Die Irrfahrt des Odysseus 2
Von Ilion weg trug mich der Wind westwärts, der lieben Heimat zu. Unsere Schiffe machten gute Fahrt, und die Genossen sehnten gleich mir voll Ungeduld den Augenblick herbei, da Ithaka vor uns aus den Fluten tauchen würde. Aber Zeus schickte uns einen plötzlichen Orkan aus Norden. Meer und Erde hüllten sich in Wolken und Nacht. Mit gebeugten Masten flogen wir dahin, und ehe wir die Segel einziehen konnten, barsten die Stangen und zerriss das Tuch. Neun Tage lang wurden wir vom Sturm hilf- und wehrlos umhergeschleudert, bis wir endlich ans Gestade der Lotophagen gelangten, die sich von nichts anderem als von Lotosfrüchten nähren. Hier landeten wir und nahmen frisches Wasser ein. Dann sandten wir einen Herold und zwei Mann auf Kundschaft aus. Sie gelangten in die Volksversammlung der Lotophagen und wurden von den gutmütigen Leuten sehr freundlich aufgenommen. Aber die Lotosfrucht, die man ihnen anbot, hatte eine eigentümliche Wirkung. Sie schmeckt süßer als Honig, und wer von ihr kostet, der will nichts mehr von Heimkehr wissen, sondern immer in diesem Lande bleiben. So mussten wir denn die Gefährten, während sie weinten und sich mit Händen und Füßen sträubten, gewaltsam zu den Schiffen zurückführen. Wir fuhren weiter und kamen zu dem wilden Volk der Kyklopen. Diese Riesen bebauen ihr Land nicht, sondern überlassen alles Gedeihen den Göttern. Ohne Zutun des Menschen wachsen dort Weizen und Gerste, die edelsten Reben voll großbeeriger Trauben, und Zeus spendete in mildem Regen seinen Segen dazu. Sie leben ohne alle Gesetze, hausen mit Weib und Kind in Höhlen rings auf den felsigen Gebirgshöhen, wie ein jeder will, und keiner kümmert sich um den andern. Außerhalb der Bucht, in mäßiger Entfernung, erstreckt sich eine bewaldete Insel voll wilder Ziegen, die, von keinem Jäger geängstigt, hier sorglos grasen. Die Kyklopen kommen nicht hinüber, sie kennen keinen Schiffsbau, uns aber lenkte eines Gottes schirmende Hand in dunkler Nacht an dieses friedliche Eiland. Als der Morgen anbrach, erlegten wir viele Ziegen auf fröhlicher Jagd, setzten uns sodann ans Feuer und taten uns gütlich am frischen Fleisch und am Wein, den wir noch in unseren Schläuchen hatten. Bis zum Abend schmausten wir. Am anderen Tage packte mich die Lust, das gegenüberliegende Festland mit seiner Felsenküste zu erforschen. Ich fuhr mit meiner Mannschaft auf einem Schiff hinüber. Wir landeten und spähten umher. Da entdeckten wir hoch über uns eine mächtige Felsenkluft, die von Lorbeergesträuch dicht umschattet war. Davor lag ein Gehege aus eingerammten Steinen, hohen Fichten und Eichen. Hinter dieser ungeschlachten Umzäunung hauste ein Mann von riesiger Gestalt, der seine Herde einsam auf entlegene Weiden trieb, nie mit anderen umging, auch mit seinesgleichen nicht, und stets nur Bosheit und Frevel im Sinn hatte. Ich wählte mir zwölf meiner tapfersten Männer aus, hieß die übrigen an Bord bleiben und nahm einen Schlauch vom besten Weine mit. So gerüstet, stiegen wir auf einem wilden Pfade zur Felsenkluft empor. Wir trafen den Bewohner nicht an, er war gerade mit den Herden unterwegs. Furchtlos traten wir in die Höhle ein und wunderten uns über deren Einrichtung. Da standen Körbe umher, angefüllt mit mächtigen Käselaiben, daneben riesige Kübel voll frischer Molken, und die roh gezimmerten Ställe wimmelten von jungen Lämmern und Ziegen. Die Genossen drangen sogleich in mich, von dem Käse zu nehmen, soviel ihre Schultern tragen könnten, und damit zu den Freunden auf die Insel zurückzukehren. 0 hätte ich doch auf sie gehört! Aber ich war zu begierig, den Höhlenmenschen kennenzulernen. Also befahl ich, ein Feuer anzuzünden und zu opfern. Dann aßen wir ein wenig von dem Käse und warteten geduldig auf die Heimkehr des Hausherrn. Endlich nahte er. Auf seinen Riesenschultern trug er eine ungeheure Last trockenen Klaubholzes. Er warf das Bündel krachend zu Boden. Wir versteckten uns angstbebend im äußersten Winkel der Höhle und sahen von dort aus zu, wie er seine Herde eintrieb. Die weiblichen Tiere ließ er alle in den Stall, Widder und Böcke aber mussten draußen im Gehege bleiben. Dann rollte er ein Felsstück vor den Eingang, das war so groß, dass es zwanzig vierrädrige Wagen nicht von der Stelle gebracht hätten, setzte sich gemächlich hin und begann seine Schafe und Ziegen zu melken. Die eine Hälfte der Milch versetzte er sogleich mit Lab; sie gerann, und er formte Käse daraus. Die andere Hälfte goss er in große Geschirre, das war sein tägliches Getränk. Nun zündete er ein Feuer an, und in seinem Schein entdeckte er uns in unserem Winkel. Auch wir konnten jetzt seine Gestalt zum erstenmal genau sehen. Er trug, wie alle Kyklopen, ein einziges funkelndes Auge an der Stirn, hatte Beine wie tausendjährige Eichenstämme und Arme und Hände, groß und stark genug, um mit Granitblöcken Ball zu spielen. „Wer seid ihr, Fremdlinge?“ fuhr er uns mit rauer Stimme an, die wie Donner im Gebirge klang. „Woher kommt ihr über das Meer gefahren? Seid ihr Seeräuber, oder was treibt ihr sonst?“ Bei dem Gebrüll bebte uns das Herz im Leibe. Doch nahm ich mich zusammen und erwiderte: „Ach nein, wir sind Griechen, kommen von der Zerstörung Troias zurück und haben uns auf der Heimfahrt verirrt. Kniefällig bitten wir dich, lieber Mann, um Schutz und um eine Gabe. Scheue die Götter und erhöre uns! Zeus beschirmt die Schutzflehenden und rächt ihre Misshandlung.“ Grässlich lachte der Kyklop auf: „Was kümmert mich Zeus und alle Götter miteinander? Glaubst du, wir Kyklopen fürchten ihre Rache? Du bist ein rechter Tor, Fremdling! Sage mir lieber sogleich, wo du dein Schiff verborgen hältst! Liegt es nahe vor Anker oder fern?“ Ich durchschaute seine Arglist und antwortete ihm: „Mein Schiff, guter Mann, hat Poseidon unweit von hier an die Klippen geworfen und zertrümmert. Ich und diese zwölf Gesellen sind die einzigen, die dem Untergang entrannen.“ Auf diese Rede erwiderte das Ungeheuer nichts mehr, sondern streckte nur seine Riesenhände aus und packte mit ihnen zwei meiner lieben Gefährten. Er schlug sie wie junge Hunde zu Boden, dass Blut und Hirn umherspritzten, zerhackte sie Glied für Glied und fraß sie zum Abendbrot. Wir aber streckten die Hände zu Zeus empor und jammerten laut über solchen Frevel. Nachdem sich der Unhold seinen Wanst gefüllt und den Durst mit Milch gelöscht hatte, warf er sich der Länge nach auf den Boden der Höhle und schlief ein. Ich überlegte, ob ich ihm nicht das Schwert zwischen Zwerchfell und Leber in den Leib stoßen sollte, aber ich besann mich eines Besseren. Denn was hätte uns sein Tod genützt? Wir hätten den unermesslich schweren Stein niemals vom Eingang der Höhle hinwegschaffen können und in der Finsternis eines elenden Todes sterben müssen. So ließen wir unseren Kerkermeister schnarchen und erwarteten in dumpfer Bangigkeit den Morgen. Als es dämmerte, stand der Kyklop auf, entfachte Feuer und molk seine Tiere. Dann ergriff er wiederum zwei aus meiner treuen Schar, verspeiste sie zum Frühstück und trieb hierauf seine feiste Herde aus der Höhle, nachdem er zuerst den Fels zur Seite geschoben hatte. Als alle Schafe und Ziegen im Freien waren, wälzte er den Stein wieder vor das Loch, wie man den Deckel auf einen Köcher setzt. Wir hörten die gellenden Pfiffe, mit denen er seine Herde ins Gebirge trieb, und fragten uns voll Todesangst, an wen nun die Reihe kommen mochte, von dem Scheusal gefressen zu werden. Ich heckte allerlei Listen aus, wie man dem Einaug beikommen und die getöteten Freunde rächen könnte; ich entwarf manchen Plan und verwarf ihn wieder, bis mir endlich ein brauchbarer Gedanke aufblitzte. Ich hatte im Stall eine mächtige Keule aus grünem Olivenholz entdeckt, die hatte sich der Kyklop abgehauen und wollte sie tragen, wenn sie getrocknet war; sie war so lang und so dick wie der Mast eines großen Schiffes. Aus dieser Keule hieb ich mir einen Pfahl heraus, nicht stärker, als ihn ein Männerarm umspannen kann, den mussten mir die Freunde glattschaben. Dann spitzte ich das eine Ende zu, glühte es im Feuer hart und verbarg diese Waffe unter dem Mist, der in der Höhle haufenweise umherlag. Am Abend kam der grässliche Hirt mit seiner Herde zurück, und diesmal – ich weiß nicht, tat er es aus irgendeinem Argwohn oder fügte es ein Gott zu unseren Gunsten so, ihr werdet gleich hören! -, diesmal ließ er die Böcke nicht im Gehege über Nacht, sondern trieb alle Tiere in die Höhle herein. Er fügte den Stein wieder in die Öffnung, molk seine Eimer voll Milch und fraß zwei meiner liebsten Genossen. Ich aber hatte inzwischen eine hölzerne Kanne mit dunklem Wein aus meinem Schlauche gefüllt, ging auf das Ungeheuer zu und sprach: „Da trink, Kyklop! Auf Menschenfleisch schmeckt der Wein vorzüglich. Solch köstliches Getränk führten wir auf unserem Schiff, und wir gedachten, mit dieser Spende dein Erbarmen und deine Hilfe zu belohnen. Du aber gehst böse mit uns um!“ Der Kyklop griff wortlos nach der Kanne und leerte sie mit gierigen Zügen. Man sah es ihm an, wie ihn die Süßigkeit und die Kraft des Trankes entzückten. Als er fertig war, hielt er mir das leere Gefäß hin und sprach zum erstenmal in freundlichem Ton: „Fremdling, gib mir noch eins zu trinken und dann sage mir, wie du heißest, ich will dich auf der Stelle mit einem Gastgeschenk erfreuen. Ich selber heiße Polyphemos.“ Dreimal noch schenkte ich ihm die Kanne voll, und der Dummkopf leerte sie dreimal. Als ihm der Wein den Sinn zu umnebeln begann, sagte ich schlau: „Du willst meinen Namen wissen, Kyklop? Ich habe einen gar seltsamen, ich heiße Niemand. Niemand, so hießen mich die Eltern, Niemand rufen mich die Freunde, Niemand nennt mich alle Welt.“ Lallend entgegnete der Kyklop: „So will ich dich, Niemand, als letzten nach allen deinen Schiffsgenossen verspeisen, das ist mein Gastgeschenk. Bist du damit zufrieden?“ Dann lehnte er sich nach hinten und sank um. Laut schnarchend lag er da, vom Rausch überwältigt, den feisten Nacken zur Seite gebeugt. Ich aber sprang auf, holte den spitzen Pfahl aus dem Mist, hielt ihn in die noch glimmende Asche, bis er rot aufglühte und beinahe Feuer fing, und stieß ihn sodann mit aller Kraft dem Riesen ins schlafende Auge. Wie ein Zimmermann, der einen Schiffsbalken durchbohrt, so drehte ich den Pfahl. Die Glut versengte Wimpern und Brauen bis an die Wurzeln, dass es prasselte, und das erlöschende Auge zischte, wie wenn man heißes Eisen ins Wasser taucht. Grauenvoll heulte der Geblendete auf, die Höhle widerhallte schaurig von seinem Gebrüll. Wir flüchteten in den äußersten Winkel der Grotte und verkrochen uns dort, bebend vor Angst. Polyphemos riss sich den bluttriefenden Pfahl aus der Augenhöhle, schleuderte ihn weit von sich und tobte unsinnig. Laut schreiend rief er seine Stammesbrüder herbei, die ringsumher im Gebirge wohnten. Sie kamen von allen Seiten heran, umstellten die Höhle und fragten: „Wer tut dir etwas zuleide? Greift dich jemand an? Bringt dich jemand um?“ Polyphemos aber brüllte aus der Höhle heraus: „Niemand tut mir etwas zuleide! Niemand greift mich arglistig an! Niemand bringt mich um!“ Als die Kyklopen das hörten, schüttelten sie die Köpfe und schrien zurück: „Nun, wenn niemand dir etwas tut, was schreist du dann so? Du bist wohl krank, aber gegen Krankheit haben wir Kyklopen keine Mittel, das weißt du doch selbst, also gib Ruhe!“ Und sie trollten sich. Mir aber lachte das Herz im Leibe. Der blinde Kyklop tappte vor Schmerzen winselnd in seiner Höhle umher, bis er den Eingang fand. Er rückte den Felsblock beiseite, setzte sich unter die Pforte und tastete mit den Händen beständig umher, um jeden von uns zu fangen, der etwa mit den Schafen entwischen wollte. Er hielt mich nämlich für so einfältig, dass ich versuchen würde, auf diese Weise zu entfliehen. Ich aber hatte meinen Plan längst gefasst und führte ihn aus. Mit Ruten aus dem Weidengeflecht, auf welchem der Kyklop schlief, band ich die fettesten Widder mit dem dichtesten Fell je drei und drei heimlich zusammen und flüsterte dann meinen Freunden zu: „Kriecht, jeder einzeln, unter einen der mittleren Widder, klammert euch an der Bauchwolle fest, und lasst euch so ins Freie schleifen. Der Riese wird nur die Rücken der Tiere betappen, ob auch kein Reiter darauf sitzt, nicht aber ihren Bauch, und außerdem beschützen euch die beiden Widder links und rechts.“ Schweigend gehorchten sie. Ich wählte zuletzt für mich selber den stattlichsten Bock, der alle anderen hoch überragte, fasste ihn am Rücken und wälzte mich unter seinen Bauch. Tief wühlte ich die Hände in die krause Wolle hinein. Die männliche Herde sprang aus der Höhle hinaus. Die Weibchen blökten noch mit strotzenden Eutern im Pferch, indes ihr geplagter Herr jedem Widder sorgfältig den Rücken betastete. Dass man auch auf dem Bauch eines Tieres reiten könne, darauf verfiel er in seiner Dummheit nicht, so dass meine Gefährten bald gerettet waren. Zuletzt trottete auch mein Bock, schwer mit Wolle beladen, aber noch schwerer mit mir, durch die Felsenpforte. Auch ihn streichelte Polyphemos, hielt ihn an und sprach betrübt: „Mein gutes Widderchen, was trabst du heute so langsam daher? Warum als letzter hinter der Herde? Warst doch sonst immer der erste bei den Wiesenblumen und am Bach und abends der erste im Stall. Trauerst auch du um deines Herrn ausgebranntes Auge? Oh, hättest du Gedanken und Sprache wie ich, du verrietest mir gewiss, in welchem Winkel sich der Frevler mit seinem Gesindel verbirgt. Dann würde ich seinen Schädel an der Höhlenwand zerschmettern, und mein Herz würde wieder froh werden nach all dem Leid, das dieser Niemand über mich gebracht hat!“ In die Wolle verkrampft, harrte ich zitternd auf das Ende seiner Rede. Endlich ließ er den Widder los, und nun waren wir alle draußen. Als uns die Tiere weit genug von der Höhle fortgeschleppt hatten, ließen wir uns zu Boden gleiten. Dann erhoben wir uns und umarmten einander, weinend vor Freude und zugleich vor Schmerz um die Verlorenen; wir waren unser nur noch sieben. „Jammert mir nicht zu laut“, bat ich die Gefährten, „sondern lasst uns so schnell wie möglich zum Strand hinabeilen, ehe der Kyklop bemerkt, dass wir ihm entwischten. Die Widder aber, die uns gerettet haben, nehmen wir als Beute mit!“ Als wir bald nachher wieder auf unseren Ruderbänken saßen und, auf Ruf weite vom Ufer entfernt, die Wogen durchkielten, erhob ich meine Stimme und schrie dem Kyklopen, der gerade mit seiner Herde mühsam bergwärts klomm, meinen Spott zu: „Nun, Einaug, merkst du, welch wackerem Manne du die Begleiter wegfraßest? Hier bin ich, sieh her, wenn du mich sehen kannst! Endlich sind dir deine Verbrechen heimgezahlt worden, Zeus hat dich durch mich bestraft!“ Als der Wüterich dies hörte, richtete er sich auf, drohend ragte seine rauhe Gestalt in den Himmel. Dann, als er die Richtung abgeschätzt hatte, in der wir uns befanden, riss er einen ganzen Felsblock aus dem Gebirge und schleuderte ihn nach unserem Schiff. Nur um Haaresbreite verfehlte sein Wurf das Ende unseres Steuerruders, aber der ungeheure Block erregte durch seinen Sturz ins Wasser eine so heftige Brandung, dass uns die Wellen beinahe ans Gestade zurückgerissen hätten. Wir mussten uns mit aller Kraft in die Riemen legen, um nicht von neuem in die Gewalt des Ungeheuers zu geraten. Als wir der Gefahr glücklich entronnen waren, schrie ich aufs neue: „Höre, Polyphemos, höre mich! Wenn dich jemals eines Menschen Kind fragt, wer dir das Augenlicht nahm, so antworte ihm: Das tat Odysseus, der Troja zerstörte, des Laertes Sohn, der auf Ithaka wohnt!“ Da heulte der Riese auf. Schreckliche Klage rief er über das Meer: „Weh mir! So hat sich die alte Weissagung an mir erfüllt! Der Seher Telemos, der hier im Lande der Kyklopen alt wurde, prophezeite mir, ich würde einst durch Odysseus mein Gesicht verlieren. Da meinte ich immer, es werde ein Riese kommen und mit mir kämpfen, ein Riese wie ich! Und nun hat dieser Knirps, dieser windige Wicht, mich mit Wein überwältigt und mit Menschenkraft mich des Lichtes beraubt! Aber warte nur, ich will dir vom Meergott sicheres Geleit erbitten, denn wisse, ich bin ein Sohn Poseidons!“ Damit erhob er seine gewaltigen Hände zum Himmel und flehte seinen göttlichen Vater an, er möchte mir die Heimkehr nach Ithaka verwehren. „Und soll er dennoch zurückkehren“, so schloss er, „dann sei es spät und elend! Ohne Gefährten und wie ein Bettler lande er auf fremdem Schiff und treffe daheim nichts als Jammer an!“ Ich fürchte, Poseidon hat sein Gebet erhört. Abermals riss er einen Felsblock aus dem Berg und schleuderte ihn uns nach, und wieder entrannen wir dem Tode nur um ein Haar. Endlich landeten wir auf der Insel, wo uns die Freunde jubelnd empfingen; sie hatten uns schon aufgegeben. Wir verteilten die erbeuteten Widder unter sie, nur den Bock, der mich aus der Höhle gerettet, den opferten wir dem Zeus. Dass der Göttervater unser Opfer jedoch verschmähte, weil nach seinem Willen alle unsere Schiffe und alle meine guten Gefährten zugrunde gehen sollten, das ahnten wir freilich nicht. Wir saßen vergnügt beieinander, schmausten und tranken, bis die Sonne ins Meer sank, dann legten wir uns am Strande nieder und schliefen beim Wogenrauschen ein. Mit dem ersten Morgenrot saßen wir jedoch alle wieder in unseren Schiffen und ruderten weiter, der Heimat entgegen.
Bald darauf gelangten wir an die schwimmende Insel des Königs Aiolos, eines vertrauten Freundes der Götter. Eherne Mauern und glattes Felsgestade umgeben das Eiland. Der Fürst ist von Zeus dazu bestellt, allen Winden zu gebieten, die über die Erde wehen. Er beherbergte und bewirtete uns einen ganzen Monat lang, ließ sich alles berichten, was sich vor Troia begab, und schenkte mir zum Abschied einen dick aufgeblähten Schlauch aus der Haut eines neunjährigen Stieres. In diesem Schlauch waren Nord- und Süd-, Ost- und Westwind eingeschlossen und noch einige andere dazu, die der Seefahrer wohl brauchen kann. Der König band ihn mir selbst mit glänzenden Seilen aus Silberfäden an meinem Schiffe fest. Es war ein gar kostbares Gastgeschenk und hätte uns gewiss eines Tages gute Dienste geleistet, wären meine Begleiter nicht so goldgierige Toren gewesen; das brachte uns viel Unglück. Als wir nämlich schon neun Tage und neun Nächte unterwegs waren und in der Ferne bereits meine Heimatinsel Ithaka aus den Fluten tauchen und die Wachfeuer am Ufer brennen sahen, beschlich mich auf einmal lähmender Schlummer: ich war ja seit der Abreise von König Aiolos unaufhörlich damit beschäftigt gewesen, die Segel zu stellen, und hatte kein Auge geschlossen. Nun überwältigte mich die Müdigkeit, und während ich so schlief, öffneten die Lüsternsten unter meinen Schiffsgesellen mit unkundigen Händen den Schlauch, in welchem sie Schätze aus Silber und Gold vermuteten. Mit grässlichem Geheul entfuhren ihm alle Winde zugleich, haushoch bäumten die Wogen sich auf, und die Windsbraut riss unsere Schiffe meilenweit in die offene See hinaus. Sieben Tage irrten wir auf der Wasserwüste umher, bis wir endlich wieder festes Land erblickten. An der Küste erhob sich eine Stadt mit vielen breiten Türmen, das war der Sitz der Laistrygonen. Diese Riesen und Menschenfresser liefen aus der Stadt heraus und schleuderten große Felsbrocken nach uns, so dass man auf den Schiffen bald nichts mehr hörte als das Röcheln der Sterbenden und das Krachen getroffener Balken und Bretter. Alle Fahrzeuge gingen unter bis auf eines, das ich hinter einen Vorsprung der Küste gesteuert und dort angebunden hatte. Ich nahm die Überlebenden, die verzweifelt in den Wellen umherschwammen, an Bord und segelte eilig davon, tiefe Trauer im Herzen. Auf dem einzigen Schiffe zusammengedrängt, fuhren wir weiter und kamen wieder an eine Insel, Aiaia genannt, auf welcher eine wunderschöne Halbgöttin und Zauberin wohnte. Sie hieß Kirke und war eine Tochter des Sonnengottes. Auf der Insel hatte sie einen herrlichen Palast; aber wir wussten nichts von ihr. Wir gingen in einer Bucht vor Anker und lagerten uns traurig im Ufergras. Am anderen Morgen machte ich mich, mit Schwert und Lanze bewaffnet, auf den Weg, um die Insel zu erkunden. Ober den Bäumen sah ich Rauch aufsteigen, der kam aus Kirkes Palast. Ich ging aber, durch die überstandenen Gefahren gewitzigt, nicht sogleich darauf zu, sondern kehrte zum Lager zurück und sandte zwanzig Gefährten unter der Führung des erprobten Eurylochos als Späher voraus. Die mutige Schar fand bald, in einem anmutigen Tale versteckt, den Palast der Göttin und Zauberin; er war aus herrlichen behauenen Steinen aufgeführt. Wie staunten die Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor dem Tor des Wohnhauses Bergwölfe mit spitzem Gebiss und Löwen mit zottigen Mähnen umherstreichen sahen. Angstvoll blickten sie auf die grässlichen Tiere und wollten sogleich von dem unheimlichen Orte fliehen. Aber ehe sie sich retten konnten, waren sie bereits von den Bestien umringt; freundlich und schmeichelnd wie Hunde, die ihrem Herrn entgegenkommen, der ihnen einen guten Bissen mitbringt, so nahten sie den Männern, wedelten auch mit den Schweifen und taten ihnen nichts zuleide. Es waren, wie wir später erfuhren, lauter von Kirke in Tiere verwandelte Menschen. Nun fassten sich die Freunde ein Herz und näherten sich der Pforte. Da hörten sie aus dem Inneren des Hauses einen wundervollen Gesang an ihr Ohr dringen, und als der Held Polites, der meinem Herzen besonders nahestand, als erster die Schwelle überschritt und in den Saal spähte, sah er die Zauberin am Webstuhl sitzen. Sie saß über einem kunstreichen Gewebe, wie es nur Göttinnen zu wirken verstehen, und sang zu ihrer Arbeit. Nun riefen die Gefährten die schöne Bewohnerin heraus, und Kirke erschien sogleich an der Pforte und nötigte alle Ankömmlinge herein. Die Freunde folgten ihrer Einladung, nur Eurylochos, der ein besonnener Mann war und hinter der holdseligen Erscheinung irgendeinen Betrug witterte, blieb vor dem Palast zurück. Die anderen aber nahmen in Kirkes Haus auf hohen, verzierten Sesseln Platz und wurden mit dem köstlichen Kuchen bewirtet, den die Zauberin aus Käse, Mehl, Honig und starkem pramnischen Wein, dessen schwere Trauben auf den Hängen des Berges Pramne auf der Insel Ikaria gedeihen, vor ihren Augen knetete. Sie mischte aber während dieser Arbeit unheilbringende Säfte heimlich in den Teig, und als die Männer von der verführerischen Speise gekostet hatten, verwandelten sie sich in borstige Schweine, verloren die Gabe menschlicher Rede, fingen an zu grunzen und wurden von Kirke samt und sonders in den Koben hinter dem Hause getrieben. Dort fütterte sie die Armen, statt mit leckeren Bissen, mit Steineicheln und herben Kornelkirschen wie andere Schweine. All das hatte Eurylochos von weitem mit angesehen. Entsetzt kam er zu unserem Schiffe zurückgelaufen und berichtete, was den Freunden Schreckliches widerfahren war. Augenblicks erhob ich mich, warf mein Schwert um die Schulter, hängte den Bogen darüber und eilte auf wilden Wegen zum Palaste der Kirke. Da trat mir plötzlich ein blühender Jüngling entgegen, mit dem holdesten Reiz der Jugend geschmückt. An dem goldenen Stab, den seine Hände trugen, erkannte ich, dass es Hermes war, der Bote der Götter. Ich hemmte den Schritt, er aber fasste mich freundlich an der Hand und sprach: „Armer Odysseus, was rennst du so hastig und der Gegend unkundig durchs Waldgebirg? Du kannst die Freunde nicht aus dem Schweinestall erlösen, solange du dich nicht selber vor Kirkes Zauber zu schützen vermagst. Denn wisse, eher sperrt sie auch dich zu den anderen, als dass du ohne Hilfe der Götter ihren Künsten wider stehst. Siehe, hier wächst ein Heilkraut, das nimm, und du bist dagegen gefeit, in ein Tier verwandelt zu werden. Kirke wird dich mit einem süßen Weinmus bewirten und ihre Zaubersäfte darein mengen, du aber wirst ohne Gefahr trinken können. Sobald die Verführerin ihren Zauberstab gegen dich hebt, reiße dein Schwert von der Hüfte und tue, als wolltest du sie ermorden. Da wird sie dich um Gnade bitten, und du forderst ihr einen heiligen Eid ab, keinerlei Tücke an dir zu üben. Hat sie diesen Schwur geleistet, so magst du ohne Gefahr bei ihr wohnen. Bist du einmal ihr Vertrauter geworden, kann sie es dir nicht mehr abschlagen, deine Freunde zu entzaubern und sie dir zurückzugeben.“ So sprach der Gott und entschwand im gleißenden Tageslicht. Ich eilte, unruhig und nachdenklich zugleich, vor Kirkes Palast, dessen Tor sich auf meinen Ruf hin öffnete, und überschritt voll Ingrimm die Schwelle der schönen Zauberin, die mich freudestrahlend empfing und zu einem herrlichen Thronsessel geleitete. Alles kam, wie Hermes vorausgesagt hatte: Sie mengte das Weinmus in goldener Schale und konnte es kaum erwarten, dass ich das Gefäß an die Lippen setzte und bis auf den letzten Tropfen leerte: dann hob sie ihren Stab und rief: „Fort mit dir in den Schweinestall!“ Ich aber drang sogleich mordbegierig mit dem Schwerte auf sie ein, dass sie sich schreiend zu Boden warf und flehentlich meine Knie umschlang. „Wehe mir!“ rief sie jammernd, „wer bist du, Gewaltiger, dem mein Trank nichts anhaben kann? Bist du am Ende Odysseus, der von Troia heimkehrt? Hermes kündigte mir seinen Besuch an. Oh, wenn du es bist, so verwahre dein furchtbares Schwert und lass uns Freunde sein!“ Ich aber bedrohte sie weiter mit der blanken Klinge, bis sie schwur, mir nicht mehr schaden zu wollen. Dann erst stieß ich die Waffe in die Scheide und ließ mich von Kirke bewirten. Schöne, edelgeborene Nymphen bedienten uns; sie bedeckten die Sessel mit purpurnen Kissen, rückten silberne Tische herbei und setzten goldene Körbe mit den köstlichsten Speisen darauf; sie trugen in silbernen Krügen Wein herbei, verteilten für Kirke und mich und sich selber goldene Becher ringsum auf den Tischen; zuletzt brachten sie einen Kessel voll frischen Quellwassers herein, setzten ihn auf einen erzenen Dreifuß und fachten darunter ein loderndes Feuer an. Das erwärmte Wasser gossen sie in ein marmornes Becken, darin badete ich, ließ mich hernach salben und ankleiden, und sollte mich nun mit Kirke zum Mahl setzen. Doch wie herrlich auch alles bereitet war, ich fand keine Freude daran. Schweigend und kummervoll saß ich neben meiner schönen Wirtin, die Speisen und den dunklen Wein ließ ich unberührt. Endlich fragte sie mich, was mir denn fehle, und ich antwortete: „Welcher Mann, dem noch ein fühlendes Herz in der Brust schlägt, könnte sich an Speise und Trank erfreuen, solange er seine lieben Freunde im Elend weiß? Willst du, dass ich mit Lust irgend etwas bei dir genieße, so lass mich meine Gefährten sehn, die du verzaubert hast. Gib ihnen ihre menschliche Gestalt wieder!“ Sogleich erhob sich Kirke, ergriff ihren Zauberstab und verließ mit diesem das Gemach. Draußen schloss sie die Türe des Kobens auf und trieb alle meine Freunde heraus. Ich war ihr erwartungsvoll nachgegangen, und als mich die armen Genossen erblickten, liefen sie auf mich zu und umwimmelten mich grunzend; voll Schmerz blickte ich auf sie nieder. Da bestrich Kirke jeden von ihnen mit einem anderen Saft, und auf einmal schälten sie sich aus ihren borstigen Hüllen heraus und wurden wieder zu Männern. Doch, o Wunder, sie waren alle viel jünger und schöner als vor ihrer Verwandlung. Freudig begrüßten sie mich, ich aber überließ sie der Obhut Kirkes und eilte zum Gestade, um die anderen zu beruhigen, die uns alle schon für tot gehalten hatten. Nun folgten sie mir gerne in den Palast, wo die schönen Dienerinnen die erlösten Gefährten inzwischen gebadet und mit Öl gesalbt hatten. Sie trugen sämtlich prächtige Gewänder und schmausten vergnügt an Kirkes reichbestellter Tafel. War das ein Begrüßen, ein Weinen und Umarmen! Die Göttin sprach ihnen allen Mut zu und tat uns so viel Liebes, dass wir von Tag zu Tag fröhlicher wurden und ein ganzes, langes Jahr auf der Insel Aiaia zubrachten. Endlich aber übermannte uns das Heimweh. Da trat ich vor Kirke hin, beugte mein Knie und umfasste ihre Füße. „Göttliche, nun halte dein Wort und gib uns Abschied“, bat ich, „wir wollen heim!“ Sie antwortete: „Ich weiß, ich darf euch nicht länger mehr zurückhalten, darum wandle hinab zum Strand, setze das Schiff aufs Wasser, richte getrost den Mast auf und entfalte die Segel; für günstigen Wind will ich sorgen. Doch hoffe nicht, dass er dich heimbringt nach Ithaka! Einen ganz anderen Ort musst du zuvor noch betreten: das Reich der Toten. Dir ist bestimmt, hinabzusteigen in die Heimat der Schatten, wo Hades und Persephone herrschen; dort rufe du die Seele des blinden Sehers Teiresias aus Theben heran und befrage ihn nach der Zukunft. Denn ihm ist die Gabe der Weisheit auch im Tode noch geblieben – die anderen gleichen alle nur wehenden Schatten, lichtlos trauernden.“ Da fing ich an zu klagen: „0 Kirke, mir graut vor dem Lande der Toten! Wer soll mich dort hinabführen? Bei lebendigem Leibe hat noch kein Sterblicher die Schifffahrt in die Unterwelt gewagt! Wie wird es mir ergehen?“ „Sorge dich nicht darum“, antwortete sie, „der Nordwind wird dich an den rechten Ort bringen. Bist du am Gestade des Okeanosstromes angelangt, der die Erde umgürtet, so lande furchtlos an einer flachen Uferstelle, wo du Erlen, Pappeln und Weiden erblickst, einen Hain der Persephone. Dort findest du einen Felsen, bei welchem sich zwei schwarze Ströme in den Acheron hinabstürzen, und dicht daneben eine Kluft, durch welche der Weg ins Schattenreich geht. Die Gefährten lasse beim Schiff, du aber steige hinab, grabe eine Grube aus und bringe darin den abgeschiedenen Seelen ein Totenopfer aus Honig, Milch, Wein, Wasser und Mehl dar. Hierauf schlachte noch zwei schwarze Schafe, ein männliches und ein weibliches, und sogleich werden die Seelen der Toten heranschweben und von dem Blut der Opfer kosten wollen. Wehre sie mit dem Schwerte ab und erlaube ihnen nicht, näher zu kommen, bis du unter ihnen den Teiresias entdeckt und ihn über dein weiteres Schicksal befragt hast.“ Diese Worte Kirkes hatten mein Herz ein wenig getröstet, und guten Mutes versammelte ich am anderen Morgen die Freunde und trieb sie zum Aufbruch. Elpenor aber, unser Jüngster, hatte sich am Abend vorher weintrunken auf dem flachen Dach des Palastes zum Schlafe ausgestreckt; mein Rufen weckte ihn, er fuhr auf, vergaß, taumelig, wie er war, sich zur Treppe zu wenden, und stürzte ab. Er brach sich das Genick, und sein Geist fuhr im selben Augenblick zum Hades. Kirke hatte unterdes die beiden Opferschafe ins Schiff bringen und dort anbinden lassen, auch Honig, Wein und Mehl waren reichlich vorhanden. Sie eilte uns zum Strande voraus und ermahnte uns, rasch abzusegeln. Als wir beim Schiffe ankamen, schlüpfte sie an uns vorüber, grüßte uns stumm zum Abschied und entschwand. Wir aber zogen das Schiff ins Meer, hissten die Segel und setzten uns betrübt auf die Ruderbänke; Elpenors Tod bedrückte unser Herz. Doch uns zu Häupten füllte Kirkes Abschiedsgeschenk die Segel: ein frischer, günstiger Wind, der uns im Nu auf die hohe See entführte. Lasset mich, ihr Freunde, ein wenig sammeln, denn Ungeheures habe ich nun zu berichten. -Die Sonne sank gerade ins Meer, als wir an das Gestade des Okeanosstromes kamen, der alles feste Land umgürtet. Dort wohnt im äußersten Westen, am Ende der Welt, das Volk der Kimmerier. Ihr Gebiet umhüllt ewiger Nebel, den nie ein Sonnenstrahl durchdringt. An seiner Küste legten wir an und fanden bald den heiligen Hain der Persephone. Auch den Felsen entdeckten wir, bei welchem sich die beiden Totenströme vereinigen und dann schaurig zum Acheron abstürzen, und schließlich gelangten wir an den Eingang in die Unterwelt. Wir stiegen ein Stück weit in die Kluft hinab und begannen mit dem Opfer, genau nach den Anweisungen der Zauberin. Sobald das Blut der Schafe in die Grube floss, tauchten auch schon aus der Tiefe die Seelen der Toten empor, Jünglinge und Greise, blühende Mädchen und wundenbedeckte Helden. Grauenvoll stöhnend und schreiend umkreisten sie die Opfergrube und versuchten, von dem Blute zu lecken. Ich aber riss mein Schwert von der Hüfte und wehrte die Luftgebilde ab, denn noch war mir der Schatten des Teiresias nicht erschienen. Bleich vor Entsetzen, wie ich selber, standen die Gefährten, da trieb ich sie an, das Opfer zu vollenden. „Häutet die Tiere ab“, rief ich, „und werft die Leiber ins Feuer! Betet zu den ewigen Göttern, damit sie uns heil aus dieser Nacht hinausführen!“ In immer dichteren Scharen drängten die Schatten nach unserer Felskluft empor. Als erster nahte sich mir Elpenor, dessen Leib noch unbestattet in Kirkes Palast ruhte. „Weh mir“, rief er weinend, „welch elenden Tod musste ich sterben! Welches Verhängnis waltete über meinem jungen Leben! Oh, wenn du mich liebst, Odysseus, so kehre zurück nach Aiaia und verbrenne meinen Leichnam! Errichte mir auch ein Grabmal!“ Ich versprach seinen Wunsch zu erfüllen. Elpenor entschwand. An seiner Stelle erschien plötzlich der Schatten meiner edlen Mutter Antikleia, die noch am Leben war, als ich von Ithaka nach Troia aufbrach. Nun war es an mir, zu weinen; aber die Mutter erkannte mich nicht. Endlich nahte sich mir die Seele des Thebaners Teiresias. Der Seher trug – wie Hermes, der Götterbote einen goldenen Friedensstab in der Hand. Da stieß ich mein Schwert in die Scheide und gab die Grube frei. Durstig schlürfte der Schatten das Blut, dann erhob er den Blick, erkannte mich und sprach: „Sohn des Laertes, edler Odysseus, was trieb dich, das liebe Sonnenlicht zu verlassen und diesen Ort der Schrecken aufzusuchen? Hast du nicht schon genug der Leiden erduldet, irrfahrender Held? Du forschst nach deinem künftigen Geschick, nach deiner Heimkehr – oh, ein Gott wird sie dir schwer machen, schwerer als allen anderen Griechen, die Ilions Trümmern den Rücken kehrten und über die wilde Flut nach Hause strebten. Du hast Polyphemos geblendet, der war ein Sohn Poseidons, das kränkte den Meeresgott tief. Dennoch kannst du allen Gefahren entrinnen, die dir drohen, vermagst du deiner Genossen Herz zu bezähmen. Höre! So ihr auf der Insel Thrinakia landet, lasst eure Hände von der Herde des Sonnengottes, die dort weidet. Vergreift ihr euch aber an ihr, so weissage ich deinem Schiff und deinen Freunden Verderben. Entrinnst du diesem allein, so kommst du spät, elend, einsam und auf fremdem Schiffe nach Ithaka, wie es der Kyklop von seinem unsterblichen Vater rachedurstig erflehte. Zu Hause findest du Jammer über Jammer: ein Schwarm übermütiger Freier verprasst dein Hab und Gut, bedrängt Penelope, dein königliches Weib. Und hast du dir diese Meute durch List oder Gewalt vom Halse geschafft, so wirst du von neuem dein Ruder nehmen und in die Ferne ziehen, bis du zu einem Volke kommst, das das Meer nicht kennt, keine Schiffe baut und seine Speisen nicht mit Salz würzt. Begegnet dir dort ein Wanderer, der dir sagt, du trügest eine Schaufel über der Schulter weil er noch nie im Leben ein Ruder gesehen hat -, dann stoße dieses Ruder vor dich in die Erde, bringe Poseidon ein Opfer dar und wandere wieder heim. Der zürnende Gott wird von da ab versöhnt sein und dich fürder in Frieden lassen, und am Ende wird dich auf festem Lande, fern dem Meer, ein sanfter Greisentod hinwegnehmen.“ So weissagte mir Teiresias. Ehe er wieder in den Hades hinabtauchte, fragte ich noch schnell: „Was muss ich tun, damit mich die Mutter erkennt?“ Er antwortete: „Wem du von dem Opferblut zu trinken erlaubst, der wird dich erkennen und dir lautere Wahrheit künden – wen dein Schwert abwehrt, der wird schweigend zurückkehren in das Schattenreich, in den großen Reigen.“ Als nun die Mutter wiederum heranschwebte, wich ich von der Grube zurück. Sie trank und erkannte mich. „Mein lieber Sohn“, sagte sie, „wie kamst du lebendig in die Todesnacht herab? Irrst du noch immer seit Troias Fall umher? Kamst du noch immer nicht heim nach Ithaka? Dein Vater schläft winters in schlechter Kleidung neben dem Herdfeuer im Stroh, im Sommer nächtigt er unter freiem Himmel, das Haupt auf ein Bündel Reisig gebettet. All dies tut er aus Jammer über dein Geschick. Mich selber raffte der Gram dahin, keiner Krankheit erlag ich. Penelope aber, deine treue Gattin, weint Tag und Nacht um dich, und Telemachos, dein geliebter Sohn, irrt gleich dir von Land zu Land, den Vater zu suchen, Ithakas König und Befreier!“ Mein Herz schwoll vor schmerzlicher Sehnsucht, als ich Antikleia so reden hörte. Dreimal versuchte ich, sie an meine Brust zu drücken, und dreimal entschwebte sie mir wie ein Traumbild, ich vermochte sie nicht zu halten. Und schon drängten sich neue Schatten heran, unter ihnen Agamemnon, der Völkerfürst. Schwermütig bewegte sich sein großer Schatten zur Grube her und trank. Er hob den Blick, erkannte mich und wollte mich mit seinen Händen liebevoll erreichen aber es war keine Kraft in seinen Gliedern. „Siehe, Odysseus“, sagte er bitter, „so haben sie mich zugerichtet. Mord! Mord! Nicht Poseidon bezwang mich, noch fiel ich in heldenhaftem Kampf, nein: wie man den Stier an der Krippe erschlägt, so erschlugen mich mein Weib und ihr Buhle, als ich, glücklich heimgekehrt, im Bade saß. Darum rate ich dir, lande heimlich und unerkannt auf Ithaka; sieh dich erst um, ehe du dich zu erkennen gibst; denn ist Penelope auch noch so tugendhaft, es ist keinem Weibe zu trauen.“ Mit diesen finsteren Worten wandte er sich um und sank hinab in die Tiefe. Noch viele andere Seelen nahten mir, wie von lautlos kreisendem Winde getrieben, nahten und entschwanden wieder. Da sah ich gar manchen Freund und Feind aus den Tagen, da Troia noch, heiß umkämpft, in den Himmel ragte. Antilochos schwebte herbei und der große Aias, Patroklos nahte und, unzertrennlich von ihm, Achilleus, von olympischem Glanze umflossen. Der Pelide trank zuerst. Als mich sein herrliches Auge staunend anblickte, sagte ich zu ihm: „Selig bist du, Achilleus! Im Leben wurdest du wie ein Gott verehrt, nun herrschst du auch im Tode fürstlich über alle anderen Schatten!“ Er aber entgegnete missmutig: „Das ist ein magerer Trost, Odysseus. Ich wollte lieber auf Erden von allen verachtet als Taglöhner ohne Erbe und Eigentum ein fremdes Feld bebauen, als hier, von allen Göttern geliebt, über die Schar der Toten herrschen.“ Hierauf fragte er mich nach seinem Sohne Neoptolemos, und als ich ihm viel Ruhmvolles über den Helden zu berichten wusste, wandelte der erhabene Schatten mächtigen Schrittes befriedigt der Tiefe zu und verlor sich darin. Auch die Seelen der anderen Helden standen mir Rede und Antwort, nachdem sie vom Blute getrunken hatten. Bald aber drängten die Toten zu Tausenden herzu. In wirbelnden Schwärmen fielen sie über die Grube her, und bei ihrem grausigen Schreien überwältigte mich ein solcher Schrecken, als streckte mir Persephone aus der Tiefe das Haupt der Gorgo entgegen, des menschenhassenden Scheusals mit dem Schlangenhaar, dessen Anblick versteinert. Da floh ich mit den Genossen aus der Kluft hinaus. Wir durcheilten den Hain und erreichten aufatmend unser Schiff am Ufer des Okeanos. Wir stießen ab und segelten aus dem Nebellande hinaus, der sonnigen Insel Aiaia zu. Wir wollten Elpenors geliebten Leichnam bestatten, wie ich es versprochen hatte.
Chung Vold Said,
Februar 22, 2011 @ 06:36
Tja, die Sachverhalte können so simpel erscheinen. Erklärungen 😉
Bong Cana Said,
Februar 22, 2011 @ 22:20
Also ich bin der Meinung dies ist nur eine kurzfristige Trendgeschichte