Archive forJuni, 2010

Das Ross der Hexe

Ein recht magerer Junge diente bei einem Bauern. Da sprach einmal ein sehr wohlgenährter Schmiedgeselle zu ihm. „Warum bist doch so mager? Ich bin doch so fett!“ Der Junge antwortete: “ Wenn du es auch so schlecht hättest wie ich, so würdest du gewiss auch mager sein. Jedesmal, wenn ich abends schlafen gehe wirft mit die Bäuerin eine Zaum über den Kopf, und ich werde ein Pferd. Dann reitet sie auf mir fort. Dabei spricht sie jedesmal „Oben naus und nirgends an!“ und sie reitet auf den Hexenplan wo die Hexen miteinander tanzen.“

„Ha!“, sprach der Schmiedgeselle, „da lege dich einmal in mein Bett, und ich werde mich in das deinige legen. Und wenn dann die Frau zu mir kommt, will ich ihr den Zaum entwinden und ihr über den Kopf werfen.“ Gesagt getan, es gelang dem Schmiedgesellen, der Frau den Zaum zu entwinden und mit dem Rufe “ Oben naus und überall an!“ ritt er, nachdem er sie noch bereit gehaltenen Hufeisen beschlagen hatte, auf den Hexenplan, er als Hexe, sie als Pferd.
Während sie nun dahintrabte, stieß sie an alle im Wege liegenden Hindernisse, so dass an ihrem Körper kein heiler Fleck zu finden war.
Am Hexenplan angekommen, wurde er von allen Hexen für ihresgleichen gehalten, und das Pferd blieb unbeachtet. Die Hexen tummelten sich in wilden Tänzen, zuletzt fingen sie in trunkener Lust an miteinander zu fechten und heulten dabei den Spruch:

Ich hau ein Wunde
die heilt in einer Stunde

Der Schmiede focht als Hexe fleißig mit, sprach aber bei jedem Hiebe die Worte:

Ich hau eine Wunde
die heilt zu keiner Stunde.

Dadurch kamen die Hexen mit ihm in Streit und er fand es endlich für gut, nach Hause zu ziehen. Am anderen Morgen kam die Bäuerin nicht aus dem Schlafgemache, es verging der ganze Tag, ohne dass sie aufstand. Da sahen die Hausgenossen nach und nun zeigte sich´s, dass sie ein Hexe war. denn an ihren Händen und Füßen waren noch die Hufeisen befestigt.

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Orpheus und Eurydike

Lange ehe der große griechische Dichter Homeros die Menschen mit seinem Gesang entzückte, durchdrang Orpheus mit göttlichem Liede die Welt. Sein Vater war der Flussgott Oiagros, der zu jenen fernen Zeiten als König über die Landschaft Thrakien gebot, seine Mutter war Kalliope, die Muse des Heldengedichtes. Weil aber die Himmelsmusik Apollons, deren Tönen die Schöpfung in all ihrer Vielfalt ordnet und belebt, schon aus dem Munde des Knaben strömte, nannte man ihn kurzweg einen Sohn des Lichtgottes und erzählte sich allgemein, Orpheus habe seine goldene Leier aus Apollons eigenen Händen empfangen. Wenn er sang, flogen die Vögel aus Wald und Feld herbei, nahten die wildesten Tiere friedlich und legten sich ihm zu Füßen, floss das Wasser der Bäche herzu und brachte die Fische vor ihn; ja Felsen und Bäume wanderten, wie mit Füßen begabt, einher, seinem Liede zu lauschen. Orpheus‘ Gemahlin war Eurydike, eine Nymphe von großem Liebreiz. In keines Bergquells Wasser spiegelte sich des Sonnenhimmels Licht so rein, so ungetrübt wie in Eurydikes Auge, wie auf Eurydikes holdseligem Antlitz. Innigste Liebe verband die beiden Gatten miteinander, doch eines Tages wurden sie durch ein grausames Schicksal getrennt. Eurydike wandelte mit ihren Gespielinnen, lieblichen Baum und Quellnymphen, über eine Wiese; plötzlich schoss eine giftige Natter aus dem Grase hervor und biss die Schreitende in die rosige Ferse. Mit einem Seufzer sank Eurydike zu Boden, ihre erschrockenen Freundinnen bemühten sich um sie, aber es war vergebens: ihre Seele weilte bereits im Reiche der Schatten. Orpheus war untröstlich. Was war das Klagen und Weinen der Nymphen, die in Tälern und auf Bergen um Eurydike trauerten,‘ gegen die Schmerzenstöne aus der Brust des Sängers! Aber nicht wilde Schreie oder irres, zerrissenes Gestammel kamen über seine Lippen, sondern Lieder der Wehmut, denen Stein und Pflanze und Getier ebenso teilnahmsvoll lauschten, wie sie seinen Freudengesängen, seinen Liebesliedern und den Hymnen auf Götter und Helden gelauscht. Die Vöglein in den Wipfeln und das Reh im Waldesgrund kamen herzu und trauerten mit ihm, Löwe und Tiger weinten beim Klang seiner Leier, Steine zersprangen, und der Wasserfall erstarrte vor Weh, als hätte der grausige Winterfrost ihn gebannt. Doch vergeblich durchirrte Orpheus Thrakiens Berge und Täler, vergeblich rührte er die ganze Natur mit seinem Klagelied – die Geliebte kehrte nicht wieder. Da entschloss er sich, lebend hinabzusteigen ins öde Reich der Schatten und Eurydike Freizubitten. Er wanderte also nach Lakonien zum Berge Tainaros, wo sich einer der Eingänge in die Unterwelt befand, und stieg mutig hinab. Der Hall seines Schrittes erstarb, Finsternis umgab ihn, graue Schatten umschwebten ihn, es war ihm, als sei er selbst schon einer von ihnen. Aber die Toten erkannten ihn sogleich als einen, der noch der Oberwelt gehörte, und umdrängten ihn sehnsüchtig: seine goldene Leier, Apollons Geschenk, leuchtete wie die Sonne und wärmte die Frierenden. Mitten durch die Schrecknisse des Tartaros bewegte Orpheus sich auf den Doppelthron zu, auf welchem Hades und Persephone saßen, denen die Seelen der Abgeschiedenen untertan waren. Vor dem düsteren Herrscherpaare angelangt, griff der kühne Thrakier in die heiligen Saiten und sang dazu:
„Herakles wagte die Fahrt zum Tor der Hölle, vertrauend
einzig der Kraft seines Arms mich schirmte die Macht meiner Liebe,
lenkte auf grausiger Bahn das Licht der Leier Apollons.
Lausche nun, Abgrund voll Nacht, zum erstenmal himmlischen Tönen!
Öffne das steinerne Ohr dem Klange menschlicher Klage!
Sehnsucht zerbricht mir das Herz. 0 Fürst über Tote und Frevler:
Die sich in strahlender Blüte der Jugend mir bräutlich verbunden,
hast du mir neidisch geraubt, und weinend durchirr‘ ich die Länder.
Schuldlos war sie und rein, o Fürstin, lass dich erweichen:
Da es den Menschen doch ziert, darf Mitleid bei Göttern nicht wohnen?

Ihr, die ihr tränenlos thront inmitten kreisender Seelen,
seht mich verzweifelt vor euch, o gebt mir zurück die Geliebte!
Wenige Tage nur war sie das Glück und der Stolz meines Hauses,
ehe mit giftigem Zahn sie der tückische Wurm mir entrissen.
Ach, nun ist mir ein Gram die Erde, des Himmels Gestirne
leuchten dem Wanderer nicht, der Eurydike verloren.
Gebt sie mir wieder, o schenkt des Leibes atmendes Leben
ihr, der Geliebten, aufs neu – oder rufet mich selbst zu den Schatten!“

Da lauschten und weinten selbst die Toten, und jene, die eine grausame Strafe abzubüßen hatten, hielten in ihrem quälenden Tun inne, solange Orpheus sang, und träumten für eine kurze Weile vom Licht der Oberwelt und den Wonnen der Liebe. Ja, Hades und Persephone waren von Mitleid bewegt und riefen Eurydikes Schatten herbei. „Führe sie mit dir fort“, sagten sie, „zu neuem Erdenleben wird sie erblühen, sobald du sie über die Schwelle des Totenreiches geleitet haben wirst. Doch wisse: Sie ist dir auf immer verloren, blickst du dich schon vorher auch nur ein einziges Mal nach ihr um. Nun wende dich hinan, Eurydike wird dir getreulich folgen.“ Mit raschen, lautlosen Schritten eilten die beiden Glücklichen der Oberwelt entgegen. Tiefes Schweigen umfing den Lebenden wie auch Eurydike, deren Schatten ihm mit gekreuzten Armen schwebend folgte. Schon näherten sie sich der Schwelle, schon vernahmen sie das Knurren des Höllenhundes, den des Orpheus goldene Leier mit ihrem Strahlen in Bann hielt, schon begann es ob ihren Häuptern zu grauen – da übermannte den Sänger die Sehnsucht nach seinem geliebten Weibe, und er blickte sich um, nicht länger, als der Schlag des Augenlides währt, aber es genügte, um all sein Glück aufs neue zu zerstören. Mit einem schmerzlichen „Lebe wohl, Geliebter“ sank Eurydikes Schatten in die graue Tiefe zurück. Ein weher Blick noch, und sie war verschwunden. Halb rasend vor Schmerz, wollte Orpheus noch einmal in den Tartaros vor Hades‘ Thron, aber diesmal weigerte sich Charon, der raue Totenfährmann, ihn über die Styx zu rudern. Sieben Tage und sieben Nächte weilte Orpheus verzweifelt am Ufer des Flusses, Klagerufe und Bitten über das schwarze Wasser hinübersendend, aber es kam weder Echo noch Antwort. Ein zweites Mal lassen die unterirdischen Götter sich nicht erweichen. Allein kehrte Orpheus ans Tageslicht zurück, einsam durchstreifte er die Fluren und Wälder Thrakiens, drei Jahre lang. Er mied die Menschen, sonderlich die Frauen, denn wie sollte er, dessen ganzes Wesen nur Eurydike gehörte, sich je einer anderen vermählen? Wohl begann er wieder zu singen, zur Freude von Stein, Pflanze und Tier, aber es waren Lieder der Wehmut, und alle besangen die Sehnsucht nach dem Tode, der Orpheus wiederum mit Eurydike vereinen würde. So saß er denn auch eines Tages auf einem Hügel, rührte die Saiten und sang. Da hörte ihn ein Schwarm weintrunkener Bacchantinnen, die dem Gotte Dionysos tanzend und johlend opferten. Sie stürmten herzu, und als sie den einsamen Sänger erblickten, gerieten sie in Raserei. „Seht, dort sitzt er, der uns vergaß, und klimpert und singt ein Totenlied, er, der die Liebe verachtet und dem Gotte des Weinstocks nicht huldigt! Verhöhnt er nicht Dionysos, unseren befeuernden Gebieter? Erschlagt ihn, den Frauenfeind!“ Und sie erklommen keuchend den Hügel und erschlugen den friedlichen Sänger mit Steinen und mit ihren Thyrosstäben. Dann zerrissen sie seine Glieder und schleuderten sie umher. Als die Mörderinnen sich entfernten, kamen die Vögel und Rehe, die Hirsche und die Wildschweine, die Löwen und Tiger, ja der Wald und die Felsen herbei und bestatteten gemeinsam mit den trauernden Nymphen der Bäume und Bäche ihren geliebten Sänger. Ihre Tränen benetzten die blutenden, verstümmelten Glieder, ehe sie sie in der Erde begruben; das Haupt und die Leier aber nahm der Flussgott Hebros an sich und trug sie auf seiner Flut bis ins Meer, dessen Wellen die beiden Kleinode an die Küste der Insel Lesbos trugen, die Heimat der großen griechischen Dichterin Sappho. Dieses Eiland galt fortan als das Grab des Orpheus, dessen Seele im Hades weilt, mit Eurydikes geliebtem Schatten auf immer vereint. So wird die Sage von Orpheus von den einen erzählt und beendet; andere berichten, des Sängers Zunge habe noch auf den Meereswellen süß und köstlich gelallt, und die verwaiste Leier habe von selbst sanft geklungen, bis die unsterblichen Götter sie aufnahmen und als blitzendes Sternenbild an den Himmel versetzten.

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Der Monolith

Es war ein kalter, grauer Novembermorgen. Schon oft stand ich vor dem kleinen unscheinbaren Laden, bestaunte die urzeitlichen Gesteine, Minerale und Fossilien aus fremden Zeiten und Ländern. Heute, so wußte ich, werde ich mich entscheiden müssen! – Ich wollte ihn schon immer, jenen etwas milchigen Bergkristall.

Die Entscheidung war gefallen! Ich betrat den kleinen Laden und ließ ihn mir vorführen.

„Das ist ein schöner Bergkristall!“.

Der hagere Mann hinter dem Ladentisch zögerte etwas, dann entgegnete er mir: „Ja! Und das Schlimmste ist, wir können noch nicht einmal beweisen ob er lebt!“.

Diese Antwort hatte mich etwas verwirrt! Hinter einem weinroten schweren Vorhang, plüschig und verstaubt, drang eine Frauenstimme in den Verkaufsraum:

„Was unterscheidet uns von einem Tier? – Gibt es überhaupt einen Unterschied?“. Meine gesamte Konzentration richtete sich auf einen schmalen Spalt im Vorhang. Die Frau, vielleicht Mitte sechzig, weißhaarig und von guter Statur, trat nun hinter dem verstaubten weinroten Vorhang hervor und setzte fort: „Der Mensch sagt immer, er sei das intelligenteste Wesen auf Erden! – Aber was ist daß für eine Intelligenz? Wenn der Mensch wirklich so intelligent ist, warum denkt er denn immer nur daran, wie er sich und alles mit ihm zerstören kann? – Warum denkt er nicht darüber nach, wie er und seine Umwelt überleben könnte? – Tiere töten nur aus Angst oder zur Nahrungsaufnahme, zum Überleben! Und doch, der Mensch, die Katze die mit der Beute spielt!“.

Ich fühlte mich unwohl und schwieg. Der hagere Mann hinter dem Ladentisch setzte fort:

„Seit der WöhlerŽschen Harnstoffsynthese gibt es keinen Unterschied zwischen organisch und anorganisch! – Ich glaube es gibt viel intelligenteres Leben, als Menschen es sind. Nehmen wir zum Beispiel diesen Bergkristall! Er ist nahezu vollkommen und anspruchslos, und wir können noch nicht einmal beweisen ob er lebt!“.

„Niemand kann beweisen daß er lebt!“: entgegnete die weißhaarige Frau, welche sich, ohne daß ich es bemerkt hatte, wieder hinter dem staubig, plüschig, weinroten Vorhang zurückgezogen hatte: „Wenn ich Dich berühre, wer sagt mir daß es kein Alptraum ist? Daß ich nur geglaubt habe, Dich zu berühren?“.

Plötzlich spürte ich ein unbekanntes Verlangen, eine Kraft, welche mich zum Überlegen und zu einer Antwort zwang:

„Zwei, drei, neun!“. Der Vorhang preschte zur Seite! Gab den Blick frei auf unzählige Kisten und Kartone, und Berge von altem Zeitungspapier. Der Staub tanzte im fahlen Licht der Sonne, daß sich nur mühsam durch das schmale Fenster am Ende des Raumes zwang.

„Zwei, drei, neun!“: wiederholte ich: „Das sind zum einen Teil nur Zahlenwerte, vielleicht einer Variablen, somit austauschbar! – Zum anderen Teil jedoch eine Ordnungszahl. Zahlenwerte, Variable, Ordnungszahlen, sind von Menschenhand geschaffen. Wie der Mensch mit dieser Ordnungszahl umgeht, zeugt jedoch von völligem Schwachsinn! – Trotzdem, es steckt eine Intelligenz hinter diesen Dingen.“. – Ich nahm meinen Bergkristall und bezahlte.

Noch immer klingt es mir in den Ohren:

„Das ist ein schöner Bergkristall!“

„Ja! Und das Schlimmste ist, wir können noch nicht einmal beweisen ob er lebt!“.

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