penelopes Botschaft. Der Fremde antwortete: „Gerne will ich der Königin erzählen, was ich von Odysseus weiß, und ich weiß gar viel von ihm. Aber noch fürchte ich mich vor den Freiem. Niemand hat sich meiner angenommen, als ich eben so schwer gekränkt ward, auch Telemachos, des Hauses Sohn, hat keinen Finger für mich gerührt – wie sollte ich wagen, ins Frauengemach einzudringen? Sage darum Penelope, sie möge sich gedulden, bis es Nacht geworden ist; dann mag sie mich nach ihrem Gatten befragen, soviel sie will, und mich an ihrem Herde sitzen lassen, denn mich friert in meinen Lumpen.“ Eumaios eilte zurück zur Königin und meldete ihr die Worte des Bettlers. „Der Mann denkt und redet klug“, sagte Penelope und gab sich zufrieden. Sie entließ den Hirten, der auf Telemachos‘ Geheiß noch bis zum Abend im Saale blieb. Dann brach er auf und versprach dem Königssohn, sich am anderen Morgen in aller Frühe bei ihm einzufinden. Die Freier zechten weiter. Da betrat auf einmal ein berüchtigter Bettler den Saal. Er hieß eigentlich Arneios, doch nannte ihn jedermann nur Iros, den „Boten“, weil er für Geld allerlei Wege machte. Er war ein ungeheurer Vielfrass, aber dennoch ohne alle Leibeskraft. Er hatte gehört, dass ein Nebenbuhler bei den Freiem eingedrungen und von Tisch zu Tisch gegangen war. Nun kam er, schnaubend vor Eifersucht, herbei und wollte den Odysseus aus dessen eigenem Hause vertreiben. „Hinweg von der Türe!“ rief er schon beim Eintreten. „Siehst du nicht, dass mir alle mit den Augen zuwinken, dich am Fuß hinauszuschleifen? Geh, oder es entbrennt ein Faustkampf zwischen uns!“ „Die Schwelle hat Raum für uns beide“, erwiderte Odysseus finster. „Ich gönne dir deinen Teil, also gönne du mir den meinen, wie es unter Bettlern Brauch ist. Reize meinen Zorn nicht und fordere mich auch nicht zum Zweikampf, sonst schlage ich dir Brust und Rippen blutig, und du kommst schwerlich noch einmal hieher!“ Iros aber fing noch ärger zu poltern an. „Du blöder Fresser“, rief er, „redest daher wie ein Hökerweib! Ein paar Hiebe von mir links und rechts auf deinen Schädel, und dir fallen alle Zähne aus dem stinkenden Maul. Laut lachend kehrten sich die Freier dem streitenden Paare zu, und Antinoos rief: „Noch hat uns kein Gott ein solches Vergnügen in diesem Saale beschert – zwei Bettler, die einander zum Faustkampf herausfordern, haha! Lasst uns die beiden aufhetzen! Ziegenmagen, mit Blut und Fett gefüllt, braten dort überm Feuer, die setzen wir den edlen Streitern als Kampfpreis aus: dem Sieger die dickste Wurst, und kein anderer Bettler als er soll künftig den Saal betreten dürfen!“ Den Freiem gefiel diese Rede. Odysseus aber stellte sich zaghaft, als wäre er ein vom Elend entkräfteter Greis. „Wenn sich keiner von euch zugunsten des Iros in unseren Kampf einmischt, so will ich mich wohl mit ihm schlagen, um die fette Wurst zu ergattern“, sagte er. „Schwört ihr?“ Da erhob sich Telemachos und sprach: „Kämpfe getrost mit diesem Prahler, armer Fremdling, und besiege ihn, wenn du’s vermagst. Ich bin der Hausherr, und wer sich an Iros‘ Seite stellt und dich verletzt, der hat es mit mir zu tun!“ Nun gürtete sich Odysseus zum Kampf. Unsichtbar waltete über ihm Pallas Athene, die Göttin, und sie verherrlichte seinen Wuchs. Jäh schwollen ihm unter den Lumpen Schenkel und Arme an, Schultern und Brust dehnten sich voll Kraft, und strahlend verjüngte sich sein Antlitz. Die Freier staunten. Iros aber wurde übel, er schlotterte und musste von den Dienern gewaltsam gegürtet werden. Man führte ihn hervor, und beide Bettler erhoben die Fäuste zum Kampf. Odysseus überlegte, ob er den Gegner gleich mit einem einzigen wuchtigen Streich töten oder nur mit einem sanften Schlage zu Boden strecken sollte, damit die Freier nicht vorzeitig Verdacht schöpften. Er entschloss sich für dieses, weil es ihm klüger schien, und nachdem ihn Iros mit der Faust an der rechten Schulter getroffen hatte, gab er ihm einen leichten Schlag auf den Hals unterhalb des Ohres. Doch war seine Kraft so groß, dass er ihm den Kieferknochen entzweibrach und das Blut dem Bettler aus dem Munde schoss. Schreiend stürzte Iros zu Boden, und während die Freier laut Beifall klatschten und unbändig lachten, zog ihn Odysseus am Fuße zur Türe hinaus in den Vorhof und lehnte ihn neben dem Haupttor an die Hofmauer. Er gab ihm den Stab in die Hand und sagte spottend: „Da bleibe du sitzen und verscheuche mit deinem Stecken Hunde und Ferkel!“ Dann kehrte er zum Saal zurück und ließ sich wieder auf der Schwelle nieder, als ob nichts geschehen wäre. Sein Sieg hatte den Freiem Achtung eingeflößt, sie umringten ihn lachend und sagten: „Du hast uns von einem lästigen Burschen befreit, da nimm den Ziegenmagen dafür, und mögen Zeus und alle Götter dir gnädig sein.“ Amphinomos, einer der jüngsten unter den Freiem, brachte zwei Brote herbei, füllte einen Becher mit Wein und trank dem Sieger zu mit den Worten: „Auf dein Wohl, fremder Vater! Mögest du künftig von aller Trübsal verschont bleiben!“ Da erhob sich Odysseus. Ernst nahm er die Brote und den Wein entgegen, und ernst sprach er: „Amphinomos, du scheinst mir besonnen und weise und bist eines edlen Vaters Kind. Darum höre, o Jüngling! Von allem, was auf Erden wandelt und atmet, ist nichts so eitel und unbeständig wie der Mensch. Solange die Götter ihn stärken, meint er, es könne ihn kein Unglück treffen. Ist er aber einmal auf sich gestellt und beladen ihn die Seligen mit Trübsal, dann verzweifelt er sogleich. Ich habe im Übermut glücklicher Tage, durch meine Stärke verleitet, viel gefrevelt, darum rate ich dir: Empfange die Gaben der Götter, lichte wie dunkle, voll Demut und sündige nicht wider Recht und Gesetz gleich den übrigen Freiem, die hier ihr Unwesen treiben. Sie fügen Schmach über Schmach der Gattin des Mannes zu, der vielleicht morgen schon heimkehrt. Er ist ganz nahe! Möge ein guter Dämon dich aus diesem Hause wegführen, ehe du ihm begegnest. Denn ich fürchte, es wird Blut fließen, wenn der Verschollene unter sein heiliges heimatliches Dach tritt.“ So sprach Odysseus, goss seine Spende aus, trank und gab den Becher dem Jüngling zurück. Nachdenklich senkte dieser das Haupt und schritt durch den Saal wieder zu seinem Sitz. Ihm ahnte Böses. Dennoch entrann er dem Verderben nicht, das Athene auch ihm bestimmt hatte. Athene, die Göttin, wich nicht mehr von Ithakas königlichem Haus. Jetzt eben erweckte sie in Penelopes Seele den Gedanken, wieder einmal vor den Freiem zu erscheinen und deren Herzen mit neuer Sehnsucht zu erfüllen. „Hole mir zwei Dienerinnen herbei“, sagte sie zu ihrer Vertrauten Eurynome, „sie sollen mich in den Saal begleiten, denn es ziemt sich nicht, dass ich allein vor den Männern erscheine.“ Eurynome entschwand. Während sie die Dienerinnen holte, versenkte Athene die Königin in Schlummer. Sanft ruhte Penelope im Sessel, und die Göttin goss überirdische Schönheit über sie aus. Mit ambrosischem Öl, mit dem Aphrodite sich salbt, wusch sie ihr Gesicht, gab der Haut den Schimmer des Elfenbeins und straffte ihre Gestalt. Dann entwich sie. Lärmend kamen die Mägde herein, Penelope erwachte, trat aus dem Gemach und schritt die Treppe hinab in den Saal. Auf der untersten Stufe blieb sie stehen, das Haupt von einem Schleier um444 hüllt, die liebreizenden Dienerinnen zur Linken und Rechten. Jedem der Freier, der sie so stehen sah, glühte das Herz, jeder wollte sie zur Gattin gewinnen. Sie aber wandte sich an Telemachos und sprach: „Mein lieber Sohn, warum hast du es geschehen lassen, dass man den armen Fremdling, der bei uns Hilfe suchte, so schwer beleidigte? Es bringt dir vor Göttern und Menschen Schande, mir aber bereitet es tiefen Schmerz.“ „Ach, Mutter“, entgegnete Telemachos, „du schiltst mich zu Recht, doch glaube mir, ich vermag nichts allein gegen die Übermütigen hier. Um so glücklicher bin ich, dass der Zweikampf des Fremdlings gegen Iros anders ausfiel, als die Freier es sich wünschten. Oh, hockten sie doch alle wie jener draußen im Hof mit zerschlagenem Kopf und gelähmten Gliedern!“ Eurymachos aber rief, trunken vom Anblick der Königin, aus: „O Tochter des Ikarios, könnten alle Griechen dich sehen, wahrhaftig, es kämen morgen noch viel mehr Freier zum Schmaus nach Ithaka, so sehr übertriffst du alle Frauen an Geist und Gestalt!“ Penelope schüttelte trübe das Haupt. „Ach, Eurymachos“, sprach sie, „meine Schönheit ist hin, seit mein Gemahl nach Troia fuhr. Käme er wieder, blühte ich auf wie die Blume an der Sonne; so aber umfängt mich die Nacht der Trauer. Wohl sagte mir Odysseus, da er aufbrach: Wenn ich nicht mehr zurückkehre und Telemachos ist zum Jüngling herangereift, so vermähle dich neu!‘ Ja, so sprach er, und ich will ihm gehorchen, doch sehe ich meiner Hochzeit mit Bangen entgegen. Andere Freier bringen aus ihrer Heimat Rinder und Schweine zum Schmaus herbei und geizen nicht mit Geschenken. Ihr aber verprasst das Gut der Braut! Wen von euch sollte sie da wählen?“ Voll inniger Freude hörte Odysseus diese klugen Worte. Sie hatten ihr Ziel nicht verfehlt, denn schon eilten die Diener der Freier hinweg und brachten auf Geheiß ihrer Herren die kostbarsten Geschenke herbei. Antinoos übergab Penelope ein reichgewirktes, buntes Frauengewand, Eurymachos ein Brustgeschmeide, das einer strahlenden Sonne glich und mit schimmerndem Bernstein besetzt war, Eurydamas anmutige Ohrgehänge, und so überreichte ihr jeder der Freier eine andere Gabe. Die Dienerinnen mussten Gehilfinnen herbeiwinken, weil ihre Hände die Fülle des Goldes und kostbaren Tuches nicht mehr halten konnten. Penelope aber sprach: „Gebt mir bis morgen Bedenkzeit, ich will die Geschenke alle prüfen und mich danach entscheiden.“ Hierauf stieg sie die Treppe zum Söller empor, gefolgt von den Dienerinnen mit den Schätzen. Nun wollten sich die Freier bei Tanz und Gesang belustigen und riefen nach Feuerbecken, um den Saal zu erleuchten. Mägde stellten die Gefäße auf, legten getrocknete Scheite und Kienspäne hinein und schürten die Glut. Da trat Odysseus zu ihnen und sprach: „Geht lieber hinauf zu eurem Herrin Flachs spinnen und Wolle kämmen, das ziemt euch besser. Für das Feuer lasst mich sorgen.“ Die Mägde aber lachten ihn aus, und eine schöne, junge Dienerin, Melantho mit Namen, die Penelope wie ihr eigenes Kind aufgezogen hatte, die aber nun mit dem Freier Eurymachos gemeinsame Sache machte, fuhr ihn an: „Was fällt dir ein, uns zu befehlen? Scher dich fort, elender Bettler! Du sprichst wohl im Rausch, oder ist dir dein Sieg über Iros zu Kopf gestiegen? Nimm dich in acht, unter den vielen edlen Männern hier könntest du leicht deinen Meister finden, dem dir den Schädel einschlägt und dich aus dem Palast wirft!“ „Schweig, du Hündin“, erwiderte ihr Odysseus finster, „sonst melde ich deine freche Rede dem Telemachos, der haut dich in Stücke.“ Diese Worte verscheuchten die Mägde, mit bebenden Knien flohen sie aus dem Saal. Odysseus aber stellte sich an die Feuerbecken, schürte die Glut zu hellen Flammen, dass blutigroter Schein alle Mauern übergoss, und hing seinen Rachegedanken nach. Tief in der Nacht verließen die Freier sein Haus, er war mit Telemachos allein. „Geschwind“, sagte er, „lass uns die Waffen verstecken, die Zeit ist da!“ Der Sohn rief seine alte Wärterin Eurykleia und befahl ihr, die Mägde vom Saal fernzuhalten, bis er des Vaters Waffen nach oben in den Söller geschafft habe. „Hier in dem vielen Rauch verlieren sie allen Glanz“, sagte er. Darüber freute sich die Alte. „Es ist recht“, meinte sie, „dass du endlich anfängst, dich um dein Gut zu kümmern. Doch wer soll dir die Fackel vorantragen, wenn du alle Dienerinnen fortschickst?“ Telemachos zeigte auf Odysseus und sagte: „Der Bettler da wird sie tragen. Wer aus meinem Brotkorb isst, muss auch arbeiten.“
Nun schleppten Vater und Sohn die Helme und Schilde, Lanzen und Schwerter nach oben, und Pallas Athene schritt mit ihrer goldenen Lampe vor ihnen her und verbreitete überall Licht. Telemachos, der die Göttin nicht sah, wunderte sich sehr und sprach: „Siehe doch, Vater, welch ein Wunder! Wie schimmern des Hauses Wände! Jeder Winkel, jeder Balken, jede Säule, alles leuchtet wie von Sonnenfeuer! Wahrlich, ein Gott muss zugegen sein.“ „Sei still, Sohn“, entgegnete ihm Odysseus in ehrfürchtigem Tone, „sei still und forsche nicht; gar viel vermögen die Himmlischen. Lege dich jetzt schlafen, ich will noch ein wenig wachen im Saal und die Mutter erwarten, sie wird mich vieles fragen wollen.“ Telemachos entfernte sich. Nach einer Weile trat Penelope aus ihrer Kammer, mit ihr einige Mägde, die den elf elfenbeinernen Thronsessel der Königin zum Feuer schoben und dann die Tische abräumten. Da richtete die schöne, freche Melantho zum zweiten Male das Wort an Odysseus und verhöhnte ihn abermals. „Du willst wohl hier im Palast übernachten, du grindiger Fremdling?“ fragte sie. „Mach, dass du fortkommst, oder ich werfe dir einen Feuerbrand nach!“ Voll Zorn entgegnete ihr Odysseus: „Ich weiß nicht, warum du mich so verachtest. Weil ich in Lumpen gehe und bettle? Auch ich war einst glücklich und reich, beschenkte jeden wandernden Fremdling. Doch Haus und Schätze und Dienerschaft hat mir Zeus genommen. Bedenke, Weib, dass auch du einst schmutzig und hässlich vor den Türen dein Brot erbetteln musst, wenn die Fürstin dir zürnt oder Odysseus heimkommt und dich aus dem Hause jagt. Auch Telemachos ist kein Kind mehr – wie, wenn er eines Tages die Mägde für ihre Unart züchtigt?“ Auch Penelope schalt die übermütige Dienerin aus. „Du Schamlose“, rief sie, „ich kenne deinen üblen Sinn. Du hast dein Leben verpfändet, dein Tag kommt! Wie kannst du den Mann verhöhnen, den ich ehre und nach meinem fernen Gemahl befragen will?“ Nun winkte die Königin den vermeintlichen Bettler zu sich heran und forschte ihn aus. Er gab auf alles richtig Antwort: welches Gewand Odysseus getragen habe, wie seine Begleiter geheißen hätten, alles wusste er genau. Trotzdem zweifelte sie an seinen Worten und traute ihnen nicht; und als der Bettler sagte, er habe gehört, dass Odysseus nach Dodona gegangen sei, um das Orakel des Zeus über seine Heimkehr zu befragen, und dass er zur Zeit des Neumonds also schon am folgenden Tage! – heil und gesund nach Hause kommen werde, schüttelte Penelope nur leise das Haupt und schwieg. Die allzu lange Trauer hatte den letzten Hoffnungsfunken in ihrem Herzen erstickt. Nach einer Weile sagte sie: „Du hast manche Unbill in meinem Haus erdulden müssen durch den Übermut der Freier, dafür sollen dir nun meine Mägde die Füße waschen und dir ein gutes, warmes Bett bereiten. Du sollst nicht sagen, Ithakas Königin ehre das Alter nicht.“ Und schon winkte sie ihre Dienerinnen herbei. Odysseus aber erwiderte: „Ich will keine Dienste von deinen jungen, schamlosen Mägden! Hast du aber ein altes, redliches Mütterchen, so mag das mir die Füße baden.“ Da rief Penelope ihre älteste Magd Eurykleia, die hatte den Odysseus als Knaben aufgezogen, so alt war sie. Sie rückte ein Schaff heran, füllte es mit warmem Wasser, entblößte die Füße des Fremdlings, um sie zu waschen. Wohl drückte sich Odysseus, so gut er konnte, ins Dunkel neben dem Herd, damit die Alte nicht etwa die Narbe der Wunde entdeckte, die ihm einmal auf der Jagd der Hauer eines wilden Ebers zugefügt hatte. Aber Eurykleia, der der fremde Bettler gleich vom ersten Augenblick an seltsam bekannt erschienen war, hatte die Narbe schon bemerkt, ihre tastenden Hände erkannten sie, und vor freudigem Schreck ließ sie das Bein ins Schaff fallen, dass das Wasser hoch aufspritzte. „Odysseus“, rief sie, „mein Sohn, du bist es!“ Aber der Bettler hielt ihr mit der Rechten den Mund zu, zog sie mit der Linken an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Willst du mich verderben? Ja, ich bin’s, aber noch darf es keiner wissen! Wenn dir dein Leben lieb ist, so schweige!“ Eurykleia gehorchte und bewahrte ihr Geheimnis tief in der treuen Brust. Penelope aber hatte von alledem nichts bemerkt, Pallas Athene hatte ihr mit himmlischen Händen Auge und Ohr verschlossen. Als Odysseus gewaschen und gesalbt war, richtete die Königin wieder das Wort an ihn und sprach: „Deute mir einen Traum, weiser Fremdling. Ich sah in der vergangenen Nacht einen Adler vom Gebirge her mitten in meine geliebte Gänseherde stoßen und alle meine schneeweißen Tiere töten. Mit blutigen, gebrochenen Hälsen lagen sie im Hof, der Raubvogel aber schwang sich in die Lüfte und entschwand. Ich schrie auf und weinte laut. Da kam der Adler zurück, setzte sich auf das Gesims des Hauses und redete mit menschlicher Stimme zu mir: Sei getrost, Tochter des Ikarios! Was du schaust, ist kein Traum, sondern ein Gesicht. Ich bin Odysseus und werde alle Freier töten!‘ So sprach der Adler, da erwachte ich.“ „O Fürstin“, sagte Odysseus, „freue dich! Was dein Gatte im Traume versprach, wird er am hellen Tage vollbringen! Keiner der Freier wird dem Verderben entrinnen, ihr Blut wird den Boden und die Wände dieses Saales röten!“ Doch Penelope schüttelte abermals den Kopf: „Es gibt auch Trugträume. Morgen ist der entsetzliche Tag da, an welchem ich dies Haus verlassen und einem der Freier als Gemahlin folgen muss. Noch weiß ich nicht, wem; aber mein Gatte Odysseus stellte bisweilen zwölf Äxte ohne Stiel hintereinander auf und schoss seinen Pfeil durch alle zwölf Axtösen hindurch. Wer von den Freiem dies Kunststück mit Odysseus‘ Bogen vollbringt, der soll mich haben und mich hinwegführen.“ Da lachte Odysseus das Herz. „Tue das, edle Königin“, rief er, „dann brauchst du dies Haus nie und nimmer zu verlassen! Denn nie und nimmer spannt ein anderer als Odysseus selbst seinen Bogen, und keiner der Helden vermag den Pfeil durch zwölf Axtlöcher zu schnellen außer ihm!“ Im Vorsaale des Königshauses hatte Eurykleia ihrem geliebten Herrn ein weiches Lager bereitet und ihn sorglich mit einem schweren Mantel zugedeckt, damit er ja nicht friere; schien er doch ein Greis mit abgezehrten, dürren Gliedern. So schlief er wohlig warm, von Athenes schützender Gegenwart umfangen, bis ihn die Morgenröte aus dem Schlummer weckte und vom Lager trieb. Er hörte nämlich Penelopes Weinen aus dem Frauengemach dringen: die Königin grämte sich, weil der Tag ihrer Hochzeit mit einem der verhassten Freier herauf dämmerte. Odysseus aber befürchtete, sie könnte in den Saal herabsteigen und ihn im hellen Licht vielleicht zu früh erkennen, trotz der Verwandlung. Darum lief er aus dem Palast, trat vor das Tor und erhob seine Hände betend zu Zeus. „Vater du der Götter und Menschen“, rief er flehend, „wenn du es warst, der mich unter bittersten Qualen über Länder und Fluten hier hergebracht in die geliebte Heimat, so gib mir ein deutliches Zeichen, dass dir meine Pläne gefallen und du dem Tode der Freier zustimmst!“ Er hatte aber noch kaum geendigt, als es aus wolkenlosem Himmel donnerte. Davon wurde sein Herz gestärkt. Mit steigender Sonne fanden sich die Freier wieder im Saale ein, schlachteten herrliches Mastvieh und ließen sich vom besten Weine mischen, galt es doch gerade an diesem Tage das Fest des „bogenführenden Gottes Apollon“ zu feiern, das auf Ithaka stets besonders heiliggehalten wurde. Der Schmaus begann. Odysseus hatte wiederum seinen Platz auf der Schwelle des Saales eingenommen und sah zu, wie das Volk von überallher zusammenströmte und sich zum heiligen Hain des sonnenstrahlenden Musengottes und himmlischen Bogenschützen begab, und sein Herz schwoll vor Zuversicht und Rachelust. Nun erhob sich der Herold der Freier und forderte Telemachos auf, seine Mutter zu zwingen, sich unter den werbenden Männern einen Gemahl auszuwählen. „Denn es ist wohl einem jeden klar, dass Odysseus niemals mehr wiederkehrt“, rief er, „er ist tot, und sein Leib modert längst in fremder Erde!“ Telemachos erwiderte: „Mit Gewalt werde ich meine Mutter nicht aus dem Hause jagen, doch rate ich ihr selbst, sich zu entscheiden!“ In diesem Augenblick verwirrte Athene die Gemüter der Freier. Sie fingen plötzlich unbändig zu lachen an, sprangen auf die Sitze und Tische, heulten wie Hunde und grunzten wie die Schweine, verzerrten ihre Gesichter zu scheußlichen Fratzen wie Dämonen und fraßen bluttriefendes rohes Fleisch. Sie gebärdeten sich ganz unsinnig vor Lustigkeit, fielen aber mit einem Schlage in die tiefste Schwermut und Traurigkeit. Tränen entstürzten ihren Augen, und der Seher Theoklymenos, ein Flüchtling, den Telemachos auf seiner Heimfahrt aus Pylos mitleidig auf sein Schiff genommen und nach Ithaka gebracht hatte, sprang auf und rief: „Was ist denn in euch, ihr Unseligen, gefahren? Ich sehe eure Häupter und Glieder von Nacht umhüllt, schreckliche Wehklagen tönen aus eurem Munde! Weh, weh, die Wände des Hauses triefen von Blut, von Schatten wimmelt der Vorhof, sie drängen zum Hades hinab! Unheil seh ich nahen, Unheil, dem keiner entflieht!“ Und er verließ mit verhülltem Haupte und eiligen Schritten den Saal. Nun stieg Penelope, von Athene unsichtbar gelenkt, zur Schatzkammer des Odysseus empor, wo die Geräte aus Gold und Erz lagerten. Dort hing auch sein Bogen und sein mit Pfeilen dicht gefüllter Köcher, beides Geschenke spartanischer Fürsten, die in Ithakas Palast zu Gaste gewesen. Schmerz überwältigte die Königin, als sie die Waffen ergriff und herabhob, lange hielt sie sie weinend im Schoß, auf einem Sessel sitzend. Endlich stand sie auf, übergab den Bogen und die Pfeile den Mägden und schritt diesen voran hinab in den Saal. „Wohlan, ihr Freier“, sprach sie, „die Stunde ist gekommen. Wer mich gewinnen will, der trete zum Wettkampf vor. Wer den Bogen des Odysseus spannt und den Pfeil durch zwölf Axtlöcher hindurchschnellt, der soll mein Gatte werden.“ Telemachos sprang auf, warf seinen Purpurmantel ab und ließ sein Schwert von der Schulter gleiten. Dann zog er eine Furche in den gestampften Lehmboden des Saales, grub die Beile, mit den Schneiden nach unten, hintereinander ein und ergriff als erster selbst den Bogen des Vaters. Er stellte sich auf die Schwelle und versuchte dreimal, ihn zu spannen. Dreimal versagten ihm die Kräfte, beim vierten Male wäre es ihm beinahe gelungen, hätte ihm Odysseus nicht abgewinkt. Da lehnte er die heilige Waffe an den Türpfosten und rief: „Weh mir, was bin ich doch so kraftlos und elend! Oder bin ich noch zu jung, um mich mannhaft wehren zu können? Versucht ihr anderen, die ihr stärker seid als ich, des Vaters Bogen zu spannen, und macht dem Wettkampf ein Ende!“ Hierauf begab er sich zu seinem Sessel zurück. Nun versuchten die Freier, einer nach dem anderen, den Bogen zu spannen, aber keinem gelang es, auch nicht Antinoos und Eurymachos, den stärksten von allen. Und auch dies, dass der Ziegenhirt Melanthios auf ihren Befehl den Bogen mit Speck einrieb und über dem Feuer geschmeidig zu machen versuchte, half ihnen nichts, seine Härte trotzte jedwedem Arm. Da trat Odysseus in den Saal. Er hatte sich heimlich in den Vorhof geschlichen und dort dem Sauhirten Eumaios und dem Rinderhirten gesagt, wer er sei und wie sie ihm bei der Vernichtung der Freier helfen sollten. Unter Tränen hatten die beiden ihn umarmt. Nun folgten sie ihrem Gebieter in die breite Halle mit der rußgeschwärzten Balkendecke. Schaurig wie ein dräuender Gott stand Odysseus auf der Schwelle. Seine Augen blitzten, unter den schäbigen Lumpen straffte sich sein Leib. „Lasst mich einmal schießen“, bat er, „heute ist doch der Festtag Apollons, wer möchte da nicht versuchen, einen so kostbaren Bogen zu spannen wie diesen, und wäre er gleich nur ein Bettler!“ Zornig fuhren die Freier auf. Aber Penelope sprach: „Ihr sollt dem Fremdling seine harmlose Bitte gewähren an diesem Fest. Alt und elend wie er ist, wird er mich kaum zur Gattin begehren wollen, auch wenn seinen zitternden Händen gelänge, was euch nicht gelungen ist. Lasst ihm die Freude.“ Da überreichte der Sauhirt dem Bettler den Bogen. Dann ging er durch den Saal ins Hinterhaus und verkeilte den Riegel der Pforte mit wuchtigen Schlägen, indes der Rinderhirt den Riegel am schweren Tor des Vorhofes mit einem armdicken Seil umwand, dass keiner ihn mehr zurückstoßen konnte. Währenddem wandte Odysseus den Bogen prüfend hin und her. Hatten nicht Würmer das Holz versehrt? Nein, er war makellos geblieben all die Jahre her. Nun spannte er ihn gemächlich, griff zur Probe in die Sehne wie ein Sänger in die Saiten der Laute. Und siehe da, die Waffe ertönte hell wie ein Schwalbenruf! Die Freier packte Entsetzen. Starr standen sie und sahen, wie Odysseus nach einem Pfeil griff, diesen einlegte und, auf einem Stuhle sitzend, die Ösen aller zwölf Beile durchschoss. Die Freier zuckten zusammen und erblassten. Odysseus aber rief seinem Sohne zu: „Der Fremdling im Saal hat dir keine Schande gebracht, denke ich! Doch jetzt ist es an der Zeit, diesen da am hell-lichten Tage das Nachtmahl zu bereiten!“ Und er gab Telemachos einen Wink. Da warf dieser sein Schwert über die Schulter, griff zur Lanze und stellte sich gewappnet neben seinen Vater. Jetzt streifte Odysseus die Lumpen ab und sprang mit Bogen und Köcher auf die hohe Schwelle. Er schüttete die Pfeile vor sich auf den Boden und rief: „Der erste Bogenkampf ist beendet, nun folgt der zweite! Für ihn wähle ich mir ein Ziel, das noch kein Schütze getroffen, und denke es nicht zu verfehlen!“ Damit zielte er auf Antinoos, der gerade einen gehenkelten goldenen Pokal mit beiden Händen zum Munde führte. Da fuhr ihm der Pfeil des Odysseus in die Gurgel, dass die Spitze hinten aus dem Genick hervordrang. Der Becher entfiel seiner Hand, ein Blutstrahl schoss ihm aus der Nase; im Niedertaumeln stieß er den Tisch samt den Speisen um, dass die Leckerbissen über den Boden rollten, von seinem Blute besprengt. Tobend sprangen die Freier von ihren Sesseln auf und riefen nach Waffen, doch da war weder Schild noch Lanze zu sehen. „Ihr Hunde“, rief ihnen Odysseus zu, „ihr glaubtet wohl, ich würde nie wieder von Troja zurückkehren, darum verprasstet ihr mein Gut, verführtet mein Gesinde und bedrängtet mein Weib, indes ich lebte! Weder Göttliches noch Menschliches ist euch heilig – nun aber ist die Stunde eures Verderbens gekommen!“ Wohl schrien die Freier vor Wut und Todesangst auf, wohl versuchten sie, Odysseus durch reumütige Worte zu besänftigen, und boten ihm reiche Sühnegaben, Rinder, Gold und Erz, an, wenn er ihnen das Leben schenkte. Aber der Fürst, von Athenes goldenem Stabe berührt und herrlicher, strahlender wachsend mit jedem neuen Atemzuge, erwiderte grimmig: „Nicht für alles Gold der Erde ließe ich euch ungestraft – eure Missetaten heischen blutige Sühne! Darum kämpft oder flieht; aber ich glaube, nicht einer wird mir entrinnen!“ Da erblassten die Freier bis in die Lippen. „Dieses Mannes Hände hält kein Gott mehr auf!“ riefen sie. Doch Eurymachos entfachte noch einmal ihren Mut, er schrie: „Zieht die Schwerter und benützt die Tischplatten als Schilde! So dringen wir gegen ihn vor, vertreiben ihn von der Schwelle und zerstreuen uns durch die Stadt, dort finden wir Freunde!“ Sprach’s und riss sein Schwert aus der Scheide. Mit grässlichem Geschrei stürzte er sich auf Odysseus, doch im selben Augenblick durchbohrte ihm der Pfeil des Helden die Leber. Das Schwert entsank ihm, auch er riss einen Tisch um, warf Speisen und Becher zur Erde, schlug mit der Stirne den Boden und stampfte den Sessel mit den Füßen hinweg; es waren seine letzten Zuckungen, dann lag er still, indes die Kameraden wutschreiend die Tischplatten hochrissen und sich dahinter verbargen. Aber es nützte ihnen nichts; solange Odysseus noch Pfeile hatte, erlegte er mit ihnen einen Freier um den anderen. Von der Wucht des Bogens getrieben, durchschlugen die Geschosse die dicksten Tischplatten. Amphinomos, der mit dem Schwerte bis zur Schwelle vordringen konnte, sank, von Telemachos‘ Speer getroffen, zu Boden, und Nacht umfing ihm Augen und Seele. Als die Pfeile verschossen waren, lehnte Odysseus den Bogen an den Türpfosten und wappnete sich mit Helm, Stierschild und Lanze. Da bemerkte er, dass der treulose Ziegenhirt Melanthios durch eine unbewachte Seitenpforte den Freiem Waffen aus der Rüstkammer brachte. Auf einen Wink des Königs eilten Eumaios und der Rinderhirt in den schmalen, dunklen Gang, in welchen die Pforte führte, und als Melanthios zum zweiten Male zur Rüstkammer eilen wollte, ergriffen sie ihn, fesselten ihm Hände und Füße auf dem Rücken und zogen den Schreienden an einem Seil bis dicht unter die Balken der Decke empor. „Wir haben dich sanft gebettet“, rief ihm der Sauhirt zu, „schlaf wohl!“ Dann zog er die schwere Tür hinter sich zu, verkeilte den Riegel und lief mit dem Rinderhirten zu seinem Herrn, um diesem im Kampf gegen die Freier beizustehen. Furchtbar war die Rache des Odysseus; wie Schnee an der Sonne, so schmolz der Haufe der Verräter zusammen, nicht einer der treulosen Fürsten entkam, zu hoch waren die Mauern des Hofes, zu wohlverschlossen die Tore. Ein grausiges Blutbad ward angerichtet im Saal, Decke und Wände waren rot besprengt, ein Chaos von Tischen und Stühlen, Speisen und kostbarem Geschirr, silbernen Krügen und goldenen Bechern bedeckte den Lehmboden, Blut und Wein rannen ineinander. Furchtbare Streiche und Stöße teilten Odysseus und seine Helfer – Telemachos, Eumaios und der Rinderhirt – aus. Da gesellte sich plötzlich Athene in der Gestalt des alten Mentor zu ihnen und stachelte Odysseus zum letzten Kampf auf. „Durch deinen Rat und Mut sank Troia in Schutt und Asche“, rief sie ihm zu, „nun zeige, dass du auch im eigenen Hause der Herr bist! Töte die letzten der Freier und ihres Gefolges – nur Phemios verschone, den Sänger, er ist den Göttern heilig und ohne Schuld – siehe, wie Telemachos für ihn bittet!“ Dann flog sie jählings zur Decke empor und saß dort gleich einer Schwalbe im rußigen Gebälk, bis unter ihr das schaurige Ringen entschieden war. Da hob sie den leuchtenden Aigis-Schild und entschwand zum Olympos. Als kein lebender Feind mehr zu erblicken war, nicht im Saale und nicht im Vorhof, rief Odysseus nach der Wärterin Eurykleia. „Freue dich, Mütterchen“, sagte er ernsthaft, „aber jauchze nicht; über Erschlagene soll kein Sterblicher jubeln. Diese hat das Gericht der Götter gefällt, nicht ich. Jetzt aber nenne mir unter allen Weibern im Palaste jene, die sich treulos gezeigt!“ Eurykleia bezeichnete ihrem Herrn zwölf von den fünfzig Dienerinnen, die mussten in den Saal kommen und die Leichen über die Schwelle ins Freie schaffen. Dann befahl ihnen der Fürst, den Boden der Halle zu reinigen, allen Unrat vor die Tür zu schleppen und Stühle und Tische zu waschen. Als dies geschehen war, trieben Telemachos und die beiden Hirten sie in das Küchengewölbe, spannten ein Schiffsseil von einem Pfeiler zum anderen und erhängten die treulosen Mägde daran. Wie ein Zug Drosseln baumelten und zappelten sie nebeneinander; die schöne, hochmütige Melantho musste ebenfalls daran glauben, wie sehr sie auch schrie und sich wehrte. Die Hirten holten auch noch den Verbrecher Melanthios von der Decke des dunklen Ganges zur Rüstkammer herab und hieben ihn in Stücke. Das Rachewerk war vollbracht. Nun ließ sich Odysseus von der alten Magd Eurynome ein warmes Bad bereiten, wusch und salbte sich und legte sein schönstes Gewand an. Eurykleia hatte indessen die Fürstin geweckt, die, von Athene mit schützendem Schlummer beschenkt, das blutige Ringen und grausige Toben im Saale völlig verschlafen hatte. „Steh auf, Penelope“, rief Eurykleia, „Odysseus ist zurückgekehrt! Herrlicher als da er auszog, kehrt er uns zurück; schon gestern erkannte ich ihn an der Narbe seines Fußes. Die Freier sind erschlagen, die Mägde bestraft – in der Halle sitzt der Held und erwartet dich!“ Penelope schwankte zwischen Hoffnung und Zweifel. Zu oft war sie von falscher Botschaft genarrt worden, zu lange hatte sie um Odysseus geweint, als dass nicht Misstrauen in ihrem Herzen aufkeimte bei allem, was den geliebten Gatten betraf. „Lass mich den schauen, der die Freier erschlug“, sagte sie ernst und schritt, gefolgt von der Dienerin, in den Saal hinab. Da saß Odysseus, an die Säule gelehnt, und wartete auf ein Wort aus Penelopes Mund. Aber obgleich ihn die Königin erkannte, zweifelte sie dennoch, ob es nicht ein Trugbild sei, das sie täuschte. Schweigend begab sie sich zum Herd und setzte sich im Schein der Glut dem König gegenüber. Tiefe Stille herrschte im Saal, stumm im Dunkel harrte Telemachos der Dinge, die nun kommen sollten; Eurykleia war auf der Treppe zurückgeblieben. Nach einer langen Weile öffnete endlich Odysseus die Lippen und sprach, indes Athene ihn aus den Wolken herab mit Schönheit übergoss: „Wunderliche Frau, die du bist, dir müssen die Himmlischen das Gemüt verhärtet haben. Zwanzig Jahre war ich fern, die Freier erschlug ich und bin nun endlich daheim – du aber findest kein liebes Wort für mich nach all der Trübsal. So bin ich denn auch zu Hause ein Fremdling. Eurykleia! Bereite du mir ein Lager, auf dem ich mich einsam niederlege, denn diese da“ – er zeigte auf Penelope- „hat ein Herz aus Eisen.“ Ein jäher Gedanke durchzuckte Penelopes Herz, ein Hoffnungsstrahl erleuchtete ihre Seele. Sie wandte sich nach der Treppe um und sprach: „Wohl weiß ich, wie Odysseus aussah, da er Ithaka verließ, mich täuscht man nicht. So trage denn das Bett meines Gemahls, das er sich selbst gebaut hat, aus dem Schlaf gemach hinaus und richte es mit Fellen, Kissen und Decken für diesen zu, der wohl ein Held, aber nicht Odysseus ist.“ Da fuhr Odysseus zornig auf: „Das war ein kränkendes Wort! Unmögliches verlangst du von deiner Dienerin! Mein Bett vermag kein Sterblicher von der Stelle zu rücken, und wenn er alle Jugendkräfte anspannte. Ich selber habe mir die Lade gezimmert, und es ist ein großes Geheimnis daran. Hier, wo heute dieser Palast steht, ragte einst ein schattiger Olivenbaum wie eine Säule zum Himmel auf. Da ließ ich unser Königshaus so anlegen, dass der Stamm des Ölbaums mitten in unserem Schlafgemach zu stehen kam. Als nun die Kammer schön aus Steinen erbaut und die Decke aus bunten Hölzern zierlich gebildet waren, hieb ich die Krone des Baumes ab, schälte und glättete den Stamm und schnitzte aus ihm einen der vier Bettpfosten. Darum kann niemand mein Lager verrücken, ohne den t5lbaum von seiner Wurzel zu trennen.“ Penelopes Knie zitterten, und ihr Herz erbebte in süßem Schrecken, als sie Odysseus so reden hörte. Weinend stürzte sie ihm in die Arme und rief: „Du bist es! Du bist es, mein Geliebter, mein Gemahl. Zürne mir nicht, dass ich durch die Jahre der Trennung und Trauer so misstrauisch wurde und so listig wie du, du Listenreichster von allen! Mein Befehl an Eurykleia war die Versuchung, die ich dir bereitete, um dich gewiss zu erkennen, denn niemand außer dir und mir und den Unsterblichen weiß um das Geheimnis des verwurzelten Bettes. An diesem Zeichen erkannte ich dich, und nun sind alle Zweifel geschwunden und alle Leiden zu Ende!“ Die halbe Nacht verging den Gatten unter beglücktem Gespräch und den Erzählungen des unendlichen Elends, das sie erduldet, und Penelope legte sich erst zur Ruhe, als Odysseus ihr alles berichtet hatte, was sich in Troja begeben und wie er von dort über Inseln und Meere zu ihr zurückgefunden hatte. Am anderen Morgen machte sich Odysseus mit Telemachos und den beiden treuen Hirten auf den Weg zu seinem alten Vater Laertes. Als sie dessen Landgut erreichten, hieß Odysseus seine Begleiter zurückbleiben und begab sich allein in den Obstgarten, wo Laertes gerade die Erde um ein junges Bäumchen lockerte. Er war wie ein Knecht in einen schmutzigen Leibrock und zerschlissene Beinschäfte aus Ochsenleder gekleidet, denn er trauerte um seinen Sohn. Lange betrachtete Odysseus, im Schatten eines Birnbaumes stehend, den Vater. Dann trat er hinter ihn und sprach: „Alter, du scheinst ein trefflicher Gärtner zu sein, gleichst aber dennoch einem König an Wuchs und Schönheit. Welchem Herrn dienst du denn? Bin ich hier wirklich auf Ithaka, wie man mir sagte? Aus Ithaka stammte mein liebster Gastfreund, den ich hatte, den suche ich hier. Er sagte mir, König Laertes sei sein Vater. Fünf Jahre ist es her, seit wir uns trennten, und sein Schiff war von glückbringenden Vögeln begleitet, es muss längst in der Heimat gelandet sein.“ Statt jeder Antwort sank der Greis, vom Schmerz überwältigt, auf die Knie und streute Erde auf sein Haupt vor Trauer um den geliebten Sohn. Er weinte. Da schwoll dem Odysseus das Herz, der Atem wollte ihm schier die Brust zersprengen; er umarmte und küsste den alten König und rief: „Ich bin es ja selbst, Vater, um den du weinst, ich, Odysseus, nach zwanzig Jahren heimgekehrt! Verzeih mir, dass ich dein Herz mit listiger Rede erprobte – um so größer ist meine Freude nun, da ich deine Trauer geschaut. Doch nun stille die Tränen für immer, denn siehe: ich habe alle Freier erschlagen.“ Laertes schwanden die Sinne vor Glück. Ohnmächtig ruhte er in den Armen des Sohnes. Als er wieder zu sich kam, begleitete ihn Odysseus nach dem Landhaus, wo sie mit dem Altknecht Dolios und dessen Söhnen sich zu festlichem Schmause setzten, an dem auch Telemachos und die Hirten teilnahmen. Zum erstenmal wieder nach so vielen Jahren erschien Laertes fürstlich gekleidet bei Tische. Noch einmal wurde der Friede der meerumspülten Insel Ithaka gestört, als nämlich die Verwandten und Freunde der erschlagenen Freier von den umliegenden Inseln und aus Ithaka selbst herankamen und den Krieg gegen Odysseus und Telemachos entfachen wollten. Die Könige rüsteten sich und stürzten sich auf die Angreifer, und es wäre zu einem schrecklichen Blutvergießen gekommen, wenn Athene nicht mitten in der Schar der Streitenden erschienen wäre und Einhalt geboten hätte. Ihre gewaltige Götterstimme fuhr allen durch Mark und Bein, und sie gehorchten. Odysseus, der Fürst von Ithaka, schloss ein neues Friedensbündnis mit seinem Volk und den Bewohnern der Inseln in der blauen Weite des griechischen Meeres. So war Odysseus nach langer Fahrt heimgekehrt und wieder Herr in seinem Eigentum. Was er alles erlitten und siegreich überstanden hatte, trug ihm den Beinamen „der göttliche Dulder“ ein, den jeder mit ehrfürchtigem Schauer hören und aussprechen wird, solange fühlende Menschen diese Erde bevölkern.

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Die Irrfahrt des Odysseus 3

Ich sehe euch erschüttert, Freunde; und doch waren es nur meine Worte, die euch berührten. Nun denket, wie es uns erging, die wir doch alle die Abgeschiedenen wirklich sahen! Aber genug davon. Höret, was uns weiterhin begegnete. Wir gelangten glücklich nach Aiaia, dem Eiland der Kirke, und wurden von der Zauberin freundlich empfangen. Wir errichteten unserem unglücklichen Genossen den Scheiterhaufen, bestatteten seine Asche in der Erde und türmten darüber einen Grabhügel mit einer Denksäule. Hierauf versorgte uns Kirke reichlich mit Lebensmitteln, warnte mich ausführlich vor den schlimmen Gefahren, die uns noch bevorstünden, und wir segelten weiter. Das erste Abenteuer, von dem mir Kirke geweissagt hatte, erwartete uns am Eiland der Sirenen, sangesreicher Nymphen, die jeden umgarnen, der ihrem Liede lauscht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen ihre Zauberlieder den vorüberfahrenden Schiffern zu. Wer sich von ihnen hinüberlocken lässt, ist des Todes; moderndes Gebein liegt in Mengen zu ihren Füßen am Ufer umher. „Wenn du an die Insel der Sirenen kommst“, hatte mir Kirke gesagt, „so verklebe die Ohren deiner Freunde mit Wachs, auf dass sie nichts von dem Gesange hören. Doch willst du selbst das gefährliche Lied vernehmen, so lass dich an Händen und Füßen fesseln und so an den Mast binden. Den Freunden aber befiehl, die Stricke ja nicht zu lösen, und wenn du sie noch so flehentlich darum bätest. Im Gegenteil, nur immer fester sollen sie die Fesseln anziehen, damit du nicht etwa ins Wasser springst und zu den Nymphen hinüberschwimmst.“ Als nun in der Ferne das grünende Eiland aus den Fluten tauchte, zerschnitt ich eine große Scheibe Wachs, knetete die Stücke weich und verklebte damit meinen Reisegenossen die Ohren. Dann ließ ich mich von ihnen fesseln und aufrecht an den Mast binden; sie aber setzten sich wieder an die Ruder und trieben das Fahrzeug getrost vorwärts. Immer näher kamen wir der Insel, und da standen auch schon die reizenden Mägdlein am Ufer und sangen mit wundersüßen, hellen Stimmen:
„Komm doch, Odysseus, komm, Gepriesener, Stolz aller Griechen!
Lenke dein Schiff ans Land, um unserer Stimme zu lauschen!
Keiner noch ruderte hier vorbei im düsteren Schiffe,
den nicht aus unserem Munde des Liedes Honig erquickte.
Alles singen wir dir, was einst nach dem Willen der Götter
Griechen und Troer gelitten vor Ilions Mauern, denn alles, alles,
was rings geschieht auf der vielernährenden Erde,
wissen und singen wir dir – o komm und lausche der Kunde!“

Mir schwoll das Herz in der Brust vor Begierde, dem Gesange länger zuzuhören, und ich winkte meinen Freunden verzweifelt mit dem Kopf, mich doch loszubinden. Sie aber mit ihren tauben Ohren, die nicht wussten, welch namenloser Verzückung und Versuchung ich ausgesetzt war, sie stürzten sich auf mich und zogen die starken Stricke so fest, dass sie mir ins Fleisch schnitten. Dann legten sie sich mit aller Kraft in die Ruder und trieben das Schiff eilig aus dem Bereich der tödlich verlockenden Stimmen hinaus. Als wir endlich so weit von dem Eiland entfernt waren, dass kein Gesang mehr zu hören war, nahmen sich meine Freunde das Wachs aus den Ohren und lösten mir die Fesseln. Ich dankte ihnen von Herzen dafür, dass sie so beharrlich gewesen. Wir waren noch nicht lange weitergerudert, als wir in der Ferne den Wasserstaub einer mächtigen Brandung sahen und bald darauf auch deren Tosen vernahmen. Es war die Charybdis, ein Strudel, der dreimal des Tages unter einem riesigen Felsen hervorquillt und wieder zurückwallt, alles verschlingend, was in seinen Rachen gerät. Meine Begleiter ließen vor Schreck die Ruder fahren, platschend fielen sie ins Wasser, und unser Fahrzeug stand still. Da sprang ich von meinem Sitz auf, durcheilte das Schiff und sprach den Freunden, von Mann zu Mann gehend, Mut zu. „Bleibt fest auf euren Bänken sitzen“, sagte ich, „schlagt tapfer mit den Rudern in die Brandung, Zeus wird unsere Flucht aus dieser Not gewiss unterstützen. Du aber, Steuermann, schärfe alle deine Sinne und lenke das Schiff, so gut du kannst! Arbeite dich geschickt am Felsen vorbei, damit du nicht in den Strudel gerätst!“ So stärkte ich die Freunde für die bevorstehende Gefahr; von dem Ungeheuer Skylla, das gegenüber der Charybdis die vorbeifahrenden Schiffe bedrohte, schwieg ich wohlweislich, denn ich befürchtete, die Genossen möchten vor Schreck ein zweites Mal die Ruder fahren lassen und uns damit in die größte Gefahr bringen. Die Skylla, die mir Kirke genau geschildert hatte, hauste gegenüber der Charybdis auf einem Felsen aus dunklem, glattem Gestein. Wie ein Turm ragte er in den Himmel, und sein spitziges Haupt, das noch nie ein Sonnenstrahl traf, wird ewig von schwarzem Nachtgewölk umfangen. Dort oben ist die Höhle der Skylla, und fürchterlich tönt ihr Bellen über die Flut. Sie hat zwölf unförmige Füße und sechs Schlangenhälse, deren jeder einen scheußlichen Kopf trägt. Jedes der sechs Mäuler ist mit drei dichten Reihen von Zähnen bewehrt, mit denen sie ihre Opfer zermalmt. Der Hinterleib des Ungeheuers steckt in der Höhle, die Häupter aber streckt sie weit hervor und schnappt mit ihnen nach Seehunden oder Delphinen. Kein Schiff noch durfte sich rühmen, ohne Verluste an der Skylla vorbeigefahren zu sein, meist hat sie, ehe sich’s einer versieht, in jedem Rachen einen Mann zwischen den Zähnen, den sie von den Ruderbänken blitzschnell geraubt hat. Dieses grässliche Bild vor der Seele, spähte ich vergebens umher, ich konnte die Skylla nicht entdecken. Inzwischen waren wir ganz nahe an die Charybdis geraten, deren gieriger Rachen die Meeresflut einschlürfte und wieder ausspie. Wenn sie das Wasser herausbrach, flog weißer Schaum empor, schluckte sie es aber wieder hinunter, so senkten sich die finsteren Wogen tief hinab, und indes der Fels donnerte, konnte man die schwarzen Kieselsteine auf dem Grunde erblicken. Entsetzt starrten wir auf dieses Schauspiel. Wir wichen dem Strudel zur Linken aus, kamen dabei jedoch der Skylla zu nahe, deren Fels ich zu spät entdeckte, und schon hatten ihre fletschenden Rachen sechs meiner tapfersten Genossen auf einmal vom Bord hinweggeschnappt. Ich sah sie mit zappelnden Händen und Füßen zwischen den Zähnen des Ungeheuers hoch in die Lüfte schweben; hilfeflehend riefen sie mich beim Namen, einen Augenblick später waren sie zermalmt. Viel Schreckliches habe ich auf meiner Irrfahrt erdulden und mit ansehen müssen, ein jammervollerer Anblick ist mir nicht geworden. Nun aber waren wir glücklich zwischen dem Strudel der Charybdis und dem Felsen der Skylla hindurchgelangt, die sonnenbeglänzte Insel Thrinakia lag vor uns, die dem Sonnengotte geweiht ist, und schon von weitem hörten wir das Brüllen der heiligen Rinder. In diesem Augenblick fiel mir ein, was mir Teiresias, der blinde Seher im Schattenreich, verkündet und dass auch Kirke mich davor gewarnt hatte, die Insel des Helios zu betreten, weil uns dort das jämmerlichste Schicksal bevorstünde. Ich sagte es den Gefährten, die darüber sehr betrübt waren und mich inständig baten: „Lass uns doch wenigstens eine einzige Nacht dort am Ufer verbringen, das uns so gastlich entgegenwinkt!“ Ich gab nach, ließ sie aber einen heiligen Eid schwören, kein Rind aus der Herde des Sonnengottes zu schlachten, auch wenn der Hunger noch so groß sein sollte. Sie alle schwuren willig, und so ließen wir unser Fahrzeug in eine Bucht einlaufen, aus der sich süßes Wasser ins Salzmeer ergoss. „Ich warne euch nochmals, liebe Gefährten“, rief ich, ehe wir landeten, „mordet mir keines der heiligen Rinder, und sollten wir gleich widriger Winde wegen länger hier verweilen müssen, als uns lieb ist!“ In der Tat hielten uns beständige Oststürme vier Wochen auf Thrinakia fest. Solange wir von dem Vorrat zehrten, mit dem uns die Zauberin versorgt hatte, dachte niemand daran, sich an Helios‘ Herde zu vergreifen. Als aber Speise und Trank zu Ende waren und der Hunger sich einstellte, da riet Eurylochos, während ich selbst gerade abwesend war, dem Gott die schönsten Rinder seiner Herde zu opfern und an dem übrigbleibenden Fleisch den quälenden Hunger zu stillen; ein verderblicher Rat! Die Genossen trieben auch sogleich die allerbesten Rinder herbei, schlachteten sie und brachten die Eingeweide mit den in Fett eingewickelten Lenden auf einem rasch errichteten Altare zum Opfer dar. Die reichlichen Überreste steckten sie an Spieße, brieten sie über dem Feuer und setzten sich eben zum Mahle, als ich, dem der Opferduft schon von weitem entgegengedampft war, herankam und sah, dass das Unglück nicht mehr abgewendet werden konnte. Zur selben Stunde erschien der Sonnengott, dessen klares Auge alles mit angesehen hatte, vor Zeus und den übrigen Göttern und klagte ihnen den Frevel an seinem Eigentum. „Werden die Verbrecher nicht bestraft, wie sie es verdienen“, rief Helios, „so lenke ich den goldenen Sonnenwagen hinab zum Hades und entziehe der Erde für immer mein Licht!“ – Da erhob sich Zeus von seinem Throne und sprach: „Leuchte du getrost auch weiterhin den Göttern wie den Menschen – ich will den verfluchten Räubern ihr Schiff bald zerschmettern, dass sie alle in den Abgrund versinken. Lass sie nur erst wieder auf die offene See hinausfahren!“ Diese himmlischen Vorgänge erzählte mir später der göttliche Mund der Nymphe Kalypso, doch konnte ich den Zorn der Götter schon jetzt an schauerlichen Wunderzeichen erkennen. Denn während ich in tiefem Unmut die Genossen anfuhr und mit harten Worten schalt, krochen auf einmal die abgezogenen Häute der Rinder umher, als ob sie lebendig wären, und das rohe Fleisch wie die Braten am Spieß brüllten, wie Rinder brüllen. Meine hungrigen Begleiter störte das freilich nicht, sie schmausten sechs Tage lang in einem fort, und erst am siebenten, als sich die Stürme legten, stiegen wir wieder zu Schiff und lösten uns vom Lande ab. Wir steuerten bei gutem Winde dahin. Längst hatten wir die Insel aus unseren Augen verloren, nur Himmel und Wasser umgaben uns. Da ballte Zeus über unseren Häuptern schwarzblaues Gewölk zusammen, und das Meer unter uns wurde immer dunkler. Plötzlich begannen alle Höhen und Tiefen zu grollen, und ein wütender Orkan brach, aus Westen kommend, über uns herein. Er zerriss die Haltetaue des Mastbaums und schleuderte die schwere Stange samt dem Segel krachend rückwärts in das Schiff. Die ganze Last stürzte dem am Heck sitzenden Steuermann auf den Kopf und zerbrach ihm den Schädel; wie ein Taucher sank er ins Meer hinab, und die Wellen verschluckten den Leichnam. Jetzt erschütterte ein Blitz das Schiff und füllte es mit Schwefeldampf; Zeus‘ Donnerkeil hatte uns getroffen. Meine Freunde stürzten aus dem Fahrzeug, zappelten noch eine Weile wie schwimmende Krähen in den Wellen umher und versanken endlich alle bis zum letzten Mann. Ich irrte allein durch das Schiff. Bald löste sich die Wandung von den Rippen. Da ergriff ich ein Lederseil, das am Maste hing, und verband diesen mit dem Kiel. Hierauf schwang ich mich rittlings auf die Stange und trieb so, den Tod vor Augen, durch den Sturm und die tobenden Fluten dahin. Endlich legte sich der Orkan. Doch nun erhob sich heftiger Südwind, der trieb mich wieder der Charybdis zu. Immer näher hörte ich ihr drohendes Brausen und Gurgeln, und im Morgendämmern erblickte ich auch den düsteren, spitzen Felsen der Skylla gegenüber dem grässlichen Strudel. Der verschlang gar bald mein armseliges Gefährt. Im letzten Augenblick packte ich die Äste eines Feigenbaumes, der vom steilen Ufer über das gischtende Wasser ragte, und hing nun zwischen Himmel und Meer wie eine Fledermaus schwebend in der Luft. Mit aller Kraft hielt ich mich im schwankenden Gezweige, bis die Charybdis Mast und Kiel endlich wieder ausspie. Da ließ ich die rettenden Äste fahren und war mit einem Sprung wieder auf meinem alten Sitz. Mit den bloßen Händen ruderte ich aus dem Wirbel hinaus und wäre dennoch verloren gewesen, hätte mich Zeus, den meine Leiden rührten, nicht vor den Augen der Skylla verborgen. Neun Tage trieb ich auf dem schmalen Kiele in der See umher, ehe mich gnädige Götter in der zehnten Nacht endlich an Kalypsos Insel gelangen ließen. Die Göttin nahm mich liebreich auf, pflegte und erquickte mich, und ich genoss, wenn auch von Heimweh bedrückt, lange Zeit ihre Wohltaten und die Wunder ihres prangenden Eilandes. Doch davon habe ich dir, edler König der Phaiaken, und deiner hohen Gemahlin schon am gestrigen Tage erzählt.

Ergriffen und bezaubert hatten die Phaiaken gelauscht. Nun schwiegen sie lange. Endlich erhob sich Alkinoos und sprach: „Edler Held! Du bist in meine Wohnung eingekehrt, und ich hoffe, du wirst von hier ohne neue Leiden und Irrfahrten in deine Heimat gelangen. Mögest du bald im Hause deiner Väter alles erduldete Elend vergessen. Ihr aber, Freunde, die ihr mit mir seiner Erzählung gelauscht habt, füget doch zu unseren Gastgeschenken noch ein jeder einen ehernen Dreifuß und ein erzenes Becken hinzu!“ Mit Freuden folgten die Gäste der Aufforderung ihres Fürsten. Sie verließen den Palast. Beim Morgengrauen des anderen Tages waren sie alle mit ihren Gaben zur Stelle. Der König ließ die wuchtigen Geräte sogleich zum Schiff bringen, auch die kostbare Lade mit den Geschenken des Vortages, und Alkinoos verstaute alles eigenhändig unter den Bordbänken, damit die Ruderer während der Fahrt ja nicht durch die vielen Gegenstände behindert würden. Hierauf kehrte man vom Hafen zum Palast zurück und rüstete zum Abschiedsmahl. Ein Rind wurde am Altare geschlachtet und ein saftiges Stück davon dem Zeus geopfert. Sodann setzte man sich zum Schmaus, und Demodokos erfreute die Tafelrunde ohne Unterlaß mit den herrlichsten Gesängen. Odysseus‘ Gedanken aber schweiften immer wieder zur Heimat. Endlich sprach er ohne Scheu zu seinem königlichen Wirt: „Gepriesener Held Alkinoos, nun spende das Trankopfer und entlasse mich in Frieden! Das Schiff liegt bereit, die Fahrt kann beginnen. Mögen dich die Götter segnen mit allem Guten, wie ich mir stets wünsche, mein Weib untadelhaft und die Meinen daheim wohlbehalten zu finden.“ Die Phaiaken stimmten in seinen Wunsch laut und von Herzen ein. Noch einmal musste der Herold den Gästen die goldenen Becher füllen, dann standen alle auf und brachten gemeinsam mit dem König den Göttern das Trankopfer dar. Als der Wein vergossen war und sein Duft himmelwärts stieg, reichte Odysseus seinen Becher der Königin Arete und sprach: „Lebe wohl auch du, hohe Königin, Mutter der holden Nausikaa, die mir das Leben gerettet und die mich zu euch gebracht! Mögest du an der Seite deines edlen Gemahls stets glücklich sein und dich deiner Kinder wie deines Volkes freuen. Alter und Tod aber, die keinem von uns erspart bleiben, sie seien dir gnädig und milde!“ So redete Odysseus, ergriff des Königs dargebotene Hand und verließ den Palast, geleitet von einem Herold, der ihn bis an das Schiff brachte. Auf Aretes Geheiß folgten ihm drei Dienerinnen mit einem Leibrock und einem Mantel und mit Körben voll Speisen und Wein für die Fahrt. Dienstfertige Hände breiteten auf dem Verdeck ein zottiges Fell aus und zogen feines Linnen darüber. Schweigend stieg Odysseus ein, streckte sich auf dem weichen Lager aus und sank sogleich in tiefen Schlummer. Die Ruderer setzten sich auf die Bänke, das Schiff wurde losgebunden und enteilte mit gebäumtem Bug sicher durch die purpurnen Wogen des Meeres. Süß war der Schlaf des Odysseus, aber auch tief wie der Tod. Schnell wie ein Wagen, mit dem vier Hengste über die Rennbahn stürmen, flog das Schiff dahin, kein Falke hätte es eingeholt. So trug es den Mann, der weise war wie ein Gott und mehr erlitten hatte als jeder andere Sterbliche, nun aber, alles Herbe vergessend, erlöst schlummerte, und führte ihn seiner Heimat entgegen. Der Morgenstern kündigte den neuen Tag an, da steuerte das Schiff in voller Fahrt auf die Insel Ithaka zu und lief bald in die sichere Bucht ein, die dem Meeresgotte Phorkys geweiht war. Zwei gekrümmte Landzungen mit schroffem Felsgestein bilden hier einen guten Hafen. An seinem innersten Punkt stand ein uralter, schattiger Ölbaum dahinter dämmerte eine Grotte, in welcher Meernymphen wohnten. Mächtige Krüge und Urnen standen umher, in denen summende Bienen süßen Honig bereiteten. Auch steinerne Webstühle waren da, auf welchen die Nymphen mit purpurnen Fäden herrliche Gewänder woben, die wie die Meerflut schillerten. Zwei nie versiegende Quellen rannen durch die Grotte, die zwei verschiedene Eingänge hatte: einen gegen Mitternacht für die Menschen, einen verborgenen gegen Mittag für die unsterblichen Nymphen. Bei dieser Höhle landeten die Phaiaken. Sie hoben den schlafenden Helden samt seinem Lager aus dem Schiff, betteten ihn unter den Ölbaum und legten die Geschenke verborgen nieder, damit nicht etwa ein Wanderer den Schlummernden berauben möchte. Odysseus zu wecken, wagten sie nicht. „Gewiss haben ihm die Götter diesen Schlaf geschickt“, sagten sie ehrfürchtig. Dann setzten sie sich wieder an die Ruder und fuhren zurück in ihre Heimat. Aber Poseidon, der Flutengott, grollte den Phaiaken, weil es ihnen mit Pallas Athenes Hilfe gelungen war, ihm den verhassten Laertiden zu entreißen und sicher nach Ithaka zu bringen. Als sich ihr Schiff nun der heimischen Küste näherte – freudig schlugen die Ruder das salzige Wasser, und die Segel waren von lebhaftem Winde gebläht -, da tauchte der Gott aus den Wogen, schlug mit der flachen Hand gegen die Planken und verschwand wieder. Im selben Augenblick war das prächtige Schiff zu Stein verwandelt und wurzelte im Meeresboden vor der Küste fest. Staunend sah es das Volk, das mit Alkinoos zum Strande geeilt war, um die Heimkehrenden zu begrüßen. „Weh uns“, rief der König aus, „eben noch war es in voller Fahrt, nun ist es zum Felsen erstarrt. So erfüllt sich jetzt die uralte Weissagung, von der mir mein Vater berichtete: Poseidon zürne uns, weil wir, die besten Schiffer weit und breit, jeden Fremdling glücklich in die Heimat bringen. Einst aber werde ein phaiakisches Schiff von seiner Hand am Ufer versteinert werden und bald darnach unsere Stadt von einem hohen Felskamm eingeschlossen sein. Nie wieder wollen wir darum einem Schutzflehenden das Geleite geben, Odysseus sei der letzte gewesen! Und nun lasst uns Poseidon zwölf Stiere opfern, damit er sich unser erbarme und die Stadt nicht mit einem Felsgebirge umschließe!“ Die Phaiaken erschraken, als sie ihren König so sprechen hörten, und rüsteten in Eile das Opfer. Unterdessen war, an Ithakas Strand, Odysseus erwacht. Er blickte verwundert umher und wusste nicht, wo er sich befand. Athene hatte ihren Liebling in Nebel gehüllt; niemand sollte ihn zu früh erkennen. Dem Helden selbst erschien das Altbekannte, vertraute gewundene Pfade, die Bucht, die Felsen, die hohen Bäume, alles fremd. „Ich Unseliger!“ rief er und sprang auf. „In welche neue Fremde bin ich geraten? Welche Unholde werden mir hier an diesem Gestade begegnen? O wäre ich doch bei den Phaiaken geblieben! Nun aber haben mich auch diese verraten und mir sicherlich auch meine Gaben geraubt. Zeus, der alle Leidenden rächt, vergelte es ihnen!“ Doch als er ein wenig gefasster um sich blickte, entdeckte er bald das Gold und die Gewänder, die Dreifüße und Becken, die da lagen. Traurig irrte er am Strande hin, da kam ihm Pallas Athene in der Gestalt eines jungen Schafhirten entgegen, doch gekleidet wie ein Königssohn, mit einem Spieß in der Hand. Voll Freude eilte der Dulder auf die Göttin zu. „Kannst du mir sagen, edler Jüngling, in welchem Lande ich bin?“ fragte er sie. „Ist es Festland oder eine Insel, worüber meine Füße schreiten?“ „Du musst weither kommen“, antwortete die Göttin freundlich, „dass du dieses Land nicht kennst, das doch aller Welt bekannt ist. Freilich, Rosse kann man hier nicht tummeln wie anderswo, dazu ist es zu gebirgig, doch ist es darum noch nicht arm! Herrlich gedeihen ihm Wein und Korn, Ziegen und Rinder weiden in Menge rundum, die kräftigsten Wälder wachsen auf ihm, und die frischesten Quellwasser sprudeln aus seinem Gestein – bis nach Troia ist Ithakas Ruf gedrungen!“ Beinahe hätte Odysseus aufgejubelt, als er den Namen seines Vaterlandes nennen hörte, aber er beherrschte sich. Er gab sich auch nicht zu erkennen, sondern log dem Fremden vor, er sei aus Kreta hierher geflohen, weil er dort einen Helden, der ihm seine troische Beute rauben wollte, erschlagen habe. Als er mit seiner Geschichte zu Ende war, lächelte die Göttin. Sie streichelte seine Wange und verwandelte sich zugleich in eine schöngebildete Jungfrau. „Der müsste schon ein Ausbund an Schlauheit sein“, sagte sie scherzend, „der dich überlisten wollte; selbst einem Gotte fiele das schwer. Nicht einmal im eigenen Lande legst du deine Verstellung ab! Und dennoch hast du mich nicht erkannt, du Klügster aller Klugen! Hast nicht geahnt, dass ich in allen Gefahren um dich war und dir die Liebe der Phaiaken zuwendete. Nun aber bin ich gekommen, dir das geschenkte Gut verbergen zu helfen und dir zu sagen, welche Prüfungen dich zu Hause erwarten und wie du sie bestehen kannst.“ Staunend blickte Odysseus die Göttin an. „Wie sollte ein Sterblicher dich, erhabene, heilige Tochter des Zeus, erkennen, wenn du ihm stets in wechselnder Gestalt entgegentrittst?“ fragte er. „Jetzt aber beschwöre ich dich beim Namen deines Vaters, der allen gebietet: Sage mir die Wahrheit, bin ich wirklich in Ithaka, bin ich wirklich heimgekehrt?“ „Blicke um dich“, antwortete Athene. „Siehst du nicht die Bucht des Phorkys vor dir liegen? Erkennst du den Ölbaum nicht und die Grotte der Nymphen, vor welcher du so manches Sühnopfer dargebracht? Kennst du das Waldgebirge nicht mehr, das dort herübergrüßt?“ So sprach die Göttin und zerstreute rasch den Nebel vor den Augen des Helden. Da erkannte Odysseus die Heimat. Von Freude übermannt, warf er sich zu Boden und küsste die Erde. Hierauf betete er zu den Nymphen, den Schutzgottheiten des Ortes, und barg sodann mit Hilfe Athenes die kostbaren Gaben der Phaiaken in einer Felskluft. „Nun sei guten Mutes“, rief die Göttin, „ich will dir helfen, den Freiem ihr schamloses Werben und Prassen blutig zu vergelten. Penelope, dein Weib, ist so rein und treu wie an dem Tage, da du sie verließest – um ihretwillen nimm auch noch die letzten Mühen auf dich, ich werde dir in allem beistehen.“ Da sprach Odysseus: „Wenn du mir hilfst, fürchte ich selbst dreihundert Feinde nicht sage mir, was ich tun soll!“ „Vor allem bleibe unerkannt“, erwiderte Athene, „keiner darf wissen, dass du Ithakas Boden betratest. Das Fleisch deiner Glieder schrumpfe ein, vom Haupte schwinde dein braunes Haar, ein abscheulicher Kittel umhülle den Leib, dein strahlendes Auge trübe sich! Niemand wird dich so erkennen, weder die Freier noch Penelope noch Telemachos, dein Kind.“ Sprach’s und berührte den Helden mit ihrem Stabe: da schrumpften seine Glieder ein, sein Haar fiel ab, glanzlos blickten die Augen, er war in einen schmutzigen, zerlumpten Bettler verwandelt. „Nun suche den Hirten Eumaios auf, der deine Schweine hütet“, sagte die Göttin, „er hängt treu an dir. Am Koraxfelsen über der Quelle Arethusa findest du ihn bei seiner Herde. Von ihm kannst du alles erfragen, was zu Hause vorgeht. Ich eile indessen nach Sparta und rufe deinen Sohn Telemachos zurück; er weilte am Hofe des Fürsten Menelaos, forschte bei ihm nach deinem Schicksal. Bald sollst du ihn in die Arme schließen!“ Sie übergab Odysseus noch einen Bettelstab und einen schäbigen Ranzen mit einem Strick als Tragband, dann entschwand sie. Odysseus wanderte über das Waldgebirge und suchte die Stelle, die ihm seine Beschützerin genannt hatte. Langsam und bedächtig wie ein Greis schritt er dahin; sein Kittel bestand aus einem räudigen Hirschfell, welk war die Hand, die den Stab umfasste, sein Rücken war gebeugt, ganz und gar unkenntlich war der Held geworden. Am Koraxfelsen fand er richtig den treuesten seiner Knechte, den Sauhirten Eumaios. Auf einer kleinen Hochebene hatte dieser aus schweren Steinen ein Gehege gebaut, darin standen zwölf Koben, einer am andern, und in jedem waren fünfzig Mutterschweine zur Zucht eingesperrt. Die Eber, weit geringer an der Zahl, hatten ihren Platz außerhalb der Ställe und blieben dort auch über Nacht; es waren ihrer nur noch dreihundertsechzig, weil die Freier täglich einen von ihnen, der schön gemästet sein musste, zum Schmause forderten. Eumaios hielt vier Hunde, wild wie reißende Wölfe, die bewachten seine Herde. Als nun Odysseus herankam, bemerkten sie ihn sogleich und stürzten sich scharf bellend auf den fremden Bettler. Odysseus aber tat das Klügste, was er tun konnte, er legte den Stab aus der Hand und setzte sich nieder. Aber da eilte auch schon der Sauhirt aus seiner Hütte herbei, scheuchte die bösen Hunde mit Steinen auseinander und sprach mitleidig zu Odysseus: „Armer Alter, nun hätten dich meine Hunde beinahe zerfleischt, und du hättest neue Trübsal zu meinem alten Kummer gehäuft. Seit Jahr und Tag Sitz ich hier, klage hilflos um meinen lieben Herrn und hüte seine Schweine für andere Leute. Die verprassen böswillig sein Hab und Gut, während er vielleicht im Elend nicht einmal ein Stückchen trockenen Brotes zu beißen hat und in der Fremde umherirrt, wenn er die liebe Sonne überhaupt noch sieht. Ach, es ist ein Jammer! Doch nun komm in die Hütte und labe dich an Speise und Wein. Bist du satt, so berichte mir, woher du kommst und was dich grämt; du siehst aus, als hättest du viel erduldet.“ Sie betraten die Hütte. Der Sauhirt streute dem Ankömmling Laub und Reisig auf den Boden, breitete seine eigene Lagerdecke, ein großes, zottiges Gemsenfell, darüber und lud ihn zum Sitzen ein. Dann ging er zu den Koben hin, fing zwei Ferkel heraus, schlachtete sie und briet die Fleischstücke am Spieß. Die frischen Braten legte er seinem Gast vor und bewirtete ihn mit süßem Wein, den er aus dem irdenen Krug in seinen hölzernen Becher goss. Dann setzte er sich dem Fremdling gegenüber und sagte: „Nun iss und trink, fremder Mann, so gut wir es haben! Es ist Ferkelfleisch, die Mastschweine essen mir die Freier weg, diese gewalttätigen Schurken, die weniger Götterfurcht im Herzen haben als die frechsten Seeräuber. Wahrscheinlich haben sie Kunde vom Tode meines lieben Herrn, darum werben sie nicht nach der Sitte, sondern bedrängen sein Weib, bedrohen den Knaben und vertun sein letztes Gut. Ach, wäre Odysseus aus Troia zurückgekehrt, glaube mir, ich müsste dich nicht so kärglich bewirten! Er hätte mir längst ein Haus gegeben und mancherlei Güter, auch ein treues Weib. So aber bin ich allein mit den Knechten und arm, muss dir den Wein in einem hölzernen Becher vorsetzen anstatt in einem goldenen, wie es Gästen geziemte. Aber mein Herr ist längst zugrunde gegangen. Möge doch Helenas Stamm in finsterem Unheil vergehen, da so viele tapfere Helden um dieses Weibes willen ins Verderben stürzten!“ Während der Hirt so sprach, aß Odysseus hastig das Fleisch und trank den Wein in raschen Zügen, wortlos tat er es. Nicht beim Mahle weilten seine Gedanken, sein Geist sann einzig auf Rache, die er an den Freiem nehmen wollte. Als ihm der Hirt den Becher zum andernmal füllte, trank er ihm freundlich zu und bat: „Beschreibe mir doch deinen Herrn genauer, lieber Freund, vielleicht bin ich ihm irgendwo begegnet? Ich bin weit in der Fremde herumgekommen.“ Doch der Sauhirt winkte ab und sprach: „Meinst du, wir würden einem umherirrenden Manne glauben, der uns von unserem Herrn etwas erzählt? Zu oft schon kamen Landfahrer zu meiner guten Herrin und ihrem Sohn, rührten sie mit allerlei Märchen über unsern König zu Tränen, bis man ihnen Mantel und Leibrock reichte und sie wohl bewirtete. Nein, meinem Herrn haben gewiss Hunde und Vögel schon längst das Fleisch von den Knochen gerissen, oder die Fische haben es gefressen, und die blanken Gebeine bleichen irgendwo am Kieselstrande. Ach, nimmermehr kriege ich einen so gütigen Herrn! Wenn ich an ihn denke, so denke ich nicht wie an einen Gebieter, sondern wie ein Bruder steht er vor meiner Seele.“ „Nun, mein Lieber“, entgegnete ihm Odysseus, „weil du so ungläubig bist, versichere ich dir mit einem Eidschwur: Odysseus kehrt heim! Meinen Lohn für die Botschaft, Mantel und Leibrock, will ich erst haben, wenn er da ist, aber ich schwöre dir beim Zeus, bei deinem gastlichen Tisch und beim heiligen Herd deines Herrn: Wenn dieser Monat abgelaufen ist, wird er eintreten in sein Haus und die Frechen furchtbar züchtigen, die es wagen, sein Weib und seinen Sohn zu bedrängen!“ Eumaios hörte diese Worte wohl, aber er schüttelte verzagt sein Haupt. „Trinke ruhig deinen Wein“, sagte er, „und lass uns von anderem sprechen. Für Odysseus erhoffe ich nichts mehr, und Telemachos, sein Sohn, schafft mir bittere Sorge: Ein Gott oder ein Mensch hat ihm den Sinn betört, dass er gen Pylos fuhr, um nach dem Vater zu forschen. Jetzt liegen die Freier zu Schiff in einem Hinterhalt, sie lauern ihm auf und werden mit ihm den Letzten aus Odysseus‘ uraltem Stamm vertilgen… Doch nun, Greis, erzähle mir von deinen eigenen Leiden. Wer bist du? Was führte dich nach Ithaka?“ Auf der Stelle ersann Odysseus ein langes Märchen und erzählte dem lauschenden Hirten er sei der verarmte Sohn eines reichen Mannes aus Kreta, habe vor Troja mitgefochten, habe den Odysseus kannengelernt und auf mancherlei abenteuerlichen Irrfahrten immer wieder, bald da, bald dort, von ihm gehört. Eumaios hörte ihm teilnahmsvoll zu, doch für alles, was ihm der Fremdling von seinem lieben Herrn zu berichten wusste, hatte er nur ein wehmütiges Kopfschütteln. Als es Nacht geworden war, bereitete er seinem Gast neben dem Herd ein warmes Lager aus Schafpelzen und Ziegenhäuten und deckte ihn mit einem großen, dicken Mantel zu, den er sonst bei heftigem Wintersturm selber zu tragen pflegte. Hierauf bewaffnete er sich mit einem scharfen Spieß und legte sich draußen bei den Schweinekoben zur Ruhe nieder, von einem Felsstück gegen den schneidenden Nordwind geschützt. Er musste zur Hand sein, wenn es etwa galt, die kostbaren Tiere gegen nächtliche Überfälle, gegen Diebe oder Wölfe, zu verteidigen. Odysseus blickte ihm gerührt nach. Er freute sich von Herzen, dass er einen so ehrlichen Knecht besaß, der das Gut seines Herrn noch immer getreulich hütete, obwohl er diesen für längst verloren hielt. Dann umfing ihn erquickender Schlummer. Telemachos aber, fern in Sparta, fand keinen Schlaf. Ruhelos wälzte er sich auf seinem Lager im Palaste des Königs Menelaos hin und her, das Schicksal seines Vaters bekümmerte ihn tief. Sein Reisekamerad Peisistratos, Nestors Sohn, schlief neben ihm sanft und gut. Auf einmal erhellte überirdisches Licht die blaue Nacht: Athene war im Königshause zu Sparta angekommen und trat vor die Jünglinge hin. „Höre mich, Telemachos“, sagte sie, „du tust nicht gut daran, die Heimat zu meiden und dich in der Fremde herumzutreiben! Bitte den Fürsten Menelaos unverzüglich um die Heimfahrt, ehe deine Mutter eine Beute der Freier wird! Schon hat Eurymachos die anderen alle mit seinen Geschenken überboten, und erringt er Penelope, dann magst du sehen, wie es dir ergeht. Auf! Eile zurück! Doch hüte dich: In der Meerenge zwischen Ithaka und Samos liegen die tapfersten der Freier in einem Hinterhalt; sie wollen dich umbringen, ehe du die Heimat erreichst. Fahre also nur des Nachts, für günstigen Wind wird ein Gott sorgen. Hast du Ithaka glücklich erreicht, so sende die Genossen nach der Stadt, du selbst aber ersteige das Waldgebirge und begib dich zum treuen Eumaios, der die Schweine hütet. Bis zum folgenden Morgen bleibe bei ihm, dann schicke ihn zur Mutter in den Palast, er möge ihr deine Rückkehr aus Pylos melden.“ So sprach die Göttin und flog wieder zum Olymp empor. Die blaue Nacht wich rosiger Morgenröte, da erhob sich Telemachos, warf Leibrock und Mantel über und trat vor den Fürsten. „Erhabener König“, sprach er, „entlasse mich in die Heimat, die Mutter bedarf meines Schutzes, und das Herz sehnt sich nach dem lieben Lande der Väter.“ Da bereitete Menelaos den beiden Jünglingen ein Abschiedsmahl und beschenkte Telemachos reichlich. Einen silbernen Mischkrug mit goldenem Rande gab er ihm auf die Reise mit, es war eine getriebene Arbeit des kunstreichen Hephaistos selber, und die Königin Helena überreichte ihm ein selbstgewirktes Gewand mit den Worten: „Nimm dies als ein Andenken aus Helenas Hand, lieber Sohn, am Hochzeitstage soll es deine junge Braut tragen; bis dahin mag es deine Mutter verwahren. Nun kehre fröhlichen Herzens in dein Vaterhaus zurück.“ Telemachos dankte ehrerbietig für die köstlichen Gaben, während sein Freund Peisistratos jedes Stück bewundernd hochhob, ehe er es im Wagenkorb verstaute. Am Abend dieses Tages übernachteten die Jünglinge wiederum in der Burg des edlen Diokles zu Pherai und erreichten tags darauf glücklich Pylos, die Stadt Nestors. Telemachos aber bat den Freund, nicht beim Vater zuzukehren, sondern ohne Aufenthalt zur Küste weiterzureisen, wo sein gutes Schiff auf dem Sande lag und wartete. „Einer Göttin Gebot drängt mich zur Eile“, sprach er, „es erlaubt mir nicht, zu verweilen, wie innig ich auch dem König Nestor zugetan bin. Schilt mich also nicht lieblos, teurer Freund, und lenke die Rosse geradenwegs zum Strand!“ Peisistratos verstand die Ungeduld und gehorchte. Sie fuhren an der Stadt vorbei, erreichten das Schiff und wurden von den Ruderknechten freudig begrüßt. Telemachos nahm Abschied von seinem Freunde, brachte seiner Beschirmerin Athene ein Opfer dar und bestieg mit den Genossen das Fahrzeug. Sie lösten die Halteseile, richteten den Mast aus Fichtenholz auf und setzten die schneeweißen Segel. Ein kräftiger Wind erhob sich und trug sie der Heimat zu. Unterdessen weilte Odysseus bei Eumaios und dessen Knechten. in der Hütte des Sauhirten. Er wollte das Herz des Mannes prüfen, wollte herausbekommen, wie lange er ihn wohl bei sich beherbergen würde, darum sagte er nach dem Abendbrot: „Morgen gehe ich in die Stadt. Ich will von Haus zu Haus an die Türen pochen und sehen, ob ich nicht etwas Brot und Wein erhalte. Vielleicht lasse ich mich auch im Palaste des Odysseus der Königin melden und erzähle ihr, was ich alles von ihrem Gatten weiß; oder ich biete den Freiem für Kost und Unterkunft meine Dienste an. Holz spalten und Feuer anmachen, den Bratspieß wenden, Speisen vorlegen und Wein verteilen – darauf verstehe ich mich trefflich und auch noch auf allerlei andere Geschäfte, womit der Geringe dem Vornehmen dienen kann.“ Aber der Sauhirt runzelte sogleich die Stirn und rief: „Was fällt dir ein! Die Freier, die können dich nicht brauchen, die haben ganz andere Diener: blühende Jünglinge, prächtig gekleidet, das Haupt von Salben duftend. Nein, nein, bleibe du nur bei mir, du fällst mir nicht zur Last. Warte getrost, bis der Sohn meines Herrn wiederkehrt, der wird dich gewiss mit allem Nötigen versorgen, er hat seines Vaters gütiges Herz.“ „Erzähle mir doch mehr von deinem Herrn“, bat Odysseus. „Leben seine Eltern noch? Oder sind sie beide schon zum Hades hinabgestiegen?“ „Nein“, antwortete der Hirt, „sein Vater Laertes lebt noch, gramzernagt trauert er um den fernen Sohn. Seine Mutter freilich, die raffte der Kummer um Odysseus längst dahin. Oh, sie war eine gute Frau! Sie hielt mich wie ihr eigenes Kind, und als ich herangewachsen war, stattete sie mich reichlich aus und schickte mich hieher aufs Land, wo ich des Königs Schweine hüte. Jetzt muss ich allerdings manches entbehren, denn Penelope kann nichts für mich tun. Die Freier umschwärmen sie, und ein ehrlicher Diener kommt nicht bis zu ihr vor.“ Nun war Odysseus neugierig geworden. „Woher stammst du denn?“ fragte er den Sauhirten weiter. „Wie kamst du in Laertes‘ Haus und Dienst?“ Eumaios schenkte seinem Gast den hölzernen Becher wieder voll und antwortete: „Trink, Alter, und höre zu. Es ist eine lange Geschichte, aber hier zwingt uns ja niemand, früh schlafen zu gehen, und wenn wir die ganze Nacht durchschwatzen, so stört das keine Seele… Weit von hier schwimmt im blauen Meer die Insel Syria, ein fruchtbares, gesundes Eiland mit zwei Städten, über welche der mächtige Fürst Ktesios herrschte, mein Vater. Ich war noch ein kleiner Knabe, da landeten dort eines Tages Seefahrer aus Phoinikien, die brachten auf ihrem Schiffe allerlei niedlichen Kram mit und boten ihn bei uns feil. Nun hatten wir gerade damals eine schöne, schlanke Phoinikerin in unserem Palast, ein kunstfertiges Weib, das mein Vater einmal irgendwo als Sklavin gekauft hatte. Sie stand ob der kostbaren Arbeiten, die ihre Hände am Webstuhl hervorbrachten, bei meinen Eltern so hoch in Gunst, dass man mich ihr anvertraute. Tagaus, tagein war ich um sie, und verließ sie das Haus, um irgend etwas zu besorgen, so hüpfte ich vor ihr her. Auf einem solchen Gang durch die Stadt lernte sie eines Tages einen der phoinikischen Krämer kennen, einen Landsmann, und sie hängte ihr Herz an den Kerl. Der Schiffer versprach ihr, sie zu den Ihren in die Heimat, nach Sidon, mitzunehmen. Dafür gelobte ihm die treulose Sklavin als Fährlohn nicht nur goldenes Geschirr, das sie aus unserem Hause stehlen wollte, sondern noch etwas, das er in der Fremde teuer verkaufen konnte: nämlich mich, das Kind ihrer Herrschaft. Und so kam es auch. Die Kaufleute blieben noch ein ganzes Jahr auf der Insel, und als sie endlich mit dem schwerbeladenen Schiff zur Heimfahrt rüsteten, erschien ein listiger Mann im Palaste meines Vaters und bot ein besonders kostbares Halsband zum Verkauf an. Meine Mutter und die Mägde umstanden ihn im Saal, ließen das Schmuckstück von Hand zu Hand gehen und feilschten um den Preis. Währenddessen gab der Mann unserer Sklavin heimlich einen Wink, und kaum hatte er das Haus verlassen, so nahm diese mich an der Hand und entführte mich. Im Vorsaal, wo mein Vater Tische für die Ratsversammlung hatte decken lassen, raffte sie drei schwere Goldbecher an sich und barg sie in den Falten ihres Gewandes. Ich dachte mir in meiner Einfalt nichts dabei und folgte ihr. Bei sinkender Sonne langten wir im Hafen an und bestiegen mit der Mannschaft das Schiff. Sechs Tage waren wir unterwegs, da wurde das verräterische Weib von einem straf enden Pfeile der Artemis getroffen. Sie fiel im Schiffsraum plötzlich tot zu Boden wie ein Seehuhn, das der Jäger geschossen hat. Man warf den Leichnam über Bord, den Fischen zum Fraß, und ich blieb mutterseelenallein zurück unter den Männern. Endlich landeten die Phoiniker auf Ithaka, und hier erhandelte mich der alte Laertes von den Kaufleuten. So bin ich fremdes Königskind auf unsere Insel gekommen.“ „Was du berichtest, bewegt mir das innerste Herz“, sagte Odysseus, nachdem Eumaios geendet hatte. „Doch siehe, dir hat Zeus zu dem Bösen doch auch Gutes beschert, er hat dich nach aller Not einem gütigen Manne in die Hand gegeben, der es dir an nichts fehlen ließ und auf dessen Gut du heute noch behaglich lebst. Ich aber irre wie ein Verbannter heimatlos umher.“ Unter solchen Gesprächen ging die Nacht hin. Sie legten sich wohl zur Ruhe, schliefen aber wenig, denn bald weckte sie die Morgenröte. Als die Sonne voll auf Ithakas Gestade schien, landete in einer abgelegenen Bucht. Dem Rat gehorsam, hieß er die Gefährten sogleich nach der Stadt weiterrudern. „Morgen feiern wir gemeinsam unsere glückliche Rückkehr, da will ich fröhlich mit euch tafeln!“ rief er ihnen nach. Dann kehrte er dem Schiff den Rücken und machte sich auf den Weg zum Sauhirten. Eumaios und Odysseus rüsteten in der Hütte das Frühstück, indes die Knechte die Koben öffneten und die Schweine auf die Weide hinaustrieben. Sie setzten sich an den Tisch und langten behaglich zu. Plötzlich schlugen draußen die Hunde an. Es war aber nicht der böse Laut, mit dem sie einen Fremden, einen Bettler oder Wegelagerer anfielen, sondern ein freudiges Bellen, in das sich schmeichelndes Winseln mischte; man merkte gleich, dass sie den Herankommenden kannten. „Da kommt ein Freund zu Besuch“, sagte Odysseus zum Hirten, „gegen Fremde benehmen sich deine Hunde anders, ich habe es erfahren.“ Er hatte das Wort noch kaum zu Ende gesprochen, als Telemachos unter der Hüttentüre stand. Dem Sauhirten fiel vor lauter Freude das Trinkgeschirr aus der Hand; er stürzte seinem jungen Herrn entgegen, umarmte ihn und bedeckte sein Antlitz, seine Augen und Hände mit Tränen und Küssen. Es war, als begrüßte er einen aus dem Totenreich Zurückgekehrten. Noch auf der Schwelle stehend, fragte Telemachos: „Sage mir, Väterchen Eumaios, treffe ich daheim die Mutter noch an, oder hat sie schon einer der Freier hinweggeführt? Ist das Bett meines hohen Vaters noch mit sauberen Linnen bedeckt, oder ist es schon von hässlichen Spinnweben überzogen? Erwartet Penelope den König noch, oder hat sie die Hoffnung schon aufgegeben, dass uns der Vater je wiederkommt?“ „Es ist alles beim alten“, erwiderte Eumaios seufzend, „standhaft und duldend verharrt Penelope, Tag und Nacht weint sie Ströme von Tränen um den verlorenen Gatten.“ Nun erst übergab der Jüngling dem Hirten seine Lanze und trat ein. Odysseus wollte ihm seinen Sitz überlassen, doch Telemachos wehrte freundlich ab: „Bleib nur, Fremdling, der Mann da wird mir schon meinen Platz anweisen.“ Aus grünem Laub, über welches er einen Schafspelz breitete, machte Eumaios seinem jungen Herrn einen weichen Polster, er mischte dem Ankömmling im Becher Wein, tischte gebratenes Fleisch auf und rückte den Brotkorb wohlgefüllt daneben. Nun tafelten sie zu dritt, und da Telemachos den Hirten nach Herkunft und Schicksal des Fremdlings befragte, erzählte ihm dieser die Fabel, mit welcher Odysseus vor Tagen seine Neugier befriedigt hatte. „Auf der Flucht vor seinen Verfolgern kam er zu mir“, schloss er seinen Bericht, „nun übergebe ich ihn dir, dem jungen Fürsten unseres Landes.“ „Dein Wort schmerzt mich“, erwiderte Telemachos, „denn wie könnte ich den Alten in meinem Hause beschützen? Du weißt ja selbst, wie es dort zugeht! Nein, behalte ihn lieber hier, ich will nicht, dass er zu den Freiem geht, die so frech im Palaste schalten und walten. Rock und Mantel werde ich ihm senden, auch ein Paar Sohlen für die Füße und ein zweischneidiges Schwert, auch genug Speise, damit er dir und den Knechten nicht beschwerlich fällt.“ „Wie kommt es“, fragte der Fremde verwundert, „dass sich jene Freier so viel herausnehmen und dem Königssohne trotzen dürfen? Hasst dich das Volk? Wäre ich so jung wie du und der Sohn des Odysseus – eher sollte mir dieser Schamlosen einer den Kopf von den Schultern hauen, als dass ich ihren schändlichen Taten länger untätig zuschaute!“ Voll Bitterkeit erwiderte ihm Telemachos: „Nein, lieber Gast, das Volk hasst mich so wenig wie meinen verschollenen Vater, und es fehlt dem Sohne des Odysseus keineswegs an Mut oder an Waffen. Aber es sind zu viele feindliche Fürsten von allen Inseln ringsum mit Gefolge und Gesinde auf Ithaka gelandet, zu viele sind in der Heimat selbst aufgestanden und mit ihnen in den Palast eingedrungen, als dass ich ihrer Herr würde. Sie bedrängen meine Mutter, die weicht ihnen aus, so gut sie kann, aber sie vermag sich ihrer doch nicht völlig zu erwehren. So lungern sie denn im Königshause umher, schmausen und vergnügen sich den lieben, langen Tag und die halben Nächte. Sie zehren allen Reichtum auf, und bald werden mein Haus und Gut verwüstet sein.“ Hierauf wandte sich Telemachos an den Sauhirten und bat ihn: „Ach, Väterchen, sei doch so gut, eile hinein in die Stadt, noch ehe die Freier in den Palast kommen, und melde meiner Mutter Penelope, dass ich wieder da bin. Doch sag es ihr leise, damit es die Mägde nicht hören und unseren Feinden erzählen, mit denen manche unter einer Decke stecken.“ „Soll ich nicht gleich den kleinen Umweg über das Landgut deines Großvaters Laertes machen und auch ihm die Freudenbotschaft überbringen?“ fragte der Hirt. „Nein“, antwortete Telemachos, „halte dich nirgends auf. Die Mutter kann meine Rückkunft gar nicht früh genug erfahren.“ Da band sich Eumaios die Sohlen unter die Füße, griff zu seiner Lanze und eilte fort.
Nun waren Vater und Sohn in der Hütte allein. Da erschien Pallas Athene, die Göttin, vom der Pforte des Hofes in dem Gestalt einer schönen Jungfrau. Sie war nur dem Odysseus sichtbar und den Hunden, die sich winselnd vor ihr verkrochen, dem Telemachos nicht. Sie winkte den Dulder aus der Hütte zu sich an die Hofmauer und sprach zu ihm: „Du brauchst dich jetzt nicht mehr länger vor deinem Sohne zu verbergen. Gib dich ihm zu erkennen und gehe mit ihm hinab zur Stadt, dort bereitet dem Treiben der Freier ein blutiges Ende! Bald folge ich euch nach in den Palast, ich brenne vor Kampfbegier!“ So sprach die Göttin. Hierauf berührte sie den Bettler mit ihrem goldenen Stab, und – o Wunder! – da verjüngte sich seine Gestalt, seine Schultern strebten empor, sein Antlitz straffte und bräunte sich, die Wangen wurden voller, dicht und lockig fiel das Haar vom Scheitel in den Nacken, und der gekräuselte Bart umrahmte wieder das Kinn. Das räudige Hirschfell schwand von seinen Schultern, Leibrock und Mantel umhüllten wie vordem den königlichen Leib. Die Göttin entwich, Odysseus trat in die Hütte ein. Staunend blickte ihm Telemachos entgegen, er glaubte einen Gott zu sehen, so sehr blendete ihn der Glanz, der von dem Vater ausging. Mit abgewandten Augen sprach er: „O Fremdling, wie bist du verändert! Du bist gewiss einer der Himmlischen. Lass dir opfern und sei uns gnädig!“ „Nein, ich bin wahrlich kein Gott“, entgegnete ihm Odysseus, „ich bin dein Vater, um den du dich so sehr gegrämt hast. Mein Kind, erkenne mich doch!“ Dabei stürzten ihm die lange zurückgehaltenen Tränen aus den Augen, er eilte auf den Sohn zu und umarmte ihn. Telemachos aber konnte es noch nicht fassen, dass der Vater wirklich zurückgekehrt sei. „Nein“, rief er verzweifelt, „du bist nicht Odysseus, du bist ein böser Dämon, der mich täuscht, damit ich nur noch tiefer im Leid versinke – ein Sterblicher kann sich nicht so verwandeln!“ „Ich bin es dennoch!“ sagte Odysseus und küsste schluchzend den Jüngling, der ihn ungläubig anstarrte. „Nach zwanzig Jahren kehrt Ithakas Fürst in die Heimat zurück. – Unsägliches hab ich erduldet! Das Wunder meiner Verwandlung ist Athenes Werk: leicht fällt: es den Göttern, einen Sterblichen bald zu erniedrigen, bald zu erhöhen.“ Nun erst umarmte Telemachos den Vater, auch seine Tränen rannen, der Gram überwältigte beide so heftig, dass sie laut und lange weinten. So herzzerreißend ertönte ihre Klage wie die Klage der Vögel, denen ein roher Bauernbursch die Jungen aus dem Nest raubte, noch ehe sie flügge wurden. Endlich fasste sich Telemachos wieder und fragte: „O Vater, sage mir doch, auf welchen Wegen du in die Heimat zurückkehrtest, was hielt dich so lange auf?“ Da erzählte ihm Odysseus, wie es ihm seit Troia ergangen und wie ihn die treuen Phaiaken gepflegt und, während ihn süßer Schlaf umfangen, über das Meer gebracht hätten.,, Und nun bin ich da“, so schloss er seine Erzählung, „um auf Athenes Geheiß über den Tod unserer Feinde mit dir zu beraten. Nenne mir die Zahl der Freier, damit ich weiß, ob wir beide sie zu bewältigen vermögen oder ob ich nach Helfern Ausschau halten muss.“ „O Vater“, erwiderte Telernachos, „ich hörte die Kraft deines Armes und die Klugheit deines Rates immer wieder rühmen! Doch diesmal sprichst du zu kühn! Wir sind zwei, der Freier aber sind über hundert, das Gesinde nicht mitgerechnet. Ohne Freundeshilfe werden wir ihrer nicht Herr.“ Da richtete sich Odysseus hoch auf. „Mein Sohn“, sagte er, und Feuer brach aus seinen Augen, „Athene und Zeus sind auf unserer Seite, was brauchen wir da noch andere Hilfe? Wenn der Morgen graut, gehst du in die Stadt zurück und setzt dich zu den Freiem in den Saal, als wäre nichts geschehen. Mich wird Athene wieder in einen Bettler verwandeln, und in dieser Gestalt werde ich mit dem Sauhirten nachkommen. Doch was immer mir die Freier zufügen mögen, ob sie nach mir werfen oder mich an den Füßen über die Schwelle zerren, du musst es ertragen. Halte also dein Herz im Zaum! Mit Worten magst du versuchen, sie zu besänftigen, doch werden sie sich nicht daran kehren, denn ihr Verderben ist beschlossen, sie rennen selber hinein. Auf einen Wink von mir verbirgst du sodann die Waffen, die im Saale hängen, in einer der oberen Kammern des Hauses, und fragen die Freier danach, so sagst du: Ich habe sie wegschaffen lassen, weil sie vom Herdrauch den Glanz verlieren, den Schimmer, den sie noch zu Odysseus‘ Zeiten hatten. Zwei Schwerter und zwei Speere nur lässt du zurück und zwei stierlederne Schilde dazu, die sind für uns beide. Kein Mensch darf wissen, dass ich heimgekehrt bin, weder Laertes noch der Hirte, ja nicht einmal deine Mutter!“ Während Odysseus und Telemachos in der Hütte des Sauhirten so miteinander sprachen, landete das Schiff, das Telemachos und seine Genossen von Pylos nach Ithaka gebracht hatte, im Hafen der Stadt. Die Begleiter des Königssohnes, der leider vergessen hatte, ihnen Schweigen aufzutragen, schickten einen als Herold zu Penelope, der sie von Telemachos‘ Heimkehr unterrichten sollte. Gleichzeitig kam auch der Sauhirt vom Lande herein, und die beiden trafen einander im Palast. Da rief der Herold laut vor allen Dienerinnen: „Königin, dein Sohn ist wiedergekommen!“ Eumaios aber richtete ihr die Botschaft ganz im geheimen und ohne Zeugen aus und bat sie, auch den Großvater Laertes durch eine Schafferin von Telemachos‘ glücklicher Rückkunft zu benachrichtigen. Sodann eilte er wieder heim zu seinen Schweinen. Die Freier hörten von der Heimkehr des Telemachos durch die treulosen Dienerinnen der Königin. Voll Unmut setzten sie sich zusammen auf die Bänke vor dem Tor, und Eurymachos sprach vor den Versammelten: „Nimmer hätten wir gedacht, dass der Knabe diese Fahrt vollenden und unseren Freunden in der Meerenge entwischen würde! Rüstet sogleich unser bestes Schiff aus und meldet den Gefährten im Seehinterhalt seine Rückkehr!“ Doch noch während er diese Worte sprach, lief das Schiff der Freier mit vollen Segeln in den Hafen ein. Nun eilten alle hinab ans Ufer und geleiteten die Ankömmlinge auf den Markt. Antinoos, ihr Anführer, trat vor und rief: „Wir sind nicht schuld daran, dass uns der verhasste Knabe entkommen ist! Bei Tage stellten wir auf allen Uferhöhen Wachen aus, und des Nachts kreuzten wir beständig auf der Meerenge, einzig darauf bedacht, den Telemachos zu fangen und in aller Stille umzubringen. Doch ihn muss einer der Unsterblichen geleitet und beschirmt haben, nicht einmal sein Schiff ist uns zu Gesicht gekommen, und nun liegt es hier im Hafen neben dem unseren! Dafür lasst ihn uns jetzt in der Stadt aus dem Wege räumen, denn solange der Jüngling lebt, werden wir nie ans Ziel kommen. Er ist klug, und bringt ero es unter die Leute, dass wir ihm auflauerten, so steht am Ende das Volk gegen uns auf und jagt uns aus dem Lande. Wie gefällt euch mein Vorschlag?“ Lange schwiegen die Fürsten; endlich erhob sich Amphinomos aus Dulichion, der bestgesinnte unter den Freiem, und sagte: „Freunde, ich möchte nicht, dass wir des Odysseus einzigen Sohn heimlich ums Leben bringen; ein Königsgeschlecht durch Mord auszurotten, ist allzu furchtbar. Lasst uns zuvor die Götter befragen. Billigen sie unsere Tat, so bin ich bereit, ihn mit eigener Hand zu töten; verwehren sie es uns, so rate ich euch, kein Blut zu vergießen.“ Diese Rede gefiel den Freiem. Sie schoben ihren Plan auf und kehrten in den Palast zurück. -Am selben Abend kam der Sauhirt in seine Hütte zurück. Odysseus und Telemachos bereiteten gerade ein geschlachtetes Schwein zum Nachtmahl zu, als er eintrat. Athenes goldener Stab hatte dem Dulder wiederum Bettlergestalt verliehen, so dass Eumaios ihn nicht erkennen konnte. „Kommst du endlich?“ rief ihm Telemachos entgegen. „Was bringst du Neues aus Ithaka? Lauern die Freier noch immer auf mich, oder sind sie von ihrem Hinterhalt zurück?“ „Sie mögen wohl zurück sein“, antwortete der Hirt, „ich sah ein Schiff mit Bewaffneten einlaufen.“ Da blinzelte Telemachos vergnügt lächelnd seinem Vater zu, doch so, dass es der Sauhirt nicht sehen konnte: So waren denn die Freier alle wieder vollzählig im Palast! Zufrieden setzte sich auch Odysseus zu Tisch. Sie schmausten miteinander und legten sich bald zur Ruhe. Frühmorgens gürtete sich Telemachos und sprach zu Eumaios: „Alter, ich muss in die Stadt, ich will nach meiner Mutter sehen. Komm du mit dem Fremden nach. Ich hab es mir überlegt: er soll sich in der Stadt sein Brot erbetteln! Wo komme ich hin, wenn ich aller Welt Last auf mich nehme, ich habe genug an meinem eigenen Kummer zu tragen. Fühlt sich der Greis dadurch beleidigt, um so schlimmer für ihn.“ Diese Rede war natürlich eine abgekartete Sache, und Odysseus antwortete sogleich: „Lieber Freund, auch ich möchte hier nicht länger verweilen, zu lange schon und zu aufopfernd hat dein Hirte mich beherbergt und bewirtet – nun will ich selbst in die Stadt, wo sich jeder Bettler leichter fortbringt als auf dem Lande. Lass mich noch ein wenig am Herde sitzen, dass ich mich wärme, und wenn dann die Sonne steigt und die Luft ein wenig milder geworden ist, mag mich der gute Eumaios dahin begleiten.“
Telemachos eilte aus der Hütte. Als er vor seinen Palast kam, war es noch immer früh am Tage, er hatte den Weg vom Gebirge an die Küste rasch zurückgelegt. Von den Freiem war nichts zu sehen, sie schliefen noch. Also lehnte Telemachos seine Lanze an eine Säule des Eingangs und schritt über die steinerne Schwelle in den Saal, wo die alte Schafferin Eurykleia gerade damit beschäftigt war, den stattlichen Thronsessel mit schönen Fellen zu bedecken. Als sie den Jüngling, ihren jungen Herrn, erblickte, eilte sie mit Freudentränen auf ihn zu und hieß ihn willkommen. Auch die anderen Mägde umringten ihn, küssten ihm Hände und Schultern. Bald kam auch Penelope herzu. Weinend schloss sie den Sohn in die Arme und rief: „Mein süßes Leben, kommst du mir wieder! Wie habe ich mich um dich gegrämt, seit du heimlich nach Pylos fuhrst, den Vater zu suchen! Sag mir, was bringst du für Nachricht?“ „O Mutter“, antwortete Telemachos, „mach mir das Herz mit deiner Frage nicht noch schwerer, als es schon ist! Ich bin selbst eben erst dem Tode entronnen, Athenes Schild und die Nacht verbargen mich vor den Mördern, die meinem Schiffe auflauerten. Von Odysseus erfuhr ich nur so viel, wie König Menelaos wusste: dass ihn ein Sturm auf die Insel Ogygia verschlug, wo ihn die Nymphe Kalypso wider seinen Willen zurückhält. Es fehlt ihm zur Heimfahrt an Schiffen und Ruderknechten. Doch nun, liebe Mutter, lass dir ein erquickendes Bad bereiten, lege frische Gewänder an und gelobe den Göttern ein reiches Dankopfer, wenn sie uns dereinst den Vater und König zurückführen und Rache an den Freiem vergönnen.“ Penelope gehorchte dem Rat und begab sich ins Innere des Königshauses, wo sie so manche Nacht auf einsamem Lager um Odysseus geweint.

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Die Irrfahrt des Odysseus 2

Von Ilion weg trug mich der Wind westwärts, der lieben Heimat zu. Unsere Schiffe machten gute Fahrt, und die Genossen sehnten gleich mir voll Ungeduld den Augenblick herbei, da Ithaka vor uns aus den Fluten tauchen würde. Aber Zeus schickte uns einen plötzlichen Orkan aus Norden. Meer und Erde hüllten sich in Wolken und Nacht. Mit gebeugten Masten flogen wir dahin, und ehe wir die Segel einziehen konnten, barsten die Stangen und zerriss das Tuch. Neun Tage lang wurden wir vom Sturm hilf- und wehrlos umhergeschleudert, bis wir endlich ans Gestade der Lotophagen gelangten, die sich von nichts anderem als von Lotosfrüchten nähren. Hier landeten wir und nahmen frisches Wasser ein. Dann sandten wir einen Herold und zwei Mann auf Kundschaft aus. Sie gelangten in die Volksversammlung der Lotophagen und wurden von den gutmütigen Leuten sehr freundlich aufgenommen. Aber die Lotosfrucht, die man ihnen anbot, hatte eine eigentümliche Wirkung. Sie schmeckt süßer als Honig, und wer von ihr kostet, der will nichts mehr von Heimkehr wissen, sondern immer in diesem Lande bleiben. So mussten wir denn die Gefährten, während sie weinten und sich mit Händen und Füßen sträubten, gewaltsam zu den Schiffen zurückführen. Wir fuhren weiter und kamen zu dem wilden Volk der Kyklopen. Diese Riesen bebauen ihr Land nicht, sondern überlassen alles Gedeihen den Göttern. Ohne Zutun des Menschen wachsen dort Weizen und Gerste, die edelsten Reben voll großbeeriger Trauben, und Zeus spendete in mildem Regen seinen Segen dazu. Sie leben ohne alle Gesetze, hausen mit Weib und Kind in Höhlen rings auf den felsigen Gebirgshöhen, wie ein jeder will, und keiner kümmert sich um den andern. Außerhalb der Bucht, in mäßiger Entfernung, erstreckt sich eine bewaldete Insel voll wilder Ziegen, die, von keinem Jäger geängstigt, hier sorglos grasen. Die Kyklopen kommen nicht hinüber, sie kennen keinen Schiffsbau, uns aber lenkte eines Gottes schirmende Hand in dunkler Nacht an dieses friedliche Eiland. Als der Morgen anbrach, erlegten wir viele Ziegen auf fröhlicher Jagd, setzten uns sodann ans Feuer und taten uns gütlich am frischen Fleisch und am Wein, den wir noch in unseren Schläuchen hatten. Bis zum Abend schmausten wir. Am anderen Tage packte mich die Lust, das gegenüberliegende Festland mit seiner Felsenküste zu erforschen. Ich fuhr mit meiner Mannschaft auf einem Schiff hinüber. Wir landeten und spähten umher. Da entdeckten wir hoch über uns eine mächtige Felsenkluft, die von Lorbeergesträuch dicht umschattet war. Davor lag ein Gehege aus eingerammten Steinen, hohen Fichten und Eichen. Hinter dieser ungeschlachten Umzäunung hauste ein Mann von riesiger Gestalt, der seine Herde einsam auf entlegene Weiden trieb, nie mit anderen umging, auch mit seinesgleichen nicht, und stets nur Bosheit und Frevel im Sinn hatte. Ich wählte mir zwölf meiner tapfersten Männer aus, hieß die übrigen an Bord bleiben und nahm einen Schlauch vom besten Weine mit. So gerüstet, stiegen wir auf einem wilden Pfade zur Felsenkluft empor. Wir trafen den Bewohner nicht an, er war gerade mit den Herden unterwegs. Furchtlos traten wir in die Höhle ein und wunderten uns über deren Einrichtung. Da standen Körbe umher, angefüllt mit mächtigen Käselaiben, daneben riesige Kübel voll frischer Molken, und die roh gezimmerten Ställe wimmelten von jungen Lämmern und Ziegen. Die Genossen drangen sogleich in mich, von dem Käse zu nehmen, soviel ihre Schultern tragen könnten, und damit zu den Freunden auf die Insel zurückzukehren. 0 hätte ich doch auf sie gehört! Aber ich war zu begierig, den Höhlenmenschen kennenzulernen. Also befahl ich, ein Feuer anzuzünden und zu opfern. Dann aßen wir ein wenig von dem Käse und warteten geduldig auf die Heimkehr des Hausherrn. Endlich nahte er. Auf seinen Riesenschultern trug er eine ungeheure Last trockenen Klaubholzes. Er warf das Bündel krachend zu Boden. Wir versteckten uns angstbebend im äußersten Winkel der Höhle und sahen von dort aus zu, wie er seine Herde eintrieb. Die weiblichen Tiere ließ er alle in den Stall, Widder und Böcke aber mussten draußen im Gehege bleiben. Dann rollte er ein Felsstück vor den Eingang, das war so groß, dass es zwanzig vierrädrige Wagen nicht von der Stelle gebracht hätten, setzte sich gemächlich hin und begann seine Schafe und Ziegen zu melken. Die eine Hälfte der Milch versetzte er sogleich mit Lab; sie gerann, und er formte Käse daraus. Die andere Hälfte goss er in große Geschirre, das war sein tägliches Getränk. Nun zündete er ein Feuer an, und in seinem Schein entdeckte er uns in unserem Winkel. Auch wir konnten jetzt seine Gestalt zum erstenmal genau sehen. Er trug, wie alle Kyklopen, ein einziges funkelndes Auge an der Stirn, hatte Beine wie tausendjährige Eichenstämme und Arme und Hände, groß und stark genug, um mit Granitblöcken Ball zu spielen. „Wer seid ihr, Fremdlinge?“ fuhr er uns mit rauer Stimme an, die wie Donner im Gebirge klang. „Woher kommt ihr über das Meer gefahren? Seid ihr Seeräuber, oder was treibt ihr sonst?“ Bei dem Gebrüll bebte uns das Herz im Leibe. Doch nahm ich mich zusammen und erwiderte: „Ach nein, wir sind Griechen, kommen von der Zerstörung Troias zurück und haben uns auf der Heimfahrt verirrt. Kniefällig bitten wir dich, lieber Mann, um Schutz und um eine Gabe. Scheue die Götter und erhöre uns! Zeus beschirmt die Schutzflehenden und rächt ihre Misshandlung.“ Grässlich lachte der Kyklop auf: „Was kümmert mich Zeus und alle Götter miteinander? Glaubst du, wir Kyklopen fürchten ihre Rache? Du bist ein rechter Tor, Fremdling! Sage mir lieber sogleich, wo du dein Schiff verborgen hältst! Liegt es nahe vor Anker oder fern?“ Ich durchschaute seine Arglist und antwortete ihm: „Mein Schiff, guter Mann, hat Poseidon unweit von hier an die Klippen geworfen und zertrümmert. Ich und diese zwölf Gesellen sind die einzigen, die dem Untergang entrannen.“ Auf diese Rede erwiderte das Ungeheuer nichts mehr, sondern streckte nur seine Riesenhände aus und packte mit ihnen zwei meiner lieben Gefährten. Er schlug sie wie junge Hunde zu Boden, dass Blut und Hirn umherspritzten, zerhackte sie Glied für Glied und fraß sie zum Abendbrot. Wir aber streckten die Hände zu Zeus empor und jammerten laut über solchen Frevel. Nachdem sich der Unhold seinen Wanst gefüllt und den Durst mit Milch gelöscht hatte, warf er sich der Länge nach auf den Boden der Höhle und schlief ein. Ich überlegte, ob ich ihm nicht das Schwert zwischen Zwerchfell und Leber in den Leib stoßen sollte, aber ich besann mich eines Besseren. Denn was hätte uns sein Tod genützt? Wir hätten den unermesslich schweren Stein niemals vom Eingang der Höhle hinwegschaffen können und in der Finsternis eines elenden Todes sterben müssen. So ließen wir unseren Kerkermeister schnarchen und erwarteten in dumpfer Bangigkeit den Morgen. Als es dämmerte, stand der Kyklop auf, entfachte Feuer und molk seine Tiere. Dann ergriff er wiederum zwei aus meiner treuen Schar, verspeiste sie zum Frühstück und trieb hierauf seine feiste Herde aus der Höhle, nachdem er zuerst den Fels zur Seite geschoben hatte. Als alle Schafe und Ziegen im Freien waren, wälzte er den Stein wieder vor das Loch, wie man den Deckel auf einen Köcher setzt. Wir hörten die gellenden Pfiffe, mit denen er seine Herde ins Gebirge trieb, und fragten uns voll Todesangst, an wen nun die Reihe kommen mochte, von dem Scheusal gefressen zu werden. Ich heckte allerlei Listen aus, wie man dem Einaug beikommen und die getöteten Freunde rächen könnte; ich entwarf manchen Plan und verwarf ihn wieder, bis mir endlich ein brauchbarer Gedanke aufblitzte. Ich hatte im Stall eine mächtige Keule aus grünem Olivenholz entdeckt, die hatte sich der Kyklop abgehauen und wollte sie tragen, wenn sie getrocknet war; sie war so lang und so dick wie der Mast eines großen Schiffes. Aus dieser Keule hieb ich mir einen Pfahl heraus, nicht stärker, als ihn ein Männerarm umspannen kann, den mussten mir die Freunde glattschaben. Dann spitzte ich das eine Ende zu, glühte es im Feuer hart und verbarg diese Waffe unter dem Mist, der in der Höhle haufenweise umherlag. Am Abend kam der grässliche Hirt mit seiner Herde zurück, und diesmal – ich weiß nicht, tat er es aus irgendeinem Argwohn oder fügte es ein Gott zu unseren Gunsten so, ihr werdet gleich hören! -, diesmal ließ er die Böcke nicht im Gehege über Nacht, sondern trieb alle Tiere in die Höhle herein. Er fügte den Stein wieder in die Öffnung, molk seine Eimer voll Milch und fraß zwei meiner liebsten Genossen. Ich aber hatte inzwischen eine hölzerne Kanne mit dunklem Wein aus meinem Schlauche gefüllt, ging auf das Ungeheuer zu und sprach: „Da trink, Kyklop! Auf Menschenfleisch schmeckt der Wein vorzüglich. Solch köstliches Getränk führten wir auf unserem Schiff, und wir gedachten, mit dieser Spende dein Erbarmen und deine Hilfe zu belohnen. Du aber gehst böse mit uns um!“ Der Kyklop griff wortlos nach der Kanne und leerte sie mit gierigen Zügen. Man sah es ihm an, wie ihn die Süßigkeit und die Kraft des Trankes entzückten. Als er fertig war, hielt er mir das leere Gefäß hin und sprach zum erstenmal in freundlichem Ton: „Fremdling, gib mir noch eins zu trinken und dann sage mir, wie du heißest, ich will dich auf der Stelle mit einem Gastgeschenk erfreuen. Ich selber heiße Polyphemos.“ Dreimal noch schenkte ich ihm die Kanne voll, und der Dummkopf leerte sie dreimal. Als ihm der Wein den Sinn zu umnebeln begann, sagte ich schlau: „Du willst meinen Namen wissen, Kyklop? Ich habe einen gar seltsamen, ich heiße Niemand. Niemand, so hießen mich die Eltern, Niemand rufen mich die Freunde, Niemand nennt mich alle Welt.“ Lallend entgegnete der Kyklop: „So will ich dich, Niemand, als letzten nach allen deinen Schiffsgenossen verspeisen, das ist mein Gastgeschenk. Bist du damit zufrieden?“ Dann lehnte er sich nach hinten und sank um. Laut schnarchend lag er da, vom Rausch überwältigt, den feisten Nacken zur Seite gebeugt. Ich aber sprang auf, holte den spitzen Pfahl aus dem Mist, hielt ihn in die noch glimmende Asche, bis er rot aufglühte und beinahe Feuer fing, und stieß ihn sodann mit aller Kraft dem Riesen ins schlafende Auge. Wie ein Zimmermann, der einen Schiffsbalken durchbohrt, so drehte ich den Pfahl. Die Glut versengte Wimpern und Brauen bis an die Wurzeln, dass es prasselte, und das erlöschende Auge zischte, wie wenn man heißes Eisen ins Wasser taucht. Grauenvoll heulte der Geblendete auf, die Höhle widerhallte schaurig von seinem Gebrüll. Wir flüchteten in den äußersten Winkel der Grotte und verkrochen uns dort, bebend vor Angst. Polyphemos riss sich den bluttriefenden Pfahl aus der Augenhöhle, schleuderte ihn weit von sich und tobte unsinnig. Laut schreiend rief er seine Stammesbrüder herbei, die ringsumher im Gebirge wohnten. Sie kamen von allen Seiten heran, umstellten die Höhle und fragten: „Wer tut dir etwas zuleide? Greift dich jemand an? Bringt dich jemand um?“ Polyphemos aber brüllte aus der Höhle heraus: „Niemand tut mir etwas zuleide! Niemand greift mich arglistig an! Niemand bringt mich um!“ Als die Kyklopen das hörten, schüttelten sie die Köpfe und schrien zurück: „Nun, wenn niemand dir etwas tut, was schreist du dann so? Du bist wohl krank, aber gegen Krankheit haben wir Kyklopen keine Mittel, das weißt du doch selbst, also gib Ruhe!“ Und sie trollten sich. Mir aber lachte das Herz im Leibe. Der blinde Kyklop tappte vor Schmerzen winselnd in seiner Höhle umher, bis er den Eingang fand. Er rückte den Felsblock beiseite, setzte sich unter die Pforte und tastete mit den Händen beständig umher, um jeden von uns zu fangen, der etwa mit den Schafen entwischen wollte. Er hielt mich nämlich für so einfältig, dass ich versuchen würde, auf diese Weise zu entfliehen. Ich aber hatte meinen Plan längst gefasst und führte ihn aus. Mit Ruten aus dem Weidengeflecht, auf welchem der Kyklop schlief, band ich die fettesten Widder mit dem dichtesten Fell je drei und drei heimlich zusammen und flüsterte dann meinen Freunden zu: „Kriecht, jeder einzeln, unter einen der mittleren Widder, klammert euch an der Bauchwolle fest, und lasst euch so ins Freie schleifen. Der Riese wird nur die Rücken der Tiere betappen, ob auch kein Reiter darauf sitzt, nicht aber ihren Bauch, und außerdem beschützen euch die beiden Widder links und rechts.“ Schweigend gehorchten sie. Ich wählte zuletzt für mich selber den stattlichsten Bock, der alle anderen hoch überragte, fasste ihn am Rücken und wälzte mich unter seinen Bauch. Tief wühlte ich die Hände in die krause Wolle hinein. Die männliche Herde sprang aus der Höhle hinaus. Die Weibchen blökten noch mit strotzenden Eutern im Pferch, indes ihr geplagter Herr jedem Widder sorgfältig den Rücken betastete. Dass man auch auf dem Bauch eines Tieres reiten könne, darauf verfiel er in seiner Dummheit nicht, so dass meine Gefährten bald gerettet waren. Zuletzt trottete auch mein Bock, schwer mit Wolle beladen, aber noch schwerer mit mir, durch die Felsenpforte. Auch ihn streichelte Polyphemos, hielt ihn an und sprach betrübt: „Mein gutes Widderchen, was trabst du heute so langsam daher? Warum als letzter hinter der Herde? Warst doch sonst immer der erste bei den Wiesenblumen und am Bach und abends der erste im Stall. Trauerst auch du um deines Herrn ausgebranntes Auge? Oh, hättest du Gedanken und Sprache wie ich, du verrietest mir gewiss, in welchem Winkel sich der Frevler mit seinem Gesindel verbirgt. Dann würde ich seinen Schädel an der Höhlenwand zerschmettern, und mein Herz würde wieder froh werden nach all dem Leid, das dieser Niemand über mich gebracht hat!“ In die Wolle verkrampft, harrte ich zitternd auf das Ende seiner Rede. Endlich ließ er den Widder los, und nun waren wir alle draußen. Als uns die Tiere weit genug von der Höhle fortgeschleppt hatten, ließen wir uns zu Boden gleiten. Dann erhoben wir uns und umarmten einander, weinend vor Freude und zugleich vor Schmerz um die Verlorenen; wir waren unser nur noch sieben. „Jammert mir nicht zu laut“, bat ich die Gefährten, „sondern lasst uns so schnell wie möglich zum Strand hinabeilen, ehe der Kyklop bemerkt, dass wir ihm entwischten. Die Widder aber, die uns gerettet haben, nehmen wir als Beute mit!“ Als wir bald nachher wieder auf unseren Ruderbänken saßen und, auf Ruf weite vom Ufer entfernt, die Wogen durchkielten, erhob ich meine Stimme und schrie dem Kyklopen, der gerade mit seiner Herde mühsam bergwärts klomm, meinen Spott zu: „Nun, Einaug, merkst du, welch wackerem Manne du die Begleiter wegfraßest? Hier bin ich, sieh her, wenn du mich sehen kannst! Endlich sind dir deine Verbrechen heimgezahlt worden, Zeus hat dich durch mich bestraft!“ Als der Wüterich dies hörte, richtete er sich auf, drohend ragte seine rauhe Gestalt in den Himmel. Dann, als er die Richtung abgeschätzt hatte, in der wir uns befanden, riss er einen ganzen Felsblock aus dem Gebirge und schleuderte ihn nach unserem Schiff. Nur um Haaresbreite verfehlte sein Wurf das Ende unseres Steuerruders, aber der ungeheure Block erregte durch seinen Sturz ins Wasser eine so heftige Brandung, dass uns die Wellen beinahe ans Gestade zurückgerissen hätten. Wir mussten uns mit aller Kraft in die Riemen legen, um nicht von neuem in die Gewalt des Ungeheuers zu geraten. Als wir der Gefahr glücklich entronnen waren, schrie ich aufs neue: „Höre, Polyphemos, höre mich! Wenn dich jemals eines Menschen Kind fragt, wer dir das Augenlicht nahm, so antworte ihm: Das tat Odysseus, der Troja zerstörte, des Laertes Sohn, der auf Ithaka wohnt!“ Da heulte der Riese auf. Schreckliche Klage rief er über das Meer: „Weh mir! So hat sich die alte Weissagung an mir erfüllt! Der Seher Telemos, der hier im Lande der Kyklopen alt wurde, prophezeite mir, ich würde einst durch Odysseus mein Gesicht verlieren. Da meinte ich immer, es werde ein Riese kommen und mit mir kämpfen, ein Riese wie ich! Und nun hat dieser Knirps, dieser windige Wicht, mich mit Wein überwältigt und mit Menschenkraft mich des Lichtes beraubt! Aber warte nur, ich will dir vom Meergott sicheres Geleit erbitten, denn wisse, ich bin ein Sohn Poseidons!“ Damit erhob er seine gewaltigen Hände zum Himmel und flehte seinen göttlichen Vater an, er möchte mir die Heimkehr nach Ithaka verwehren. „Und soll er dennoch zurückkehren“, so schloss er, „dann sei es spät und elend! Ohne Gefährten und wie ein Bettler lande er auf fremdem Schiff und treffe daheim nichts als Jammer an!“ Ich fürchte, Poseidon hat sein Gebet erhört. Abermals riss er einen Felsblock aus dem Berg und schleuderte ihn uns nach, und wieder entrannen wir dem Tode nur um ein Haar. Endlich landeten wir auf der Insel, wo uns die Freunde jubelnd empfingen; sie hatten uns schon aufgegeben. Wir verteilten die erbeuteten Widder unter sie, nur den Bock, der mich aus der Höhle gerettet, den opferten wir dem Zeus. Dass der Göttervater unser Opfer jedoch verschmähte, weil nach seinem Willen alle unsere Schiffe und alle meine guten Gefährten zugrunde gehen sollten, das ahnten wir freilich nicht. Wir saßen vergnügt beieinander, schmausten und tranken, bis die Sonne ins Meer sank, dann legten wir uns am Strande nieder und schliefen beim Wogenrauschen ein. Mit dem ersten Morgenrot saßen wir jedoch alle wieder in unseren Schiffen und ruderten weiter, der Heimat entgegen.
Bald darauf gelangten wir an die schwimmende Insel des Königs Aiolos, eines vertrauten Freundes der Götter. Eherne Mauern und glattes Felsgestade umgeben das Eiland. Der Fürst ist von Zeus dazu bestellt, allen Winden zu gebieten, die über die Erde wehen. Er beherbergte und bewirtete uns einen ganzen Monat lang, ließ sich alles berichten, was sich vor Troia begab, und schenkte mir zum Abschied einen dick aufgeblähten Schlauch aus der Haut eines neunjährigen Stieres. In diesem Schlauch waren Nord- und Süd-, Ost- und Westwind eingeschlossen und noch einige andere dazu, die der Seefahrer wohl brauchen kann. Der König band ihn mir selbst mit glänzenden Seilen aus Silberfäden an meinem Schiffe fest. Es war ein gar kostbares Gastgeschenk und hätte uns gewiss eines Tages gute Dienste geleistet, wären meine Begleiter nicht so goldgierige Toren gewesen; das brachte uns viel Unglück. Als wir nämlich schon neun Tage und neun Nächte unterwegs waren und in der Ferne bereits meine Heimatinsel Ithaka aus den Fluten tauchen und die Wachfeuer am Ufer brennen sahen, beschlich mich auf einmal lähmender Schlummer: ich war ja seit der Abreise von König Aiolos unaufhörlich damit beschäftigt gewesen, die Segel zu stellen, und hatte kein Auge geschlossen. Nun überwältigte mich die Müdigkeit, und während ich so schlief, öffneten die Lüsternsten unter meinen Schiffsgesellen mit unkundigen Händen den Schlauch, in welchem sie Schätze aus Silber und Gold vermuteten. Mit grässlichem Geheul entfuhren ihm alle Winde zugleich, haushoch bäumten die Wogen sich auf, und die Windsbraut riss unsere Schiffe meilenweit in die offene See hinaus. Sieben Tage irrten wir auf der Wasserwüste umher, bis wir endlich wieder festes Land erblickten. An der Küste erhob sich eine Stadt mit vielen breiten Türmen, das war der Sitz der Laistrygonen. Diese Riesen und Menschenfresser liefen aus der Stadt heraus und schleuderten große Felsbrocken nach uns, so dass man auf den Schiffen bald nichts mehr hörte als das Röcheln der Sterbenden und das Krachen getroffener Balken und Bretter. Alle Fahrzeuge gingen unter bis auf eines, das ich hinter einen Vorsprung der Küste gesteuert und dort angebunden hatte. Ich nahm die Überlebenden, die verzweifelt in den Wellen umherschwammen, an Bord und segelte eilig davon, tiefe Trauer im Herzen. Auf dem einzigen Schiffe zusammengedrängt, fuhren wir weiter und kamen wieder an eine Insel, Aiaia genannt, auf welcher eine wunderschöne Halbgöttin und Zauberin wohnte. Sie hieß Kirke und war eine Tochter des Sonnengottes. Auf der Insel hatte sie einen herrlichen Palast; aber wir wussten nichts von ihr. Wir gingen in einer Bucht vor Anker und lagerten uns traurig im Ufergras. Am anderen Morgen machte ich mich, mit Schwert und Lanze bewaffnet, auf den Weg, um die Insel zu erkunden. Ober den Bäumen sah ich Rauch aufsteigen, der kam aus Kirkes Palast. Ich ging aber, durch die überstandenen Gefahren gewitzigt, nicht sogleich darauf zu, sondern kehrte zum Lager zurück und sandte zwanzig Gefährten unter der Führung des erprobten Eurylochos als Späher voraus. Die mutige Schar fand bald, in einem anmutigen Tale versteckt, den Palast der Göttin und Zauberin; er war aus herrlichen behauenen Steinen aufgeführt. Wie staunten die Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor dem Tor des Wohnhauses Bergwölfe mit spitzem Gebiss und Löwen mit zottigen Mähnen umherstreichen sahen. Angstvoll blickten sie auf die grässlichen Tiere und wollten sogleich von dem unheimlichen Orte fliehen. Aber ehe sie sich retten konnten, waren sie bereits von den Bestien umringt; freundlich und schmeichelnd wie Hunde, die ihrem Herrn entgegenkommen, der ihnen einen guten Bissen mitbringt, so nahten sie den Männern, wedelten auch mit den Schweifen und taten ihnen nichts zuleide. Es waren, wie wir später erfuhren, lauter von Kirke in Tiere verwandelte Menschen. Nun fassten sich die Freunde ein Herz und näherten sich der Pforte. Da hörten sie aus dem Inneren des Hauses einen wundervollen Gesang an ihr Ohr dringen, und als der Held Polites, der meinem Herzen besonders nahestand, als erster die Schwelle überschritt und in den Saal spähte, sah er die Zauberin am Webstuhl sitzen. Sie saß über einem kunstreichen Gewebe, wie es nur Göttinnen zu wirken verstehen, und sang zu ihrer Arbeit. Nun riefen die Gefährten die schöne Bewohnerin heraus, und Kirke erschien sogleich an der Pforte und nötigte alle Ankömmlinge herein. Die Freunde folgten ihrer Einladung, nur Eurylochos, der ein besonnener Mann war und hinter der holdseligen Erscheinung irgendeinen Betrug witterte, blieb vor dem Palast zurück. Die anderen aber nahmen in Kirkes Haus auf hohen, verzierten Sesseln Platz und wurden mit dem köstlichen Kuchen bewirtet, den die Zauberin aus Käse, Mehl, Honig und starkem pramnischen Wein, dessen schwere Trauben auf den Hängen des Berges Pramne auf der Insel Ikaria gedeihen, vor ihren Augen knetete. Sie mischte aber während dieser Arbeit unheilbringende Säfte heimlich in den Teig, und als die Männer von der verführerischen Speise gekostet hatten, verwandelten sie sich in borstige Schweine, verloren die Gabe menschlicher Rede, fingen an zu grunzen und wurden von Kirke samt und sonders in den Koben hinter dem Hause getrieben. Dort fütterte sie die Armen, statt mit leckeren Bissen, mit Steineicheln und herben Kornelkirschen wie andere Schweine. All das hatte Eurylochos von weitem mit angesehen. Entsetzt kam er zu unserem Schiffe zurückgelaufen und berichtete, was den Freunden Schreckliches widerfahren war. Augenblicks erhob ich mich, warf mein Schwert um die Schulter, hängte den Bogen darüber und eilte auf wilden Wegen zum Palaste der Kirke. Da trat mir plötzlich ein blühender Jüngling entgegen, mit dem holdesten Reiz der Jugend geschmückt. An dem goldenen Stab, den seine Hände trugen, erkannte ich, dass es Hermes war, der Bote der Götter. Ich hemmte den Schritt, er aber fasste mich freundlich an der Hand und sprach: „Armer Odysseus, was rennst du so hastig und der Gegend unkundig durchs Waldgebirg? Du kannst die Freunde nicht aus dem Schweinestall erlösen, solange du dich nicht selber vor Kirkes Zauber zu schützen vermagst. Denn wisse, eher sperrt sie auch dich zu den anderen, als dass du ohne Hilfe der Götter ihren Künsten wider stehst. Siehe, hier wächst ein Heilkraut, das nimm, und du bist dagegen gefeit, in ein Tier verwandelt zu werden. Kirke wird dich mit einem süßen Weinmus bewirten und ihre Zaubersäfte darein mengen, du aber wirst ohne Gefahr trinken können. Sobald die Verführerin ihren Zauberstab gegen dich hebt, reiße dein Schwert von der Hüfte und tue, als wolltest du sie ermorden. Da wird sie dich um Gnade bitten, und du forderst ihr einen heiligen Eid ab, keinerlei Tücke an dir zu üben. Hat sie diesen Schwur geleistet, so magst du ohne Gefahr bei ihr wohnen. Bist du einmal ihr Vertrauter geworden, kann sie es dir nicht mehr abschlagen, deine Freunde zu entzaubern und sie dir zurückzugeben.“ So sprach der Gott und entschwand im gleißenden Tageslicht. Ich eilte, unruhig und nachdenklich zugleich, vor Kirkes Palast, dessen Tor sich auf meinen Ruf hin öffnete, und überschritt voll Ingrimm die Schwelle der schönen Zauberin, die mich freudestrahlend empfing und zu einem herrlichen Thronsessel geleitete. Alles kam, wie Hermes vorausgesagt hatte: Sie mengte das Weinmus in goldener Schale und konnte es kaum erwarten, dass ich das Gefäß an die Lippen setzte und bis auf den letzten Tropfen leerte: dann hob sie ihren Stab und rief: „Fort mit dir in den Schweinestall!“ Ich aber drang sogleich mordbegierig mit dem Schwerte auf sie ein, dass sie sich schreiend zu Boden warf und flehentlich meine Knie umschlang. „Wehe mir!“ rief sie jammernd, „wer bist du, Gewaltiger, dem mein Trank nichts anhaben kann? Bist du am Ende Odysseus, der von Troia heimkehrt? Hermes kündigte mir seinen Besuch an. Oh, wenn du es bist, so verwahre dein furchtbares Schwert und lass uns Freunde sein!“ Ich aber bedrohte sie weiter mit der blanken Klinge, bis sie schwur, mir nicht mehr schaden zu wollen. Dann erst stieß ich die Waffe in die Scheide und ließ mich von Kirke bewirten. Schöne, edelgeborene Nymphen bedienten uns; sie bedeckten die Sessel mit purpurnen Kissen, rückten silberne Tische herbei und setzten goldene Körbe mit den köstlichsten Speisen darauf; sie trugen in silbernen Krügen Wein herbei, verteilten für Kirke und mich und sich selber goldene Becher ringsum auf den Tischen; zuletzt brachten sie einen Kessel voll frischen Quellwassers herein, setzten ihn auf einen erzenen Dreifuß und fachten darunter ein loderndes Feuer an. Das erwärmte Wasser gossen sie in ein marmornes Becken, darin badete ich, ließ mich hernach salben und ankleiden, und sollte mich nun mit Kirke zum Mahl setzen. Doch wie herrlich auch alles bereitet war, ich fand keine Freude daran. Schweigend und kummervoll saß ich neben meiner schönen Wirtin, die Speisen und den dunklen Wein ließ ich unberührt. Endlich fragte sie mich, was mir denn fehle, und ich antwortete: „Welcher Mann, dem noch ein fühlendes Herz in der Brust schlägt, könnte sich an Speise und Trank erfreuen, solange er seine lieben Freunde im Elend weiß? Willst du, dass ich mit Lust irgend etwas bei dir genieße, so lass mich meine Gefährten sehn, die du verzaubert hast. Gib ihnen ihre menschliche Gestalt wieder!“ Sogleich erhob sich Kirke, ergriff ihren Zauberstab und verließ mit diesem das Gemach. Draußen schloss sie die Türe des Kobens auf und trieb alle meine Freunde heraus. Ich war ihr erwartungsvoll nachgegangen, und als mich die armen Genossen erblickten, liefen sie auf mich zu und umwimmelten mich grunzend; voll Schmerz blickte ich auf sie nieder. Da bestrich Kirke jeden von ihnen mit einem anderen Saft, und auf einmal schälten sie sich aus ihren borstigen Hüllen heraus und wurden wieder zu Männern. Doch, o Wunder, sie waren alle viel jünger und schöner als vor ihrer Verwandlung. Freudig begrüßten sie mich, ich aber überließ sie der Obhut Kirkes und eilte zum Gestade, um die anderen zu beruhigen, die uns alle schon für tot gehalten hatten. Nun folgten sie mir gerne in den Palast, wo die schönen Dienerinnen die erlösten Gefährten inzwischen gebadet und mit Öl gesalbt hatten. Sie trugen sämtlich prächtige Gewänder und schmausten vergnügt an Kirkes reichbestellter Tafel. War das ein Begrüßen, ein Weinen und Umarmen! Die Göttin sprach ihnen allen Mut zu und tat uns so viel Liebes, dass wir von Tag zu Tag fröhlicher wurden und ein ganzes, langes Jahr auf der Insel Aiaia zubrachten. Endlich aber übermannte uns das Heimweh. Da trat ich vor Kirke hin, beugte mein Knie und umfasste ihre Füße. „Göttliche, nun halte dein Wort und gib uns Abschied“, bat ich, „wir wollen heim!“ Sie antwortete: „Ich weiß, ich darf euch nicht länger mehr zurückhalten, darum wandle hinab zum Strand, setze das Schiff aufs Wasser, richte getrost den Mast auf und entfalte die Segel; für günstigen Wind will ich sorgen. Doch hoffe nicht, dass er dich heimbringt nach Ithaka! Einen ganz anderen Ort musst du zuvor noch betreten: das Reich der Toten. Dir ist bestimmt, hinabzusteigen in die Heimat der Schatten, wo Hades und Persephone herrschen; dort rufe du die Seele des blinden Sehers Teiresias aus Theben heran und befrage ihn nach der Zukunft. Denn ihm ist die Gabe der Weisheit auch im Tode noch geblieben – die anderen gleichen alle nur wehenden Schatten, lichtlos trauernden.“ Da fing ich an zu klagen: „0 Kirke, mir graut vor dem Lande der Toten! Wer soll mich dort hinabführen? Bei lebendigem Leibe hat noch kein Sterblicher die Schifffahrt in die Unterwelt gewagt! Wie wird es mir ergehen?“ „Sorge dich nicht darum“, antwortete sie, „der Nordwind wird dich an den rechten Ort bringen. Bist du am Gestade des Okeanosstromes angelangt, der die Erde umgürtet, so lande furchtlos an einer flachen Uferstelle, wo du Erlen, Pappeln und Weiden erblickst, einen Hain der Persephone. Dort findest du einen Felsen, bei welchem sich zwei schwarze Ströme in den Acheron hinabstürzen, und dicht daneben eine Kluft, durch welche der Weg ins Schattenreich geht. Die Gefährten lasse beim Schiff, du aber steige hinab, grabe eine Grube aus und bringe darin den abgeschiedenen Seelen ein Totenopfer aus Honig, Milch, Wein, Wasser und Mehl dar. Hierauf schlachte noch zwei schwarze Schafe, ein männliches und ein weibliches, und sogleich werden die Seelen der Toten heranschweben und von dem Blut der Opfer kosten wollen. Wehre sie mit dem Schwerte ab und erlaube ihnen nicht, näher zu kommen, bis du unter ihnen den Teiresias entdeckt und ihn über dein weiteres Schicksal befragt hast.“ Diese Worte Kirkes hatten mein Herz ein wenig getröstet, und guten Mutes versammelte ich am anderen Morgen die Freunde und trieb sie zum Aufbruch. Elpenor aber, unser Jüngster, hatte sich am Abend vorher weintrunken auf dem flachen Dach des Palastes zum Schlafe ausgestreckt; mein Rufen weckte ihn, er fuhr auf, vergaß, taumelig, wie er war, sich zur Treppe zu wenden, und stürzte ab. Er brach sich das Genick, und sein Geist fuhr im selben Augenblick zum Hades. Kirke hatte unterdes die beiden Opferschafe ins Schiff bringen und dort anbinden lassen, auch Honig, Wein und Mehl waren reichlich vorhanden. Sie eilte uns zum Strande voraus und ermahnte uns, rasch abzusegeln. Als wir beim Schiffe ankamen, schlüpfte sie an uns vorüber, grüßte uns stumm zum Abschied und entschwand. Wir aber zogen das Schiff ins Meer, hissten die Segel und setzten uns betrübt auf die Ruderbänke; Elpenors Tod bedrückte unser Herz. Doch uns zu Häupten füllte Kirkes Abschiedsgeschenk die Segel: ein frischer, günstiger Wind, der uns im Nu auf die hohe See entführte. Lasset mich, ihr Freunde, ein wenig sammeln, denn Ungeheures habe ich nun zu berichten. -Die Sonne sank gerade ins Meer, als wir an das Gestade des Okeanosstromes kamen, der alles feste Land umgürtet. Dort wohnt im äußersten Westen, am Ende der Welt, das Volk der Kimmerier. Ihr Gebiet umhüllt ewiger Nebel, den nie ein Sonnenstrahl durchdringt. An seiner Küste legten wir an und fanden bald den heiligen Hain der Persephone. Auch den Felsen entdeckten wir, bei welchem sich die beiden Totenströme vereinigen und dann schaurig zum Acheron abstürzen, und schließlich gelangten wir an den Eingang in die Unterwelt. Wir stiegen ein Stück weit in die Kluft hinab und begannen mit dem Opfer, genau nach den Anweisungen der Zauberin. Sobald das Blut der Schafe in die Grube floss, tauchten auch schon aus der Tiefe die Seelen der Toten empor, Jünglinge und Greise, blühende Mädchen und wundenbedeckte Helden. Grauenvoll stöhnend und schreiend umkreisten sie die Opfergrube und versuchten, von dem Blute zu lecken. Ich aber riss mein Schwert von der Hüfte und wehrte die Luftgebilde ab, denn noch war mir der Schatten des Teiresias nicht erschienen. Bleich vor Entsetzen, wie ich selber, standen die Gefährten, da trieb ich sie an, das Opfer zu vollenden. „Häutet die Tiere ab“, rief ich, „und werft die Leiber ins Feuer! Betet zu den ewigen Göttern, damit sie uns heil aus dieser Nacht hinausführen!“ In immer dichteren Scharen drängten die Schatten nach unserer Felskluft empor. Als erster nahte sich mir Elpenor, dessen Leib noch unbestattet in Kirkes Palast ruhte. „Weh mir“, rief er weinend, „welch elenden Tod musste ich sterben! Welches Verhängnis waltete über meinem jungen Leben! Oh, wenn du mich liebst, Odysseus, so kehre zurück nach Aiaia und verbrenne meinen Leichnam! Errichte mir auch ein Grabmal!“ Ich versprach seinen Wunsch zu erfüllen. Elpenor entschwand. An seiner Stelle erschien plötzlich der Schatten meiner edlen Mutter Antikleia, die noch am Leben war, als ich von Ithaka nach Troia aufbrach. Nun war es an mir, zu weinen; aber die Mutter erkannte mich nicht. Endlich nahte sich mir die Seele des Thebaners Teiresias. Der Seher trug – wie Hermes, der Götterbote einen goldenen Friedensstab in der Hand. Da stieß ich mein Schwert in die Scheide und gab die Grube frei. Durstig schlürfte der Schatten das Blut, dann erhob er den Blick, erkannte mich und sprach: „Sohn des Laertes, edler Odysseus, was trieb dich, das liebe Sonnenlicht zu verlassen und diesen Ort der Schrecken aufzusuchen? Hast du nicht schon genug der Leiden erduldet, irrfahrender Held? Du forschst nach deinem künftigen Geschick, nach deiner Heimkehr – oh, ein Gott wird sie dir schwer machen, schwerer als allen anderen Griechen, die Ilions Trümmern den Rücken kehrten und über die wilde Flut nach Hause strebten. Du hast Polyphemos geblendet, der war ein Sohn Poseidons, das kränkte den Meeresgott tief. Dennoch kannst du allen Gefahren entrinnen, die dir drohen, vermagst du deiner Genossen Herz zu bezähmen. Höre! So ihr auf der Insel Thrinakia landet, lasst eure Hände von der Herde des Sonnengottes, die dort weidet. Vergreift ihr euch aber an ihr, so weissage ich deinem Schiff und deinen Freunden Verderben. Entrinnst du diesem allein, so kommst du spät, elend, einsam und auf fremdem Schiffe nach Ithaka, wie es der Kyklop von seinem unsterblichen Vater rachedurstig erflehte. Zu Hause findest du Jammer über Jammer: ein Schwarm übermütiger Freier verprasst dein Hab und Gut, bedrängt Penelope, dein königliches Weib. Und hast du dir diese Meute durch List oder Gewalt vom Halse geschafft, so wirst du von neuem dein Ruder nehmen und in die Ferne ziehen, bis du zu einem Volke kommst, das das Meer nicht kennt, keine Schiffe baut und seine Speisen nicht mit Salz würzt. Begegnet dir dort ein Wanderer, der dir sagt, du trügest eine Schaufel über der Schulter weil er noch nie im Leben ein Ruder gesehen hat -, dann stoße dieses Ruder vor dich in die Erde, bringe Poseidon ein Opfer dar und wandere wieder heim. Der zürnende Gott wird von da ab versöhnt sein und dich fürder in Frieden lassen, und am Ende wird dich auf festem Lande, fern dem Meer, ein sanfter Greisentod hinwegnehmen.“ So weissagte mir Teiresias. Ehe er wieder in den Hades hinabtauchte, fragte ich noch schnell: „Was muss ich tun, damit mich die Mutter erkennt?“ Er antwortete: „Wem du von dem Opferblut zu trinken erlaubst, der wird dich erkennen und dir lautere Wahrheit künden – wen dein Schwert abwehrt, der wird schweigend zurückkehren in das Schattenreich, in den großen Reigen.“ Als nun die Mutter wiederum heranschwebte, wich ich von der Grube zurück. Sie trank und erkannte mich. „Mein lieber Sohn“, sagte sie, „wie kamst du lebendig in die Todesnacht herab? Irrst du noch immer seit Troias Fall umher? Kamst du noch immer nicht heim nach Ithaka? Dein Vater schläft winters in schlechter Kleidung neben dem Herdfeuer im Stroh, im Sommer nächtigt er unter freiem Himmel, das Haupt auf ein Bündel Reisig gebettet. All dies tut er aus Jammer über dein Geschick. Mich selber raffte der Gram dahin, keiner Krankheit erlag ich. Penelope aber, deine treue Gattin, weint Tag und Nacht um dich, und Telemachos, dein geliebter Sohn, irrt gleich dir von Land zu Land, den Vater zu suchen, Ithakas König und Befreier!“ Mein Herz schwoll vor schmerzlicher Sehnsucht, als ich Antikleia so reden hörte. Dreimal versuchte ich, sie an meine Brust zu drücken, und dreimal entschwebte sie mir wie ein Traumbild, ich vermochte sie nicht zu halten. Und schon drängten sich neue Schatten heran, unter ihnen Agamemnon, der Völkerfürst. Schwermütig bewegte sich sein großer Schatten zur Grube her und trank. Er hob den Blick, erkannte mich und wollte mich mit seinen Händen liebevoll erreichen aber es war keine Kraft in seinen Gliedern. „Siehe, Odysseus“, sagte er bitter, „so haben sie mich zugerichtet. Mord! Mord! Nicht Poseidon bezwang mich, noch fiel ich in heldenhaftem Kampf, nein: wie man den Stier an der Krippe erschlägt, so erschlugen mich mein Weib und ihr Buhle, als ich, glücklich heimgekehrt, im Bade saß. Darum rate ich dir, lande heimlich und unerkannt auf Ithaka; sieh dich erst um, ehe du dich zu erkennen gibst; denn ist Penelope auch noch so tugendhaft, es ist keinem Weibe zu trauen.“ Mit diesen finsteren Worten wandte er sich um und sank hinab in die Tiefe. Noch viele andere Seelen nahten mir, wie von lautlos kreisendem Winde getrieben, nahten und entschwanden wieder. Da sah ich gar manchen Freund und Feind aus den Tagen, da Troia noch, heiß umkämpft, in den Himmel ragte. Antilochos schwebte herbei und der große Aias, Patroklos nahte und, unzertrennlich von ihm, Achilleus, von olympischem Glanze umflossen. Der Pelide trank zuerst. Als mich sein herrliches Auge staunend anblickte, sagte ich zu ihm: „Selig bist du, Achilleus! Im Leben wurdest du wie ein Gott verehrt, nun herrschst du auch im Tode fürstlich über alle anderen Schatten!“ Er aber entgegnete missmutig: „Das ist ein magerer Trost, Odysseus. Ich wollte lieber auf Erden von allen verachtet als Taglöhner ohne Erbe und Eigentum ein fremdes Feld bebauen, als hier, von allen Göttern geliebt, über die Schar der Toten herrschen.“ Hierauf fragte er mich nach seinem Sohne Neoptolemos, und als ich ihm viel Ruhmvolles über den Helden zu berichten wusste, wandelte der erhabene Schatten mächtigen Schrittes befriedigt der Tiefe zu und verlor sich darin. Auch die Seelen der anderen Helden standen mir Rede und Antwort, nachdem sie vom Blute getrunken hatten. Bald aber drängten die Toten zu Tausenden herzu. In wirbelnden Schwärmen fielen sie über die Grube her, und bei ihrem grausigen Schreien überwältigte mich ein solcher Schrecken, als streckte mir Persephone aus der Tiefe das Haupt der Gorgo entgegen, des menschenhassenden Scheusals mit dem Schlangenhaar, dessen Anblick versteinert. Da floh ich mit den Genossen aus der Kluft hinaus. Wir durcheilten den Hain und erreichten aufatmend unser Schiff am Ufer des Okeanos. Wir stießen ab und segelten aus dem Nebellande hinaus, der sonnigen Insel Aiaia zu. Wir wollten Elpenors geliebten Leichnam bestatten, wie ich es versprochen hatte.

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Thymian

Der Thymian ist nicht nur eine interessante Gewürzpflanze, sondern auch eine wichtige Heilpflanze im Bereich Husten und Desinfektion.

Die ausdauernde Pflanze wächst Jahr für Jahr tapfer im Kräutergarten und duftet würzig vor sich hin. Im Sommer läßt er kleine zartrosa Blüten sprießen. Bis in den Winter hinein kann man frische Blätter ernten.

Die kleinen Blätter lassen sich ziemlich leicht vom holzigen Stengel rebeln und als Küchengewürz oder Tee verwenden. Povencalische Kochrezepte kann man sich ohne Thymian kaum vorstellen.

Als Heilpflanze ist der Thymian der reinste Tausendsassa. Es gibt kaum ein Einsatzgebiet, wo der Thymian nicht helfen könnte. Seine grösste Stärke liegt jedoch in seiner heilsamen Wirkung auf die Atmungsorgane.

Steckbrief

Heilwirkung:

-anregend,
-antibakteriell,
-beruhigend,
-blutstillend,
-desinfizierend,
-entzündungshemmend,
-krampflösend,
-pilztötend,
-schleimlösend,
-schmerzstillend,
-schweisstreibend,
-tonisierend,

-Atemwege
-Bronchitis,
-Husten,
-Keuchhusten,
-Reizhusten,
-Krampfhusten,
-Asthma,
-Erkältung,
-Halsentzündung,
-Heiserkeit,
-Kehlkopfkatarrh,
-Luftröhrenkatarrh,
-Zahnfleischentzündung,

Verdauungssystem
-Verdauungsschwäche,
-Sodbrennen,
-Blähungen,
-Magenbeschwerden,
-Durchfall,
-Mundgeruch,
-Leberschwäche,

Stoffwechsel
-Rheuma,
-Gicht,

Harnapparat
-Nierenentzündung,
-Blasenentzündung,
-Blasenschwäche,

Frauenheilkunde
-Menstruations fördernd,
-Menstruationsstörungen,
-Unterleibskrankheiten,
-Periodenkrämpfe,
-Eisprung fördernd,
-Geburts erleichternd,
-Wechseljahrsbeschwerden,

Nervensystem
-Nervenschwäche,
-Schlaflosigkeit,
-Alpträume,
-Epilepsie,
-Kater,

Bewegungsapparat
-Verstauchungen,
-Verrenkungen,
-Quetschungen,
-Gelenkschmerzen,

Haut
-Schwer heilende Wunden,
-Entzündete Wunden,
-Ekzeme,
-Schnittwunden,
-Pickel,
-Furunkel,
-Gesichtsrose,
-Erysipel,
-Gürtelrose,

wissenschaftlicher Name: Thymus vulgaris
Pflanzenfamilie: Lippenblütler = Lamiaceae
englischer Name: Thyme
volkstümliche Namen: Chölm, Demut, Echter Thymian, Garten-Thymian, Immenkraut, Kunerle, Römischer Quendel, Spanisches Kudelkraut, Welscher Quendel, Zimis,
Verwendete Pflanzenteile: Blätter
Inhaltsstoffe: ätherisches Öl, u.a. Thymol, Kampfer, Carvacrol, Zineol, Geraniol, Limonen, Linalool, Menthon, Terpinen, Bitterstoff, Gerbstoff, Flavonoide, Cumarine, Harz, Saponin, Salicylate, Pentosane, Stigmasterol, Beta-Sitosterol, Zink
Sammelzeit: April bis Oktober

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thy3

Anbautipps
Thymian Ursprünglich war der Thymian nicht frosthart, aber inzwischen gibt es Sorten, z.B. „Deutscher Winter“, die den Winter in Mitteleuropa problemlos überstehen und sogar immergrün sind.

Die winterharten Sorten gedeihen gut in Gärten, bevorzugt auf magerem Boden bei voller Sonne.

Auch in Töpfen und Schalen kann man den Thymian anpflanzen, dann darf man ihn aber nicht zu sehr austrocknen lassen, im Gegensatz zum Anbau im Freiland, wo ihm Trockenheit meistens nicht viel ausmacht.

Man kann den Thymian ansäen oder fertige Pflanzen kaufen und in den Garten pflanzen.

Wenn man den Thymian selbst ansät, dann sät man ihn am besten im zeitigen Frühjahr in Töpfen an. Als Erde nimmt man Anzuchterde vermischt mit etwas Sand.

Die Samen werden auf die angefeuchtete Erde gesät und mit etwa zwei Zentimeter Erde bedeckt.

Die Deckerde gut anfeuchten, aber nicht durchnässen.

Während der Keimdauer muss die Erde immer leicht feucht gehalten werden.

Nach etwa zehn Tagen bis drei Wochen keimen die kleinen Thymianpflanzen.

Die jungen Thymianpflanzen brauchen möglichst viel Licht und wollen ins Freie, sobald der Frühling es zulässt.

Wenn die Thymianpflanzen etwa zehn Zentimeter gross sind, kann man sie ins Freiland pflanzen oder in grössere Töpfe umtopfen.

Im ersten Jahr ist der Thymian noch recht zart und sollte nur vorsichtig beerntet werden.

Erst ab dem zweiten Jahr gewinnt er Thymian deutlich an Kraft und Grösse.

Gefunden bei Hildegards Kräuterkunde

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Bertram

Der Bertram ist eine mysteriöse Heilpflanze, die im Mittelmeerraum heimisch ist. Sie ähnelt der Kamille, schmeckt aber sehr scharf.

In der Pflanzenheilkunde spielt sie kaum eine Rolle, auch in den meisten Kräuterbüchern fehlt sie. Wenn Hildegard von Bingen den Betram nicht für die tägliche Ernährung und als Heilkraut empfohlen hätte, wäre der Betram vielleicht inzwischen völlig in Vergessenheit geraten.

Weil der echte Betram wohl nicht immer verfügbar war, haben mehrere andere Heilpflanzen den Beinamen „Betram“ erhalten. Sie sind jedoch kein „echter“ Betram.

Da gibt es beispielsweise die Sumpf-Schafgarbe, die dem echten Betram ähnlich sieht. Auch der Baldrian wird manchmal fälschlicherweise Betram genannt und ebenso der Estragon.

Steckbrief

Heilwirkung: adstringierend,
-verdauungsfördernd,
-hautreizend,
-nervenstärkend,
-schleimlösend,
-Herzleiden,
-Lungenkrankheiten,
-Magen stimulierend,
-Mundwasser,
-Angstzustände,
-Rheumatismus,
-Schlaflosigkeit,
-Zahnschmerz,
-Speichel fördernd,
-Bettnässen,
-Insektenbekämpfung,
-Diabetes (umstritten),

wissenschaftlicher Name: Anacyclus pyrethrum
Pflanzenfamilie: Korbblütler = Asteraceae
englischer Name: Pellitory
Verwendete Pflanzenteile: Wurzel
Inhaltsstoffe: Pellitorin, Pyrethrin, ätherische Öle, Inulin, Gerbstoffe, abwehrsteigernde Zuckerverbindung
Sammelzeit: Herbst

Bertram

Gefunden bei Hildegards Kräuterkunde

Anwendung
Die Betramwurzel wird meistens als Pulver verwendet.

Aber auch als normaler Tee, Tinktur und in Salben kann man den scharfen Betram einsetzen.

Hildegard von Bingen empfiehlt Betram wegen seiner verdauungsfördernden und säftereinigenden Wirkung. Ausserdem schätzt sie ihn für seine Hilfe gegen Lungenleiden, Herzleiden und Magenprobleme.

Ein Rezept von Hildegard gegen Lungenleiden:
Man kocht Wachholderbeeren, zweimal soviel Wollblume und viermal soviel Bertram in gutem reinen Wein, lässt dies darauf in einem Topfe und giebt rohen, in Stücke zerschnittenen Alant hinzu, filtrirt und nimmt das Getränk zwei oder drei Wochen lang nüchtern und auch nach der Mahlzeit, bis man gesund ist.
Pflanzenbeschreibung
Betram ist heimisch im Mittelmeerraum, Arabien und dem Kaukasus.

In Mitteleuropa kommt er nur angebaut vor.

Seine Gestalt ähnelt der Kamille, er ist jedoch eine scharf schmeckende Pflanze.

Die Stengel wachsen teilweise am Boden entlang, bevor sie sich in die Senkrechte erheben. Jeder Stengel trägt eine Blüte mit einem gelben Körbchen und weissen Zungenblüten.

Die luftigen Blätter sind fiederartig eingekerbt.

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Die Irrfahrt des Odysseus 1

Troia war gefallen, das Heer der Griechen heimgekehrt. Wer dem Schlachtentod und der stürmischen See entronnen war, saß zu Hause bei seinem Volk; ob glücklich oder unglücklich, er war daheim! Nur Odysseus, Sohn des Laertes und Fürst von Ithaka, weilte noch fern auf der Insel Ogygia, wohin ihn nach mancherlei Irrfahrten und schweren Prüfungen ein Sturm verschlagen hatte. Die Herrin der Insel war die unsterbliche Nymphe Kalypso, eine Tochter des Riesen Atlas. Sie hielt den Helden in einer wunderbaren Grotte gefangen, sie begehrte ihn zum Gemahl und versprach ihm Unsterblichkeit und ewige Jugend, wenn er sich ihr vermählte. Odysseus aber blieb seiner Gattin Penelope treu und sehnte sich nach der Heimat. Sein Los rührte endlich auch die Himmlischen. Nur Poseidon zürnte dem Gefangenen unversöhnlich, weil Odysseus seinen Sohn, den einäugigen Riesen Polyphemos, geblendet hatte. Doch weilte der Flutengott gerade fern an Afrikas Gestade, wo er sich über die Opfer freute, die ihm die frommen Aithiopier darbrachten. Die Götter entsandten nach einhelligem Ratschluss Hermes zur Insel Ogygia. „Durchfliege die Luft auf schnellem Schuh“, befahlen sie dem Boten, „finde die Nymphe und verkünde ihr, dass Zeus und wir alle dem Dulder die Heimkehr bestimmt haben. Eile!“ Hermes tat, wie ihm geheißen. Zugleich schwang sich Athene stürmenden Schrittes vom Olympos hinab; auf goldenen Sohlen schwebte sie über Wasser und Land dahin und hielt bald auf Ithaka, der felsigen Kalkinsel im Ionischen Meer. Ihre Göttergestalt war verwandelt: dem tapferen Mentes, dem König der Taphier, glich sie nun. So schritt sie, die ragende Lanze in der Faust, den Weg zum Königshause des Odysseus hinan. Im Palaste des Fürsten sah es wüst aus. Als Jahr um Jahr verfloss, ohne dass Odysseus heimgekommen wäre, hatte sich allmählich die Ansicht verbreitet, er sei auf dem Meere umgekommen, samt seinem Schiffe für immer verschollen. Da machte sich aus Ithaka selbst, wo manche reiche und mächtige Leute auf ihren Höfen hausten, eine Menge Freier auf, zu denen noch andere von benachbarten Inseln stießen, über hundert an der Zahl. Die kamen mit einem Herold, einem Sänger, zwei geübten Köchen und stattlichem Sklavengefolge daher, ließen sich in Odysseus‘ Palast und den Wirtschaftsgebäuden häuslich nieder und verprassten das Gut des abwesenden Herrn in üppigen Gelagen. Sie gaben alle vor, um die Hand der Witwe zu werben, und warteten auf den Tag, da Penelope einen von ihnen zum Mann nähme. Drei Jahre schon trieben sie es so, und ihr Übermut kannte keine Grenzen. Athene durchschritt den Hof des Hauses, da saßen die Freier beim Brettspiel, und wer nicht gerade die bunten Steine schob, der lag müßig und faul auf den Häuten der geschlachteten und verzehrten Rinder, indes im Saal die Sklaven hin und her eilten, in gewaltigen Krügen den Wein mischten, mit nassen Schwämmen die zahlreichen Tische wuschen und das duftende, dampfende Fleisch für die nächste Mahlzeit in Stücke schnitten. Kummervollen Herzens saß Telemachos, der Sohn des Odysseus, unter den frechen Freiem, das Haupt in die Hand gestützt, und sehnte den Vater herbei. Immer schwebte ihm sein Bild vor der Seele, und es glich dem eines strahlenden Halbgottes, der in goldenem Helm und Harnisch einherschritt, mit wilden, siegenden Streichen die Freier tötete oder vertrieb und sich wieder zum Herrn des Hauses und all seines Gutes machte. Gesehen hatte Telemachos seinen Vater ja nie, er war geboren worden, als Odysseus die Heimat verließ, um vor Troia zu kämpfen. Ach, Vater, warum kommst du nicht! dachte er im stillen, und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Jünglingsbrust. In diesem Augenblick gewahrte er Athene in König Mentes‘ Gestalt. Er kannte den alten Gastfreund seines Vaters nicht, ging aber sogleich freundlich auf ihn zu, reichte ihm die Hand und nahm ihm die schwere Lanze ab. Er begleitete den Fremdling in den Saal, stellte die Waffe in den Speerbehälter zu den Lanzen des Odysseus und führte den Gast zu einem Thronsessel mit schön gewirktem Polster. „Beliebt es Euch, so nehmt hier am Tische Platz“, sprach Telemachos, und da sich Athene niederließ, schob er ihr einen Schemel unter die Füße. Dann winkte er eine Dienerin herbei, die goss aus goldener Kanne laues Wasser über die Hände des Gastes in ein silbernes Becken. Die Schafferin brachte Brot und Fleisch herbei, ein Diener zerlegte die Speisen, ein anderer sorgte für Wein. So ward die Göttin bewirtet. Bald kamen auch die hungrigen Freier aus dem Hofe herein, setzten sich laut lachend und schwatzend zu Tisch, lümmelten sich nach üppigem Mahl und reichlichem Trunk träge in die prächtigen Sessel und verlangten nach Reigentanz und Gesang. Und schon erhob sich Phemios, der Sänger, wenn auch widerwillig – er liebte Odysseus! schlug die Harfe und sang, indes die schönsten der aufwartenden Mägde einander die Hände zum Reigen reichten. „Wenn du ein Freund meines Vaters bist“, flüsterte Telemachos dem hohen Fremdling ins Ohr, „so muss dich dies widerwärtige Treiben mit Zorn und Trauer erfüllen – sieh nur, wie sie meines Vaters Gut verprassen, indes sein Gebein vielleicht an fremdem Gestade unbestattet modert! Wie würden diese schmausenden Memmen alle das Weite suchen, kehrte er glücklich heim! Doch sage mir nun, edler Gast, wer du bist und woher du kommst!“ „Ich bin König Mentes und herrschte über die Insel Taphos“, antwortete Athene. „Von dorther kam ich zu Schiff nach Ithaka, weil es hieß, Odysseus sei wieder daheim. Er starb noch nicht, das weiß ich gewiss. Die Götter lieben ihn, darum prüfen sie ihn und machen ihm die Rückkunft so schwer. Sicherlich halten ihn wilde Barbaren auf einem Eiland fest, aber mir sagt mein weissagender Sinn, dass der Listenreiche bald einen Weg zur Heimkehr finden und eines nicht mehr fernen Tages hier im Saale stehen wird… Wie du ihm gleichst! Sein Auge blickt mich aus deinem an! Oh, ich kannte ihn gut. Seit er nach Troia fuhr, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Doch nun antworte mir du: Wer sind diese Leute und was wollen sie hier?“ „Freier sind es, schamlose Kerle aus der Nachbarschaft“, erwiderte Telemachos, „sie essen uns arm und schänden unser königliches Haus mit ihrer Anwesenheit. Meine Mutter umwerben sie, doch sie kann sich nicht entscheiden, ihr Herz gehört Odysseus, sie glaubt nicht an seinen Tod. Ach, wäre er doch gestorben! Vor Troja gefallen wie Achilleus! Dann hätten auch ihm die Danaer ein Denkmal aufgeschüttet, und sein Name überstrahlte noch die fernsten Geschlechter! So aber machen ihn diese Schurken zum Bettler und besudeln sein Ansehen und das meine. Sie verwüsten mein Haus und werden mich wohl bald umbringen!“ Da fuhr Athene in zornigem Schmerz auf: „Wehre dich! Du bist kein Kind mehr, groß und stattlich bist du geworden, so sorge dafür, dass der Name des Telemachos nicht dereinst zum Spottnamen wird! Tritt vor die Freier hin und fordere sie auf, das Haus zu verlassen! Tun sie es nicht, so rüste unverzüglich das tüchtigste Schiff mit zwanzig Ruderern aus und mach dich auf, den Vater zu suchen! Zuerst fragst du am besten in Pylos beim greisen Nestor an. Erfährst du dort nichts, so wende dich nach Sparta zu König Menelaos. Vielleicht weiß er, wo dein Vater blieb, er kehrte als letzter von allen Griechen heim. Hörst du, dass Odysseus noch lebt und wiederkehren wird, reise zurück nach Ithaka und ertrage es noch ein Jahr. Ist Odysseus aber tot, so opfere und errichte ihm daheim ein Denkmal. Begehrt deine Mutter nach einem neuen Manne, so soll sie heimkehren zu ihrem Vater Ikarios, in dessen Palast man die Hochzeit bereiten möge. Weichen die Freier dann noch immer nicht aus deinem Hause, so sinne darauf, wie du sie durch List oder in offenem Kampfe tötest!“ Nachdem Athene so gesprochen hatte, legte sie des Mentes Gestalt ab und flog wie ein Vogel durch den Kamin davon. Stumm staunte Telemachos über das Verschwinden seines Gastes. Tief in der Seele ahnte er, dass eine Gottheit bei ihm gewesen war und ihm Kraft und Mut in die Brust gegossen hatte. Während er noch sinnend dasaß, sang Phemios eine traurige Weise von der schwierigen Heimfahrt der Griechen aus Troja. Das Lied drang durchs Haus empor in Penelopes Söllergemach und bewegte ihr Herz. Gefolgt von zwei Dienerinnen, erschien die Königin bald auf den Stufen, die in den Saal herabführten, und sprach unter Tränen zu dem Sänger: „Kannst du kein anderes Lied singen? Muss es dieses sein? Weißt du nicht, wie hart ich Odysseus erharre? Deine Weise quält mich, stimm eine andere an!“ Da schritt Telemachos zur Mutter hinan und redete freundlich zu ihr: „Tadle den Sänger nicht; was ihm gerade das Herz entzündet, damit erfreut er uns. Nicht sein Geist, der Götter Atem befeuert seinen Mund. Zeus selber gibt ihm die Lieder ein, darum zürne dem Sänger nicht. Lass ihn die Leiden der Danaer besingen, Odysseus ist nicht der einzige, der nicht heimkam – wie viel Helden sind vor Troja umgekommen, wie viel verschlang das unbarmherzige Meer! Kehre zurück ins Frauengemach zu Spindel und Webstuhl und lenke das Tagewerk der Mägde. Die Rede gebührt den Männern, und unter den Männern vor allem mir, dem die Herrschaft im Hause zukommt.“ Verwundert über des Sohnes festes, verständiges Wort, kehrte Penelope nach dem Söller zurück und beweinte dort in der Einsamkeit den fernen Gatten, bis ihr Athene süßen Schlummer auf Herz und Augen senkte. Nun wandte sich Telemachos zu den Freiem, die erstaunt aufgehorcht hatten, und rief: „Euch aber fordere ich auf, morgen auf dem Markt zu erscheinen, ich habe mit euch zu reden, und zwar vor dem ganzen Volk von Ithaka! Ich werde euch lehren, meines Vaters Gut zu verprassen! Zehrt künftig von eurer eigenen Habe, oder fürchtet die Strafe der Götter!“ Die Freier bissen sich auf die Lippen, als sie solche Worte hörten, doch wagte es keiner, Telemachos anzugreifen. Freilich, nach Hause gingen sie nicht, sondern tafelten und becherten erneut bis zum Abend. Am anderen Morgen in der Frühe riefen die Herolde alle Bewohner der Insel zur Versammlung, und auch die Freier folgten dem Ruf. Als dann Telemachos auf dem Markte erschien, machten ihm selbst die Greise ehrerbietig Platz, so hatte Athene seine Gestalt mit Hoheit umkleidet. Das Schwert über die Schulter gehängt, ließ er sich auf seines Vaters Stuhl nieder. Dann ergriff er zur Verwunderung aller das Zepter und erhob seine Stimme: „Hört mich an! Es ist das erstemal, dass ihr von mir zusammengerufen werdet, und ihr dürft mir glauben, dass mich nicht Hochmut dazu treibt, meines Vaters Amt zu üben. Hab und Gut eures Königs ist in Gefahr! Die edelsten Söhne unseres Landes umdrängen meine Mutter, von der sie meinen, sie sei bereits verwitwet. Statt jedoch bei ihrem Vater anzuhalten, wie es die gute Sitte heischt, schalten und walten sie in unserem Hause wie die Herren, schlachten das Vieh, verzechen des Fürsten Wein und laden unverdienten Schmerz auf meine Seele. Ihr Freier, schämt ihr euch nicht, wie Diebe, wie Räuber zu handeln? Hat euch mein Vater je beleidigt? Nein! Habe ich selbst euch jemals geschädigt? Hat euch meine Mutter gekränkt? Nein und abermals nein! Warum also reizt ihr meinen Zorn so maßlos?“ Und Telemachos schleuderte sein Zepter zu Boden. „Du trotziger Knabe“, erwiderte ihm Antinoos, einer der Freier, „dein Gebaren weckt nur unseren Hohn. Schmähe uns, soviel du willst, wir bleiben. Und was deine Mutter betrifft, so lässt du sie besser aus dem Spiel; denn allein ihren Ränken verdankst du, was dich so ärgert. Verheißt sie nicht bald diesem, bald jenem ihre Gunst? Sendet sie nicht bald diesem, bald jenem heimliche Liebesboten? Drei Jahre lang hält sie uns schon so hin mit trügerischem Herzen, wir aber sind ihr auf alle Schliche gekommen! Hat sie nicht gelobt, sich zu entscheiden, sobald sie ein Leichenhemd für Laertes, ihren Schwiegervater, fertiggewoben? Unermüdlich arbeitete sie daran, aber bei Nacht trennte sie das am Tage Gewobene listig wieder auf. Drei Jahre lang ließen wir uns täuschen, bis eine Magd das Geheimnis verriet; da zwangen wir Penelope, das Werk zu vollenden. Schicke sie nun endlich zu ihrem Vater zurück und gebiete ihr, sich zu vermählen, sei es einem Manne, den sie liebt, sei es einem, den ihr der Vater bestimmt. Gehorcht sie nicht, werden wir so lange von deinem Gute zehren, bis sie einen von uns zum Gemahl erwählt. Wir dulden keine unvermählte Fürstin.“ Voll Bitterkeit sprach Telemachos: „Euretwegen werde ich nicht meine Mutter aus dem Hause jagen. Ich weiß, ich bin zu schwach, um euch, die ihr jedes Gefühl für Recht und Unrecht verlort, zu bewältigen; ihr seid hundert, ich bin allein. Mein Vater freilich, der hätte es mit euch allen aufgenommen, und darum fordere ich vom Volke ein gutes Schiff mit zwanzig Ruderern, ich will den Vater suchen! Und bringe ich ihn heil nach Ithaka, wird euch seine Rache zerschmettern, so wahr ihm die Götter beistehen!“ Während Telemachos sprach, schwebten plötzlich, von Zeus entsendet, zwei Adler mit ausgebreiteten Schwingen vom Gebirge her über den Marktplatz. Sie umkreisten majestätisch die Versammlung, schlugen heftig mit den Flügeln und äugten drohend herab. Dann zerkratzten sie sich selber Hals und Kopf und stürmten nach rechts hin über die Stadt davon. Ein Raunen ging von Mund zu Mund: „Habt ihr das gesehen? Ein Zeichen der Götter! Schreckliches steht den Freiem bevor, Odysseus wird kommen und ihnen Tod und Verderben bieten!“ Die Freier aber lachten und bedrohten das Volk: „Geht heim und schweigt, ihr albernen Propheten, sonst vollziehen wir euren Unheilsspruch an euren eigenen Kindern! Es fliegen viele Vögel unter den Strahlen der Sonne umher, doch nicht jeder Flug bedeutet etwas! Odysseus starb in der Ferne, und wer weiß, ob es nicht gerade sein Tod ist, den diese Adler uns anzeigten?“ Telemachos schwieg. Aber Mentor, der treue Freund und Altersgenosse des Odysseus, dem der Held vor seiner Abfahrt nach Troja die Sorge um Haus und Hof anvertraut hatte, ergriff jetzt zornig das Wort. „Den Freiem verdenk ich es nicht“, rief er, „dass sie handeln, als kehrte ihr Fürst nie mehr wieder, aber dem Volke verarg ich’s, dass es stumm dasitzt und zuschaut, wiewohl es den Frevlern um ein Vielfaches überlegen ist. Schämt euch, ihr treulosen Feiglinge!“ Höhnend erwiderte ihm Leiokritos, einer der Frechsten unter den Prassern: „Schon gut, Mentor! Verhilf dem Telemachos zur Seereise, wir halten ihn nicht, möge ihn das Meer verschlucken samt allen, die an Odysseus‘ Heimkehr glauben! Und käme er wirklich, so hätte Penelope wenig Freude davon: im Kampfe mit so vielen erginge es ihm schlecht. Genug geredet! Gehe ein jeder an sein Geschäft!“ So löste sich die Versammlung auf. Jeder ging in sein Haus zurück, die Freier aber in den Palast des Königs. Telemachos schritt hinab an das Meer, wusch sich die Hände in der Flut und flehte den unbekannten Gott an, der tags zuvor bei ihm zu Gast gewesen. Sogleich nahte ihm Pallas Athene, doch diesmal in Mentors Gestalt. „Ich bin deines Vaters ältester Freund“, sprach sie, „ich will auch dein treuester sein, dir ein schnelles Schiff besorgen, wie du es brauchst, und dich selber begleiten. Eile nach Hause, steige hinab in deines Vaters Vorratskammer, wo Gold und Erz gehäuft liegen und die Truhen voll kostbarer Gewänder stehen, dazu Krüge voll duftenden Öles und Fässer, mit balsamischem Weine gefüllt. Dort lasse dir von Eurykleia, der wachsamen Schafferin, zwanzig Maß Mehl in Schläuche und zwölf Henkelkrüge mit Wein füllen. Sobald die Mutter ins Schlaf gemach gegangen ist, schaffe alles zum Hafen, doch sorge dafür, dass Eurykleia nicht schwätzt! Erst nach zwölf Tagen darf sie Penelope sagen, dass wir ausfuhren, den Vater zu suchen.“ Telemachos gehorchte, während Athene in des Jünglings eigener Gestalt zur selben Stunde bei dem reichen Bürger Noemon eintrat und von diesem Schiff und Ruderknechte entlieh. Dann mengte sie sich unter die Freier im Saal und machte sie so berauscht, dass ihnen die Becher aus den Händen fielen und sie in tiefen Schlummer sanken. Hierauf flog sie hinab ans Gestade, half in Mentors Gestalt, den Genossen die Zehrung an Bord zu bringen, und bestieg zuletzt an Telemachos‘ Seite selber das Schiff. Der Wind schwellte die Segel, sie stießen ab und glitten hinaus in die Nacht. Mit Sonnenaufgang lag Pylos, Nestors Stadt, vom den Blicken der Seefahrer. Gerade opferte das Volk dem Meeresgott schwarze Stiere, Nestor saß mit seinen Söhnen inmitten dem Menge beim Opfermahl. Die Ankömmlinge wurden freundlich begrüßt und bewirtet, auf dickwolligen Fellen saßen sie zu beiden Seiten des Königs und schmausten. Als Hunger und Durst gestillt waren, fragte Nestor: „Wer seid ihm und was führt euch nach Pylos?“ Da antwortete Telemachos: „Ich bin gekommen, nach meinem Vater Odysseus zu forschen. Weißt du, geliebter Greis, mir nicht zu sagen, wo er weilt? Schone mein Herz nicht und berichte mir alles!“ Da schüttelte Nestor das Haupt, traurig sprach er: „Arge Stürme trieben die Flotte dem Griechen auseinander, niemand weiß, wo Odysseus, der herrliche Held, blieb. Doch wende dich nach Sparta zum Fürsten Menelaos, der war am längsten von uns allen unterwegs, mag sein, dass der dir besser dienen kann als ich.“ Athene nickte und sprach: „So will ich nach unserem Schiffe sehen und dort die Nacht zubringen. Morgen früh fahre ich dann zum Volk der Kaukonen, ich habe dort eine alte Goldschuld einzutreiben. Den Telemachos aber, o König, sende zu Wagen nach Sparta und gönne ihm, bis dahin bei dir im Palast zu ruhen, es ist Abend geworden.“ So sprach die Göttin und flog in Adlergestalt davon. Alle sahen ihr staunend nach, Nestor aber ergriff Telemachos‘ Hand und sagte: „Lieber Sohn eines geliebten Helden, verzage nicht, da Götter deine Jugend beschirmen. Niemand anderer als Athene, die Tochter des Zeus, war dein Begleiter, wir wollen ihr morgen in allem Frühe ein jähriges Rind mit vergoldeten Hörnern opfern.“ Und so geschah’s. Als die Morgenröte die weißen Marmorquadern vor dem Palaste rosig färbte, auf denen vorzeiten Nereus, Nestors Vater und Vater der Meeresgöttin Thetis, zu sitzen pflegte, wurde eine Kuh herangeführt. Ein Goldschmied umkleidete ihre Hörner mit dem glänzenden Metall, und so geschmückt wurde das sanfte Tier der Göttin geweiht und geopfert, indes Nestor, auf den Marmorstufen ruhend, zusah, wie das Blut den Altar besprengte. Nach dem Mahle nahm Telemachos ein Bad, salbte seinen Leib, der einem Gotte an Schönheit glich, und bestieg dann mit Nestors unvermähltem Sohne Peisistratos den Wagen, der ihn nach Sparta bringen sollte. Peisistratos straffte die Zügel und schwang die Geißel, da flogen die Rosse dahin, Pylos versank im Rücken der Reisenden, und noch vom dem Abend gelangten sie nach Pherai zum Helden Diokles, wo sie die Nacht zubrachten. Am anderen Tage ging es zwischen üppigen Weizenfeldern weiter nach Sparta, das zwischen Bergen liegt. Dem Abend verdunkelte schon die Wege, als Telemachos und sein Begleiter den Königspalast betraten, wo es hoch herging, weil Megaphentes, des Königs Sohn, mit einer edlen Spartanerin Hochzeit hielt, bei welcher zugleich die Verlobung von Achilleus‘ Sohn Neoptolemos mit Hermione, des Menelaos und der Helena Tochter, gefeiert wurde. Der Fürst nahm die Jünglinge gastfreundlich auf. Er umarmte Telemachos und beweinte mit ihm das Los des Odysseus. Über den Verbleib des Laertiden aber konnte er nur berichten, was ihm der heilige Meergreis Proteus geweissagt hatte. „Ich war“, so erzählte Menelaos, „an Ägyptens Küste gelangt, des göttlichen Wesens Weisheit zu erfragen. Proteus aber, wie alle Wassergeister, verwandelte sich vor meinen Augen in immer neue Gestalten und entwischte mir lange. Bald war er Löwe, bald Schlange, bald Panther, bald Eber, zuletzt entschlüpfte er mir als hochwipfelnder Baum oder als schäumende Welle. Endlich bekam ich ihn in seiner wahren Gestalt zu fassen und zwang ihn, mir die Schicksale aller aus Troja heimkehrenden Helden zu offenbaren. Als ich ihn nach Odysseus befragte, antwortete er: Tränen der Sehnsucht sah ich Odysseus vergießen. Auf einsamer Insel fand ihn mein Geist, gefangen in schillernder Grotte. Kalypso, die Nymphe, hält ihn dort, an Schiffen gebricht’s dem Helden, an Ruderern, um nach Hause zu gelangen!‘ – Nun weißt du alles, was ich weiß, geliebter Telemachos.“ „Wenn Proteus dir das verkündete, so ist es auch wahr, unfehlbar ist sein Geist!“ rief Telemachos und sprang auf. Gerne hätte Menelaos ihn noch elf oder zwölf Tage bei sich gehabt und ihn dann, reich beschenkt, entlassen. Aber der junge Held ließ sich nicht halten. Kaum dass er am anderen Morgen ein Frühstück aus Schaf- und Ziegenfleisch zu sich nahm, so sehr trieb es ihn fort. Zum Abschied schenkte ihm der König einen Mischkrug aus Silber mit goldenem Rand. Es war eine unvergleichlich schöne Arbeit des kunstreichen Gottes Hephaistos selber. Während sich dies in Pylos und Sparta begab, schlemmten die Freier daheim in Ithaka lustig weiter und vergnügten sich zur Abwechslung mit Diskuswerfen und Speerschleudern vor dem Palaste des Odysseus. Als Antinoos und Eurymachos einmal abseits standen, um zu rasten, trat Noemon zu ihnen und sprach: „Wisst ihr vielleicht, wann Telemachos aus Pylos zurückkehrt? Er lieh sich von mir ein Schiff und Ruderknechte, Mentor begleitete ihn – oder war es ein Gott in dessen Gestalt? Ich sah doch Mentor noch gestern!“ Die Freier waren bestürzt. Zornig rief Antinoos: „Dieser Trotzkopf hat Großes im Sinn, seine Kühnheit kann uns noch schaden! Gebt mir einen Schnellsegler und zwanzig Ruderer, ich will ihm zwischen Ithaka und Samos auflauern und seiner Fahrt ein schreckliches Ende bereiten!“ Die Verschwörung der Freier blieb aber nicht unbelauscht. Ein Herold, der treu zu Penelope hielt, hatte alles gehört und berichtete es der Fürstin. In ihrem Unglück wandte sie sich an Athene um Hilfe, und als sie sich bald darauf zum Schlummer niederlegte, sandte ihr die Göttin ein Luftgebilde, das hatte die Gestalt von Penelopes Schwester Iphthime und sprach der Träumenden Trost zu: „Athene begleitet und schützt dein Kind, es kehrt dir wieder, sei ohne Sorge. Aus Mitleid mit dir schickte mich die Göttin hieher!“ Das stillte Penelopes Kummer, und als es Morgen wurde, erwachte sie fröhlich. Die Freier aber steuerten inzwischen auf bewegtem Meere jenem schroffen Felseneilande zu, das mitten in der Meerenge zwischen Ithaka und der Insel Samos liegt; Asteris heißt es. Dort legten sie sich zwischen den Klippen in einen Hinterhalt. Hermes, der Götterbote, schwang sich aus dem Äther hinab aufs Meer und flog wie eine Möwe über die tief blauen Wellen nach Kalypsos Insel, um der Nymphe mitzuteilen, was die Götter beschlossen hatten. Ein Hain aus Pappeln, Erlen und Zypressen, in deren Gezweig Habichte, Eulen und Krähen nisteten, beschattete die Grotte, ein mächtiger Weinstock mit purpurnen Trauben umrankte den Zugang. Rund um die Felsenhöhle entsprangen vier Quellen; sie bewässerten schwellende Wiesen voll Veilchen, Hyazinthen und würzigen Kräutern. Voll Bewunderung durchmaß Hermes dies Eiland. Er fand die Nymphe in ihrem Gewölbe am Herde sitzend, auf welchem duftendes Zedern- und Zitronenholz brannte. Odysseus traf er nicht an, den hatte Kalypso für eine Weile aus der Grotte entlassen; nun saß er am Gestade, beklagte sein Geschick und schaute sehnsüchtig auf das öde Meer hinaus, den Blick von Tränen getrübt. Hermes bestellte der Nymphe Zeus‘ Willen. Da hob Kalypso die Hände auf und rief voll Schmerz: „Wie grausam, wie neidisch seid ihr doch, ihr olympischen Götter, dass ihr einer Unsterblichen nicht gönnt, sich einen sterblichen Mann zum lieben Gemahl zu nehmen! Ich war’s, die Odysseus vom Tode errettete, als er, die Arme um den geborstenen Kiel seines Schiffes geklammert, elend und einsam an meine Küste trieb. Ich nahm ihn auf, ich stärkte ihn liebevoll und soll ihn nun wieder verlieren? Doch wer vermöchte etwas gegen den Willen des Zeus! Also mag er wieder hinausfahren auf das unendliche Meer. Mit Schiffen und Ruderern kann ich ihn freilich nicht versehen, wohl aber mit gutem Rat, damit er unversehrt die Heimat erreiche.“ Befriedigt nickte ihr Hermes zu und enteilte, wie er gekommen. Kalypso aber schritt hinab ans Ufer zu dem Trauernden. „Härme dich nicht länger“, sprach sie sanft, „ich entlasse dich. Zimmere dir ein Floß aus starken Bäumen, ich werde dich mit Speise versorgen und dir günstige Winde schicken. Kehre heim und sei glücklich.“ Misstrauisch blickte der Held die Göttin an. „Und wenn du mich nur auf das Floß setzest, um mich zu verderben? Schwöre mir bei Himmel, Erde und Styx, dass sich hinter deiner Freundlichkeit keine böse List verbirgt!“ Da schwur Kalypso, und der Dulder folgte ihr in die Grotte zum gemeinsamen Mahle. Als sie gegessen und getrunken hatten – Odysseus Fleisch, Brot und Wein, die Nymphe Nektar und Ambrosia -, sprach Kalypso: „Willst du mich wirklich verlassen und dich den Schrecken der tückischen Flut anvertrauen? O mein armer Freund, du weißt nicht, welche Leiden deiner noch harren! Kenntest du sie, du ließest dich gerne von mir mit Unsterblichkeit beschenken und bliebest immer bei mir. Die Gattin, nach der du dich so sehnst, würde ich dir wohl ersetzen können, oder darf sich Penelope, ein sterbliches Weib, mit mir, der Göttin, an Schönheit vergleichen?“ Odysseus antwortete: „Zürne mir nicht, du Erhabene! Sicherlich kann sich mein Weib nicht mit dir an Liebreiz und Hoheit messen -dennoch verlangt es mich nach Hause. Und wenn mich ein tobender Gott auf düsterem Meere verfolgte, ich will’s erdulden, nur um das Vaterland wiederzusehen. An Leid bin ich gewöhnt.“ Vier Tage brauchte Odysseus, dann war das Floß fertig. Es war aus dicken Bäumen gefügt und mit einem Bord umgeben, in der Mitte trug es den Mast, auch ein Steuerruder fehlte nicht; das Tuch für die Segel spendete Kalypso. Am fünften Tage badete Odysseus, legte frische Kleider an und sprang freudig auf sein Fahrzeug. Er setzte sich ans Steuer und lenkte das Floß mit vieler Kunst durch die Flut. Kein Schlaf beschlich ihn, Tag und Nacht wachte er und richtete sich nach den Gestirnen des Himmels. Kalypso hielt Wort: beständig waren die Segel von günstigen Winden geschwellt. So fuhr er siebzehn Tage durch das bewegte Meer, bis sich am achtzehnten endlich in der Ferne die dunklen Gebirge das Phaiakenlandes zeigten, das wie ein matter Schild im ruhigen, tief blauen Wasser lag. Jetzt aber entdeckte ihn Poseidon, der gerade aus Aithiopien heimkehrte und über die Berge an Asiens Küste hinschritt. Voll Zorn darüber, dass die Götter in seiner Abwesenheit den Helden aus Kalypsos Haft befreit hatten, stürzte er sich ins Meer und wühlte es mit seinem gewaltigen Dreizack auf, rief auch alle Winde und Wolken des Himmels herbei. Jäher Sturm umheulte das Floß, jähe Finsternis hüllte Meer und Erde ein. Odysseus zitterten Herz und Knie, er umklammerte das Ruder und seufzte: „Oh, warum fand ich nicht von den Speeren der Troer den Tod!“ Da riss ihm eine Sturzwoge das Steuer aus der Hand und spülte ihn selber über Bord, so dass er tief hinabsank. Als er sich wieder emporrang, sah er, dass der Mast abgebrochen war und samt dem Segel im Wasser schwamm. Mit Mühe und Not erreichte er das beschädigte Fahrzeug und zog sich hinauf. Als er so dahintrieb, tauchte auf einmal die Meergöttin Leukothea in Gestalt einer Möwe aus dem Strudel empor. Sie setzte sich neben den Dulder auf das Floß und sprach: „Lass dir raten, Odysseus! Lege dein schweres Gewand ab, umgürte die Brust mit dem Schleier, den ich im Schnabel halte, und überlasse dich schwimmend getrost allen Schrecken der Flut – Poseidon darf dich nicht vernichten! Mutig strebe zum Land der Phaiaken, und hast du das Ufer erreicht, so wirf mir den Schleier weit ins Meer hinaus!“ Die Göttin verschwand. Odysseus, ihren Worten misstrauend, saß mit dem Schleier in der Hand unschlüssig auf dem Floß. Doch da sandte ihm Poseidon seine wildeste Woge, die riss alle Balken auseinander und beraubte den Helden jedes Haltes. „Da irre hin, von Jammer umringt!“ rief der Gott mit dem Dreizack. „Elend über Elend sollst du erdulden!“ Und kehrte zurück in seinen Palast. Wie sich ein Reiter auf sein Pferd schwingt, so schwang sich Odysseus auf einen der treibenden Balken, riss sich die Kleider ab, band den Schleier um und sprang ins Meer. Zwei Tage und zwei Nächte irrte er so, dem Tode näher als dem Leben, auf den finsteren Wogen umher, bis sich das Meer endlich beruhigte und unter friedlich blauem Morgenhimmel ein waldiges Ufer ganz nahe vor seinen Blicken lag. Aber es waren ihm Klippen vorgebaut, nirgends war eine Bucht zu sehen. Machtvoll warf die Flut den Ermatteten gegen das Gestade, und er wäre sicherlich zerschmettert worden, hätte er sich nicht mit letzter Kraft an die Felsen geklammert. Die zurückflutende See riss ihn zwar wieder mit sich, wobei Fetzen seiner Haut am Gestein hängenblieben, doch als er aus der Brandung wieder auftauchte, entdeckte er die Mündung eines Flusses und schwamm, ein Stoßgebet an den unbekannten Flussgott in der Seele, auf sie zu. Der Angerufene erbarmte sich seiner, staute die Strömung, und Odysseus wurde von der nächsten starken Meereswoge landeinwärts getrieben. Hier erklomm er das Ufer des Flusses und sank ohnmächtig zu Boden; aus Mund und Nase strömte ihm das Salzwasser, der Atem verließ ihn. Als sich seine Brust endlich wieder hob und er die Augen aufschlug, löste er sich mit einem stillen Dankeswort den Schleier der Göttin Leukothea ab und warf ihn ins Wasser; eilig trugen ihn die Wellen der Geberin zurück. Es war Nacht geworden. Angesichts der blinkenden Sterne warf sich Odysseus nieder und küsste die wiedergewonnene Erde. Dann erstieg er einen nahen Hügel, den Wald bedeckte, fand unter zwei verschlungenen, dichtbelaubten Olivenbäumen eine geschützte Ruhestatt und häufte sich dort aus herabgefallenen Blättern ein warmes Lager. Er kroch bis zum Halse hinein, und bald goss sich erquickender Schlaf über seine Augen aus, der ihn alle Leiden vergessen ließ, die überstandenen wie die kommenden. Während Odysseus so im Walde lag und schlief, war seine Beschützerin Athene liebreich auf ihn bedacht. Die Phaiaken, an deren Land sich der Schiffbrüchige gerettet hatte, bewohnten eine mit Mauern umgürtete Stadt, dort herrschte ein weiser König mit Namen Alkinoos. Seine Tochter, schön und anmutig wie eine der Unsterblichen, hieß Nausikaa. In deren Schlafgemach begab sich Athene, leise wie ein Lüftchen trat sie der Jungfrau zu Häupten und rief die Träumende in der Gestalt einer ihrer Gespielinnen an: „Ei, du träges Mädchen, wie wird dich die Mutter schelten! Die Edelsten deines Volkes werben um dich, die schöne Königstochter, du aber hast nichts vorbereitet, womit du deine Jungfrauen und die Brautführer kleiden könntest, wenn der Tag deiner Hochzeit herannaht. Ungewaschen liegen die schönen Gewänder in Schränken und Truhen auf, erhebe dich mit der Morgenröte und wasche sie!“ Das Traumbild entschwand. Eilig erhob sich Nausikaa und suchte die Eltern auf. Die Mutter saß am Herde und spann purpurne Seide. Den Vater traf sie unter der Pforte; er wollte gerade zur Ratsversammlung der Fürsten gehen, die er einberufen hatte. „Ach, Väterchen“, sprach sie schmeichelnd zu ihm, „lass mir einen Lastwagen anspannen, ich will meine kostbaren Kleider hinab zum Fluss bringen und dort waschen, sie liegen so schmutzig umher! Auch deine und deiner fünf Söhne Gewänder will ich mitnehmen, du und die Brüder, ihr wollt doch auch sauber im Rat und beim Reigentanz erscheinen, und die Mutter kann nicht an alles denken.“ Dass ihr die eigene Hochzeit im Sinne lag, verschwieg Nausikaa schamhaft, aber der Vater merkte es doch. „Geh nur, mein Kind“, sagte er lächelnd, „die Knechte sollen dir anspannen.“ Alsbald trug Nausikaa mit ihren Mägden die feinen Kleider aus der Kammer und belud den Wagen. Die Mutter versorgte sie mit süßem Gebäck, Obst und Wein, gab ihnen auch ein Fläschchen voll Salböl mit, das die Mädchen nach dem Bade gebrauchen sollten; dann schwang sich Nausikaa auf das Gefährt, ergriff Zügel und Geißel und lenkte die Maultiere mit kundiger Hand zum Fluss hinab. Die Gespielinnen schritten nebenher. Am Ufer angekommen, spannten sie die braven Tiere aus, ließen sie im saftigen Gras weiden und legten die Gewänder in die Erdtröge, die auf dem Waschplatz gegraben waren. Sie stampften die Kleider mit den bloßen Füßen, spülten die Flecke heraus und breiteten sie dann Stück für Stück auf den blanken Kieseln am Meeresstrande zum Trocknen aus. Hierauf sprangen sie alle nackt in den Fluss, tummelten sich scherzend im Wasser umher, salbten sich nach dem Bade mit dem duftenden Öl und setzten sich zum Frühstück. Als sie gesättigt waren, vertrieben sie sich die Zeit mit lustigem Ballspiel, und als Nausikaa einmal den Ball einer Gespielin zuwarf, lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige Athene so, dass er statt in die Hände des Mädchens in das wirbelnde Flusswasser fiel. Laut kreischten die Spielenden auf und weckten mit ihrem Schrei Odysseus im nahen Wald. Horchend richtete der Held sich auf und sprach zu sich selber: „Sind das nicht arglose Mädchenstimmen? Es klingt, wie wenn Berg- oder Quellnymphen in übermütigem Spiele einander jagen. Den Göttern sei Dank, ich bin in gesitteter Menschen Land geraten, nicht unter wilde Räuberhorden!“ Er brach sich aus dem wuchernden Gehölz einen starken, belaubten Zweig, bedeckte damit seine Blöße und tauchte so aus dem Dickicht hervor. Wie ein wilder Berglöwe erschien er den Jungfrauen, die schreiend nach allen Seiten auseinander flohen. Nur Nausikaa floh nicht. Athene hatte ihrem Herzen Mut eingeflößt, und so stand sie still und erwartete den seltsamen Fremdling, der von Meerschlamm noch ganz besudelt war; wirr starrten ihm Haupthaar und Bart. „Ob du eine Göttin bist oder eine sterbliche Jungfrau“, rief Odysseus der Königstochter von weitem zu, „erbarme dich meiner, schutz-flehend nahe ich dir. Ein Meersturm warf mich fern meiner Heimat an diesen Strand. O gib mir Kleidung und zeige mir die Stadt, in der du wohnst! Mögen dir die Götter dafür alles geben, wonach dein edles Herz begehrt: einen Gatten, ein eigenes Haus, und Frieden und Eintracht dazu!“ „Du scheinst mir weder böse zu sein noch ein Tor“, erwiderte Nausikaa. „Phaiaken bewohnen dies Land, ihr König heißt Alkinoos, und ich bin seine Tochter.“ So sprach sie und rief ihre Dienerinnen herbei. Die verschreckten Mädchen legten dem Helden einen Mantel und einen Leibrock ins Gebüsch, reichten ihm auch das goldene Fläschchen mit dem Salböl. Odysseus wusch und salbte seinen Leib, strählte sein Haar, so gut es ging, und legte die Kleider an. Als er wieder hervortrat, staunte Nausikaa über seine herrliche Gestalt und sagte zu den Gespielinnen: „Diesem Manne sind gewiss nur wenige Götter feindlich gesinnt; seht nur, wie ihn Hoheit und Anmut umstrahlen! O lebte doch ein solcher unter unserem Volk und wäre mir zum Gemahl erkoren! Auf, ihr Mädchen, stärkt ihn mit Speise und Trank!“ Dankbar labte sich Odysseus an der lang entbehrten Nahrung. Hierauf wurde der Wagen mit der inzwischen getrockneten Wäsche beladen, die Mägde spannten die Maultiere davor, und Nausikaa schwang sich auf den Sitz. „Folge mit meinen Mädchen zu Fuß“, sagte sie freundlich zu Odysseus, sie werden dich geleiten, solange es durch Wiesen und Äcker geht. Erblickst du die Stadt, so findest du dich leicht allein zurecht. Unser Volk ist schwatzhaft und steckt voll Übermut, da will ich vermeiden, dass irgendein Bauer, der uns begegnet, sagt: Ei, ei, wer ist der schöne Fremdling, der Nausikaa folgt? Wo hat sie den wohl aufgestöbert? Sicherlich wird er ihr Gemahl! – Ich kann solches Gerede nicht leiden, darum verbirg dich im Pappelgehölz vor der Stadt – es ist der Athene heilig – und warte, bis wir deinen Augen entschwunden sind. Dann erst suche nach meines Vaters Palast, der unter allen Häusern hervorragt, und umfasse dort die Knie meiner Mutter. Gewinnst du ihr Herz, so darfst du sicher hoffen, deiner Väter Heimat bald wieder zu schauen.“ So sprach Nausikaa und fuhr mit dem Wagen dahin, doch langsam, damit die Mädchen und Odysseus folgen konnten. Nausikaa hatte den väterlichen Palast erreicht, als Odysseus den heiligen Hain verließ und gleichfalls den Weg nach der Stadt einschlug. Er hatte im Schatten der Pappeln zu Athene, seiner Beschützerin, gebetet, und nun trat ihm die Göttin vor dem Tore in der Gestalt eines Phaiakenmädchens entgegen, einen Wasserkrug in der Hand. Er fragte sie nach dem Königshause, und Athene zeigte ihm freundlich den Weg dahin. Odysseus betrat die Stadt, bewunderte die treffliche Anlage des Hafens und betrachtete voll Schauer den prächtigen Tempel des Meergottes Poseidon, den die Phaiaken als tüchtige Seefahrer, die sie waren, besonders verehrten; mit Pfeil und Bogen machten sie sich weniger zu schaffen. Auf dem Marktplatz, den Odysseus überquerte, wurden Seile gedreht und Ruder geschnitzt und allerlei anderes Schiffsgerät feilgeboten. Kein neugieriger Blick, kein zudringliches Wort störten den Fremden, Athene entzog ihn gnädig allen Blicken. Er gelangte ungesehen bis vor den Palast, der hell wie die Sonne strahlte. Hinter der Schwelle des äußeren Tores umfingen den Eintretenden Wände aus gediegenem Erz mit Simsen aus bläulichem Stahl. Die Türe zur inneren Wohnung hing in silbernen Pfosten, die auf eherner Schwelle ruhten, und war ganz aus purem Gold. Goldene und silberne Hunde, unvergleichliche Meisterwerke des Götterschmiedes Hephaistos, standen zu beiden Seiten als drohende Wächter. Im Garten des Königs reiften die saftigsten Birnen und Äpfel, gediehen die süßesten Feigen und zartesten Oliven. Ein Quellbach schlängelte sich zwischen den Bäumen dahin, ein zweiter sprudelte unterhalb der Schwelle des Hofes, ganz dicht am Palaste, hervor. Aus ihm schöpften die Bürger ihr Wasser. Im Palaste waren fünfzig Dienerinnen beschäftigt, die einen mahlten auf der Handmühle Getreide, die anderen wirbelten die Spindel, wieder andere woben feines Gewebe. Im großen Saal standen an den Wänden bequeme Sessel, mit Teppichen belegt, auf welchen die Fürsten beim Königsmahl zu sitzen pflegten; und sie saßen dort oft und lange, denn dies Volk liebte festlichen Schmaus und Umtrunk sehr, desgleichen Gesang und das Wort der Dichter. Goldene Jünglingsstatuen mit brennenden Fackeln in der erhobenen Hand leuchteten den Gästen beim nächtlichen Mahl. Als Odysseus den Palast betrat, fand er die Fürsten beim Schmaus. Er durchschritt den Saal und blieb vor dem Thronsitz der Königin Arete stehen. Auf einen Wink Athenes wurde Odysseus sichtbar, warf sich vor der Königin nieder und umfasste ihre Knie. „Schutzflehend nahe ich mich dir und deinem hohen Gemahl“, rief er. „Erbarmet euch mein! Wie ein Verbannter irre ich in der Fremde umher. Helft mir, dass ich die Heimat wiedersehe! Mögen euch die Götter dafür Gesundheit und langes Leben schenken!“ Nach diesen Worten erhob er sich vom Boden, ging zum offenen Herd, auf welchem das Feuer brannte, und setzte sich dicht daneben demütig in die erkaltete Asche. Die Phaiaken waren vor Staunen stumm. Bald aber brachen sie ihr Schweigen und riefen: „O König, es schickt sich nicht, dass dieser Mann in der Asche hockt! Edel scheint uns der Fremdling, so biete ihm einen Sitz an und befiehl den Herolden, neuen Wein zu mischen, wir wollen Zeus, dem Beschirmer der Gastfreundschaft, ein Trankopfer darbringen!“ Alkinoos gefiel diese Rede. Er stand auf, nahm Odysseus gütig an der Hand und führte ihn zu einem Sitz an seiner Seite, wo sein eigener Sohn und Liebling Laodamas ihm Platz machen musste. So tafelte der Held mitten unter Helden, und als das Trankopfer dargebracht war und die Gäste sich erhoben, lud der König alle für den nächsten Tag zu einem Freudenmahl ein. Nun erst fragten Alkinoos und Arete den Fremdling, wer er sei und woher er komme. Odysseus verschwieg seinen Namen, erzählte hingegen ausführlich, wie es ihm als Gefangener Kalypsos auf der Insel Ogygia ergangen sei und was er seit seiner Abfahrt von dort alles erlebt habe. Voll Dankbarkeit gedachte er am Ende auch der schönen Nausikaa, die ihn so edelmütig behandelt hatte. Das Königspaar lauschte gespannt seiner Erzählung und fragte nicht mehr weiter. Alkinoos versprach ihm sicheres Geleit in die Heimat und wies ihm eine Kammer und ein Nachtlager an. Da verabschiedete sich der Held und ruhte, in weiche Kissen gebettet, von allen erduldeten Mühsalen aus. Tags darauf berief der König die vornehmsten Bürger der Stadt zu einer Ratsversammlung auf den Marktplatz. Sein Gast musste ihn dorthin begleiten, und als sie beide auf zwei schönbehauenen Steinen nebeneinander Platz genommen hatten, ruhten aller Augen bewundernd auf Odysseus. In feierlicher Rede erbat Alkinoos für den edlen Fremdling ein gutes Ruderschiff mit zweiundfünfzig Jünglingen als Besatzung, und die Häupter des Volkes gewährten ihm diesen Wunsch. Hierauf lud der König auch sie zum Festmahl ein. Bald wimmelten Höfe und Hallen von Geladenen. Zwölf Schafe, acht Schweine und zwei Stiere waren für den Schmaus geschlachtet worden, an mächtigen Spießen drehten sich die Braten über dem Feuer. Als sich die Gäste zum Mahle niederließen, führte ein Herold den Sänger Demodokos herein, der war blind. Die Muse hatte ihm das Licht der leiblichen Augen genommen und ihm dafür die Augen der Seele so weit geöffnet, dass er ins Reich der Götter schauen konnte; Vergangenes wie Künftiges erschloss sich seinem Geist. An einer breiten Säule stand ein silberbeschlagener Sessel für ihn bereit, dort ließ er sich nieder. Zu seinen Häupten hängte man die Harfe auf. Als nun das Mahl beendet war, wollte Demodokos singen. Man hob sein Saitenspiel vom Nagel und legte es ihm in den Arm. Er besang die Heldentaten der Griechen vor Troia – längst waren sie ja zum Liede geworden! -, er sang von Achilleus und von Odysseus, und als dieser seinen Namen von den Lippen des ihm fremden Sängers tönen hörte, entstürzten seinen Augen die Tränen, und er verhüllte sein Haupt. Alkinoos befahl sogleich, den Gesang zu enden, den traurigen Gast vielmehr durch Kampfspiele zu ermuntern und zu ehren. Die Menge strömte auf den Markt hinaus, hier maßen sich drei Söhne des Alkinoos und viele andere Jünglinge im Wettlauf und im Springen, im Ringen und im Scheibenwerfen. Sie forderten auch Odysseus auf, sich am Wettspiel zu beteiligen, doch dieser sprach: „Ihr Jünglinge, wollt ihr mich kränken? Ich habe anderes im Sinn. Trübsal nagt an mir, mich verlangt einzig nach Heimkehr.“ Da neckte ihn einer der Jünglinge, der im Wettstreit gesiegt hatte. „Fürwahr“, rief er, „du benimmst dich nicht wie ein Mann, der zu kämpfen versteht. Held bist du keiner – wohl ein Schiffshauptmann oder ein Kaufherr, wie?“ Odysseus blickte den Spötter an und sprach: „Ungleich verteilen die Götter ihre Gaben. Oft sieht einer aus wie ein Gott, aber in seinen Worten ist wenig Witz – zu der Sorte gehörst du, übermütiger Knabe. So anmutig du bist, so unfein und töricht ist deine Rede. In meiner Jugend, da nahm ich es wohl mit dem Tüchtigsten auf, doch seither haben mich Schlachten und Stürme heruntergebracht. Dennoch will ich’s versuchen, weil du mich herausgefordert hast!“ Damit erhob er sich von seinem Sitz und ergriff eine steinerne Scheibe, die da lag. Sie war größer und schwerer als die, deren sich die Phaiaken beim Spiel bedienten. Ohne den Mantel abzulegen, holte Odysseus aus und schleuderte den gewaltigen Diskus. Rund und blitzend wie das Rad an Helios‘ Sonnenwagen surrte er durch die Luft und fiel weit jenseits des Zieles zu Boden. Noch nie war im Phaiakenlande ein solcher Wurf getan worden. Einer der Männer, von Pallas Athenes Geist ergriffen, setzte ein steinernes Mal an den Ort, wo die Scheibe niedergefallen war, und die Göttin sprach durch seinen Mund: „Dies Zeichen kann auch ein Blinder erkennen, so weit liegt es von den anderen Marken ab. Nie wirst du in diesem Kampfe besiegt werden!“ Da freute sich Odysseus, weil er im Volk einen Freund gefunden hatte, und mit leichterem Herzen sprach er, nicht mehr zürnend: „Nun, ihr Jünglinge, schleudert mir dorthin nach, wenn ihr könnt. Und ihr, die ihr mich beleidigt habt, kommt her und messt euch mit mir, in welchem Kampf ihr wollt. Nur mit des Königs Söhnen mag ich nicht kämpfen – wer stritte gern mit dem, der ihn bewirtet?“ Stumm sahen die Jünglinge auf Odysseus. So hoch der Held die Troer an List überragt hatte, so hoch überragte er die Phaiaken an Kämpferkraft. König Alkinoos trat auf ihn zu und sprach: „Niemand wird hinfort an deiner Stärke zweifeln, edler Fremdling. Doch mögest du dereinst daheim bei Weib und Kind auch unserer Taten gedenken. Wir sind zwar nicht die Ersten im Faustkampf und im Ringen, aber als Wettläufer und Seefahrer, da stellen wir unseren Mann. Und im Saitenspiel und im Reigentanz sind wir vollends unerreichte Meister. Den leckersten Schmaus, den schönsten Schmuck, das lindeste Bad und das weichste Bett, die findest du bei uns. Auf denn, ihr Tänzer und Schiffelenker, ihr Läufer und Sänger, ihr Köche und Badewärter – zeigt unserem Gaste eure Kunst, auf dass er zu Hause etwas von euch zu erzählen habe!“ Da ordneten sich die Jünglinge zum Reigen. Da flogen sie wie junge Hirsche über die Rennbahn. Saitenspiel und wonniger Gesang erfüllten weithin schallend den Platz, und alsbald ließ Alkinoos dem Fremdling reiche Gastgeschenke geben. Zwölf Fürsten – mit dem König selbst waren es dreizehn – schenkten ihm jeder einen Leibrock, einen kostbaren Mantel und zwölf Pfund Goldes. Diese Gaben wurden in den Palast gebracht und in einer schön verzierten Lade eingeschlossen. Ein besonders herrliches Goldgefäß fügte Alkinoos noch hinzu. Hierauf erquickte sich der Gast in einem warmen Bade. Als er zu den Männern zurückkehren wollte, die sich schon wieder zu fröhlichem Schmausen und belebendem Trunk im Saale versammelt hatten, traf er an der Pforte Nausikaa, die er seit seinem Einzug in die Stadt nicht mehr gesehen hatte. Sie wollte von ihm Abschied nehmen, ehe er mit dem Schiff der Phaiaken von dannen fuhr. Bewundernd ruhte ihr Blick auf dem fremden Helden. Mit sanftem Worte redete sie den Eintretenden züchtig an: „Heil dir und Segen, edler Gast! Bald kehrst du heim. Mögest du auch im Lande deiner Väter dann und wann meiner gedenken, die ich dir das Leben rettete.“ Bewegt erwiderte Odysseus: „O Nausikaa, edles Mädchen! Nie werde ich dich vergessen! Wenn Zeus mich gnädig die Heimat wiedersehen lässt, so will ich dir alle Tage ehrfürchtig Dank sagen – wie einer Göttin!“ Voll Glück und Schmerz zugleich vernahm Nausikaa diese Worte. Odysseus verneigte sich vor ihr. Dann betrat er den Saal und ließ sich an der Seite des Königs nieder. Und wieder wurden mächtige Braten zerlegt, Herolde schenkten aus großen Mischkrügen Wein in die Becher, und wieder führte man den blinden Sänger zu seinem Sitz an der Säule. Da winkte Odysseus einen Diener heran, gab ihm von seinem Teller das beste Stück Schweinefleisch und sprach: „Reiche dies dem Sänger! Bin ich auch schiffbrüchig in die Fremde verbannt und einem Bettler gleich, so möchte ich ihm dennoch etwas Liebes tun, denn er steht in der Huld der Musen.“ Dankbar empfing Demodokos die Gabe, und nachdem er gegessen, erhob er sich und langte nach seiner Harfe. „Was soll ich dir singen, edler Gast?“ fragte er, und Odysseus antwortete ihm: „Singe die Mär, wie des Laertes Sohn vor Troia das hölzerne Pferd zu zimmern befahl und wie er es mit Bewaffneten füllte!“ Freudig gehorchte der Sänger. Als aber Odysseus wieder heimlich zu weinen begann, gebot Alkinoos zum andermal Schweigen und sagte: „Lass deine Harfe nun ruhen, Demodokos, und spare dein Lied -unser schwermütiger Fremdling hängt seinem Grame nach, den wir nicht kennen und nicht zu lindern vermögen. Dennoch bist du uns lieb wie ein Bruder“, wandte er sich nun an Odysseus, „möchtest du uns da nicht anvertrauen, wer deine Eltern sind? Wie nennst du dich? Wo bist du daheim? Einmal wirst du es uns ja doch sagen müssen, denn wie sollen dich meine Phaiaken glücklich nach Hause bringen, wenn sie dein Vaterland nicht kennen?“ Auf diese freundliche Rede erwiderte der Held: „O König, glaube nicht, ich wüsste des Sängers Lied nicht zu schätzen! Glaube auch nicht, es schüfe mir Kummer, von großen Taten singen zu hören! Glaube zum dritten nicht, o König, ich vermöchte nicht, an reich gedecktem Tische vergnügt und heiter mit anderen zu trinken. Das alles gereichte auch mir einst zur Wonne. .. So vernehmt denn, was mich bedrückt. Hört mein Leiden. Ich selber bin – Odysseus! Bin des Laertes Sohn! Von meiner Klugheit spricht der Erdkreis, alle Menschen kennen meinen Namen und den Namen meines Heimatlandes. O Ithaka, du sonnige Insel, aus deren Mitte sich das waldige Gebirge Neriton erhebt, wann werde ich dich wiedersehen?! – Ich verließ die Heimat, um dem Heere Agamemnons nach Troia zu folgen. Was wir dort leisteten und litten, das habt ihr aus dem Munde des Sängers längst gehört. Doch was mir die Götter auf der Heimfahrt bisher an Prüfungen geschickt haben, das wisst ihr nicht, niemand weiß das. Ich aber will es euch, ihr lieben Gastfreunde, genau erzählen. Wer strebt, muss viel erdulden. Hört mir zu!“
Und nun begann Odysseus vor den lauschenden Phaiaken seinen Bericht.

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Quittenbrot

Zutaten für 1 Laib:

2 kg reife Quitten
1 l Rotwein
1,5 kg Honig
1/2 TL Zimt
1/2 TL Ingwer (gemahlen)

Zubereitung:

Die geschälten Quitten längs vierteln, entkernen und in Stücke schneiden. Die Stücke mit dem Wein bedeckt langsam zum Kochen bringen und mindestens 30 Minuten kochen lassen. So sind die Früchte schön weich.
Die Früchte gut abtropfen lassen und durch ein Sieb passieren. Nun wiegen sie die Früchte und geben auf je 500g Quittenmuß 300g Honig.
Diese Mischung bei niedrigster Hitze einkochen lassen bis sich eine durchsichtige Paste bildet, mischen sie hier Zimt und Ingwer unter. Machen sie zur Sicherheit einen Geliertest mit einem Tropfen der Masse auf einem kalten Teller. Wenn er sehr schnell geliert ist die Mischung bereit.
Gießen sie die Paste nun etwa 1,5 cm dick auf eine flache Platte und lassen diese mehrere Tage austrocknen, ehe sie es anschneiden.

Serviertip:

Schneiden sie das Brot in Rauten und wälzen es vor dem Verzehr in Zucker.
Guten Appetit.

TIP
Alkoholfrei gehts mit Traubensaft

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Wichtiges vorweg

Frische Kräuter sind ein wahres Geschmackserlebnis. Auch ihr Duft macht meist viel her. Jedoch ist es nach wie vor nicht ungefährlich, Kräuter selbst zu sammeln. Wer auf dem Balkon oder Fenstersims etwas Platz hat, sollte lieber selber anpflanzen, so ist ein wenig Sicherheit gegeben das man keine Giftpflanzen verzehrt.
Kauft man Kräuter, so ist es ratsam ungemahlene und ungerebelte zu erwerben. Kurz vor der Anwendung zerstoßen haben sie wesendlich mehr Aroma als fertig abgepackt.
Möchten sie lieber in der freien Natur sammeln, so achten sie auf alle Partien der Pflanzen. Bitte bedenken sie auch, das manche unter Naturschutz stehen.

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