Die Irrfahrt des Odysseus 4
Die Freier belustigten sich indessen auf dem Platz vor dem Palast wie gewöhnlich mit Diskuswerfen und Speerschleudern, bis sie der Herold an das Mittagmahl erinnerte. Da verließen sie die „geebnete Tenne“, wie im alten Liede der festgestampfte Lehmboden im Hofe vor dem Königshause genannt wird, und traten in den Saal. Sie warfen ihre Mäntel über Sessel und Stühle, schlachteten fette Schafe und Ziegen, einen Ochsen dazu und ein paar gemästete Schweine, und rüsteten das Mahl. Unterdessen hatten sich Odysseus und Eumaios auf den Weg gemacht. Sie hatten das Gehöft den Knechten und den Hunden zur Bewachung überlassen. Nach gemächlicher Wanderung gelangten sie an den Brunnen nahe der Stadt, den einer von Odysseus‘ Ahnen dort hatte errichten lassen. Der Ort war den Nymphen geweiht. Rings um ihn her war ein Pappelhain gepflanzt, und auf der Anhöhe, wo die Quelle entsprang, stand ein Altar. Hier pflegten Ithakas Bürger ihr Wasser zu holen und den Nymphen zu opfern, und hier trafen die beiden Wanderer mit dem Hirten Melanthios zusammen, der mit Hilfe zweier Knechte die besten Ziegen seiner Herde in die Stadt trieb, den Freiem zum Schmaus. Als Melanthios das Paar erblickte, fing er laut zu schimpfen an: „Ei, seht doch, ein Taugenichts führt den andern! Ja, gleich und gleich gesellt sich gern. Wohin führst du den heißhungrigen Bettler, verdammter Sauhirt? Gib ihn mir als Hüter meines Geheges oder als Stallputzer, da kann er Ziegenmilch saufen nach Herzenslust und das Fleisch um seine dürren Lenden wieder wachsen sehen! Aber freilich, er wird lieber an den Türpfosten stehen und um Brocken betteln, sich den gefräßigen Wanst zu füllen, sonst versteht er ja nichts, der arbeitsscheue Müßiggänger!“ So rief er und gab dem Dulder einen Fußtritt in die Hüfte. Odysseus verbiss den Schmerz und schluckte die Schmach hinunter. Eumaios aber wendete sich gegen den Altar über der Quelle und sprach: „Ihr heiligen Nymphen, Töchter des Zeus, die ihr diesen Ort umschwebt, gewähret dem Helden Odysseus heimzukehren, damit er diesen Frevler bestrafe!“ „Du Hund!“ schrie Melanthios, „dich sollte man als Sklave auf den Inseln verkaufen! Und deinen Telemachos treffe der Bogen Apollons oder der Dolch der Freier, damit er endlich umkomme wie sein Vater!“ Mit solchen Scheltworten ging er an ihnen vorbei in den Palast und setzte sich mitten unter die Freier; die sahen ihn gerne und gaben ihm von ihrem Schmause stets etwas ab. Jetzt kamen auch Odysseus und der Sauhirt vor den Königspalast, und als jener nach so langer Zeit sein Haus wieder erblickte, langte er ergriffen nach der Hand seines Begleiters und sprach: „O Eumaios, das muss fürwahr die Wohnung des Odysseus sein! Sieh nur, wie gut der Vorhof von breiten Mauern und Zinnen umschlossen ist, und welch mächtige Torflügel den Eingang beschützen! Diese Burg ist gewiss unbezwinglich. Doch horch, welch fröhliches Lärmen dringt aus dem Saal? Viele Männer, dünkt mich, feiern da drinnen ein Gastmahl; köstlicher Bratenduft weht bis hierher, vermischt mit den Harfenklängen des Sängers.“ Sie vereinbarten, dass Eumaios vorangehen und im Saal einen Platz für den Bettler auskundschaften sollte. Odysseus würde eine Weile später nachkommen. Neben dem Hoftor lag auf dem Düngerhaufen ein alter Hund, der auf den Namen Argos hörte. Odysseus hatte ihn, ehe er sich nach Troia einschiffte, noch selbst aufgezogen. Er war einst ein guter Spürhund gewesen, hatte die Männer auf die Jagd begleitet und manches Stück Wild im Dickicht aufgestöbert und gestellt. Jetzt kümmerte sich keiner mehr um ihn, von Ungeziefer bedeckt, lag er auf dem Mist. Als er jedoch die Stimme des Odysseus hörte, spitzte er die Ohren und hob mühsam die Schnauze; ihn täuschte keine Verwandlung, nach zwanzig Jahren erkannte er seinen Herrn wieder, doch war er zu schwach, um näher zu kommen. Er wedelte noch stumm mit dem Schweif, dann sank ihm das Haupt auf die Pfoten, und er verendete. Mit Tränen in den Augen beugte sich Odysseus über ihn. Eumaios hatte den Palast betreten. Sogleich rief Telemachos ihn zu sich. Der Sauhirt blickte sich vorsichtig um, ergriff dann den leeren Stuhl des Fleischzerlegers, auf welchem dieser vor dem Mahle zu sitzen pflegte, und setzte sich seinem jungen Herrn gegenüber an den Tisch. Man reichte ihm Brot und Fleisch. Bald darauf wankte auch Odysseus, der Bettler, an seinem Stabe in den Saal. Auf der Schwelle aus Eschenholz ließ er sich nieder und lehnte den müden Rücken gegen den Türpfosten, der war aus einem kunstvoll geschnitzten Zypressenstamm. Sogleich nahte ihm, allen anderen unsichtbar, Pallas Athene, die hohe Zeustochter, und sprach: „Erbettle dir Nahrung von den Freiem, so kannst du die Bessergesinnten von den Bösewichtern unterscheiden und später jedem den Tod zuteilen, den er verdient, diesem einen grausamen, jenem einen milden. Doch sterben müssen sie alle!“ So ging denn Odysseus mit ausgestreckter Hand von einem zum andern, wie Bettler tun. Mancher zeigte sich mitleidig und gab ihm etwas, und es entstand ein Gefrage unter den Freiem: „Wer ist der Mann? Wo kommt er her?“ Da erhob sich Melanthios, der treulose Ziegenhirt, und rief: „Ich traf den Burschen zuvor am Brunnen, der Sauhirt hat ihn vom Gebirge herabgeführt!“ Heftig fuhr Antinoos auf Eumaios los und schrie ihn an: „Verfluchter Sauhirt, haben wir in der Stadt nicht schon genug Landstreicher? Was musst du uns auch noch diesen Fresser in den Saal schleppen?“ Gelassen blickte Eumaios auf und sagte: „Du bist ein harter Mann, Antinoos. Den Seher, den Arzt, den Baumeister, den Sänger, der uns mit seinen Liedern erfreut, sie alle beruft man gerne in die Paläste der Großen – den Bettler lädt niemand ein, er kommt von selbst, aber man jagt ihn auch nicht hinaus.“ Weiß vor Wut über die gütige Rede des Sauhirten erhob sich Antinoos von seinem Sitz und rief: „So will ich diesen da beschenken, dass er drei Monate lang das Haus nicht wieder betritt!“ Damit packte er seinen Fußschemel und schleuderte ihn dem Odysseus nach, der sich gerade wieder von den Tischen zu seinem Platz auf der Schwelle zurückzog. Das Holz traf ihn mit Wucht an dem Schulter, doch Odysseus stand unerschütterlich wie ein Fels. Schweigend schüttelte er sein Haupt und sann auf Rache. Er setzte sich hin, legte den mit Gaben gefüllten Ranzen neben sich auf den Boden und erhob Klage über die Kränkung, die ihm Antinoos zugefügt. Dieser aber rief dem Bettler zu: „Schweig endlich und friss, oder packe dich, sonst lasse ich dich an Hand und Fuß über die Schwelle schleifen, dass dir die Glieder bluten!“ Diese Rohheit empörte selbst die Freier, und einer von ihnen sprach: „Du tust nicht wohl, Antinoos, diesen Unglücklichen zu misshandeln. Wie, wenn er ein Himmelsbote in Menschengestalt wäre? Bisweilen verhüllen die Götter sich so.“ Aber Antinoos schlug diese Warnung höhnisch in den Wind. In ihrem Frauengemach saß Penelope, die Königin. Sie hörte alles, was im Saale vorging. Sie empfand Mitleid mit dem Bettler und schickte eine ihrer Dienerinnen zu Eumaios. „Bring mir den Sauhirten hierher“, befahl sie. Als Eumaios freudigen Herzens bei ihr eintrat, sagte sie zu ihm: „Führe mir doch diesen Bettler herbei, ich will mit ihm reden. Vielleicht weiß er etwas von meinem fernen Gemahl zu berichten oder hat ihn gar selbst gesehen. Es scheint, er ist weit in der Welt herumgewandert.“ „O Herrin“, erwiderte Eumaios, „drei Tage und drei Nächte lang hat der Alte mit seinen Erzählungen mein Herz gerührt. Ja, er weiß viel von Odysseus zu sagen und prophezeit des Königs baldige Heimkehr!“ „So bringe mir den Fremdling schnell“, rief Penelope. „Käme Odysseus zurück, wie würden er und Telemachos die Freier bestrafen!“ Eumaios begab sich wieder in den Saal, trat an den Bettler heran und überbrachte ihm Penelopes Botschaft. Der Fremde antwortete: „Gerne will ich der Königin erzählen, was ich von Odysseus weiß, und ich weiß gar viel von ihm. Aber noch fürchte ich mich vor den Freiem. Niemand hat sich meiner angenommen, als ich eben so schwer gekränkt ward, auch Telemachos, des Hauses Sohn, hat keinen Finger für mich gerührt – wie sollte ich wagen, ins Frauengemach einzudringen? Sage darum Penelope, sie möge sich gedulden, bis es Nacht geworden ist; dann mag sie mich nach ihrem Gatten befragen, soviel sie will, und mich an ihrem Herde sitzen lassen, denn mich friert in meinen Lumpen.“ Eumaios eilte zurück zur Königin und meldete ihr die Worte des Bettlers. „Der Mann denkt und redet klug“, sagte Penelope und gab sich zufrieden. Sie entließ den Hirten, der auf Telemachos‘ Geheiß noch bis zum Abend im Saale blieb. Dann brach er auf und versprach dem Königssohn, sich am anderen Morgen in aller Frühe bei ihm einzufinden. Die Freier zechten weiter. Da betrat auf einmal ein berüchtigter Bettler den Saal. Er hieß eigentlich Arneios, doch nannte ihn jedermann nur Iros, den „Boten“, weil er für Geld allerlei Wege machte. Er war ein ungeheurer Vielfrass, aber dennoch ohne alle Leibeskraft. Er hatte gehört, dass ein Nebenbuhler bei den Freiem eingedrungen und von Tisch zu Tisch gegangen war. Nun kam er, schnaubend vor Eifersucht, herbei und wollte den Odysseus aus dessen eigenem Hause vertreiben. „Hinweg von der Türe!“ rief er schon beim Eintreten. „Siehst du nicht, dass mir alle mit den Augen zuwinken, dich am Fuß hinauszuschleifen? Geh, oder es entbrennt ein Faustkampf zwischen uns!“ „Die Schwelle hat Raum für uns beide“, erwiderte Odysseus finster. „Ich gönne dir deinen Teil, also gönne du mir den meinen, wie es unter Bettlern Brauch ist. Reize meinen Zorn nicht und fordere mich auch nicht zum Zweikampf, sonst schlage ich dir Brust und Rippen blutig, und du kommst schwerlich noch einmal hieher!“ Iros aber fing noch ärger zu poltern an. „Du blöder Fresser“, rief er, „redest daher wie ein Hökerweib! Ein paar Hiebe von mir links und rechts auf deinen Schädel, und dir fallen alle Zähne aus dem stinkenden Maul. Laut lachend kehrten sich die Freier dem streitenden Paare zu, und Antinoos rief: „Noch hat uns kein Gott ein solches Vergnügen in diesem Saale beschert – zwei Bettler, die einander zum Faustkampf herausfordern, haha! Lasst uns die beiden aufhetzen! Ziegenmagen, mit Blut und Fett gefüllt, braten dort überm Feuer, die setzen wir den edlen Streitern als Kampfpreis aus: dem Sieger die dickste Wurst, und kein anderer Bettler als er soll künftig den Saal betreten dürfen!“ Den Freiem gefiel diese Rede. Odysseus aber stellte sich zaghaft, als wäre er ein vom Elend entkräfteter Greis. „Wenn sich keiner von euch zugunsten des Iros in unseren Kampf einmischt, so will ich mich wohl mit ihm schlagen, um die fette Wurst zu ergattern“, sagte er. „Schwört ihr?“ Da erhob sich Telemachos und sprach: „Kämpfe getrost mit diesem Prahler, armer Fremdling, und besiege ihn, wenn du’s vermagst. Ich bin der Hausherr, und wer sich an Iros‘ Seite stellt und dich verletzt, der hat es mit mir zu tun!“ Nun gürtete sich Odysseus zum Kampf. Unsichtbar waltete über ihm Pallas Athene, die Göttin, und sie verherrlichte seinen Wuchs. Jäh schwollen ihm unter den Lumpen Schenkel und Arme an, Schultern und Brust dehnten sich voll Kraft, und strahlend verjüngte sich sein Antlitz. Die Freier staunten. Iros aber wurde übel, er schlotterte und musste von den Dienern gewaltsam gegürtet werden. Man führte ihn hervor, und beide Bettler erhoben die Fäuste zum Kampf. Odysseus überlegte, ob er den Gegner gleich mit einem einzigen wuchtigen Streich töten oder nur mit einem sanften Schlage zu Boden strecken sollte, damit die Freier nicht vorzeitig Verdacht schöpften. Er entschloss sich für dieses, weil es ihm klüger schien, und nachdem ihn Iros mit der Faust an der rechten Schulter getroffen hatte, gab er ihm einen leichten Schlag auf den Hals unterhalb des Ohres. Doch war seine Kraft so groß, dass er ihm den Kieferknochen entzweibrach und das Blut dem Bettler aus dem Munde schoss. Schreiend stürzte Iros zu Boden, und während die Freier laut Beifall klatschten und unbändig lachten, zog ihn Odysseus am Fuße zur Türe hinaus in den Vorhof und lehnte ihn neben dem Haupttor an die Hofmauer. Er gab ihm den Stab in die Hand und sagte spottend: „Da bleibe du sitzen und verscheuche mit deinem Stecken Hunde und Ferkel!“ Dann kehrte er zum Saal zurück und ließ sich wieder auf der Schwelle nieder, als ob nichts geschehen wäre. Sein Sieg hatte den Freiem Achtung eingeflößt, sie umringten ihn lachend und sagten: „Du hast uns von einem lästigen Burschen befreit, da nimm den Ziegenmagen dafür, und mögen Zeus und alle Götter dir gnädig sein.“ Amphinomos, einer der jüngsten unter den Freiem, brachte zwei Brote herbei, füllte einen Becher mit Wein und trank dem Sieger zu mit den Worten: „Auf dein Wohl, fremder Vater! Mögest du künftig von aller Trübsal verschont bleiben!“ Da erhob sich Odysseus. Ernst nahm er die Brote und den Wein entgegen, und ernst sprach er: „Amphinomos, du scheinst mir besonnen und weise und bist eines edlen Vaters Kind. Darum höre, o Jüngling! Von allem, was auf Erden wandelt und atmet, ist nichts so eitel und unbeständig wie der Mensch. Solange die Götter ihn stärken, meint er, es könne ihn kein Unglück treffen. Ist er aber einmal auf sich gestellt und beladen ihn die Seligen mit Trübsal, dann verzweifelt er sogleich. Ich habe im Übermut glücklicher Tage, durch meine Stärke verleitet, viel gefrevelt, darum rate ich dir: Empfange die Gaben der Götter, lichte wie dunkle, voll Demut und sündige nicht wider Recht und Gesetz gleich den übrigen Freiem, die hier ihr Unwesen treiben. Sie fügen Schmach über Schmach der Gattin des Mannes zu, der vielleicht morgen schon heimkehrt. Er ist ganz nahe! Möge ein guter Dämon dich aus diesem Hause wegführen, ehe du ihm begegnest. Denn ich fürchte, es wird Blut fließen, wenn der Verschollene unter sein heiliges heimatliches Dach tritt.“ So sprach Odysseus, goss seine Spende aus, trank und gab den Becher dem Jüngling zurück. Nachdenklich senkte dieser das Haupt und schritt durch den Saal wieder zu seinem Sitz. Ihm ahnte Böses. Dennoch entrann er dem Verderben nicht, das Athene auch ihm bestimmt hatte. Athene, die Göttin, wich nicht mehr von Ithakas königlichem Haus. Jetzt eben erweckte sie in Penelopes Seele den Gedanken, wieder einmal vor den Freiem zu erscheinen und deren Herzen mit neuer Sehnsucht zu erfüllen. „Hole mir zwei Dienerinnen herbei“, sagte sie zu ihrer Vertrauten Eurynome, „sie sollen mich in den Saal begleiten, denn es ziemt sich nicht, dass ich allein vor den Männern erscheine.“ Eurynome entschwand. Während sie die Dienerinnen holte, versenkte Athene die Königin in Schlummer. Sanft ruhte Penelope im Sessel, und die Göttin goss überirdische Schönheit über sie aus. Mit ambrosischem Öl, mit dem Aphrodite sich salbt, wusch sie ihr Gesicht, gab der Haut den Schimmer des Elfenbeins und straffte ihre Gestalt. Dann entwich sie. Lärmend kamen die Mägde herein, Penelope erwachte, trat aus dem Gemach und schritt die Treppe hinab in den Saal. Auf der untersten Stufe blieb sie stehen, das Haupt von einem Schleier um444 hüllt, die liebreizenden Dienerinnen zur Linken und Rechten. Jedem der Freier, der sie so stehen sah, glühte das Herz, jeder wollte sie zur Gattin gewinnen. Sie aber wandte sich an Telemachos und sprach: „Mein lieber Sohn, warum hast du es geschehen lassen, dass man den armen Fremdling, der bei uns Hilfe suchte, so schwer beleidigte? Es bringt dir vor Göttern und Menschen Schande, mir aber bereitet es tiefen Schmerz.“ „Ach, Mutter“, entgegnete Telemachos, „du schiltst mich zu Recht, doch glaube mir, ich vermag nichts allein gegen die Übermütigen hier. Um so glücklicher bin ich, dass der Zweikampf des Fremdlings gegen Iros anders ausfiel, als die Freier es sich wünschten. Oh, hockten sie doch alle wie jener draußen im Hof mit zerschlagenem Kopf und gelähmten Gliedern!“ Eurymachos aber rief, trunken vom Anblick der Königin, aus: „O Tochter des Ikarios, könnten alle Griechen dich sehen, wahrhaftig, es kämen morgen noch viel mehr Freier zum Schmaus nach Ithaka, so sehr übertriffst du alle Frauen an Geist und Gestalt!“ Penelope schüttelte trübe das Haupt. „Ach, Eurymachos“, sprach sie, „meine Schönheit ist hin, seit mein Gemahl nach Troia fuhr. Käme er wieder, blühte ich auf wie die Blume an der Sonne; so aber umfängt mich die Nacht der Trauer. Wohl sagte mir Odysseus, da er aufbrach: Wenn ich nicht mehr zurückkehre und Telemachos ist zum Jüngling herangereift, so vermähle dich neu!‘ Ja, so sprach er, und ich will ihm gehorchen, doch sehe ich meiner Hochzeit mit Bangen entgegen. Andere Freier bringen aus ihrer Heimat Rinder und Schweine zum Schmaus herbei und geizen nicht mit Geschenken. Ihr aber verprasst das Gut der Braut! Wen von euch sollte sie da wählen?“ Voll inniger Freude hörte Odysseus diese klugen Worte. Sie hatten ihr Ziel nicht verfehlt, denn schon eilten die Diener der Freier hinweg und brachten auf Geheiß ihrer Herren die kostbarsten Geschenke herbei. Antinoos übergab Penelope ein reichgewirktes, buntes Frauengewand, Eurymachos ein Brustgeschmeide, das einer strahlenden Sonne glich und mit schimmerndem Bernstein besetzt war, Eurydamas anmutige Ohrgehänge, und so überreichte ihr jeder der Freier eine andere Gabe. Die Dienerinnen mussten Gehilfinnen herbeiwinken, weil ihre Hände die Fülle des Goldes und kostbaren Tuches nicht mehr halten konnten. Penelope aber sprach: „Gebt mir bis morgen Bedenkzeit, ich will die Geschenke alle prüfen und mich danach entscheiden.“ Hierauf stieg sie die Treppe zum Söller empor, gefolgt von den Dienerinnen mit den Schätzen. Nun wollten sich die Freier bei Tanz und Gesang belustigen und riefen nach Feuerbecken, um den Saal zu erleuchten. Mägde stellten die Gefäße auf, legten getrocknete Scheite und Kienspäne hinein und schürten die Glut. Da trat Odysseus zu ihnen und sprach: „Geht lieber hinauf zu eurem Herrin Flachs spinnen und Wolle kämmen, das ziemt euch besser. Für das Feuer lasst mich sorgen.“ Die Mägde aber lachten ihn aus, und eine schöne, junge Dienerin, Melantho mit Namen, die Penelope wie ihr eigenes Kind aufgezogen hatte, die aber nun mit dem Freier Eurymachos gemeinsame Sache machte, fuhr ihn an: „Was fällt dir ein, uns zu befehlen? Scher dich fort, elender Bettler! Du sprichst wohl im Rausch, oder ist dir dein Sieg über Iros zu Kopf gestiegen? Nimm dich in acht, unter den vielen edlen Männern hier könntest du leicht deinen Meister finden, dem dir den Schädel einschlägt und dich aus dem Palast wirft!“ „Schweig, du Hündin“, erwiderte ihr Odysseus finster, „sonst melde ich deine freche Rede dem Telemachos, der haut dich in Stücke.“ Diese Worte verscheuchten die Mägde, mit bebenden Knien flohen sie aus dem Saal. Odysseus aber stellte sich an die Feuerbecken, schürte die Glut zu hellen Flammen, dass blutigroter Schein alle Mauern übergoss, und hing seinen Rachegedanken nach. Tief in der Nacht verließen die Freier sein Haus, er war mit Telemachos allein. „Geschwind“, sagte er, „lass uns die Waffen verstecken, die Zeit ist da!“ Der Sohn rief seine alte Wärterin Eurykleia und befahl ihr, die Mägde vom Saal fernzuhalten, bis er des Vaters Waffen nach oben in den Söller geschafft habe. „Hier in dem vielen Rauch verlieren sie allen Glanz“, sagte er. Darüber freute sich die Alte. „Es ist recht“, meinte sie, „dass du endlich anfängst, dich um dein Gut zu kümmern. Doch wer soll dir die Fackel vorantragen, wenn du alle Dienerinnen fortschickst?“ Telemachos zeigte auf Odysseus und sagte: „Der Bettler da wird sie tragen. Wer aus meinem Brotkorb isst, muss auch arbeiten.“
Nun schleppten Vater und Sohn die Helme und Schilde, Lanzen und Schwerter nach oben, und Pallas Athene schritt mit ihrer goldenen Lampe vor ihnen her und verbreitete überall Licht. Telemachos, der die Göttin nicht sah, wunderte sich sehr und sprach: „Siehe doch, Vater, welch ein Wunder! Wie schimmern des Hauses Wände! Jeder Winkel, jeder Balken, jede Säule, alles leuchtet wie von Sonnenfeuer! Wahrlich, ein Gott muss zugegen sein.“ „Sei still, Sohn“, entgegnete ihm Odysseus in ehrfürchtigem Tone, „sei still und forsche nicht; gar viel vermögen die Himmlischen. Lege dich jetzt schlafen, ich will noch ein wenig wachen im Saal und die Mutter erwarten, sie wird mich vieles fragen wollen.“ Telemachos entfernte sich. Nach einer Weile trat Penelope aus ihrer Kammer, mit ihr einige Mägde, die den elf elfenbeinernen Thronsessel der Königin zum Feuer schoben und dann die Tische abräumten. Da richtete die schöne, freche Melantho zum zweiten Male das Wort an Odysseus und verhöhnte ihn abermals. „Du willst wohl hier im Palast übernachten, du grindiger Fremdling?“ fragte sie. „Mach, dass du fortkommst, oder ich werfe dir einen Feuerbrand nach!“ Voll Zorn entgegnete ihr Odysseus: „Ich weiß nicht, warum du mich so verachtest. Weil ich in Lumpen gehe und bettle? Auch ich war einst glücklich und reich, beschenkte jeden wandernden Fremdling. Doch Haus und Schätze und Dienerschaft hat mir Zeus genommen. Bedenke, Weib, dass auch du einst schmutzig und hässlich vor den Türen dein Brot erbetteln musst, wenn die Fürstin dir zürnt oder Odysseus heimkommt und dich aus dem Hause jagt. Auch Telemachos ist kein Kind mehr – wie, wenn er eines Tages die Mägde für ihre Unart züchtigt?“ Auch Penelope schalt die übermütige Dienerin aus. „Du Schamlose“, rief sie, „ich kenne deinen üblen Sinn. Du hast dein Leben verpfändet, dein Tag kommt! Wie kannst du den Mann verhöhnen, den ich ehre und nach meinem fernen Gemahl befragen will?“ Nun winkte die Königin den vermeintlichen Bettler zu sich heran und forschte ihn aus. Er gab auf alles richtig Antwort: welches Gewand Odysseus getragen habe, wie seine Begleiter geheißen hätten, alles wusste er genau. Trotzdem zweifelte sie an seinen Worten und traute ihnen nicht; und als der Bettler sagte, er habe gehört, dass Odysseus nach Dodona gegangen sei, um das Orakel des Zeus über seine Heimkehr zu befragen, und dass er zur Zeit des Neumonds also schon am folgenden Tage! – heil und gesund nach Hause kommen werde, schüttelte Penelope nur leise das Haupt und schwieg. Die allzu lange Trauer hatte den letzten Hoffnungsfunken in ihrem Herzen erstickt. Nach einer Weile sagte sie: „Du hast manche Unbill in meinem Haus erdulden müssen durch den Übermut der Freier, dafür sollen dir nun meine Mägde die Füße waschen und dir ein gutes, warmes Bett bereiten. Du sollst nicht sagen, Ithakas Königin ehre das Alter nicht.“ Und schon winkte sie ihre Dienerinnen herbei. Odysseus aber erwiderte: „Ich will keine Dienste von deinen jungen, schamlosen Mägden! Hast du aber ein altes, redliches Mütterchen, so mag das mir die Füße baden.“ Da rief Penelope ihre älteste Magd Eurykleia, die hatte den Odysseus als Knaben aufgezogen, so alt war sie. Sie rückte ein Schaff heran, füllte es mit warmem Wasser, entblößte die Füße des Fremdlings, um sie zu waschen. Wohl drückte sich Odysseus, so gut er konnte, ins Dunkel neben dem Herd, damit die Alte nicht etwa die Narbe der Wunde entdeckte, die ihm einmal auf der Jagd der Hauer eines wilden Ebers zugefügt hatte. Aber Eurykleia, der der fremde Bettler gleich vom ersten Augenblick an seltsam bekannt erschienen war, hatte die Narbe schon bemerkt, ihre tastenden Hände erkannten sie, und vor freudigem Schreck ließ sie das Bein ins Schaff fallen, dass das Wasser hoch aufspritzte. „Odysseus“, rief sie, „mein Sohn, du bist es!“ Aber der Bettler hielt ihr mit der Rechten den Mund zu, zog sie mit der Linken an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Willst du mich verderben? Ja, ich bin’s, aber noch darf es keiner wissen! Wenn dir dein Leben lieb ist, so schweige!“ Eurykleia gehorchte und bewahrte ihr Geheimnis tief in der treuen Brust. Penelope aber hatte von alledem nichts bemerkt, Pallas Athene hatte ihr mit himmlischen Händen Auge und Ohr verschlossen. Als Odysseus gewaschen und gesalbt war, richtete die Königin wieder das Wort an ihn und sprach: „Deute mir einen Traum, weiser Fremdling. Ich sah in der vergangenen Nacht einen Adler vom Gebirge her mitten in meine geliebte Gänseherde stoßen und alle meine schneeweißen Tiere töten. Mit blutigen, gebrochenen Hälsen lagen sie im Hof, der Raubvogel aber schwang sich in die Lüfte und entschwand. Ich schrie auf und weinte laut. Da kam der Adler zurück, setzte sich auf das Gesims des Hauses und redete mit menschlicher Stimme zu mir: Sei getrost, Tochter des Ikarios! Was du schaust, ist kein Traum, sondern ein Gesicht. Ich bin Odysseus und werde alle Freier töten!‘ So sprach der Adler, da erwachte ich.“ „O Fürstin“, sagte Odysseus, „freue dich! Was dein Gatte im Traume versprach, wird er am hellen Tage vollbringen! Keiner der Freier wird dem Verderben entrinnen, ihr Blut wird den Boden und die Wände dieses Saales röten!“ Doch Penelope schüttelte abermals den Kopf: „Es gibt auch Trugträume. Morgen ist der entsetzliche Tag da, an welchem ich dies Haus verlassen und einem der Freier als Gemahlin folgen muss. Noch weiß ich nicht, wem; aber mein Gatte Odysseus stellte bisweilen zwölf Äxte ohne Stiel hintereinander auf und schoss seinen Pfeil durch alle zwölf Axtösen hindurch. Wer von den Freiem dies Kunststück mit Odysseus‘ Bogen vollbringt, der soll mich haben und mich hinwegführen.“ Da lachte Odysseus das Herz. „Tue das, edle Königin“, rief er, „dann brauchst du dies Haus nie und nimmer zu verlassen! Denn nie und nimmer spannt ein anderer als Odysseus selbst seinen Bogen, und keiner der Helden vermag den Pfeil durch zwölf Axtlöcher zu schnellen außer ihm!“ Im Vorsaale des Königshauses hatte Eurykleia ihrem geliebten Herrn ein weiches Lager bereitet und ihn sorglich mit einem schweren Mantel zugedeckt, damit er ja nicht friere; schien er doch ein Greis mit abgezehrten, dürren Gliedern. So schlief er wohlig warm, von Athenes schützender Gegenwart umfangen, bis ihn die Morgenröte aus dem Schlummer weckte und vom Lager trieb. Er hörte nämlich Penelopes Weinen aus dem Frauengemach dringen: die Königin grämte sich, weil der Tag ihrer Hochzeit mit einem der verhassten Freier herauf dämmerte. Odysseus aber befürchtete, sie könnte in den Saal herabsteigen und ihn im hellen Licht vielleicht zu früh erkennen, trotz der Verwandlung. Darum lief er aus dem Palast, trat vor das Tor und erhob seine Hände betend zu Zeus. „Vater du der Götter und Menschen“, rief er flehend, „wenn du es warst, der mich unter bittersten Qualen über Länder und Fluten hier hergebracht in die geliebte Heimat, so gib mir ein deutliches Zeichen, dass dir meine Pläne gefallen und du dem Tode der Freier zustimmst!“ Er hatte aber noch kaum geendigt, als es aus wolkenlosem Himmel donnerte. Davon wurde sein Herz gestärkt. Mit steigender Sonne fanden sich die Freier wieder im Saale ein, schlachteten herrliches Mastvieh und ließen sich vom besten Weine mischen, galt es doch gerade an diesem Tage das Fest des „bogenführenden Gottes Apollon“ zu feiern, das auf Ithaka stets besonders heiliggehalten wurde. Der Schmaus begann. Odysseus hatte wiederum seinen Platz auf der Schwelle des Saales eingenommen und sah zu, wie das Volk von überallher zusammenströmte und sich zum heiligen Hain des sonnenstrahlenden Musengottes und himmlischen Bogenschützen begab, und sein Herz schwoll vor Zuversicht und Rachelust. Nun erhob sich der Herold der Freier und forderte Telemachos auf, seine Mutter zu zwingen, sich unter den werbenden Männern einen Gemahl auszuwählen. „Denn es ist wohl einem jeden klar, dass Odysseus niemals mehr wiederkehrt“, rief er, „er ist tot, und sein Leib modert längst in fremder Erde!“ Telemachos erwiderte: „Mit Gewalt werde ich meine Mutter nicht aus dem Hause jagen, doch rate ich ihr selbst, sich zu entscheiden!“ In diesem Augenblick verwirrte Athene die Gemüter der Freier. Sie fingen plötzlich unbändig zu lachen an, sprangen auf die Sitze und Tische, heulten wie Hunde und grunzten wie die Schweine, verzerrten ihre Gesichter zu scheußlichen Fratzen wie Dämonen und fraßen bluttriefendes rohes Fleisch. Sie gebärdeten sich ganz unsinnig vor Lustigkeit, fielen aber mit einem Schlage in die tiefste Schwermut und Traurigkeit. Tränen entstürzten ihren Augen, und der Seher Theoklymenos, ein Flüchtling, den Telemachos auf seiner Heimfahrt aus Pylos mitleidig auf sein Schiff genommen und nach Ithaka gebracht hatte, sprang auf und rief: „Was ist denn in euch, ihr Unseligen, gefahren? Ich sehe eure Häupter und Glieder von Nacht umhüllt, schreckliche Wehklagen tönen aus eurem Munde! Weh, weh, die Wände des Hauses triefen von Blut, von Schatten wimmelt der Vorhof, sie drängen zum Hades hinab! Unheil seh ich nahen, Unheil, dem keiner entflieht!“ Und er verließ mit verhülltem Haupte und eiligen Schritten den Saal. Nun stieg Penelope, von Athene unsichtbar gelenkt, zur Schatzkammer des Odysseus empor, wo die Geräte aus Gold und Erz lagerten. Dort hing auch sein Bogen und sein mit Pfeilen dicht gefüllter Köcher, beides Geschenke spartanischer Fürsten, die in Ithakas Palast zu Gaste gewesen. Schmerz überwältigte die Königin, als sie die Waffen ergriff und herabhob, lange hielt sie sie weinend im Schoß, auf einem Sessel sitzend. Endlich stand sie auf, übergab den Bogen und die Pfeile den Mägden und schritt diesen voran hinab in den Saal. „Wohlan, ihr Freier“, sprach sie, „die Stunde ist gekommen. Wer mich gewinnen will, der trete zum Wettkampf vor. Wer den Bogen des Odysseus spannt und den Pfeil durch zwölf Axtlöcher hindurchschnellt, der soll mein Gatte werden.“ Telemachos sprang auf, warf seinen Purpurmantel ab und ließ sein Schwert von der Schulter gleiten. Dann zog er eine Furche in den gestampften Lehmboden des Saales, grub die Beile, mit den Schneiden nach unten, hintereinander ein und ergriff als erster selbst den Bogen des Vaters. Er stellte sich auf die Schwelle und versuchte dreimal, ihn zu spannen. Dreimal versagten ihm die Kräfte, beim vierten Male wäre es ihm beinahe gelungen, hätte ihm Odysseus nicht abgewinkt. Da lehnte er die heilige Waffe an den Türpfosten und rief: „Weh mir, was bin ich doch so kraftlos und elend! Oder bin ich noch zu jung, um mich mannhaft wehren zu können? Versucht ihr anderen, die ihr stärker seid als ich, des Vaters Bogen zu spannen, und macht dem Wettkampf ein Ende!“ Hierauf begab er sich zu seinem Sessel zurück. Nun versuchten die Freier, einer nach dem anderen, den Bogen zu spannen, aber keinem gelang es, auch nicht Antinoos und Eurymachos, den stärksten von allen. Und auch dies, dass der Ziegenhirt Melanthios auf ihren Befehl den Bogen mit Speck einrieb und über dem Feuer geschmeidig zu machen versuchte, half ihnen nichts, seine Härte trotzte jedwedem Arm. Da trat Odysseus in den Saal. Er hatte sich heimlich in den Vorhof geschlichen und dort dem Sauhirten Eumaios und dem Rinderhirten gesagt, wer er sei und wie sie ihm bei der Vernichtung der Freier helfen sollten. Unter Tränen hatten die beiden ihn umarmt. Nun folgten sie ihrem Gebieter in die breite Halle mit der rußgeschwärzten Balkendecke. Schaurig wie ein dräuender Gott stand Odysseus auf der Schwelle. Seine Augen blitzten, unter den schäbigen Lumpen straffte sich sein Leib. „Lasst mich einmal schießen“, bat er, „heute ist doch der Festtag Apollons, wer möchte da nicht versuchen, einen so kostbaren Bogen zu spannen wie diesen, und wäre er gleich nur ein Bettler!“ Zornig fuhren die Freier auf. Aber Penelope sprach: „Ihr sollt dem Fremdling seine harmlose Bitte gewähren an diesem Fest. Alt und elend wie er ist, wird er mich kaum zur Gattin begehren wollen, auch wenn seinen zitternden Händen gelänge, was euch nicht gelungen ist. Lasst ihm die Freude.“ Da überreichte der Sauhirt dem Bettler den Bogen. Dann ging er durch den Saal ins Hinterhaus und verkeilte den Riegel der Pforte mit wuchtigen Schlägen, indes der Rinderhirt den Riegel am schweren Tor des Vorhofes mit einem armdicken Seil umwand, dass keiner ihn mehr zurückstoßen konnte. Währenddem wandte Odysseus den Bogen prüfend hin und her. Hatten nicht Würmer das Holz versehrt? Nein, er war makellos geblieben all die Jahre her. Nun spannte er ihn gemächlich, griff zur Probe in die Sehne wie ein Sänger in die Saiten der Laute. Und siehe da, die Waffe ertönte hell wie ein Schwalbenruf! Die Freier packte Entsetzen. Starr standen sie und sahen, wie Odysseus nach einem Pfeil griff, diesen einlegte und, auf einem Stuhle sitzend, die Ösen aller zwölf Beile durchschoss. Die Freier zuckten zusammen und erblassten. Odysseus aber rief seinem Sohne zu: „Der Fremdling im Saal hat dir keine Schande gebracht, denke ich! Doch jetzt ist es an der Zeit, diesen da am hell-lichten Tage das Nachtmahl zu bereiten!“ Und er gab Telemachos einen Wink. Da warf dieser sein Schwert über die Schulter, griff zur Lanze und stellte sich gewappnet neben seinen Vater. Jetzt streifte Odysseus die Lumpen ab und sprang mit Bogen und Köcher auf die hohe Schwelle. Er schüttete die Pfeile vor sich auf den Boden und rief: „Der erste Bogenkampf ist beendet, nun folgt der zweite! Für ihn wähle ich mir ein Ziel, das noch kein Schütze getroffen, und denke es nicht zu verfehlen!“ Damit zielte er auf Antinoos, der gerade einen gehenkelten goldenen Pokal mit beiden Händen zum Munde führte. Da fuhr ihm der Pfeil des Odysseus in die Gurgel, dass die Spitze hinten aus dem Genick hervordrang. Der Becher entfiel seiner Hand, ein Blutstrahl schoss ihm aus der Nase; im Niedertaumeln stieß er den Tisch samt den Speisen um, dass die Leckerbissen über den Boden rollten, von seinem Blute besprengt. Tobend sprangen die Freier von ihren Sesseln auf und riefen nach Waffen, doch da war weder Schild noch Lanze zu sehen. „Ihr Hunde“, rief ihnen Odysseus zu, „ihr glaubtet wohl, ich würde nie wieder von Troja zurückkehren, darum verprasstet ihr mein Gut, verführtet mein Gesinde und bedrängtet mein Weib, indes ich lebte! Weder Göttliches noch Menschliches ist euch heilig – nun aber ist die Stunde eures Verderbens gekommen!“ Wohl schrien die Freier vor Wut und Todesangst auf, wohl versuchten sie, Odysseus durch reumütige Worte zu besänftigen, und boten ihm reiche Sühnegaben, Rinder, Gold und Erz, an, wenn er ihnen das Leben schenkte. Aber der Fürst, von Athenes goldenem Stabe berührt und herrlicher, strahlender wachsend mit jedem neuen Atemzuge, erwiderte grimmig: „Nicht für alles Gold der Erde ließe ich euch ungestraft – eure Missetaten heischen blutige Sühne! Darum kämpft oder flieht; aber ich glaube, nicht einer wird mir entrinnen!“ Da erblassten die Freier bis in die Lippen. „Dieses Mannes Hände hält kein Gott mehr auf!“ riefen sie. Doch Eurymachos entfachte noch einmal ihren Mut, er schrie: „Zieht die Schwerter und benützt die Tischplatten als Schilde! So dringen wir gegen ihn vor, vertreiben ihn von der Schwelle und zerstreuen uns durch die Stadt, dort finden wir Freunde!“ Sprach’s und riss sein Schwert aus der Scheide. Mit grässlichem Geschrei stürzte er sich auf Odysseus, doch im selben Augenblick durchbohrte ihm der Pfeil des Helden die Leber. Das Schwert entsank ihm, auch er riss einen Tisch um, warf Speisen und Becher zur Erde, schlug mit der Stirne den Boden und stampfte den Sessel mit den Füßen hinweg; es waren seine letzten Zuckungen, dann lag er still, indes die Kameraden wutschreiend die Tischplatten hochrissen und sich dahinter verbargen. Aber es nützte ihnen nichts; solange Odysseus noch Pfeile hatte, erlegte er mit ihnen einen Freier um den anderen. Von der Wucht des Bogens getrieben, durchschlugen die Geschosse die dicksten Tischplatten. Amphinomos, der mit dem Schwerte bis zur Schwelle vordringen konnte, sank, von Telemachos‘ Speer getroffen, zu Boden, und Nacht umfing ihm Augen und Seele. Als die Pfeile verschossen waren, lehnte Odysseus den Bogen an den Türpfosten und wappnete sich mit Helm, Stierschild und Lanze. Da bemerkte er, dass der treulose Ziegenhirt Melanthios durch eine unbewachte Seitenpforte den Freiem Waffen aus der Rüstkammer brachte. Auf einen Wink des Königs eilten Eumaios und der Rinderhirt in den schmalen, dunklen Gang, in welchen die Pforte führte, und als Melanthios zum zweiten Male zur Rüstkammer eilen wollte, ergriffen sie ihn, fesselten ihm Hände und Füße auf dem Rücken und zogen den Schreienden an einem Seil bis dicht unter die Balken der Decke empor. „Wir haben dich sanft gebettet“, rief ihm der Sauhirt zu, „schlaf wohl!“ Dann zog er die schwere Tür hinter sich zu, verkeilte den Riegel und lief mit dem Rinderhirten zu seinem Herrn, um diesem im Kampf gegen die Freier beizustehen. Furchtbar war die Rache des Odysseus; wie Schnee an der Sonne, so schmolz der Haufe der Verräter zusammen, nicht einer der treulosen Fürsten entkam, zu hoch waren die Mauern des Hofes, zu wohlverschlossen die Tore. Ein grausiges Blutbad ward angerichtet im Saal, Decke und Wände waren rot besprengt, ein Chaos von Tischen und Stühlen, Speisen und kostbarem Geschirr, silbernen Krügen und goldenen Bechern bedeckte den Lehmboden, Blut und Wein rannen ineinander. Furchtbare Streiche und Stöße teilten Odysseus und seine Helfer – Telemachos, Eumaios und der Rinderhirt – aus. Da gesellte sich plötzlich Athene in der Gestalt des alten Mentor zu ihnen und stachelte Odysseus zum letzten Kampf auf. „Durch deinen Rat und Mut sank Troia in Schutt und Asche“, rief sie ihm zu, „nun zeige, dass du auch im eigenen Hause der Herr bist! Töte die letzten der Freier und ihres Gefolges – nur Phemios verschone, den Sänger, er ist den Göttern heilig und ohne Schuld – siehe, wie Telemachos für ihn bittet!“ Dann flog sie jählings zur Decke empor und saß dort gleich einer Schwalbe im rußigen Gebälk, bis unter ihr das schaurige Ringen entschieden war. Da hob sie den leuchtenden Aigis-Schild und entschwand zum Olympos. Als kein lebender Feind mehr zu erblicken war, nicht im Saale und nicht im Vorhof, rief Odysseus nach der Wärterin Eurykleia. „Freue dich, Mütterchen“, sagte er ernsthaft, „aber jauchze nicht; über Erschlagene soll kein Sterblicher jubeln. Diese hat das Gericht der Götter gefällt, nicht ich. Jetzt aber nenne mir unter allen Weibern im Palaste jene, die sich treulos gezeigt!“ Eurykleia bezeichnete ihrem Herrn zwölf von den fünfzig Dienerinnen, die mussten in den Saal kommen und die Leichen über die Schwelle ins Freie schaffen. Dann befahl ihnen der Fürst, den Boden der Halle zu reinigen, allen Unrat vor die Tür zu schleppen und Stühle und Tische zu waschen. Als dies geschehen war, trieben Telemachos und die beiden Hirten sie in das Küchengewölbe, spannten ein Schiffsseil von einem Pfeiler zum anderen und erhängten die treulosen Mägde daran. Wie ein Zug Drosseln baumelten und zappelten sie nebeneinander; die schöne, hochmütige Melantho musste ebenfalls daran glauben, wie sehr sie auch schrie und sich wehrte. Die Hirten holten auch noch den Verbrecher Melanthios von der Decke des dunklen Ganges zur Rüstkammer herab und hieben ihn in Stücke. Das Rachewerk war vollbracht. Nun ließ sich Odysseus von der alten Magd Eurynome ein warmes Bad bereiten, wusch und salbte sich und legte sein schönstes Gewand an. Eurykleia hatte indessen die Fürstin geweckt, die, von Athene mit schützendem Schlummer beschenkt, das blutige Ringen und grausige Toben im Saale völlig verschlafen hatte. „Steh auf, Penelope“, rief Eurykleia, „Odysseus ist zurückgekehrt! Herrlicher als da er auszog, kehrt er uns zurück; schon gestern erkannte ich ihn an der Narbe seines Fußes. Die Freier sind erschlagen, die Mägde bestraft – in der Halle sitzt der Held und erwartet dich!“ Penelope schwankte zwischen Hoffnung und Zweifel. Zu oft war sie von falscher Botschaft genarrt worden, zu lange hatte sie um Odysseus geweint, als dass nicht Misstrauen in ihrem Herzen aufkeimte bei allem, was den geliebten Gatten betraf. „Lass mich den schauen, der die Freier erschlug“, sagte sie ernst und schritt, gefolgt von der Dienerin, in den Saal hinab. Da saß Odysseus, an die Säule gelehnt, und wartete auf ein Wort aus Penelopes Mund. Aber obgleich ihn die Königin erkannte, zweifelte sie dennoch, ob es nicht ein Trugbild sei, das sie täuschte. Schweigend begab sie sich zum Herd und setzte sich im Schein der Glut dem König gegenüber. Tiefe Stille herrschte im Saal, stumm im Dunkel harrte Telemachos der Dinge, die nun kommen sollten; Eurykleia war auf der Treppe zurückgeblieben. Nach einer langen Weile öffnete endlich Odysseus die Lippen und sprach, indes Athene ihn aus den Wolken herab mit Schönheit übergoss: „Wunderliche Frau, die du bist, dir müssen die Himmlischen das Gemüt verhärtet haben. Zwanzig Jahre war ich fern, die Freier erschlug ich und bin nun endlich daheim – du aber findest kein liebes Wort für mich nach all der Trübsal. So bin ich denn auch zu Hause ein Fremdling. Eurykleia! Bereite du mir ein Lager, auf dem ich mich einsam niederlege, denn diese da“ – er zeigte auf Penelope- „hat ein Herz aus Eisen.“ Ein jäher Gedanke durchzuckte Penelopes Herz, ein Hoffnungsstrahl erleuchtete ihre Seele. Sie wandte sich nach der Treppe um und sprach: „Wohl weiß ich, wie Odysseus aussah, da er Ithaka verließ, mich täuscht man nicht. So trage denn das Bett meines Gemahls, das er sich selbst gebaut hat, aus dem Schlaf gemach hinaus und richte es mit Fellen, Kissen und Decken für diesen zu, der wohl ein Held, aber nicht Odysseus ist.“ Da fuhr Odysseus zornig auf: „Das war ein kränkendes Wort! Unmögliches verlangst du von deiner Dienerin! Mein Bett vermag kein Sterblicher von der Stelle zu rücken, und wenn er alle Jugendkräfte anspannte. Ich selber habe mir die Lade gezimmert, und es ist ein großes Geheimnis daran. Hier, wo heute dieser Palast steht, ragte einst ein schattiger Olivenbaum wie eine Säule zum Himmel auf. Da ließ ich unser Königshaus so anlegen, dass der Stamm des Ölbaums mitten in unserem Schlafgemach zu stehen kam. Als nun die Kammer schön aus Steinen erbaut und die Decke aus bunten Hölzern zierlich gebildet waren, hieb ich die Krone des Baumes ab, schälte und glättete den Stamm und schnitzte aus ihm einen der vier Bettpfosten. Darum kann niemand mein Lager verrücken, ohne den t5lbaum von seiner Wurzel zu trennen.“ Penelopes Knie zitterten, und ihr Herz erbebte in süßem Schrecken, als sie Odysseus so reden hörte. Weinend stürzte sie ihm in die Arme und rief: „Du bist es! Du bist es, mein Geliebter, mein Gemahl. Zürne mir nicht, dass ich durch die Jahre der Trennung und Trauer so misstrauisch wurde und so listig wie du, du Listenreichster von allen! Mein Befehl an Eurykleia war die Versuchung, die ich dir bereitete, um dich gewiss zu erkennen, denn niemand außer dir und mir und den Unsterblichen weiß um das Geheimnis des verwurzelten Bettes. An diesem Zeichen erkannte ich dich, und nun sind alle Zweifel geschwunden und alle Leiden zu Ende!“ Die halbe Nacht verging den Gatten unter beglücktem Gespräch und den Erzählungen des unendlichen Elends, das sie erduldet, und Penelope legte sich erst zur Ruhe, als Odysseus ihr alles berichtet hatte, was sich in Troja begeben und wie er von dort über Inseln und Meere zu ihr zurückgefunden hatte. Am anderen Morgen machte sich Odysseus mit Telemachos und den beiden treuen Hirten auf den Weg zu seinem alten Vater Laertes. Als sie dessen Landgut erreichten, hieß Odysseus seine Begleiter zurückbleiben und begab sich allein in den Obstgarten, wo Laertes gerade die Erde um ein junges Bäumchen lockerte. Er war wie ein Knecht in einen schmutzigen Leibrock und zerschlissene Beinschäfte aus Ochsenleder gekleidet, denn er trauerte um seinen Sohn. Lange betrachtete Odysseus, im Schatten eines Birnbaumes stehend, den Vater. Dann trat er hinter ihn und sprach: „Alter, du scheinst ein trefflicher Gärtner zu sein, gleichst aber dennoch einem König an Wuchs und Schönheit. Welchem Herrn dienst du denn? Bin ich hier wirklich auf Ithaka, wie man mir sagte? Aus Ithaka stammte mein liebster Gastfreund, den ich hatte, den suche ich hier. Er sagte mir, König Laertes sei sein Vater. Fünf Jahre ist es her, seit wir uns trennten, und sein Schiff war von glückbringenden Vögeln begleitet, es muss längst in der Heimat gelandet sein.“ Statt jeder Antwort sank der Greis, vom Schmerz überwältigt, auf die Knie und streute Erde auf sein Haupt vor Trauer um den geliebten Sohn. Er weinte. Da schwoll dem Odysseus das Herz, der Atem wollte ihm schier die Brust zersprengen; er umarmte und küsste den alten König und rief: „Ich bin es ja selbst, Vater, um den du weinst, ich, Odysseus, nach zwanzig Jahren heimgekehrt! Verzeih mir, dass ich dein Herz mit listiger Rede erprobte – um so größer ist meine Freude nun, da ich deine Trauer geschaut. Doch nun stille die Tränen für immer, denn siehe: ich habe alle Freier erschlagen.“ Laertes schwanden die Sinne vor Glück. Ohnmächtig ruhte er in den Armen des Sohnes. Als er wieder zu sich kam, begleitete ihn Odysseus nach dem Landhaus, wo sie mit dem Altknecht Dolios und dessen Söhnen sich zu festlichem Schmause setzten, an dem auch Telemachos und die Hirten teilnahmen. Zum erstenmal wieder nach so vielen Jahren erschien Laertes fürstlich gekleidet bei Tische. Noch einmal wurde der Friede der meerumspülten Insel Ithaka gestört, als nämlich die Verwandten und Freunde der erschlagenen Freier von den umliegenden Inseln und aus Ithaka selbst herankamen und den Krieg gegen Odysseus und Telemachos entfachen wollten. Die Könige rüsteten sich und stürzten sich auf die Angreifer, und es wäre zu einem schrecklichen Blutvergießen gekommen, wenn Athene nicht mitten in der Schar der Streitenden erschienen wäre und Einhalt geboten hätte. Ihre gewaltige Götterstimme fuhr allen durch Mark und Bein, und sie gehorchten. Odysseus, der Fürst von Ithaka, schloss ein neues Friedensbündnis mit seinem Volk und den Bewohnern der Inseln in der blauen Weite des griechischen Meeres. So war Odysseus nach langer Fahrt heimgekehrt und wieder Herr in seinem Eigentum. Was er alles erlitten und siegreich überstanden hatte, trug ihm den Beinamen „der göttliche Dulder“ ein, den jeder mit ehrfürchtigem Schauer hören und aussprechen wird, solange fühlende Menschen diese Erde bevölkern.