Die beiden Dioskuren

Zu den schönsten Frauen des Altertums gehörte Leda, Gattin des Spartanerkönigs Tyndareos, dem sie zuerst Klytaimnestra gebar, jene später ruchlose Königin, die ihren Gemahl Agamemnon ermordete. Leda war so schön, dass sie selbst den Göttervater Zeus entflammte. In der Gestalt eines schneeweißen Schwanes ließ der Hohe sich vom Himmel in das Gemach der Königin hernieder, um ihr in heiligem Zwiegespräch seine Liebe zu gestehen. Wie wogendes, schwebendes Gold erfüllte das Licht, das von dem Schwane ausging, den Raum, und als Leda bald darauf dem Tyndareos Drillinge schenkte – die Knaben Kastor und Polydeukes und das Mädchen Helena, um dessentwillen später der Troische Krieg ausbrach -, da erkannten die Seher am Königshofe, dass Polydeukes vom Sonnengeiste des Zeus erfüllt und somit unsterblich war. Er glich jedoch seinem sterblichen Bruder Kastor in allen Dingen so völlig, dass man beide allgemein die Dioskuren nannte, die „Zeussöhne“. Kastor wurde ein berühmter Rossebändiger, Polydeukes ein unbesieglicher Faustkämpfer. Das Brüderpaar war unzertrennlich, niemals ließ einer den anderen auch nur eine Stunde allein, so sehr liebten sie einander, und alle ihre Heldentaten, die ihnen unsterblichen Ruhm eintrugen, vollführten sie gemeinsam. Sie nahmen als Iasons Gefährten am Argonautenzuge teil; auf ihren windschnellen, schneeweißen Pferden beteiligten sie sich an der Jagd auf den Kalydonischen Eber, und als eines Tages Theseus, der Athenerkönig, ihre heißgeliebte Schwester Helena entführte, befreiten die Brüder das Mädchen aus der für uneinnehmbar geltenden Burg, in welcher Theseus seine schöne Beute gefangenhielt. Die gewaltigsten Heldentaten aber verbrachten sie mit Lynkeus und Idas, den Söhnen des Königs Aphareus von Messenien, des Schwagers ihres Vaters. Lynkeus, das „Luchsauge“, konnte durch Holz und Stein, durch einen Baum genauso wie durch einen Felsen, ja durch die Erde bis in die Unterwelt blicken, während sein Bruder Idas so stark und kühn war, dass er mitunter sogar den ewigen Göttern ungestraft trotzen durfte. Anfangs verband die beiden Dioskuren mit diesen Vettern die innigste Freundschaft, die jedoch bald in den schrecklichsten Hass umschlug. Sie hatten nämlich eines Tages in Arkadien zu viert eine prachtvolle Rinderherde geraubt und wollten sie untereinander teilen. Da sie sich nicht einigen konnten, beschlossen sie, die Sache durch ein Wettessen zu entscheiden, schlachteten einen Stier, brieten ihn am Spieß, zerlegten ihn in vier ganz gleiche Teile und bestimmten, dass jener, der seinen Teil als erster aufgezehrt habe, die Hälfte der schönen Herde bekäme, während dem zweiten Sieger die andere Hälfte gehören sollte. Auf ein Zeichen begannen die Brüderpaare mit dem gewaltigen Schmaus, doch erwies sich Idas als ein so tüchtiger Esser, dass er längst vor den anderen fertig war und nun auch seinem Bruder Lynkeus helfen konnte. Alsbald war auch dessen Teil verspeist, und mit Triumphgelächter trieben die beiden Aphariden, wie man sie die Söhne des Königs Aphareus – auch nannte, die herrliche Beute heimwärts in ihres Vaters Stall. Aus Wut darüber, dass sie mit leeren Händen zurückgeblieben waren, fielen die Dioskuren bald hernach in Messenien ein und raubten in einem unbewachten Augenblick die Bräute der Apharidert, die Töchter ihres Vaterbruders Leukippos, die in ihrer Burg auf den Tag der Hochzeit warteten. Sie versteckten beide Mädchen an einem sicheren Ort und krochen dann selbst in einen hohlen Eichbaum. „Hier wollen wir ausharren“, sagten sie zueinander, „und wenn Idas und Lynkeus des Weges kommen – sie werden uns überall suchen -, so brechen wir jählings hervor und machen sie nieder!“ Der Raub der Bräute war bald entdeckt. Zornig schwang sich Lynkeus auf den höchsten Gipfel des Taygeton und durchspähte mit seinen scharfen Augen die ganze Peloponnes; nichts blieb ihm verborgen, durch Fels und Holz drang sein Blick bis an die Küste des Meeres, und schon nach kurzer Zeit hatte er die Dioskuren in ihrer hohlen Eiche entdeckt. „Da sitzen die Buben im Stamm und wähnen, uns täuschen zu können!“ rief er seinem Bruder Idas zu. „Auf, lass uns hinschleichen und sie mit der Wurflanze aus dem Neste stöbern!“ Idas packte seinen mächtigen Speer und schlich, von Lynkeus geleitet, durch Täler und Wälder. Als sie vor der Eiche angelangt waren, hob er die Waffe und schleuderte sie mit aller Kraft in den Stamm. Grässlich schrie Kastor auf, die furchtbare Spitze hatte ihm die Brust durchbohrt, blutüberströmt sank er in sich zusammen. Rasend vor Rachegier verließ Polydeukes den Baum und stürzte sich mit Eberstärke auf die Feinde. So wuchtig drang er auf sie ein, dass ihm die Aphariden alsbald den Rücken kehrten und in wilder Flucht davonstoben bis zum Grabe ihres Vaters: des Toten Geist sollte ihre Kräfte mehren. Als Polydeukes sie einholte, riss Idas den Grabstein aus dem Boden und schleuderte ihn dem verwaisten Dioskuren an die Brust, aber der unsterbliche Zeussohn stand unerschüttert. Dann rannte er dem Lynkeus die Lanze in die Weichen. „Erlisch, verfluchtes Späherauge“, rief er. „Und nun zu dir, Mörder meines Bruders!“ Damit wandte er sich von dem Sterbenden ab und stürzte auf Idas zu, auch dessen Seele zum Hades zu schicken. Es war ein grauenhafter Kampf, der da begann, nur mit äußerster Mühe konnte Polydeukes dem Gegner standhalten. Doch als dieser gerade wieder einen riesigen Felsblock aufhob, um ihn Polydeukes ans Haupt zu schmettern, griff Zeus selbst in das Ringen ein: er sandte seinem Sohne einen Blitz zu Hilfe, der flammend niedersauste und den sterblichen Idas im Nu zu schwarzem Staub verbrannte. Als finstere Wolke schwebte er eine Weile über dem Kampfplatz, verzog sich allmählich und entschwand bald völlig. Nun eilte Polydeukes, nachdem er ein dankbares Stoßgebet zum Olympos emporegesandt hatte, zu jenem Eichbaum zurück, wo er Kastor noch nicht tot, aber mit Thanatos, dem Todesengel, ringend fand. Da stürzte er neben dem Röchelnden nieder, umschlang den zuckenden Leib und flehte zu Zeus: „Oh Vater, der du in ewiger Heiterkeit über den Wolken thronst, wie soll ich weiterleben ohne das Liebste, das ich habe? Nimm die Unsterblichkeit von mir und lass mich mit Kastor vereint zum Hades niedersteigen!“ „Deine Unsterblichkeit kann ich dir nicht nehmen, denn du bist mein Sohn“, sprach Zeus, auf goldenem Strahle herniederschwebend , „auch kann ich sie Kastor, dem Sohne eines Sterblichen, nicht verleihen. Doch stelle ich es dir frei, fortab als Gott unter Göttern in ewiger Jugend die Höhe des Olympos zu bewohnen oder abwechselnd an deines Bruders Seite einen Tag bei den Schatten, den anderen im Himmel zu verbringen. Willst du dieses, so werde ich Kastor mit neuem Augenlicht und neuer Stimme begaben und seine Wunden heilen.“ Freudig entschied sich Polydeukes für die zweite Möglichkeit, und Zeus erweckte Kastor zu neuem Dasein. Eng umschlungen und glücklich versanken die Brüder ins Reich des Todes, am nächsten Tage aber stiegen sie ins Reich des Lichtes auf, und so fort durch alle Zeiten, ein herrliches Bild unwandelbarer Bruderliebe, im Tode genauso unzertrennlich wie im Leben. Als leuchtendes Doppelgestirn sahen die Menschen Kastor und Polydeukes über den nächtlichen Himmel wandern. Und geriet ein Schiff in Seenot, so riefen die Matrosen die Dioskuren zu Hilfe, und sie schwebten über das von Gewittern aufgewühlte Meer herzu, erschienen den flehenden Männern in einem milden bläulichen Geisterlichte, das die Segelmaste umflackerte, und brachten das Fahrzeug ohne Schaden in den sicheren Hafen. In Seestädten verehrte man das Brüderpaar darum ganz besonders, stellte sich gerne unter seinen Schutz und Schirm. Das flackernde Licht um die Maste aber heißt in der Seemannssprache von heute Sankt-Elms-Feuer.

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