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Die Irrfahrt des Odysseus 1

Troia war gefallen, das Heer der Griechen heimgekehrt. Wer dem Schlachtentod und der stürmischen See entronnen war, saß zu Hause bei seinem Volk; ob glücklich oder unglücklich, er war daheim! Nur Odysseus, Sohn des Laertes und Fürst von Ithaka, weilte noch fern auf der Insel Ogygia, wohin ihn nach mancherlei Irrfahrten und schweren Prüfungen ein Sturm verschlagen hatte. Die Herrin der Insel war die unsterbliche Nymphe Kalypso, eine Tochter des Riesen Atlas. Sie hielt den Helden in einer wunderbaren Grotte gefangen, sie begehrte ihn zum Gemahl und versprach ihm Unsterblichkeit und ewige Jugend, wenn er sich ihr vermählte. Odysseus aber blieb seiner Gattin Penelope treu und sehnte sich nach der Heimat. Sein Los rührte endlich auch die Himmlischen. Nur Poseidon zürnte dem Gefangenen unversöhnlich, weil Odysseus seinen Sohn, den einäugigen Riesen Polyphemos, geblendet hatte. Doch weilte der Flutengott gerade fern an Afrikas Gestade, wo er sich über die Opfer freute, die ihm die frommen Aithiopier darbrachten. Die Götter entsandten nach einhelligem Ratschluss Hermes zur Insel Ogygia. „Durchfliege die Luft auf schnellem Schuh“, befahlen sie dem Boten, „finde die Nymphe und verkünde ihr, dass Zeus und wir alle dem Dulder die Heimkehr bestimmt haben. Eile!“ Hermes tat, wie ihm geheißen. Zugleich schwang sich Athene stürmenden Schrittes vom Olympos hinab; auf goldenen Sohlen schwebte sie über Wasser und Land dahin und hielt bald auf Ithaka, der felsigen Kalkinsel im Ionischen Meer. Ihre Göttergestalt war verwandelt: dem tapferen Mentes, dem König der Taphier, glich sie nun. So schritt sie, die ragende Lanze in der Faust, den Weg zum Königshause des Odysseus hinan. Im Palaste des Fürsten sah es wüst aus. Als Jahr um Jahr verfloss, ohne dass Odysseus heimgekommen wäre, hatte sich allmählich die Ansicht verbreitet, er sei auf dem Meere umgekommen, samt seinem Schiffe für immer verschollen. Da machte sich aus Ithaka selbst, wo manche reiche und mächtige Leute auf ihren Höfen hausten, eine Menge Freier auf, zu denen noch andere von benachbarten Inseln stießen, über hundert an der Zahl. Die kamen mit einem Herold, einem Sänger, zwei geübten Köchen und stattlichem Sklavengefolge daher, ließen sich in Odysseus‘ Palast und den Wirtschaftsgebäuden häuslich nieder und verprassten das Gut des abwesenden Herrn in üppigen Gelagen. Sie gaben alle vor, um die Hand der Witwe zu werben, und warteten auf den Tag, da Penelope einen von ihnen zum Mann nähme. Drei Jahre schon trieben sie es so, und ihr Übermut kannte keine Grenzen. Athene durchschritt den Hof des Hauses, da saßen die Freier beim Brettspiel, und wer nicht gerade die bunten Steine schob, der lag müßig und faul auf den Häuten der geschlachteten und verzehrten Rinder, indes im Saal die Sklaven hin und her eilten, in gewaltigen Krügen den Wein mischten, mit nassen Schwämmen die zahlreichen Tische wuschen und das duftende, dampfende Fleisch für die nächste Mahlzeit in Stücke schnitten. Kummervollen Herzens saß Telemachos, der Sohn des Odysseus, unter den frechen Freiem, das Haupt in die Hand gestützt, und sehnte den Vater herbei. Immer schwebte ihm sein Bild vor der Seele, und es glich dem eines strahlenden Halbgottes, der in goldenem Helm und Harnisch einherschritt, mit wilden, siegenden Streichen die Freier tötete oder vertrieb und sich wieder zum Herrn des Hauses und all seines Gutes machte. Gesehen hatte Telemachos seinen Vater ja nie, er war geboren worden, als Odysseus die Heimat verließ, um vor Troia zu kämpfen. Ach, Vater, warum kommst du nicht! dachte er im stillen, und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Jünglingsbrust. In diesem Augenblick gewahrte er Athene in König Mentes‘ Gestalt. Er kannte den alten Gastfreund seines Vaters nicht, ging aber sogleich freundlich auf ihn zu, reichte ihm die Hand und nahm ihm die schwere Lanze ab. Er begleitete den Fremdling in den Saal, stellte die Waffe in den Speerbehälter zu den Lanzen des Odysseus und führte den Gast zu einem Thronsessel mit schön gewirktem Polster. „Beliebt es Euch, so nehmt hier am Tische Platz“, sprach Telemachos, und da sich Athene niederließ, schob er ihr einen Schemel unter die Füße. Dann winkte er eine Dienerin herbei, die goss aus goldener Kanne laues Wasser über die Hände des Gastes in ein silbernes Becken. Die Schafferin brachte Brot und Fleisch herbei, ein Diener zerlegte die Speisen, ein anderer sorgte für Wein. So ward die Göttin bewirtet. Bald kamen auch die hungrigen Freier aus dem Hofe herein, setzten sich laut lachend und schwatzend zu Tisch, lümmelten sich nach üppigem Mahl und reichlichem Trunk träge in die prächtigen Sessel und verlangten nach Reigentanz und Gesang. Und schon erhob sich Phemios, der Sänger, wenn auch widerwillig – er liebte Odysseus! schlug die Harfe und sang, indes die schönsten der aufwartenden Mägde einander die Hände zum Reigen reichten. „Wenn du ein Freund meines Vaters bist“, flüsterte Telemachos dem hohen Fremdling ins Ohr, „so muss dich dies widerwärtige Treiben mit Zorn und Trauer erfüllen – sieh nur, wie sie meines Vaters Gut verprassen, indes sein Gebein vielleicht an fremdem Gestade unbestattet modert! Wie würden diese schmausenden Memmen alle das Weite suchen, kehrte er glücklich heim! Doch sage mir nun, edler Gast, wer du bist und woher du kommst!“ „Ich bin König Mentes und herrschte über die Insel Taphos“, antwortete Athene. „Von dorther kam ich zu Schiff nach Ithaka, weil es hieß, Odysseus sei wieder daheim. Er starb noch nicht, das weiß ich gewiss. Die Götter lieben ihn, darum prüfen sie ihn und machen ihm die Rückkunft so schwer. Sicherlich halten ihn wilde Barbaren auf einem Eiland fest, aber mir sagt mein weissagender Sinn, dass der Listenreiche bald einen Weg zur Heimkehr finden und eines nicht mehr fernen Tages hier im Saale stehen wird… Wie du ihm gleichst! Sein Auge blickt mich aus deinem an! Oh, ich kannte ihn gut. Seit er nach Troia fuhr, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Doch nun antworte mir du: Wer sind diese Leute und was wollen sie hier?“ „Freier sind es, schamlose Kerle aus der Nachbarschaft“, erwiderte Telemachos, „sie essen uns arm und schänden unser königliches Haus mit ihrer Anwesenheit. Meine Mutter umwerben sie, doch sie kann sich nicht entscheiden, ihr Herz gehört Odysseus, sie glaubt nicht an seinen Tod. Ach, wäre er doch gestorben! Vor Troja gefallen wie Achilleus! Dann hätten auch ihm die Danaer ein Denkmal aufgeschüttet, und sein Name überstrahlte noch die fernsten Geschlechter! So aber machen ihn diese Schurken zum Bettler und besudeln sein Ansehen und das meine. Sie verwüsten mein Haus und werden mich wohl bald umbringen!“ Da fuhr Athene in zornigem Schmerz auf: „Wehre dich! Du bist kein Kind mehr, groß und stattlich bist du geworden, so sorge dafür, dass der Name des Telemachos nicht dereinst zum Spottnamen wird! Tritt vor die Freier hin und fordere sie auf, das Haus zu verlassen! Tun sie es nicht, so rüste unverzüglich das tüchtigste Schiff mit zwanzig Ruderern aus und mach dich auf, den Vater zu suchen! Zuerst fragst du am besten in Pylos beim greisen Nestor an. Erfährst du dort nichts, so wende dich nach Sparta zu König Menelaos. Vielleicht weiß er, wo dein Vater blieb, er kehrte als letzter von allen Griechen heim. Hörst du, dass Odysseus noch lebt und wiederkehren wird, reise zurück nach Ithaka und ertrage es noch ein Jahr. Ist Odysseus aber tot, so opfere und errichte ihm daheim ein Denkmal. Begehrt deine Mutter nach einem neuen Manne, so soll sie heimkehren zu ihrem Vater Ikarios, in dessen Palast man die Hochzeit bereiten möge. Weichen die Freier dann noch immer nicht aus deinem Hause, so sinne darauf, wie du sie durch List oder in offenem Kampfe tötest!“ Nachdem Athene so gesprochen hatte, legte sie des Mentes Gestalt ab und flog wie ein Vogel durch den Kamin davon. Stumm staunte Telemachos über das Verschwinden seines Gastes. Tief in der Seele ahnte er, dass eine Gottheit bei ihm gewesen war und ihm Kraft und Mut in die Brust gegossen hatte. Während er noch sinnend dasaß, sang Phemios eine traurige Weise von der schwierigen Heimfahrt der Griechen aus Troja. Das Lied drang durchs Haus empor in Penelopes Söllergemach und bewegte ihr Herz. Gefolgt von zwei Dienerinnen, erschien die Königin bald auf den Stufen, die in den Saal herabführten, und sprach unter Tränen zu dem Sänger: „Kannst du kein anderes Lied singen? Muss es dieses sein? Weißt du nicht, wie hart ich Odysseus erharre? Deine Weise quält mich, stimm eine andere an!“ Da schritt Telemachos zur Mutter hinan und redete freundlich zu ihr: „Tadle den Sänger nicht; was ihm gerade das Herz entzündet, damit erfreut er uns. Nicht sein Geist, der Götter Atem befeuert seinen Mund. Zeus selber gibt ihm die Lieder ein, darum zürne dem Sänger nicht. Lass ihn die Leiden der Danaer besingen, Odysseus ist nicht der einzige, der nicht heimkam – wie viel Helden sind vor Troja umgekommen, wie viel verschlang das unbarmherzige Meer! Kehre zurück ins Frauengemach zu Spindel und Webstuhl und lenke das Tagewerk der Mägde. Die Rede gebührt den Männern, und unter den Männern vor allem mir, dem die Herrschaft im Hause zukommt.“ Verwundert über des Sohnes festes, verständiges Wort, kehrte Penelope nach dem Söller zurück und beweinte dort in der Einsamkeit den fernen Gatten, bis ihr Athene süßen Schlummer auf Herz und Augen senkte. Nun wandte sich Telemachos zu den Freiem, die erstaunt aufgehorcht hatten, und rief: „Euch aber fordere ich auf, morgen auf dem Markt zu erscheinen, ich habe mit euch zu reden, und zwar vor dem ganzen Volk von Ithaka! Ich werde euch lehren, meines Vaters Gut zu verprassen! Zehrt künftig von eurer eigenen Habe, oder fürchtet die Strafe der Götter!“ Die Freier bissen sich auf die Lippen, als sie solche Worte hörten, doch wagte es keiner, Telemachos anzugreifen. Freilich, nach Hause gingen sie nicht, sondern tafelten und becherten erneut bis zum Abend. Am anderen Morgen in der Frühe riefen die Herolde alle Bewohner der Insel zur Versammlung, und auch die Freier folgten dem Ruf. Als dann Telemachos auf dem Markte erschien, machten ihm selbst die Greise ehrerbietig Platz, so hatte Athene seine Gestalt mit Hoheit umkleidet. Das Schwert über die Schulter gehängt, ließ er sich auf seines Vaters Stuhl nieder. Dann ergriff er zur Verwunderung aller das Zepter und erhob seine Stimme: „Hört mich an! Es ist das erstemal, dass ihr von mir zusammengerufen werdet, und ihr dürft mir glauben, dass mich nicht Hochmut dazu treibt, meines Vaters Amt zu üben. Hab und Gut eures Königs ist in Gefahr! Die edelsten Söhne unseres Landes umdrängen meine Mutter, von der sie meinen, sie sei bereits verwitwet. Statt jedoch bei ihrem Vater anzuhalten, wie es die gute Sitte heischt, schalten und walten sie in unserem Hause wie die Herren, schlachten das Vieh, verzechen des Fürsten Wein und laden unverdienten Schmerz auf meine Seele. Ihr Freier, schämt ihr euch nicht, wie Diebe, wie Räuber zu handeln? Hat euch mein Vater je beleidigt? Nein! Habe ich selbst euch jemals geschädigt? Hat euch meine Mutter gekränkt? Nein und abermals nein! Warum also reizt ihr meinen Zorn so maßlos?“ Und Telemachos schleuderte sein Zepter zu Boden. „Du trotziger Knabe“, erwiderte ihm Antinoos, einer der Freier, „dein Gebaren weckt nur unseren Hohn. Schmähe uns, soviel du willst, wir bleiben. Und was deine Mutter betrifft, so lässt du sie besser aus dem Spiel; denn allein ihren Ränken verdankst du, was dich so ärgert. Verheißt sie nicht bald diesem, bald jenem ihre Gunst? Sendet sie nicht bald diesem, bald jenem heimliche Liebesboten? Drei Jahre lang hält sie uns schon so hin mit trügerischem Herzen, wir aber sind ihr auf alle Schliche gekommen! Hat sie nicht gelobt, sich zu entscheiden, sobald sie ein Leichenhemd für Laertes, ihren Schwiegervater, fertiggewoben? Unermüdlich arbeitete sie daran, aber bei Nacht trennte sie das am Tage Gewobene listig wieder auf. Drei Jahre lang ließen wir uns täuschen, bis eine Magd das Geheimnis verriet; da zwangen wir Penelope, das Werk zu vollenden. Schicke sie nun endlich zu ihrem Vater zurück und gebiete ihr, sich zu vermählen, sei es einem Manne, den sie liebt, sei es einem, den ihr der Vater bestimmt. Gehorcht sie nicht, werden wir so lange von deinem Gute zehren, bis sie einen von uns zum Gemahl erwählt. Wir dulden keine unvermählte Fürstin.“ Voll Bitterkeit sprach Telemachos: „Euretwegen werde ich nicht meine Mutter aus dem Hause jagen. Ich weiß, ich bin zu schwach, um euch, die ihr jedes Gefühl für Recht und Unrecht verlort, zu bewältigen; ihr seid hundert, ich bin allein. Mein Vater freilich, der hätte es mit euch allen aufgenommen, und darum fordere ich vom Volke ein gutes Schiff mit zwanzig Ruderern, ich will den Vater suchen! Und bringe ich ihn heil nach Ithaka, wird euch seine Rache zerschmettern, so wahr ihm die Götter beistehen!“ Während Telemachos sprach, schwebten plötzlich, von Zeus entsendet, zwei Adler mit ausgebreiteten Schwingen vom Gebirge her über den Marktplatz. Sie umkreisten majestätisch die Versammlung, schlugen heftig mit den Flügeln und äugten drohend herab. Dann zerkratzten sie sich selber Hals und Kopf und stürmten nach rechts hin über die Stadt davon. Ein Raunen ging von Mund zu Mund: „Habt ihr das gesehen? Ein Zeichen der Götter! Schreckliches steht den Freiem bevor, Odysseus wird kommen und ihnen Tod und Verderben bieten!“ Die Freier aber lachten und bedrohten das Volk: „Geht heim und schweigt, ihr albernen Propheten, sonst vollziehen wir euren Unheilsspruch an euren eigenen Kindern! Es fliegen viele Vögel unter den Strahlen der Sonne umher, doch nicht jeder Flug bedeutet etwas! Odysseus starb in der Ferne, und wer weiß, ob es nicht gerade sein Tod ist, den diese Adler uns anzeigten?“ Telemachos schwieg. Aber Mentor, der treue Freund und Altersgenosse des Odysseus, dem der Held vor seiner Abfahrt nach Troja die Sorge um Haus und Hof anvertraut hatte, ergriff jetzt zornig das Wort. „Den Freiem verdenk ich es nicht“, rief er, „dass sie handeln, als kehrte ihr Fürst nie mehr wieder, aber dem Volke verarg ich’s, dass es stumm dasitzt und zuschaut, wiewohl es den Frevlern um ein Vielfaches überlegen ist. Schämt euch, ihr treulosen Feiglinge!“ Höhnend erwiderte ihm Leiokritos, einer der Frechsten unter den Prassern: „Schon gut, Mentor! Verhilf dem Telemachos zur Seereise, wir halten ihn nicht, möge ihn das Meer verschlucken samt allen, die an Odysseus‘ Heimkehr glauben! Und käme er wirklich, so hätte Penelope wenig Freude davon: im Kampfe mit so vielen erginge es ihm schlecht. Genug geredet! Gehe ein jeder an sein Geschäft!“ So löste sich die Versammlung auf. Jeder ging in sein Haus zurück, die Freier aber in den Palast des Königs. Telemachos schritt hinab an das Meer, wusch sich die Hände in der Flut und flehte den unbekannten Gott an, der tags zuvor bei ihm zu Gast gewesen. Sogleich nahte ihm Pallas Athene, doch diesmal in Mentors Gestalt. „Ich bin deines Vaters ältester Freund“, sprach sie, „ich will auch dein treuester sein, dir ein schnelles Schiff besorgen, wie du es brauchst, und dich selber begleiten. Eile nach Hause, steige hinab in deines Vaters Vorratskammer, wo Gold und Erz gehäuft liegen und die Truhen voll kostbarer Gewänder stehen, dazu Krüge voll duftenden Öles und Fässer, mit balsamischem Weine gefüllt. Dort lasse dir von Eurykleia, der wachsamen Schafferin, zwanzig Maß Mehl in Schläuche und zwölf Henkelkrüge mit Wein füllen. Sobald die Mutter ins Schlaf gemach gegangen ist, schaffe alles zum Hafen, doch sorge dafür, dass Eurykleia nicht schwätzt! Erst nach zwölf Tagen darf sie Penelope sagen, dass wir ausfuhren, den Vater zu suchen.“ Telemachos gehorchte, während Athene in des Jünglings eigener Gestalt zur selben Stunde bei dem reichen Bürger Noemon eintrat und von diesem Schiff und Ruderknechte entlieh. Dann mengte sie sich unter die Freier im Saal und machte sie so berauscht, dass ihnen die Becher aus den Händen fielen und sie in tiefen Schlummer sanken. Hierauf flog sie hinab ans Gestade, half in Mentors Gestalt, den Genossen die Zehrung an Bord zu bringen, und bestieg zuletzt an Telemachos‘ Seite selber das Schiff. Der Wind schwellte die Segel, sie stießen ab und glitten hinaus in die Nacht. Mit Sonnenaufgang lag Pylos, Nestors Stadt, vom den Blicken der Seefahrer. Gerade opferte das Volk dem Meeresgott schwarze Stiere, Nestor saß mit seinen Söhnen inmitten dem Menge beim Opfermahl. Die Ankömmlinge wurden freundlich begrüßt und bewirtet, auf dickwolligen Fellen saßen sie zu beiden Seiten des Königs und schmausten. Als Hunger und Durst gestillt waren, fragte Nestor: „Wer seid ihm und was führt euch nach Pylos?“ Da antwortete Telemachos: „Ich bin gekommen, nach meinem Vater Odysseus zu forschen. Weißt du, geliebter Greis, mir nicht zu sagen, wo er weilt? Schone mein Herz nicht und berichte mir alles!“ Da schüttelte Nestor das Haupt, traurig sprach er: „Arge Stürme trieben die Flotte dem Griechen auseinander, niemand weiß, wo Odysseus, der herrliche Held, blieb. Doch wende dich nach Sparta zum Fürsten Menelaos, der war am längsten von uns allen unterwegs, mag sein, dass der dir besser dienen kann als ich.“ Athene nickte und sprach: „So will ich nach unserem Schiffe sehen und dort die Nacht zubringen. Morgen früh fahre ich dann zum Volk der Kaukonen, ich habe dort eine alte Goldschuld einzutreiben. Den Telemachos aber, o König, sende zu Wagen nach Sparta und gönne ihm, bis dahin bei dir im Palast zu ruhen, es ist Abend geworden.“ So sprach die Göttin und flog in Adlergestalt davon. Alle sahen ihr staunend nach, Nestor aber ergriff Telemachos‘ Hand und sagte: „Lieber Sohn eines geliebten Helden, verzage nicht, da Götter deine Jugend beschirmen. Niemand anderer als Athene, die Tochter des Zeus, war dein Begleiter, wir wollen ihr morgen in allem Frühe ein jähriges Rind mit vergoldeten Hörnern opfern.“ Und so geschah’s. Als die Morgenröte die weißen Marmorquadern vor dem Palaste rosig färbte, auf denen vorzeiten Nereus, Nestors Vater und Vater der Meeresgöttin Thetis, zu sitzen pflegte, wurde eine Kuh herangeführt. Ein Goldschmied umkleidete ihre Hörner mit dem glänzenden Metall, und so geschmückt wurde das sanfte Tier der Göttin geweiht und geopfert, indes Nestor, auf den Marmorstufen ruhend, zusah, wie das Blut den Altar besprengte. Nach dem Mahle nahm Telemachos ein Bad, salbte seinen Leib, der einem Gotte an Schönheit glich, und bestieg dann mit Nestors unvermähltem Sohne Peisistratos den Wagen, der ihn nach Sparta bringen sollte. Peisistratos straffte die Zügel und schwang die Geißel, da flogen die Rosse dahin, Pylos versank im Rücken der Reisenden, und noch vom dem Abend gelangten sie nach Pherai zum Helden Diokles, wo sie die Nacht zubrachten. Am anderen Tage ging es zwischen üppigen Weizenfeldern weiter nach Sparta, das zwischen Bergen liegt. Dem Abend verdunkelte schon die Wege, als Telemachos und sein Begleiter den Königspalast betraten, wo es hoch herging, weil Megaphentes, des Königs Sohn, mit einer edlen Spartanerin Hochzeit hielt, bei welcher zugleich die Verlobung von Achilleus‘ Sohn Neoptolemos mit Hermione, des Menelaos und der Helena Tochter, gefeiert wurde. Der Fürst nahm die Jünglinge gastfreundlich auf. Er umarmte Telemachos und beweinte mit ihm das Los des Odysseus. Über den Verbleib des Laertiden aber konnte er nur berichten, was ihm der heilige Meergreis Proteus geweissagt hatte. „Ich war“, so erzählte Menelaos, „an Ägyptens Küste gelangt, des göttlichen Wesens Weisheit zu erfragen. Proteus aber, wie alle Wassergeister, verwandelte sich vor meinen Augen in immer neue Gestalten und entwischte mir lange. Bald war er Löwe, bald Schlange, bald Panther, bald Eber, zuletzt entschlüpfte er mir als hochwipfelnder Baum oder als schäumende Welle. Endlich bekam ich ihn in seiner wahren Gestalt zu fassen und zwang ihn, mir die Schicksale aller aus Troja heimkehrenden Helden zu offenbaren. Als ich ihn nach Odysseus befragte, antwortete er: Tränen der Sehnsucht sah ich Odysseus vergießen. Auf einsamer Insel fand ihn mein Geist, gefangen in schillernder Grotte. Kalypso, die Nymphe, hält ihn dort, an Schiffen gebricht’s dem Helden, an Ruderern, um nach Hause zu gelangen!‘ – Nun weißt du alles, was ich weiß, geliebter Telemachos.“ „Wenn Proteus dir das verkündete, so ist es auch wahr, unfehlbar ist sein Geist!“ rief Telemachos und sprang auf. Gerne hätte Menelaos ihn noch elf oder zwölf Tage bei sich gehabt und ihn dann, reich beschenkt, entlassen. Aber der junge Held ließ sich nicht halten. Kaum dass er am anderen Morgen ein Frühstück aus Schaf- und Ziegenfleisch zu sich nahm, so sehr trieb es ihn fort. Zum Abschied schenkte ihm der König einen Mischkrug aus Silber mit goldenem Rand. Es war eine unvergleichlich schöne Arbeit des kunstreichen Gottes Hephaistos selber. Während sich dies in Pylos und Sparta begab, schlemmten die Freier daheim in Ithaka lustig weiter und vergnügten sich zur Abwechslung mit Diskuswerfen und Speerschleudern vor dem Palaste des Odysseus. Als Antinoos und Eurymachos einmal abseits standen, um zu rasten, trat Noemon zu ihnen und sprach: „Wisst ihr vielleicht, wann Telemachos aus Pylos zurückkehrt? Er lieh sich von mir ein Schiff und Ruderknechte, Mentor begleitete ihn – oder war es ein Gott in dessen Gestalt? Ich sah doch Mentor noch gestern!“ Die Freier waren bestürzt. Zornig rief Antinoos: „Dieser Trotzkopf hat Großes im Sinn, seine Kühnheit kann uns noch schaden! Gebt mir einen Schnellsegler und zwanzig Ruderer, ich will ihm zwischen Ithaka und Samos auflauern und seiner Fahrt ein schreckliches Ende bereiten!“ Die Verschwörung der Freier blieb aber nicht unbelauscht. Ein Herold, der treu zu Penelope hielt, hatte alles gehört und berichtete es der Fürstin. In ihrem Unglück wandte sie sich an Athene um Hilfe, und als sie sich bald darauf zum Schlummer niederlegte, sandte ihr die Göttin ein Luftgebilde, das hatte die Gestalt von Penelopes Schwester Iphthime und sprach der Träumenden Trost zu: „Athene begleitet und schützt dein Kind, es kehrt dir wieder, sei ohne Sorge. Aus Mitleid mit dir schickte mich die Göttin hieher!“ Das stillte Penelopes Kummer, und als es Morgen wurde, erwachte sie fröhlich. Die Freier aber steuerten inzwischen auf bewegtem Meere jenem schroffen Felseneilande zu, das mitten in der Meerenge zwischen Ithaka und der Insel Samos liegt; Asteris heißt es. Dort legten sie sich zwischen den Klippen in einen Hinterhalt. Hermes, der Götterbote, schwang sich aus dem Äther hinab aufs Meer und flog wie eine Möwe über die tief blauen Wellen nach Kalypsos Insel, um der Nymphe mitzuteilen, was die Götter beschlossen hatten. Ein Hain aus Pappeln, Erlen und Zypressen, in deren Gezweig Habichte, Eulen und Krähen nisteten, beschattete die Grotte, ein mächtiger Weinstock mit purpurnen Trauben umrankte den Zugang. Rund um die Felsenhöhle entsprangen vier Quellen; sie bewässerten schwellende Wiesen voll Veilchen, Hyazinthen und würzigen Kräutern. Voll Bewunderung durchmaß Hermes dies Eiland. Er fand die Nymphe in ihrem Gewölbe am Herde sitzend, auf welchem duftendes Zedern- und Zitronenholz brannte. Odysseus traf er nicht an, den hatte Kalypso für eine Weile aus der Grotte entlassen; nun saß er am Gestade, beklagte sein Geschick und schaute sehnsüchtig auf das öde Meer hinaus, den Blick von Tränen getrübt. Hermes bestellte der Nymphe Zeus‘ Willen. Da hob Kalypso die Hände auf und rief voll Schmerz: „Wie grausam, wie neidisch seid ihr doch, ihr olympischen Götter, dass ihr einer Unsterblichen nicht gönnt, sich einen sterblichen Mann zum lieben Gemahl zu nehmen! Ich war’s, die Odysseus vom Tode errettete, als er, die Arme um den geborstenen Kiel seines Schiffes geklammert, elend und einsam an meine Küste trieb. Ich nahm ihn auf, ich stärkte ihn liebevoll und soll ihn nun wieder verlieren? Doch wer vermöchte etwas gegen den Willen des Zeus! Also mag er wieder hinausfahren auf das unendliche Meer. Mit Schiffen und Ruderern kann ich ihn freilich nicht versehen, wohl aber mit gutem Rat, damit er unversehrt die Heimat erreiche.“ Befriedigt nickte ihr Hermes zu und enteilte, wie er gekommen. Kalypso aber schritt hinab ans Ufer zu dem Trauernden. „Härme dich nicht länger“, sprach sie sanft, „ich entlasse dich. Zimmere dir ein Floß aus starken Bäumen, ich werde dich mit Speise versorgen und dir günstige Winde schicken. Kehre heim und sei glücklich.“ Misstrauisch blickte der Held die Göttin an. „Und wenn du mich nur auf das Floß setzest, um mich zu verderben? Schwöre mir bei Himmel, Erde und Styx, dass sich hinter deiner Freundlichkeit keine böse List verbirgt!“ Da schwur Kalypso, und der Dulder folgte ihr in die Grotte zum gemeinsamen Mahle. Als sie gegessen und getrunken hatten – Odysseus Fleisch, Brot und Wein, die Nymphe Nektar und Ambrosia -, sprach Kalypso: „Willst du mich wirklich verlassen und dich den Schrecken der tückischen Flut anvertrauen? O mein armer Freund, du weißt nicht, welche Leiden deiner noch harren! Kenntest du sie, du ließest dich gerne von mir mit Unsterblichkeit beschenken und bliebest immer bei mir. Die Gattin, nach der du dich so sehnst, würde ich dir wohl ersetzen können, oder darf sich Penelope, ein sterbliches Weib, mit mir, der Göttin, an Schönheit vergleichen?“ Odysseus antwortete: „Zürne mir nicht, du Erhabene! Sicherlich kann sich mein Weib nicht mit dir an Liebreiz und Hoheit messen -dennoch verlangt es mich nach Hause. Und wenn mich ein tobender Gott auf düsterem Meere verfolgte, ich will’s erdulden, nur um das Vaterland wiederzusehen. An Leid bin ich gewöhnt.“ Vier Tage brauchte Odysseus, dann war das Floß fertig. Es war aus dicken Bäumen gefügt und mit einem Bord umgeben, in der Mitte trug es den Mast, auch ein Steuerruder fehlte nicht; das Tuch für die Segel spendete Kalypso. Am fünften Tage badete Odysseus, legte frische Kleider an und sprang freudig auf sein Fahrzeug. Er setzte sich ans Steuer und lenkte das Floß mit vieler Kunst durch die Flut. Kein Schlaf beschlich ihn, Tag und Nacht wachte er und richtete sich nach den Gestirnen des Himmels. Kalypso hielt Wort: beständig waren die Segel von günstigen Winden geschwellt. So fuhr er siebzehn Tage durch das bewegte Meer, bis sich am achtzehnten endlich in der Ferne die dunklen Gebirge das Phaiakenlandes zeigten, das wie ein matter Schild im ruhigen, tief blauen Wasser lag. Jetzt aber entdeckte ihn Poseidon, der gerade aus Aithiopien heimkehrte und über die Berge an Asiens Küste hinschritt. Voll Zorn darüber, dass die Götter in seiner Abwesenheit den Helden aus Kalypsos Haft befreit hatten, stürzte er sich ins Meer und wühlte es mit seinem gewaltigen Dreizack auf, rief auch alle Winde und Wolken des Himmels herbei. Jäher Sturm umheulte das Floß, jähe Finsternis hüllte Meer und Erde ein. Odysseus zitterten Herz und Knie, er umklammerte das Ruder und seufzte: „Oh, warum fand ich nicht von den Speeren der Troer den Tod!“ Da riss ihm eine Sturzwoge das Steuer aus der Hand und spülte ihn selber über Bord, so dass er tief hinabsank. Als er sich wieder emporrang, sah er, dass der Mast abgebrochen war und samt dem Segel im Wasser schwamm. Mit Mühe und Not erreichte er das beschädigte Fahrzeug und zog sich hinauf. Als er so dahintrieb, tauchte auf einmal die Meergöttin Leukothea in Gestalt einer Möwe aus dem Strudel empor. Sie setzte sich neben den Dulder auf das Floß und sprach: „Lass dir raten, Odysseus! Lege dein schweres Gewand ab, umgürte die Brust mit dem Schleier, den ich im Schnabel halte, und überlasse dich schwimmend getrost allen Schrecken der Flut – Poseidon darf dich nicht vernichten! Mutig strebe zum Land der Phaiaken, und hast du das Ufer erreicht, so wirf mir den Schleier weit ins Meer hinaus!“ Die Göttin verschwand. Odysseus, ihren Worten misstrauend, saß mit dem Schleier in der Hand unschlüssig auf dem Floß. Doch da sandte ihm Poseidon seine wildeste Woge, die riss alle Balken auseinander und beraubte den Helden jedes Haltes. „Da irre hin, von Jammer umringt!“ rief der Gott mit dem Dreizack. „Elend über Elend sollst du erdulden!“ Und kehrte zurück in seinen Palast. Wie sich ein Reiter auf sein Pferd schwingt, so schwang sich Odysseus auf einen der treibenden Balken, riss sich die Kleider ab, band den Schleier um und sprang ins Meer. Zwei Tage und zwei Nächte irrte er so, dem Tode näher als dem Leben, auf den finsteren Wogen umher, bis sich das Meer endlich beruhigte und unter friedlich blauem Morgenhimmel ein waldiges Ufer ganz nahe vor seinen Blicken lag. Aber es waren ihm Klippen vorgebaut, nirgends war eine Bucht zu sehen. Machtvoll warf die Flut den Ermatteten gegen das Gestade, und er wäre sicherlich zerschmettert worden, hätte er sich nicht mit letzter Kraft an die Felsen geklammert. Die zurückflutende See riss ihn zwar wieder mit sich, wobei Fetzen seiner Haut am Gestein hängenblieben, doch als er aus der Brandung wieder auftauchte, entdeckte er die Mündung eines Flusses und schwamm, ein Stoßgebet an den unbekannten Flussgott in der Seele, auf sie zu. Der Angerufene erbarmte sich seiner, staute die Strömung, und Odysseus wurde von der nächsten starken Meereswoge landeinwärts getrieben. Hier erklomm er das Ufer des Flusses und sank ohnmächtig zu Boden; aus Mund und Nase strömte ihm das Salzwasser, der Atem verließ ihn. Als sich seine Brust endlich wieder hob und er die Augen aufschlug, löste er sich mit einem stillen Dankeswort den Schleier der Göttin Leukothea ab und warf ihn ins Wasser; eilig trugen ihn die Wellen der Geberin zurück. Es war Nacht geworden. Angesichts der blinkenden Sterne warf sich Odysseus nieder und küsste die wiedergewonnene Erde. Dann erstieg er einen nahen Hügel, den Wald bedeckte, fand unter zwei verschlungenen, dichtbelaubten Olivenbäumen eine geschützte Ruhestatt und häufte sich dort aus herabgefallenen Blättern ein warmes Lager. Er kroch bis zum Halse hinein, und bald goss sich erquickender Schlaf über seine Augen aus, der ihn alle Leiden vergessen ließ, die überstandenen wie die kommenden. Während Odysseus so im Walde lag und schlief, war seine Beschützerin Athene liebreich auf ihn bedacht. Die Phaiaken, an deren Land sich der Schiffbrüchige gerettet hatte, bewohnten eine mit Mauern umgürtete Stadt, dort herrschte ein weiser König mit Namen Alkinoos. Seine Tochter, schön und anmutig wie eine der Unsterblichen, hieß Nausikaa. In deren Schlafgemach begab sich Athene, leise wie ein Lüftchen trat sie der Jungfrau zu Häupten und rief die Träumende in der Gestalt einer ihrer Gespielinnen an: „Ei, du träges Mädchen, wie wird dich die Mutter schelten! Die Edelsten deines Volkes werben um dich, die schöne Königstochter, du aber hast nichts vorbereitet, womit du deine Jungfrauen und die Brautführer kleiden könntest, wenn der Tag deiner Hochzeit herannaht. Ungewaschen liegen die schönen Gewänder in Schränken und Truhen auf, erhebe dich mit der Morgenröte und wasche sie!“ Das Traumbild entschwand. Eilig erhob sich Nausikaa und suchte die Eltern auf. Die Mutter saß am Herde und spann purpurne Seide. Den Vater traf sie unter der Pforte; er wollte gerade zur Ratsversammlung der Fürsten gehen, die er einberufen hatte. „Ach, Väterchen“, sprach sie schmeichelnd zu ihm, „lass mir einen Lastwagen anspannen, ich will meine kostbaren Kleider hinab zum Fluss bringen und dort waschen, sie liegen so schmutzig umher! Auch deine und deiner fünf Söhne Gewänder will ich mitnehmen, du und die Brüder, ihr wollt doch auch sauber im Rat und beim Reigentanz erscheinen, und die Mutter kann nicht an alles denken.“ Dass ihr die eigene Hochzeit im Sinne lag, verschwieg Nausikaa schamhaft, aber der Vater merkte es doch. „Geh nur, mein Kind“, sagte er lächelnd, „die Knechte sollen dir anspannen.“ Alsbald trug Nausikaa mit ihren Mägden die feinen Kleider aus der Kammer und belud den Wagen. Die Mutter versorgte sie mit süßem Gebäck, Obst und Wein, gab ihnen auch ein Fläschchen voll Salböl mit, das die Mädchen nach dem Bade gebrauchen sollten; dann schwang sich Nausikaa auf das Gefährt, ergriff Zügel und Geißel und lenkte die Maultiere mit kundiger Hand zum Fluss hinab. Die Gespielinnen schritten nebenher. Am Ufer angekommen, spannten sie die braven Tiere aus, ließen sie im saftigen Gras weiden und legten die Gewänder in die Erdtröge, die auf dem Waschplatz gegraben waren. Sie stampften die Kleider mit den bloßen Füßen, spülten die Flecke heraus und breiteten sie dann Stück für Stück auf den blanken Kieseln am Meeresstrande zum Trocknen aus. Hierauf sprangen sie alle nackt in den Fluss, tummelten sich scherzend im Wasser umher, salbten sich nach dem Bade mit dem duftenden Öl und setzten sich zum Frühstück. Als sie gesättigt waren, vertrieben sie sich die Zeit mit lustigem Ballspiel, und als Nausikaa einmal den Ball einer Gespielin zuwarf, lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige Athene so, dass er statt in die Hände des Mädchens in das wirbelnde Flusswasser fiel. Laut kreischten die Spielenden auf und weckten mit ihrem Schrei Odysseus im nahen Wald. Horchend richtete der Held sich auf und sprach zu sich selber: „Sind das nicht arglose Mädchenstimmen? Es klingt, wie wenn Berg- oder Quellnymphen in übermütigem Spiele einander jagen. Den Göttern sei Dank, ich bin in gesitteter Menschen Land geraten, nicht unter wilde Räuberhorden!“ Er brach sich aus dem wuchernden Gehölz einen starken, belaubten Zweig, bedeckte damit seine Blöße und tauchte so aus dem Dickicht hervor. Wie ein wilder Berglöwe erschien er den Jungfrauen, die schreiend nach allen Seiten auseinander flohen. Nur Nausikaa floh nicht. Athene hatte ihrem Herzen Mut eingeflößt, und so stand sie still und erwartete den seltsamen Fremdling, der von Meerschlamm noch ganz besudelt war; wirr starrten ihm Haupthaar und Bart. „Ob du eine Göttin bist oder eine sterbliche Jungfrau“, rief Odysseus der Königstochter von weitem zu, „erbarme dich meiner, schutz-flehend nahe ich dir. Ein Meersturm warf mich fern meiner Heimat an diesen Strand. O gib mir Kleidung und zeige mir die Stadt, in der du wohnst! Mögen dir die Götter dafür alles geben, wonach dein edles Herz begehrt: einen Gatten, ein eigenes Haus, und Frieden und Eintracht dazu!“ „Du scheinst mir weder böse zu sein noch ein Tor“, erwiderte Nausikaa. „Phaiaken bewohnen dies Land, ihr König heißt Alkinoos, und ich bin seine Tochter.“ So sprach sie und rief ihre Dienerinnen herbei. Die verschreckten Mädchen legten dem Helden einen Mantel und einen Leibrock ins Gebüsch, reichten ihm auch das goldene Fläschchen mit dem Salböl. Odysseus wusch und salbte seinen Leib, strählte sein Haar, so gut es ging, und legte die Kleider an. Als er wieder hervortrat, staunte Nausikaa über seine herrliche Gestalt und sagte zu den Gespielinnen: „Diesem Manne sind gewiss nur wenige Götter feindlich gesinnt; seht nur, wie ihn Hoheit und Anmut umstrahlen! O lebte doch ein solcher unter unserem Volk und wäre mir zum Gemahl erkoren! Auf, ihr Mädchen, stärkt ihn mit Speise und Trank!“ Dankbar labte sich Odysseus an der lang entbehrten Nahrung. Hierauf wurde der Wagen mit der inzwischen getrockneten Wäsche beladen, die Mägde spannten die Maultiere davor, und Nausikaa schwang sich auf den Sitz. „Folge mit meinen Mädchen zu Fuß“, sagte sie freundlich zu Odysseus, sie werden dich geleiten, solange es durch Wiesen und Äcker geht. Erblickst du die Stadt, so findest du dich leicht allein zurecht. Unser Volk ist schwatzhaft und steckt voll Übermut, da will ich vermeiden, dass irgendein Bauer, der uns begegnet, sagt: Ei, ei, wer ist der schöne Fremdling, der Nausikaa folgt? Wo hat sie den wohl aufgestöbert? Sicherlich wird er ihr Gemahl! – Ich kann solches Gerede nicht leiden, darum verbirg dich im Pappelgehölz vor der Stadt – es ist der Athene heilig – und warte, bis wir deinen Augen entschwunden sind. Dann erst suche nach meines Vaters Palast, der unter allen Häusern hervorragt, und umfasse dort die Knie meiner Mutter. Gewinnst du ihr Herz, so darfst du sicher hoffen, deiner Väter Heimat bald wieder zu schauen.“ So sprach Nausikaa und fuhr mit dem Wagen dahin, doch langsam, damit die Mädchen und Odysseus folgen konnten. Nausikaa hatte den väterlichen Palast erreicht, als Odysseus den heiligen Hain verließ und gleichfalls den Weg nach der Stadt einschlug. Er hatte im Schatten der Pappeln zu Athene, seiner Beschützerin, gebetet, und nun trat ihm die Göttin vor dem Tore in der Gestalt eines Phaiakenmädchens entgegen, einen Wasserkrug in der Hand. Er fragte sie nach dem Königshause, und Athene zeigte ihm freundlich den Weg dahin. Odysseus betrat die Stadt, bewunderte die treffliche Anlage des Hafens und betrachtete voll Schauer den prächtigen Tempel des Meergottes Poseidon, den die Phaiaken als tüchtige Seefahrer, die sie waren, besonders verehrten; mit Pfeil und Bogen machten sie sich weniger zu schaffen. Auf dem Marktplatz, den Odysseus überquerte, wurden Seile gedreht und Ruder geschnitzt und allerlei anderes Schiffsgerät feilgeboten. Kein neugieriger Blick, kein zudringliches Wort störten den Fremden, Athene entzog ihn gnädig allen Blicken. Er gelangte ungesehen bis vor den Palast, der hell wie die Sonne strahlte. Hinter der Schwelle des äußeren Tores umfingen den Eintretenden Wände aus gediegenem Erz mit Simsen aus bläulichem Stahl. Die Türe zur inneren Wohnung hing in silbernen Pfosten, die auf eherner Schwelle ruhten, und war ganz aus purem Gold. Goldene und silberne Hunde, unvergleichliche Meisterwerke des Götterschmiedes Hephaistos, standen zu beiden Seiten als drohende Wächter. Im Garten des Königs reiften die saftigsten Birnen und Äpfel, gediehen die süßesten Feigen und zartesten Oliven. Ein Quellbach schlängelte sich zwischen den Bäumen dahin, ein zweiter sprudelte unterhalb der Schwelle des Hofes, ganz dicht am Palaste, hervor. Aus ihm schöpften die Bürger ihr Wasser. Im Palaste waren fünfzig Dienerinnen beschäftigt, die einen mahlten auf der Handmühle Getreide, die anderen wirbelten die Spindel, wieder andere woben feines Gewebe. Im großen Saal standen an den Wänden bequeme Sessel, mit Teppichen belegt, auf welchen die Fürsten beim Königsmahl zu sitzen pflegten; und sie saßen dort oft und lange, denn dies Volk liebte festlichen Schmaus und Umtrunk sehr, desgleichen Gesang und das Wort der Dichter. Goldene Jünglingsstatuen mit brennenden Fackeln in der erhobenen Hand leuchteten den Gästen beim nächtlichen Mahl. Als Odysseus den Palast betrat, fand er die Fürsten beim Schmaus. Er durchschritt den Saal und blieb vor dem Thronsitz der Königin Arete stehen. Auf einen Wink Athenes wurde Odysseus sichtbar, warf sich vor der Königin nieder und umfasste ihre Knie. „Schutzflehend nahe ich mich dir und deinem hohen Gemahl“, rief er. „Erbarmet euch mein! Wie ein Verbannter irre ich in der Fremde umher. Helft mir, dass ich die Heimat wiedersehe! Mögen euch die Götter dafür Gesundheit und langes Leben schenken!“ Nach diesen Worten erhob er sich vom Boden, ging zum offenen Herd, auf welchem das Feuer brannte, und setzte sich dicht daneben demütig in die erkaltete Asche. Die Phaiaken waren vor Staunen stumm. Bald aber brachen sie ihr Schweigen und riefen: „O König, es schickt sich nicht, dass dieser Mann in der Asche hockt! Edel scheint uns der Fremdling, so biete ihm einen Sitz an und befiehl den Herolden, neuen Wein zu mischen, wir wollen Zeus, dem Beschirmer der Gastfreundschaft, ein Trankopfer darbringen!“ Alkinoos gefiel diese Rede. Er stand auf, nahm Odysseus gütig an der Hand und führte ihn zu einem Sitz an seiner Seite, wo sein eigener Sohn und Liebling Laodamas ihm Platz machen musste. So tafelte der Held mitten unter Helden, und als das Trankopfer dargebracht war und die Gäste sich erhoben, lud der König alle für den nächsten Tag zu einem Freudenmahl ein. Nun erst fragten Alkinoos und Arete den Fremdling, wer er sei und woher er komme. Odysseus verschwieg seinen Namen, erzählte hingegen ausführlich, wie es ihm als Gefangener Kalypsos auf der Insel Ogygia ergangen sei und was er seit seiner Abfahrt von dort alles erlebt habe. Voll Dankbarkeit gedachte er am Ende auch der schönen Nausikaa, die ihn so edelmütig behandelt hatte. Das Königspaar lauschte gespannt seiner Erzählung und fragte nicht mehr weiter. Alkinoos versprach ihm sicheres Geleit in die Heimat und wies ihm eine Kammer und ein Nachtlager an. Da verabschiedete sich der Held und ruhte, in weiche Kissen gebettet, von allen erduldeten Mühsalen aus. Tags darauf berief der König die vornehmsten Bürger der Stadt zu einer Ratsversammlung auf den Marktplatz. Sein Gast musste ihn dorthin begleiten, und als sie beide auf zwei schönbehauenen Steinen nebeneinander Platz genommen hatten, ruhten aller Augen bewundernd auf Odysseus. In feierlicher Rede erbat Alkinoos für den edlen Fremdling ein gutes Ruderschiff mit zweiundfünfzig Jünglingen als Besatzung, und die Häupter des Volkes gewährten ihm diesen Wunsch. Hierauf lud der König auch sie zum Festmahl ein. Bald wimmelten Höfe und Hallen von Geladenen. Zwölf Schafe, acht Schweine und zwei Stiere waren für den Schmaus geschlachtet worden, an mächtigen Spießen drehten sich die Braten über dem Feuer. Als sich die Gäste zum Mahle niederließen, führte ein Herold den Sänger Demodokos herein, der war blind. Die Muse hatte ihm das Licht der leiblichen Augen genommen und ihm dafür die Augen der Seele so weit geöffnet, dass er ins Reich der Götter schauen konnte; Vergangenes wie Künftiges erschloss sich seinem Geist. An einer breiten Säule stand ein silberbeschlagener Sessel für ihn bereit, dort ließ er sich nieder. Zu seinen Häupten hängte man die Harfe auf. Als nun das Mahl beendet war, wollte Demodokos singen. Man hob sein Saitenspiel vom Nagel und legte es ihm in den Arm. Er besang die Heldentaten der Griechen vor Troia – längst waren sie ja zum Liede geworden! -, er sang von Achilleus und von Odysseus, und als dieser seinen Namen von den Lippen des ihm fremden Sängers tönen hörte, entstürzten seinen Augen die Tränen, und er verhüllte sein Haupt. Alkinoos befahl sogleich, den Gesang zu enden, den traurigen Gast vielmehr durch Kampfspiele zu ermuntern und zu ehren. Die Menge strömte auf den Markt hinaus, hier maßen sich drei Söhne des Alkinoos und viele andere Jünglinge im Wettlauf und im Springen, im Ringen und im Scheibenwerfen. Sie forderten auch Odysseus auf, sich am Wettspiel zu beteiligen, doch dieser sprach: „Ihr Jünglinge, wollt ihr mich kränken? Ich habe anderes im Sinn. Trübsal nagt an mir, mich verlangt einzig nach Heimkehr.“ Da neckte ihn einer der Jünglinge, der im Wettstreit gesiegt hatte. „Fürwahr“, rief er, „du benimmst dich nicht wie ein Mann, der zu kämpfen versteht. Held bist du keiner – wohl ein Schiffshauptmann oder ein Kaufherr, wie?“ Odysseus blickte den Spötter an und sprach: „Ungleich verteilen die Götter ihre Gaben. Oft sieht einer aus wie ein Gott, aber in seinen Worten ist wenig Witz – zu der Sorte gehörst du, übermütiger Knabe. So anmutig du bist, so unfein und töricht ist deine Rede. In meiner Jugend, da nahm ich es wohl mit dem Tüchtigsten auf, doch seither haben mich Schlachten und Stürme heruntergebracht. Dennoch will ich’s versuchen, weil du mich herausgefordert hast!“ Damit erhob er sich von seinem Sitz und ergriff eine steinerne Scheibe, die da lag. Sie war größer und schwerer als die, deren sich die Phaiaken beim Spiel bedienten. Ohne den Mantel abzulegen, holte Odysseus aus und schleuderte den gewaltigen Diskus. Rund und blitzend wie das Rad an Helios‘ Sonnenwagen surrte er durch die Luft und fiel weit jenseits des Zieles zu Boden. Noch nie war im Phaiakenlande ein solcher Wurf getan worden. Einer der Männer, von Pallas Athenes Geist ergriffen, setzte ein steinernes Mal an den Ort, wo die Scheibe niedergefallen war, und die Göttin sprach durch seinen Mund: „Dies Zeichen kann auch ein Blinder erkennen, so weit liegt es von den anderen Marken ab. Nie wirst du in diesem Kampfe besiegt werden!“ Da freute sich Odysseus, weil er im Volk einen Freund gefunden hatte, und mit leichterem Herzen sprach er, nicht mehr zürnend: „Nun, ihr Jünglinge, schleudert mir dorthin nach, wenn ihr könnt. Und ihr, die ihr mich beleidigt habt, kommt her und messt euch mit mir, in welchem Kampf ihr wollt. Nur mit des Königs Söhnen mag ich nicht kämpfen – wer stritte gern mit dem, der ihn bewirtet?“ Stumm sahen die Jünglinge auf Odysseus. So hoch der Held die Troer an List überragt hatte, so hoch überragte er die Phaiaken an Kämpferkraft. König Alkinoos trat auf ihn zu und sprach: „Niemand wird hinfort an deiner Stärke zweifeln, edler Fremdling. Doch mögest du dereinst daheim bei Weib und Kind auch unserer Taten gedenken. Wir sind zwar nicht die Ersten im Faustkampf und im Ringen, aber als Wettläufer und Seefahrer, da stellen wir unseren Mann. Und im Saitenspiel und im Reigentanz sind wir vollends unerreichte Meister. Den leckersten Schmaus, den schönsten Schmuck, das lindeste Bad und das weichste Bett, die findest du bei uns. Auf denn, ihr Tänzer und Schiffelenker, ihr Läufer und Sänger, ihr Köche und Badewärter – zeigt unserem Gaste eure Kunst, auf dass er zu Hause etwas von euch zu erzählen habe!“ Da ordneten sich die Jünglinge zum Reigen. Da flogen sie wie junge Hirsche über die Rennbahn. Saitenspiel und wonniger Gesang erfüllten weithin schallend den Platz, und alsbald ließ Alkinoos dem Fremdling reiche Gastgeschenke geben. Zwölf Fürsten – mit dem König selbst waren es dreizehn – schenkten ihm jeder einen Leibrock, einen kostbaren Mantel und zwölf Pfund Goldes. Diese Gaben wurden in den Palast gebracht und in einer schön verzierten Lade eingeschlossen. Ein besonders herrliches Goldgefäß fügte Alkinoos noch hinzu. Hierauf erquickte sich der Gast in einem warmen Bade. Als er zu den Männern zurückkehren wollte, die sich schon wieder zu fröhlichem Schmausen und belebendem Trunk im Saale versammelt hatten, traf er an der Pforte Nausikaa, die er seit seinem Einzug in die Stadt nicht mehr gesehen hatte. Sie wollte von ihm Abschied nehmen, ehe er mit dem Schiff der Phaiaken von dannen fuhr. Bewundernd ruhte ihr Blick auf dem fremden Helden. Mit sanftem Worte redete sie den Eintretenden züchtig an: „Heil dir und Segen, edler Gast! Bald kehrst du heim. Mögest du auch im Lande deiner Väter dann und wann meiner gedenken, die ich dir das Leben rettete.“ Bewegt erwiderte Odysseus: „O Nausikaa, edles Mädchen! Nie werde ich dich vergessen! Wenn Zeus mich gnädig die Heimat wiedersehen lässt, so will ich dir alle Tage ehrfürchtig Dank sagen – wie einer Göttin!“ Voll Glück und Schmerz zugleich vernahm Nausikaa diese Worte. Odysseus verneigte sich vor ihr. Dann betrat er den Saal und ließ sich an der Seite des Königs nieder. Und wieder wurden mächtige Braten zerlegt, Herolde schenkten aus großen Mischkrügen Wein in die Becher, und wieder führte man den blinden Sänger zu seinem Sitz an der Säule. Da winkte Odysseus einen Diener heran, gab ihm von seinem Teller das beste Stück Schweinefleisch und sprach: „Reiche dies dem Sänger! Bin ich auch schiffbrüchig in die Fremde verbannt und einem Bettler gleich, so möchte ich ihm dennoch etwas Liebes tun, denn er steht in der Huld der Musen.“ Dankbar empfing Demodokos die Gabe, und nachdem er gegessen, erhob er sich und langte nach seiner Harfe. „Was soll ich dir singen, edler Gast?“ fragte er, und Odysseus antwortete ihm: „Singe die Mär, wie des Laertes Sohn vor Troia das hölzerne Pferd zu zimmern befahl und wie er es mit Bewaffneten füllte!“ Freudig gehorchte der Sänger. Als aber Odysseus wieder heimlich zu weinen begann, gebot Alkinoos zum andermal Schweigen und sagte: „Lass deine Harfe nun ruhen, Demodokos, und spare dein Lied -unser schwermütiger Fremdling hängt seinem Grame nach, den wir nicht kennen und nicht zu lindern vermögen. Dennoch bist du uns lieb wie ein Bruder“, wandte er sich nun an Odysseus, „möchtest du uns da nicht anvertrauen, wer deine Eltern sind? Wie nennst du dich? Wo bist du daheim? Einmal wirst du es uns ja doch sagen müssen, denn wie sollen dich meine Phaiaken glücklich nach Hause bringen, wenn sie dein Vaterland nicht kennen?“ Auf diese freundliche Rede erwiderte der Held: „O König, glaube nicht, ich wüsste des Sängers Lied nicht zu schätzen! Glaube auch nicht, es schüfe mir Kummer, von großen Taten singen zu hören! Glaube zum dritten nicht, o König, ich vermöchte nicht, an reich gedecktem Tische vergnügt und heiter mit anderen zu trinken. Das alles gereichte auch mir einst zur Wonne. .. So vernehmt denn, was mich bedrückt. Hört mein Leiden. Ich selber bin – Odysseus! Bin des Laertes Sohn! Von meiner Klugheit spricht der Erdkreis, alle Menschen kennen meinen Namen und den Namen meines Heimatlandes. O Ithaka, du sonnige Insel, aus deren Mitte sich das waldige Gebirge Neriton erhebt, wann werde ich dich wiedersehen?! – Ich verließ die Heimat, um dem Heere Agamemnons nach Troia zu folgen. Was wir dort leisteten und litten, das habt ihr aus dem Munde des Sängers längst gehört. Doch was mir die Götter auf der Heimfahrt bisher an Prüfungen geschickt haben, das wisst ihr nicht, niemand weiß das. Ich aber will es euch, ihr lieben Gastfreunde, genau erzählen. Wer strebt, muss viel erdulden. Hört mir zu!“
Und nun begann Odysseus vor den lauschenden Phaiaken seinen Bericht.

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Der Frosch von Riga und der Frosch von Liepaja

Es waren einmal zwei Frösche vor langer Zeit; einer in Riga, der andere in Liepaja. Dieser letztere wollte sich eines Tages ansehen, wie man so in Riga lebt, während der erste dachte, es wäre doch nicht übel, die Stadt Liepaja und das Leben dort kennenzulernen. Der Frosch aus Liepaja hüpfte also los. Auf einer Anhöhe gewahrte er einen Frosch, der ihm von der anderen Seite, von Riga her, entgegenhüpfte.
„Wo kommst du denn her?“ fragte der Frosch aus Liepaja.
„Will doch mal sehen, wie man in Liepaja lebt“, erwiderte der Frosch aus Riga.
„Ach, und ich bin gerade nach Riga unterwegs“, versetzte der aus Liepaja. Sie unterhielten sich über die Beschwerlichkeiten des weiten Weges, welche Angst sie vor den Störchen ausgestanden und welche Unbequemlichkeiten die tiefen Schlaglöcher mit sich brachten.
„Hör mal“, meinte schließlich der eine Frosch.
„Wir wollen uns da oben auf dem Hügel auf unsere Hinterbeine stellen und uns vom weiten angucken, wie Riga und Liepaja ausschauen. Dann brauchen wir vielleicht nicht die vielen Werst bis dorthin zu hüpfen.“
Und so machten sie es. Stellten sich Rücken an Rücken auf die Hinterbeine und hielten Ausschau.
Sprach da der Frosch aus Riga:
„Weißt du, Bruder, dein Liepaja sieht aber genauso wie mein Riga aus!“
„Und dein Riga sieht meinem Liepaja zum Verwechseln ähnlich“, wunderte sich der Frosch von Liepaja.
„Ja, wenn das auf Erden so eingerichtet ist, dann hat es wohl keinen Zweck, daß wir uns die Füße ablaufen“, fanden die beiden Frösche.
Aber sie hatten einen wichtigen Umstand ausser Acht gelassen.Ihr Augen saßen nämlich oben auf dem Kopf, und als sie sich auf die Hinterbeine stellten, schaute daher jeder nach hinten, statt nach vorn. So kam es, daß die armen Frösche bis auf den heutigen Tag nicht wissen, daß Riga und Liepaja doch ganz verschiedene Städte sind.

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Der tapfere Hahn

In Vidseme lebte einmal ein Mann. Der war arm wie eine Kirchenmaus, hatte nicht Heim noch Herd, kein Dach überm Kopf und hauste in einem Badehaus, das einem Gutsbesitzer gehörte. Aber man weiß ja, wie so ein Leben aussieht: Will der Herr baden, muß der Mann hinaus, im Sommer, im Winter, einerlei. Er besaß einen Hahn, der ihm den Sohn, Bruder und Gevatter ersetzte. Ihn anzuschauen, mit ihm zu reden war des Mannes einzige Freude. Der Gutsbesitzer schindete den Armen weidlich. Er ließ ihn schuften von früh bis spät und hielt ihm vor, daß er ihm Obdach gewährte.Schließlich warf er den Mann samt dem Hahn eines Tages kurzerhand auf die Straße. Der Arme weinte heiße Tränen, doch er hatte niemand, der ein gutes Wort für ihn einlegen konnte.Den Hahn wurmte das, und er sprach zu seinem Herrn:
„Gräme dich nicht, ich gehe aufs Gut und rede mit dem Besitzer.“
Und er machte sich auf den Weg. Kam da ein Bär gegangen.
„Schönen guten Tag, Bär.“
„Schönen guten Tag, Hahn“, erwiderte dieser. „Wohin denn?“
„Ich gehe aufs Gut, will dem Besitzer meine Meinung sagen. Warum bedrängt er meinen Herrn?“
„Ich komme mit“, sagte der Bär.
Zu zweit gingen sie weiter. Trafen unterwegs einen Wolf.
„Schönen guten Tag, Wolf“, begrüßte ihn der Hahn.
„Schönen guten Tag, Hahn, wohin denn?“ fragte der Wolf.
„Gehe dem Gutsbesitzer meine Meinung sagen. Warum bedrängt er meinen Herrn?“
„Ich komme mit“, sagte der Wolf.
Zu dritt wanderten sie ziemlich lange. Kam da ein Sperber am Himmel geflogen.
„Schönen guten Tag, Sperber“, rief ihm der Hahn zu.
„Schönen guten Tag“, entgegnete der Sperber. „Hast du es weit?“
„Geh aufs Gut, will dem Besitzer meine Meinung sagen. Warum bedrängt er meinen Herrn?“
„Ich komme mit“, meinte darauf der Sperber.
Bald standen sie vor dem Herrensitz. Bär, Wolf und Sperber verkrochen sich im Gebüsch. Der Hahn aber flog auf den Torbogen und krähte aus vollem Halse:
„Kikeriki, Herr Gutsbesitzer! Du hast meinen Herrn aus dem Badehaus verjagt. Ich verjage dich dafür von deinem Gut. Warum bedrängst du meinen Herrn?“
Der Gutsbesitzer saß gerade auf seinem Balkon beim Kaffee. Das Krähen des Hahns ging ihm wider den Strich, und er befahl seinen Knechten, ihn zu fangen und in den Gänsestall zu sperren, damit die Gänse ihn zu Tode zwickten. Die Knechte fingen den Hahn und taten ihn zu den Gänsen. Doch schon kam der Sperber in den Gänsestall geflogen und machte allen Gänsen den Garaus. Am nächsten Morgen spazierte der Hahn seelenruhig durchs Stalltürchen, flatterte abermals aufs Tor und krähte sein Lied:
„Kikeriki, Herr Gutsbesitzer! Du hast meinen Herrn aus dem Badehaus verjagt. Ich verjage dich dafür von deinem Gut. Warum bedrängst du meinen Herrn?“
Der Gutsbesitzer, auf seinem Balkon, wartete gerade auf den Morgenkaffee. Die Wut packte ihn, und er befahl, den Hahn zum Vieh in den Stall zu sperren, damit die Kühe und Stiere ihn auf die Hörner spießten.
Die Knechte taten, wie ihnen geheißen. Da sprach der Wolf:
„Nun bin ich an der Reihe.“
Er schlüpfte dem Hahn nach in den Stall. Am Morgen kamen die Knechte, da war das ganze Vieh niedergemacht. Nur der Hahn war lebendig. Er flog aufs Tor und krähte von neuem sein Liedchen:
„Kikeriki, Herr Gutsbesitzer! Du hast meinen Herrn aus dem Badehaus verjagt. Ich verjage dich dafür von deinem Gut. Warum bedrängst du meinen Herrn?“
Diesmal rührte der Herr seinen Kaffee nicht an. Erbost befahl er seinen Leuten, den Hahn in den Pferdestall zu werfen, damit die Rosse ihn mit ihren Hufen zerstampften. Die Knechte fingen den Hahn und steckten ihn in den Stall, wo die wildesten Pferde standen. Da meinte der Bär:
„Nun bin ich dran.“
Er schlich in den Pferdestall. Am Morgen fanden die Knechte alle Pferde tot; der Bär hatte ihnen das Genick gebrochen. Der Hahn aber flog aufs Tor und krähte lustig sein Lied:
„Kikeriki, Herr Gutsbesitzer! Du hast meinen Herrn aus dem Badehaus verjagt. Ich verjage dich dafür von deinem Gut. Warum bedrängst du meinen Herrn?“
Aber jetzt saß der Gutsbesitzer nicht mehr ruhig auf seinem Balkon. Er rannte auf den Hof und kreischte, seine Leute sollten dem Hahn den Hals umdrehen! Der aber rief seine freunde, Bär, Wolf und Sperber, zusammen. Hei, das gab ein wackeres Getümmel! Der Hahn hackte mit dem Schnabel, der Bär hieb mit der Tatze, der Wolf riß mit den Zähnen. Der Sperber griff aus der Luft an. Kurz und gut, alle Knechte des Gutsbesitzers nahmen Reißaus. So erschrocken waren sie, daß sie das Zurückkommen vergaßen. Am End warf der Hahn den Gutsbesitzer auf den Rücken und fragte:
„Was ist dir lieber, sterben oder mein Schweinehirt und Hundehüter zu sein?“
Sprach da der Gutsbesitzer:
„Nein, sterben nicht, lieber Hundehüter sein.“
Der Sperber flog in seinen Horst zurück, der Wolf lief in die Heide, der Bär tappte in den Wald. Der Hahn aber brachte seinen Herrn aufs Gut. Beide ließen es sich wohl ergehen. Der ehemalige Gutsbesitzer aber hütete die Schweine und fütterte die Hunde.

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