Die Irrfahrt des Odysseus 3

Ich sehe euch erschüttert, Freunde; und doch waren es nur meine Worte, die euch berührten. Nun denket, wie es uns erging, die wir doch alle die Abgeschiedenen wirklich sahen! Aber genug davon. Höret, was uns weiterhin begegnete. Wir gelangten glücklich nach Aiaia, dem Eiland der Kirke, und wurden von der Zauberin freundlich empfangen. Wir errichteten unserem unglücklichen Genossen den Scheiterhaufen, bestatteten seine Asche in der Erde und türmten darüber einen Grabhügel mit einer Denksäule. Hierauf versorgte uns Kirke reichlich mit Lebensmitteln, warnte mich ausführlich vor den schlimmen Gefahren, die uns noch bevorstünden, und wir segelten weiter. Das erste Abenteuer, von dem mir Kirke geweissagt hatte, erwartete uns am Eiland der Sirenen, sangesreicher Nymphen, die jeden umgarnen, der ihrem Liede lauscht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen ihre Zauberlieder den vorüberfahrenden Schiffern zu. Wer sich von ihnen hinüberlocken lässt, ist des Todes; moderndes Gebein liegt in Mengen zu ihren Füßen am Ufer umher. „Wenn du an die Insel der Sirenen kommst“, hatte mir Kirke gesagt, „so verklebe die Ohren deiner Freunde mit Wachs, auf dass sie nichts von dem Gesange hören. Doch willst du selbst das gefährliche Lied vernehmen, so lass dich an Händen und Füßen fesseln und so an den Mast binden. Den Freunden aber befiehl, die Stricke ja nicht zu lösen, und wenn du sie noch so flehentlich darum bätest. Im Gegenteil, nur immer fester sollen sie die Fesseln anziehen, damit du nicht etwa ins Wasser springst und zu den Nymphen hinüberschwimmst.“ Als nun in der Ferne das grünende Eiland aus den Fluten tauchte, zerschnitt ich eine große Scheibe Wachs, knetete die Stücke weich und verklebte damit meinen Reisegenossen die Ohren. Dann ließ ich mich von ihnen fesseln und aufrecht an den Mast binden; sie aber setzten sich wieder an die Ruder und trieben das Fahrzeug getrost vorwärts. Immer näher kamen wir der Insel, und da standen auch schon die reizenden Mägdlein am Ufer und sangen mit wundersüßen, hellen Stimmen:
„Komm doch, Odysseus, komm, Gepriesener, Stolz aller Griechen!
Lenke dein Schiff ans Land, um unserer Stimme zu lauschen!
Keiner noch ruderte hier vorbei im düsteren Schiffe,
den nicht aus unserem Munde des Liedes Honig erquickte.
Alles singen wir dir, was einst nach dem Willen der Götter
Griechen und Troer gelitten vor Ilions Mauern, denn alles, alles,
was rings geschieht auf der vielernährenden Erde,
wissen und singen wir dir – o komm und lausche der Kunde!“

Mir schwoll das Herz in der Brust vor Begierde, dem Gesange länger zuzuhören, und ich winkte meinen Freunden verzweifelt mit dem Kopf, mich doch loszubinden. Sie aber mit ihren tauben Ohren, die nicht wussten, welch namenloser Verzückung und Versuchung ich ausgesetzt war, sie stürzten sich auf mich und zogen die starken Stricke so fest, dass sie mir ins Fleisch schnitten. Dann legten sie sich mit aller Kraft in die Ruder und trieben das Schiff eilig aus dem Bereich der tödlich verlockenden Stimmen hinaus. Als wir endlich so weit von dem Eiland entfernt waren, dass kein Gesang mehr zu hören war, nahmen sich meine Freunde das Wachs aus den Ohren und lösten mir die Fesseln. Ich dankte ihnen von Herzen dafür, dass sie so beharrlich gewesen. Wir waren noch nicht lange weitergerudert, als wir in der Ferne den Wasserstaub einer mächtigen Brandung sahen und bald darauf auch deren Tosen vernahmen. Es war die Charybdis, ein Strudel, der dreimal des Tages unter einem riesigen Felsen hervorquillt und wieder zurückwallt, alles verschlingend, was in seinen Rachen gerät. Meine Begleiter ließen vor Schreck die Ruder fahren, platschend fielen sie ins Wasser, und unser Fahrzeug stand still. Da sprang ich von meinem Sitz auf, durcheilte das Schiff und sprach den Freunden, von Mann zu Mann gehend, Mut zu. „Bleibt fest auf euren Bänken sitzen“, sagte ich, „schlagt tapfer mit den Rudern in die Brandung, Zeus wird unsere Flucht aus dieser Not gewiss unterstützen. Du aber, Steuermann, schärfe alle deine Sinne und lenke das Schiff, so gut du kannst! Arbeite dich geschickt am Felsen vorbei, damit du nicht in den Strudel gerätst!“ So stärkte ich die Freunde für die bevorstehende Gefahr; von dem Ungeheuer Skylla, das gegenüber der Charybdis die vorbeifahrenden Schiffe bedrohte, schwieg ich wohlweislich, denn ich befürchtete, die Genossen möchten vor Schreck ein zweites Mal die Ruder fahren lassen und uns damit in die größte Gefahr bringen. Die Skylla, die mir Kirke genau geschildert hatte, hauste gegenüber der Charybdis auf einem Felsen aus dunklem, glattem Gestein. Wie ein Turm ragte er in den Himmel, und sein spitziges Haupt, das noch nie ein Sonnenstrahl traf, wird ewig von schwarzem Nachtgewölk umfangen. Dort oben ist die Höhle der Skylla, und fürchterlich tönt ihr Bellen über die Flut. Sie hat zwölf unförmige Füße und sechs Schlangenhälse, deren jeder einen scheußlichen Kopf trägt. Jedes der sechs Mäuler ist mit drei dichten Reihen von Zähnen bewehrt, mit denen sie ihre Opfer zermalmt. Der Hinterleib des Ungeheuers steckt in der Höhle, die Häupter aber streckt sie weit hervor und schnappt mit ihnen nach Seehunden oder Delphinen. Kein Schiff noch durfte sich rühmen, ohne Verluste an der Skylla vorbeigefahren zu sein, meist hat sie, ehe sich’s einer versieht, in jedem Rachen einen Mann zwischen den Zähnen, den sie von den Ruderbänken blitzschnell geraubt hat. Dieses grässliche Bild vor der Seele, spähte ich vergebens umher, ich konnte die Skylla nicht entdecken. Inzwischen waren wir ganz nahe an die Charybdis geraten, deren gieriger Rachen die Meeresflut einschlürfte und wieder ausspie. Wenn sie das Wasser herausbrach, flog weißer Schaum empor, schluckte sie es aber wieder hinunter, so senkten sich die finsteren Wogen tief hinab, und indes der Fels donnerte, konnte man die schwarzen Kieselsteine auf dem Grunde erblicken. Entsetzt starrten wir auf dieses Schauspiel. Wir wichen dem Strudel zur Linken aus, kamen dabei jedoch der Skylla zu nahe, deren Fels ich zu spät entdeckte, und schon hatten ihre fletschenden Rachen sechs meiner tapfersten Genossen auf einmal vom Bord hinweggeschnappt. Ich sah sie mit zappelnden Händen und Füßen zwischen den Zähnen des Ungeheuers hoch in die Lüfte schweben; hilfeflehend riefen sie mich beim Namen, einen Augenblick später waren sie zermalmt. Viel Schreckliches habe ich auf meiner Irrfahrt erdulden und mit ansehen müssen, ein jammervollerer Anblick ist mir nicht geworden. Nun aber waren wir glücklich zwischen dem Strudel der Charybdis und dem Felsen der Skylla hindurchgelangt, die sonnenbeglänzte Insel Thrinakia lag vor uns, die dem Sonnengotte geweiht ist, und schon von weitem hörten wir das Brüllen der heiligen Rinder. In diesem Augenblick fiel mir ein, was mir Teiresias, der blinde Seher im Schattenreich, verkündet und dass auch Kirke mich davor gewarnt hatte, die Insel des Helios zu betreten, weil uns dort das jämmerlichste Schicksal bevorstünde. Ich sagte es den Gefährten, die darüber sehr betrübt waren und mich inständig baten: „Lass uns doch wenigstens eine einzige Nacht dort am Ufer verbringen, das uns so gastlich entgegenwinkt!“ Ich gab nach, ließ sie aber einen heiligen Eid schwören, kein Rind aus der Herde des Sonnengottes zu schlachten, auch wenn der Hunger noch so groß sein sollte. Sie alle schwuren willig, und so ließen wir unser Fahrzeug in eine Bucht einlaufen, aus der sich süßes Wasser ins Salzmeer ergoss. „Ich warne euch nochmals, liebe Gefährten“, rief ich, ehe wir landeten, „mordet mir keines der heiligen Rinder, und sollten wir gleich widriger Winde wegen länger hier verweilen müssen, als uns lieb ist!“ In der Tat hielten uns beständige Oststürme vier Wochen auf Thrinakia fest. Solange wir von dem Vorrat zehrten, mit dem uns die Zauberin versorgt hatte, dachte niemand daran, sich an Helios‘ Herde zu vergreifen. Als aber Speise und Trank zu Ende waren und der Hunger sich einstellte, da riet Eurylochos, während ich selbst gerade abwesend war, dem Gott die schönsten Rinder seiner Herde zu opfern und an dem übrigbleibenden Fleisch den quälenden Hunger zu stillen; ein verderblicher Rat! Die Genossen trieben auch sogleich die allerbesten Rinder herbei, schlachteten sie und brachten die Eingeweide mit den in Fett eingewickelten Lenden auf einem rasch errichteten Altare zum Opfer dar. Die reichlichen Überreste steckten sie an Spieße, brieten sie über dem Feuer und setzten sich eben zum Mahle, als ich, dem der Opferduft schon von weitem entgegengedampft war, herankam und sah, dass das Unglück nicht mehr abgewendet werden konnte. Zur selben Stunde erschien der Sonnengott, dessen klares Auge alles mit angesehen hatte, vor Zeus und den übrigen Göttern und klagte ihnen den Frevel an seinem Eigentum. „Werden die Verbrecher nicht bestraft, wie sie es verdienen“, rief Helios, „so lenke ich den goldenen Sonnenwagen hinab zum Hades und entziehe der Erde für immer mein Licht!“ – Da erhob sich Zeus von seinem Throne und sprach: „Leuchte du getrost auch weiterhin den Göttern wie den Menschen – ich will den verfluchten Räubern ihr Schiff bald zerschmettern, dass sie alle in den Abgrund versinken. Lass sie nur erst wieder auf die offene See hinausfahren!“ Diese himmlischen Vorgänge erzählte mir später der göttliche Mund der Nymphe Kalypso, doch konnte ich den Zorn der Götter schon jetzt an schauerlichen Wunderzeichen erkennen. Denn während ich in tiefem Unmut die Genossen anfuhr und mit harten Worten schalt, krochen auf einmal die abgezogenen Häute der Rinder umher, als ob sie lebendig wären, und das rohe Fleisch wie die Braten am Spieß brüllten, wie Rinder brüllen. Meine hungrigen Begleiter störte das freilich nicht, sie schmausten sechs Tage lang in einem fort, und erst am siebenten, als sich die Stürme legten, stiegen wir wieder zu Schiff und lösten uns vom Lande ab. Wir steuerten bei gutem Winde dahin. Längst hatten wir die Insel aus unseren Augen verloren, nur Himmel und Wasser umgaben uns. Da ballte Zeus über unseren Häuptern schwarzblaues Gewölk zusammen, und das Meer unter uns wurde immer dunkler. Plötzlich begannen alle Höhen und Tiefen zu grollen, und ein wütender Orkan brach, aus Westen kommend, über uns herein. Er zerriss die Haltetaue des Mastbaums und schleuderte die schwere Stange samt dem Segel krachend rückwärts in das Schiff. Die ganze Last stürzte dem am Heck sitzenden Steuermann auf den Kopf und zerbrach ihm den Schädel; wie ein Taucher sank er ins Meer hinab, und die Wellen verschluckten den Leichnam. Jetzt erschütterte ein Blitz das Schiff und füllte es mit Schwefeldampf; Zeus‘ Donnerkeil hatte uns getroffen. Meine Freunde stürzten aus dem Fahrzeug, zappelten noch eine Weile wie schwimmende Krähen in den Wellen umher und versanken endlich alle bis zum letzten Mann. Ich irrte allein durch das Schiff. Bald löste sich die Wandung von den Rippen. Da ergriff ich ein Lederseil, das am Maste hing, und verband diesen mit dem Kiel. Hierauf schwang ich mich rittlings auf die Stange und trieb so, den Tod vor Augen, durch den Sturm und die tobenden Fluten dahin. Endlich legte sich der Orkan. Doch nun erhob sich heftiger Südwind, der trieb mich wieder der Charybdis zu. Immer näher hörte ich ihr drohendes Brausen und Gurgeln, und im Morgendämmern erblickte ich auch den düsteren, spitzen Felsen der Skylla gegenüber dem grässlichen Strudel. Der verschlang gar bald mein armseliges Gefährt. Im letzten Augenblick packte ich die Äste eines Feigenbaumes, der vom steilen Ufer über das gischtende Wasser ragte, und hing nun zwischen Himmel und Meer wie eine Fledermaus schwebend in der Luft. Mit aller Kraft hielt ich mich im schwankenden Gezweige, bis die Charybdis Mast und Kiel endlich wieder ausspie. Da ließ ich die rettenden Äste fahren und war mit einem Sprung wieder auf meinem alten Sitz. Mit den bloßen Händen ruderte ich aus dem Wirbel hinaus und wäre dennoch verloren gewesen, hätte mich Zeus, den meine Leiden rührten, nicht vor den Augen der Skylla verborgen. Neun Tage trieb ich auf dem schmalen Kiele in der See umher, ehe mich gnädige Götter in der zehnten Nacht endlich an Kalypsos Insel gelangen ließen. Die Göttin nahm mich liebreich auf, pflegte und erquickte mich, und ich genoss, wenn auch von Heimweh bedrückt, lange Zeit ihre Wohltaten und die Wunder ihres prangenden Eilandes. Doch davon habe ich dir, edler König der Phaiaken, und deiner hohen Gemahlin schon am gestrigen Tage erzählt.

Ergriffen und bezaubert hatten die Phaiaken gelauscht. Nun schwiegen sie lange. Endlich erhob sich Alkinoos und sprach: „Edler Held! Du bist in meine Wohnung eingekehrt, und ich hoffe, du wirst von hier ohne neue Leiden und Irrfahrten in deine Heimat gelangen. Mögest du bald im Hause deiner Väter alles erduldete Elend vergessen. Ihr aber, Freunde, die ihr mit mir seiner Erzählung gelauscht habt, füget doch zu unseren Gastgeschenken noch ein jeder einen ehernen Dreifuß und ein erzenes Becken hinzu!“ Mit Freuden folgten die Gäste der Aufforderung ihres Fürsten. Sie verließen den Palast. Beim Morgengrauen des anderen Tages waren sie alle mit ihren Gaben zur Stelle. Der König ließ die wuchtigen Geräte sogleich zum Schiff bringen, auch die kostbare Lade mit den Geschenken des Vortages, und Alkinoos verstaute alles eigenhändig unter den Bordbänken, damit die Ruderer während der Fahrt ja nicht durch die vielen Gegenstände behindert würden. Hierauf kehrte man vom Hafen zum Palast zurück und rüstete zum Abschiedsmahl. Ein Rind wurde am Altare geschlachtet und ein saftiges Stück davon dem Zeus geopfert. Sodann setzte man sich zum Schmaus, und Demodokos erfreute die Tafelrunde ohne Unterlaß mit den herrlichsten Gesängen. Odysseus‘ Gedanken aber schweiften immer wieder zur Heimat. Endlich sprach er ohne Scheu zu seinem königlichen Wirt: „Gepriesener Held Alkinoos, nun spende das Trankopfer und entlasse mich in Frieden! Das Schiff liegt bereit, die Fahrt kann beginnen. Mögen dich die Götter segnen mit allem Guten, wie ich mir stets wünsche, mein Weib untadelhaft und die Meinen daheim wohlbehalten zu finden.“ Die Phaiaken stimmten in seinen Wunsch laut und von Herzen ein. Noch einmal musste der Herold den Gästen die goldenen Becher füllen, dann standen alle auf und brachten gemeinsam mit dem König den Göttern das Trankopfer dar. Als der Wein vergossen war und sein Duft himmelwärts stieg, reichte Odysseus seinen Becher der Königin Arete und sprach: „Lebe wohl auch du, hohe Königin, Mutter der holden Nausikaa, die mir das Leben gerettet und die mich zu euch gebracht! Mögest du an der Seite deines edlen Gemahls stets glücklich sein und dich deiner Kinder wie deines Volkes freuen. Alter und Tod aber, die keinem von uns erspart bleiben, sie seien dir gnädig und milde!“ So redete Odysseus, ergriff des Königs dargebotene Hand und verließ den Palast, geleitet von einem Herold, der ihn bis an das Schiff brachte. Auf Aretes Geheiß folgten ihm drei Dienerinnen mit einem Leibrock und einem Mantel und mit Körben voll Speisen und Wein für die Fahrt. Dienstfertige Hände breiteten auf dem Verdeck ein zottiges Fell aus und zogen feines Linnen darüber. Schweigend stieg Odysseus ein, streckte sich auf dem weichen Lager aus und sank sogleich in tiefen Schlummer. Die Ruderer setzten sich auf die Bänke, das Schiff wurde losgebunden und enteilte mit gebäumtem Bug sicher durch die purpurnen Wogen des Meeres. Süß war der Schlaf des Odysseus, aber auch tief wie der Tod. Schnell wie ein Wagen, mit dem vier Hengste über die Rennbahn stürmen, flog das Schiff dahin, kein Falke hätte es eingeholt. So trug es den Mann, der weise war wie ein Gott und mehr erlitten hatte als jeder andere Sterbliche, nun aber, alles Herbe vergessend, erlöst schlummerte, und führte ihn seiner Heimat entgegen. Der Morgenstern kündigte den neuen Tag an, da steuerte das Schiff in voller Fahrt auf die Insel Ithaka zu und lief bald in die sichere Bucht ein, die dem Meeresgotte Phorkys geweiht war. Zwei gekrümmte Landzungen mit schroffem Felsgestein bilden hier einen guten Hafen. An seinem innersten Punkt stand ein uralter, schattiger Ölbaum dahinter dämmerte eine Grotte, in welcher Meernymphen wohnten. Mächtige Krüge und Urnen standen umher, in denen summende Bienen süßen Honig bereiteten. Auch steinerne Webstühle waren da, auf welchen die Nymphen mit purpurnen Fäden herrliche Gewänder woben, die wie die Meerflut schillerten. Zwei nie versiegende Quellen rannen durch die Grotte, die zwei verschiedene Eingänge hatte: einen gegen Mitternacht für die Menschen, einen verborgenen gegen Mittag für die unsterblichen Nymphen. Bei dieser Höhle landeten die Phaiaken. Sie hoben den schlafenden Helden samt seinem Lager aus dem Schiff, betteten ihn unter den Ölbaum und legten die Geschenke verborgen nieder, damit nicht etwa ein Wanderer den Schlummernden berauben möchte. Odysseus zu wecken, wagten sie nicht. „Gewiss haben ihm die Götter diesen Schlaf geschickt“, sagten sie ehrfürchtig. Dann setzten sie sich wieder an die Ruder und fuhren zurück in ihre Heimat. Aber Poseidon, der Flutengott, grollte den Phaiaken, weil es ihnen mit Pallas Athenes Hilfe gelungen war, ihm den verhassten Laertiden zu entreißen und sicher nach Ithaka zu bringen. Als sich ihr Schiff nun der heimischen Küste näherte – freudig schlugen die Ruder das salzige Wasser, und die Segel waren von lebhaftem Winde gebläht -, da tauchte der Gott aus den Wogen, schlug mit der flachen Hand gegen die Planken und verschwand wieder. Im selben Augenblick war das prächtige Schiff zu Stein verwandelt und wurzelte im Meeresboden vor der Küste fest. Staunend sah es das Volk, das mit Alkinoos zum Strande geeilt war, um die Heimkehrenden zu begrüßen. „Weh uns“, rief der König aus, „eben noch war es in voller Fahrt, nun ist es zum Felsen erstarrt. So erfüllt sich jetzt die uralte Weissagung, von der mir mein Vater berichtete: Poseidon zürne uns, weil wir, die besten Schiffer weit und breit, jeden Fremdling glücklich in die Heimat bringen. Einst aber werde ein phaiakisches Schiff von seiner Hand am Ufer versteinert werden und bald darnach unsere Stadt von einem hohen Felskamm eingeschlossen sein. Nie wieder wollen wir darum einem Schutzflehenden das Geleite geben, Odysseus sei der letzte gewesen! Und nun lasst uns Poseidon zwölf Stiere opfern, damit er sich unser erbarme und die Stadt nicht mit einem Felsgebirge umschließe!“ Die Phaiaken erschraken, als sie ihren König so sprechen hörten, und rüsteten in Eile das Opfer. Unterdessen war, an Ithakas Strand, Odysseus erwacht. Er blickte verwundert umher und wusste nicht, wo er sich befand. Athene hatte ihren Liebling in Nebel gehüllt; niemand sollte ihn zu früh erkennen. Dem Helden selbst erschien das Altbekannte, vertraute gewundene Pfade, die Bucht, die Felsen, die hohen Bäume, alles fremd. „Ich Unseliger!“ rief er und sprang auf. „In welche neue Fremde bin ich geraten? Welche Unholde werden mir hier an diesem Gestade begegnen? O wäre ich doch bei den Phaiaken geblieben! Nun aber haben mich auch diese verraten und mir sicherlich auch meine Gaben geraubt. Zeus, der alle Leidenden rächt, vergelte es ihnen!“ Doch als er ein wenig gefasster um sich blickte, entdeckte er bald das Gold und die Gewänder, die Dreifüße und Becken, die da lagen. Traurig irrte er am Strande hin, da kam ihm Pallas Athene in der Gestalt eines jungen Schafhirten entgegen, doch gekleidet wie ein Königssohn, mit einem Spieß in der Hand. Voll Freude eilte der Dulder auf die Göttin zu. „Kannst du mir sagen, edler Jüngling, in welchem Lande ich bin?“ fragte er sie. „Ist es Festland oder eine Insel, worüber meine Füße schreiten?“ „Du musst weither kommen“, antwortete die Göttin freundlich, „dass du dieses Land nicht kennst, das doch aller Welt bekannt ist. Freilich, Rosse kann man hier nicht tummeln wie anderswo, dazu ist es zu gebirgig, doch ist es darum noch nicht arm! Herrlich gedeihen ihm Wein und Korn, Ziegen und Rinder weiden in Menge rundum, die kräftigsten Wälder wachsen auf ihm, und die frischesten Quellwasser sprudeln aus seinem Gestein – bis nach Troia ist Ithakas Ruf gedrungen!“ Beinahe hätte Odysseus aufgejubelt, als er den Namen seines Vaterlandes nennen hörte, aber er beherrschte sich. Er gab sich auch nicht zu erkennen, sondern log dem Fremden vor, er sei aus Kreta hierher geflohen, weil er dort einen Helden, der ihm seine troische Beute rauben wollte, erschlagen habe. Als er mit seiner Geschichte zu Ende war, lächelte die Göttin. Sie streichelte seine Wange und verwandelte sich zugleich in eine schöngebildete Jungfrau. „Der müsste schon ein Ausbund an Schlauheit sein“, sagte sie scherzend, „der dich überlisten wollte; selbst einem Gotte fiele das schwer. Nicht einmal im eigenen Lande legst du deine Verstellung ab! Und dennoch hast du mich nicht erkannt, du Klügster aller Klugen! Hast nicht geahnt, dass ich in allen Gefahren um dich war und dir die Liebe der Phaiaken zuwendete. Nun aber bin ich gekommen, dir das geschenkte Gut verbergen zu helfen und dir zu sagen, welche Prüfungen dich zu Hause erwarten und wie du sie bestehen kannst.“ Staunend blickte Odysseus die Göttin an. „Wie sollte ein Sterblicher dich, erhabene, heilige Tochter des Zeus, erkennen, wenn du ihm stets in wechselnder Gestalt entgegentrittst?“ fragte er. „Jetzt aber beschwöre ich dich beim Namen deines Vaters, der allen gebietet: Sage mir die Wahrheit, bin ich wirklich in Ithaka, bin ich wirklich heimgekehrt?“ „Blicke um dich“, antwortete Athene. „Siehst du nicht die Bucht des Phorkys vor dir liegen? Erkennst du den Ölbaum nicht und die Grotte der Nymphen, vor welcher du so manches Sühnopfer dargebracht? Kennst du das Waldgebirge nicht mehr, das dort herübergrüßt?“ So sprach die Göttin und zerstreute rasch den Nebel vor den Augen des Helden. Da erkannte Odysseus die Heimat. Von Freude übermannt, warf er sich zu Boden und küsste die Erde. Hierauf betete er zu den Nymphen, den Schutzgottheiten des Ortes, und barg sodann mit Hilfe Athenes die kostbaren Gaben der Phaiaken in einer Felskluft. „Nun sei guten Mutes“, rief die Göttin, „ich will dir helfen, den Freiem ihr schamloses Werben und Prassen blutig zu vergelten. Penelope, dein Weib, ist so rein und treu wie an dem Tage, da du sie verließest – um ihretwillen nimm auch noch die letzten Mühen auf dich, ich werde dir in allem beistehen.“ Da sprach Odysseus: „Wenn du mir hilfst, fürchte ich selbst dreihundert Feinde nicht sage mir, was ich tun soll!“ „Vor allem bleibe unerkannt“, erwiderte Athene, „keiner darf wissen, dass du Ithakas Boden betratest. Das Fleisch deiner Glieder schrumpfe ein, vom Haupte schwinde dein braunes Haar, ein abscheulicher Kittel umhülle den Leib, dein strahlendes Auge trübe sich! Niemand wird dich so erkennen, weder die Freier noch Penelope noch Telemachos, dein Kind.“ Sprach’s und berührte den Helden mit ihrem Stabe: da schrumpften seine Glieder ein, sein Haar fiel ab, glanzlos blickten die Augen, er war in einen schmutzigen, zerlumpten Bettler verwandelt. „Nun suche den Hirten Eumaios auf, der deine Schweine hütet“, sagte die Göttin, „er hängt treu an dir. Am Koraxfelsen über der Quelle Arethusa findest du ihn bei seiner Herde. Von ihm kannst du alles erfragen, was zu Hause vorgeht. Ich eile indessen nach Sparta und rufe deinen Sohn Telemachos zurück; er weilte am Hofe des Fürsten Menelaos, forschte bei ihm nach deinem Schicksal. Bald sollst du ihn in die Arme schließen!“ Sie übergab Odysseus noch einen Bettelstab und einen schäbigen Ranzen mit einem Strick als Tragband, dann entschwand sie. Odysseus wanderte über das Waldgebirge und suchte die Stelle, die ihm seine Beschützerin genannt hatte. Langsam und bedächtig wie ein Greis schritt er dahin; sein Kittel bestand aus einem räudigen Hirschfell, welk war die Hand, die den Stab umfasste, sein Rücken war gebeugt, ganz und gar unkenntlich war der Held geworden. Am Koraxfelsen fand er richtig den treuesten seiner Knechte, den Sauhirten Eumaios. Auf einer kleinen Hochebene hatte dieser aus schweren Steinen ein Gehege gebaut, darin standen zwölf Koben, einer am andern, und in jedem waren fünfzig Mutterschweine zur Zucht eingesperrt. Die Eber, weit geringer an der Zahl, hatten ihren Platz außerhalb der Ställe und blieben dort auch über Nacht; es waren ihrer nur noch dreihundertsechzig, weil die Freier täglich einen von ihnen, der schön gemästet sein musste, zum Schmause forderten. Eumaios hielt vier Hunde, wild wie reißende Wölfe, die bewachten seine Herde. Als nun Odysseus herankam, bemerkten sie ihn sogleich und stürzten sich scharf bellend auf den fremden Bettler. Odysseus aber tat das Klügste, was er tun konnte, er legte den Stab aus der Hand und setzte sich nieder. Aber da eilte auch schon der Sauhirt aus seiner Hütte herbei, scheuchte die bösen Hunde mit Steinen auseinander und sprach mitleidig zu Odysseus: „Armer Alter, nun hätten dich meine Hunde beinahe zerfleischt, und du hättest neue Trübsal zu meinem alten Kummer gehäuft. Seit Jahr und Tag Sitz ich hier, klage hilflos um meinen lieben Herrn und hüte seine Schweine für andere Leute. Die verprassen böswillig sein Hab und Gut, während er vielleicht im Elend nicht einmal ein Stückchen trockenen Brotes zu beißen hat und in der Fremde umherirrt, wenn er die liebe Sonne überhaupt noch sieht. Ach, es ist ein Jammer! Doch nun komm in die Hütte und labe dich an Speise und Wein. Bist du satt, so berichte mir, woher du kommst und was dich grämt; du siehst aus, als hättest du viel erduldet.“ Sie betraten die Hütte. Der Sauhirt streute dem Ankömmling Laub und Reisig auf den Boden, breitete seine eigene Lagerdecke, ein großes, zottiges Gemsenfell, darüber und lud ihn zum Sitzen ein. Dann ging er zu den Koben hin, fing zwei Ferkel heraus, schlachtete sie und briet die Fleischstücke am Spieß. Die frischen Braten legte er seinem Gast vor und bewirtete ihn mit süßem Wein, den er aus dem irdenen Krug in seinen hölzernen Becher goss. Dann setzte er sich dem Fremdling gegenüber und sagte: „Nun iss und trink, fremder Mann, so gut wir es haben! Es ist Ferkelfleisch, die Mastschweine essen mir die Freier weg, diese gewalttätigen Schurken, die weniger Götterfurcht im Herzen haben als die frechsten Seeräuber. Wahrscheinlich haben sie Kunde vom Tode meines lieben Herrn, darum werben sie nicht nach der Sitte, sondern bedrängen sein Weib, bedrohen den Knaben und vertun sein letztes Gut. Ach, wäre Odysseus aus Troia zurückgekehrt, glaube mir, ich müsste dich nicht so kärglich bewirten! Er hätte mir längst ein Haus gegeben und mancherlei Güter, auch ein treues Weib. So aber bin ich allein mit den Knechten und arm, muss dir den Wein in einem hölzernen Becher vorsetzen anstatt in einem goldenen, wie es Gästen geziemte. Aber mein Herr ist längst zugrunde gegangen. Möge doch Helenas Stamm in finsterem Unheil vergehen, da so viele tapfere Helden um dieses Weibes willen ins Verderben stürzten!“ Während der Hirt so sprach, aß Odysseus hastig das Fleisch und trank den Wein in raschen Zügen, wortlos tat er es. Nicht beim Mahle weilten seine Gedanken, sein Geist sann einzig auf Rache, die er an den Freiem nehmen wollte. Als ihm der Hirt den Becher zum andernmal füllte, trank er ihm freundlich zu und bat: „Beschreibe mir doch deinen Herrn genauer, lieber Freund, vielleicht bin ich ihm irgendwo begegnet? Ich bin weit in der Fremde herumgekommen.“ Doch der Sauhirt winkte ab und sprach: „Meinst du, wir würden einem umherirrenden Manne glauben, der uns von unserem Herrn etwas erzählt? Zu oft schon kamen Landfahrer zu meiner guten Herrin und ihrem Sohn, rührten sie mit allerlei Märchen über unsern König zu Tränen, bis man ihnen Mantel und Leibrock reichte und sie wohl bewirtete. Nein, meinem Herrn haben gewiss Hunde und Vögel schon längst das Fleisch von den Knochen gerissen, oder die Fische haben es gefressen, und die blanken Gebeine bleichen irgendwo am Kieselstrande. Ach, nimmermehr kriege ich einen so gütigen Herrn! Wenn ich an ihn denke, so denke ich nicht wie an einen Gebieter, sondern wie ein Bruder steht er vor meiner Seele.“ „Nun, mein Lieber“, entgegnete ihm Odysseus, „weil du so ungläubig bist, versichere ich dir mit einem Eidschwur: Odysseus kehrt heim! Meinen Lohn für die Botschaft, Mantel und Leibrock, will ich erst haben, wenn er da ist, aber ich schwöre dir beim Zeus, bei deinem gastlichen Tisch und beim heiligen Herd deines Herrn: Wenn dieser Monat abgelaufen ist, wird er eintreten in sein Haus und die Frechen furchtbar züchtigen, die es wagen, sein Weib und seinen Sohn zu bedrängen!“ Eumaios hörte diese Worte wohl, aber er schüttelte verzagt sein Haupt. „Trinke ruhig deinen Wein“, sagte er, „und lass uns von anderem sprechen. Für Odysseus erhoffe ich nichts mehr, und Telemachos, sein Sohn, schafft mir bittere Sorge: Ein Gott oder ein Mensch hat ihm den Sinn betört, dass er gen Pylos fuhr, um nach dem Vater zu forschen. Jetzt liegen die Freier zu Schiff in einem Hinterhalt, sie lauern ihm auf und werden mit ihm den Letzten aus Odysseus‘ uraltem Stamm vertilgen… Doch nun, Greis, erzähle mir von deinen eigenen Leiden. Wer bist du? Was führte dich nach Ithaka?“ Auf der Stelle ersann Odysseus ein langes Märchen und erzählte dem lauschenden Hirten er sei der verarmte Sohn eines reichen Mannes aus Kreta, habe vor Troja mitgefochten, habe den Odysseus kannengelernt und auf mancherlei abenteuerlichen Irrfahrten immer wieder, bald da, bald dort, von ihm gehört. Eumaios hörte ihm teilnahmsvoll zu, doch für alles, was ihm der Fremdling von seinem lieben Herrn zu berichten wusste, hatte er nur ein wehmütiges Kopfschütteln. Als es Nacht geworden war, bereitete er seinem Gast neben dem Herd ein warmes Lager aus Schafpelzen und Ziegenhäuten und deckte ihn mit einem großen, dicken Mantel zu, den er sonst bei heftigem Wintersturm selber zu tragen pflegte. Hierauf bewaffnete er sich mit einem scharfen Spieß und legte sich draußen bei den Schweinekoben zur Ruhe nieder, von einem Felsstück gegen den schneidenden Nordwind geschützt. Er musste zur Hand sein, wenn es etwa galt, die kostbaren Tiere gegen nächtliche Überfälle, gegen Diebe oder Wölfe, zu verteidigen. Odysseus blickte ihm gerührt nach. Er freute sich von Herzen, dass er einen so ehrlichen Knecht besaß, der das Gut seines Herrn noch immer getreulich hütete, obwohl er diesen für längst verloren hielt. Dann umfing ihn erquickender Schlummer. Telemachos aber, fern in Sparta, fand keinen Schlaf. Ruhelos wälzte er sich auf seinem Lager im Palaste des Königs Menelaos hin und her, das Schicksal seines Vaters bekümmerte ihn tief. Sein Reisekamerad Peisistratos, Nestors Sohn, schlief neben ihm sanft und gut. Auf einmal erhellte überirdisches Licht die blaue Nacht: Athene war im Königshause zu Sparta angekommen und trat vor die Jünglinge hin. „Höre mich, Telemachos“, sagte sie, „du tust nicht gut daran, die Heimat zu meiden und dich in der Fremde herumzutreiben! Bitte den Fürsten Menelaos unverzüglich um die Heimfahrt, ehe deine Mutter eine Beute der Freier wird! Schon hat Eurymachos die anderen alle mit seinen Geschenken überboten, und erringt er Penelope, dann magst du sehen, wie es dir ergeht. Auf! Eile zurück! Doch hüte dich: In der Meerenge zwischen Ithaka und Samos liegen die tapfersten der Freier in einem Hinterhalt; sie wollen dich umbringen, ehe du die Heimat erreichst. Fahre also nur des Nachts, für günstigen Wind wird ein Gott sorgen. Hast du Ithaka glücklich erreicht, so sende die Genossen nach der Stadt, du selbst aber ersteige das Waldgebirge und begib dich zum treuen Eumaios, der die Schweine hütet. Bis zum folgenden Morgen bleibe bei ihm, dann schicke ihn zur Mutter in den Palast, er möge ihr deine Rückkehr aus Pylos melden.“ So sprach die Göttin und flog wieder zum Olymp empor. Die blaue Nacht wich rosiger Morgenröte, da erhob sich Telemachos, warf Leibrock und Mantel über und trat vor den Fürsten. „Erhabener König“, sprach er, „entlasse mich in die Heimat, die Mutter bedarf meines Schutzes, und das Herz sehnt sich nach dem lieben Lande der Väter.“ Da bereitete Menelaos den beiden Jünglingen ein Abschiedsmahl und beschenkte Telemachos reichlich. Einen silbernen Mischkrug mit goldenem Rande gab er ihm auf die Reise mit, es war eine getriebene Arbeit des kunstreichen Hephaistos selber, und die Königin Helena überreichte ihm ein selbstgewirktes Gewand mit den Worten: „Nimm dies als ein Andenken aus Helenas Hand, lieber Sohn, am Hochzeitstage soll es deine junge Braut tragen; bis dahin mag es deine Mutter verwahren. Nun kehre fröhlichen Herzens in dein Vaterhaus zurück.“ Telemachos dankte ehrerbietig für die köstlichen Gaben, während sein Freund Peisistratos jedes Stück bewundernd hochhob, ehe er es im Wagenkorb verstaute. Am Abend dieses Tages übernachteten die Jünglinge wiederum in der Burg des edlen Diokles zu Pherai und erreichten tags darauf glücklich Pylos, die Stadt Nestors. Telemachos aber bat den Freund, nicht beim Vater zuzukehren, sondern ohne Aufenthalt zur Küste weiterzureisen, wo sein gutes Schiff auf dem Sande lag und wartete. „Einer Göttin Gebot drängt mich zur Eile“, sprach er, „es erlaubt mir nicht, zu verweilen, wie innig ich auch dem König Nestor zugetan bin. Schilt mich also nicht lieblos, teurer Freund, und lenke die Rosse geradenwegs zum Strand!“ Peisistratos verstand die Ungeduld und gehorchte. Sie fuhren an der Stadt vorbei, erreichten das Schiff und wurden von den Ruderknechten freudig begrüßt. Telemachos nahm Abschied von seinem Freunde, brachte seiner Beschirmerin Athene ein Opfer dar und bestieg mit den Genossen das Fahrzeug. Sie lösten die Halteseile, richteten den Mast aus Fichtenholz auf und setzten die schneeweißen Segel. Ein kräftiger Wind erhob sich und trug sie der Heimat zu. Unterdessen weilte Odysseus bei Eumaios und dessen Knechten. in der Hütte des Sauhirten. Er wollte das Herz des Mannes prüfen, wollte herausbekommen, wie lange er ihn wohl bei sich beherbergen würde, darum sagte er nach dem Abendbrot: „Morgen gehe ich in die Stadt. Ich will von Haus zu Haus an die Türen pochen und sehen, ob ich nicht etwas Brot und Wein erhalte. Vielleicht lasse ich mich auch im Palaste des Odysseus der Königin melden und erzähle ihr, was ich alles von ihrem Gatten weiß; oder ich biete den Freiem für Kost und Unterkunft meine Dienste an. Holz spalten und Feuer anmachen, den Bratspieß wenden, Speisen vorlegen und Wein verteilen – darauf verstehe ich mich trefflich und auch noch auf allerlei andere Geschäfte, womit der Geringe dem Vornehmen dienen kann.“ Aber der Sauhirt runzelte sogleich die Stirn und rief: „Was fällt dir ein! Die Freier, die können dich nicht brauchen, die haben ganz andere Diener: blühende Jünglinge, prächtig gekleidet, das Haupt von Salben duftend. Nein, nein, bleibe du nur bei mir, du fällst mir nicht zur Last. Warte getrost, bis der Sohn meines Herrn wiederkehrt, der wird dich gewiss mit allem Nötigen versorgen, er hat seines Vaters gütiges Herz.“ „Erzähle mir doch mehr von deinem Herrn“, bat Odysseus. „Leben seine Eltern noch? Oder sind sie beide schon zum Hades hinabgestiegen?“ „Nein“, antwortete der Hirt, „sein Vater Laertes lebt noch, gramzernagt trauert er um den fernen Sohn. Seine Mutter freilich, die raffte der Kummer um Odysseus längst dahin. Oh, sie war eine gute Frau! Sie hielt mich wie ihr eigenes Kind, und als ich herangewachsen war, stattete sie mich reichlich aus und schickte mich hieher aufs Land, wo ich des Königs Schweine hüte. Jetzt muss ich allerdings manches entbehren, denn Penelope kann nichts für mich tun. Die Freier umschwärmen sie, und ein ehrlicher Diener kommt nicht bis zu ihr vor.“ Nun war Odysseus neugierig geworden. „Woher stammst du denn?“ fragte er den Sauhirten weiter. „Wie kamst du in Laertes‘ Haus und Dienst?“ Eumaios schenkte seinem Gast den hölzernen Becher wieder voll und antwortete: „Trink, Alter, und höre zu. Es ist eine lange Geschichte, aber hier zwingt uns ja niemand, früh schlafen zu gehen, und wenn wir die ganze Nacht durchschwatzen, so stört das keine Seele… Weit von hier schwimmt im blauen Meer die Insel Syria, ein fruchtbares, gesundes Eiland mit zwei Städten, über welche der mächtige Fürst Ktesios herrschte, mein Vater. Ich war noch ein kleiner Knabe, da landeten dort eines Tages Seefahrer aus Phoinikien, die brachten auf ihrem Schiffe allerlei niedlichen Kram mit und boten ihn bei uns feil. Nun hatten wir gerade damals eine schöne, schlanke Phoinikerin in unserem Palast, ein kunstfertiges Weib, das mein Vater einmal irgendwo als Sklavin gekauft hatte. Sie stand ob der kostbaren Arbeiten, die ihre Hände am Webstuhl hervorbrachten, bei meinen Eltern so hoch in Gunst, dass man mich ihr anvertraute. Tagaus, tagein war ich um sie, und verließ sie das Haus, um irgend etwas zu besorgen, so hüpfte ich vor ihr her. Auf einem solchen Gang durch die Stadt lernte sie eines Tages einen der phoinikischen Krämer kennen, einen Landsmann, und sie hängte ihr Herz an den Kerl. Der Schiffer versprach ihr, sie zu den Ihren in die Heimat, nach Sidon, mitzunehmen. Dafür gelobte ihm die treulose Sklavin als Fährlohn nicht nur goldenes Geschirr, das sie aus unserem Hause stehlen wollte, sondern noch etwas, das er in der Fremde teuer verkaufen konnte: nämlich mich, das Kind ihrer Herrschaft. Und so kam es auch. Die Kaufleute blieben noch ein ganzes Jahr auf der Insel, und als sie endlich mit dem schwerbeladenen Schiff zur Heimfahrt rüsteten, erschien ein listiger Mann im Palaste meines Vaters und bot ein besonders kostbares Halsband zum Verkauf an. Meine Mutter und die Mägde umstanden ihn im Saal, ließen das Schmuckstück von Hand zu Hand gehen und feilschten um den Preis. Währenddessen gab der Mann unserer Sklavin heimlich einen Wink, und kaum hatte er das Haus verlassen, so nahm diese mich an der Hand und entführte mich. Im Vorsaal, wo mein Vater Tische für die Ratsversammlung hatte decken lassen, raffte sie drei schwere Goldbecher an sich und barg sie in den Falten ihres Gewandes. Ich dachte mir in meiner Einfalt nichts dabei und folgte ihr. Bei sinkender Sonne langten wir im Hafen an und bestiegen mit der Mannschaft das Schiff. Sechs Tage waren wir unterwegs, da wurde das verräterische Weib von einem straf enden Pfeile der Artemis getroffen. Sie fiel im Schiffsraum plötzlich tot zu Boden wie ein Seehuhn, das der Jäger geschossen hat. Man warf den Leichnam über Bord, den Fischen zum Fraß, und ich blieb mutterseelenallein zurück unter den Männern. Endlich landeten die Phoiniker auf Ithaka, und hier erhandelte mich der alte Laertes von den Kaufleuten. So bin ich fremdes Königskind auf unsere Insel gekommen.“ „Was du berichtest, bewegt mir das innerste Herz“, sagte Odysseus, nachdem Eumaios geendet hatte. „Doch siehe, dir hat Zeus zu dem Bösen doch auch Gutes beschert, er hat dich nach aller Not einem gütigen Manne in die Hand gegeben, der es dir an nichts fehlen ließ und auf dessen Gut du heute noch behaglich lebst. Ich aber irre wie ein Verbannter heimatlos umher.“ Unter solchen Gesprächen ging die Nacht hin. Sie legten sich wohl zur Ruhe, schliefen aber wenig, denn bald weckte sie die Morgenröte. Als die Sonne voll auf Ithakas Gestade schien, landete in einer abgelegenen Bucht. Dem Rat gehorsam, hieß er die Gefährten sogleich nach der Stadt weiterrudern. „Morgen feiern wir gemeinsam unsere glückliche Rückkehr, da will ich fröhlich mit euch tafeln!“ rief er ihnen nach. Dann kehrte er dem Schiff den Rücken und machte sich auf den Weg zum Sauhirten. Eumaios und Odysseus rüsteten in der Hütte das Frühstück, indes die Knechte die Koben öffneten und die Schweine auf die Weide hinaustrieben. Sie setzten sich an den Tisch und langten behaglich zu. Plötzlich schlugen draußen die Hunde an. Es war aber nicht der böse Laut, mit dem sie einen Fremden, einen Bettler oder Wegelagerer anfielen, sondern ein freudiges Bellen, in das sich schmeichelndes Winseln mischte; man merkte gleich, dass sie den Herankommenden kannten. „Da kommt ein Freund zu Besuch“, sagte Odysseus zum Hirten, „gegen Fremde benehmen sich deine Hunde anders, ich habe es erfahren.“ Er hatte das Wort noch kaum zu Ende gesprochen, als Telemachos unter der Hüttentüre stand. Dem Sauhirten fiel vor lauter Freude das Trinkgeschirr aus der Hand; er stürzte seinem jungen Herrn entgegen, umarmte ihn und bedeckte sein Antlitz, seine Augen und Hände mit Tränen und Küssen. Es war, als begrüßte er einen aus dem Totenreich Zurückgekehrten. Noch auf der Schwelle stehend, fragte Telemachos: „Sage mir, Väterchen Eumaios, treffe ich daheim die Mutter noch an, oder hat sie schon einer der Freier hinweggeführt? Ist das Bett meines hohen Vaters noch mit sauberen Linnen bedeckt, oder ist es schon von hässlichen Spinnweben überzogen? Erwartet Penelope den König noch, oder hat sie die Hoffnung schon aufgegeben, dass uns der Vater je wiederkommt?“ „Es ist alles beim alten“, erwiderte Eumaios seufzend, „standhaft und duldend verharrt Penelope, Tag und Nacht weint sie Ströme von Tränen um den verlorenen Gatten.“ Nun erst übergab der Jüngling dem Hirten seine Lanze und trat ein. Odysseus wollte ihm seinen Sitz überlassen, doch Telemachos wehrte freundlich ab: „Bleib nur, Fremdling, der Mann da wird mir schon meinen Platz anweisen.“ Aus grünem Laub, über welches er einen Schafspelz breitete, machte Eumaios seinem jungen Herrn einen weichen Polster, er mischte dem Ankömmling im Becher Wein, tischte gebratenes Fleisch auf und rückte den Brotkorb wohlgefüllt daneben. Nun tafelten sie zu dritt, und da Telemachos den Hirten nach Herkunft und Schicksal des Fremdlings befragte, erzählte ihm dieser die Fabel, mit welcher Odysseus vor Tagen seine Neugier befriedigt hatte. „Auf der Flucht vor seinen Verfolgern kam er zu mir“, schloss er seinen Bericht, „nun übergebe ich ihn dir, dem jungen Fürsten unseres Landes.“ „Dein Wort schmerzt mich“, erwiderte Telemachos, „denn wie könnte ich den Alten in meinem Hause beschützen? Du weißt ja selbst, wie es dort zugeht! Nein, behalte ihn lieber hier, ich will nicht, dass er zu den Freiem geht, die so frech im Palaste schalten und walten. Rock und Mantel werde ich ihm senden, auch ein Paar Sohlen für die Füße und ein zweischneidiges Schwert, auch genug Speise, damit er dir und den Knechten nicht beschwerlich fällt.“ „Wie kommt es“, fragte der Fremde verwundert, „dass sich jene Freier so viel herausnehmen und dem Königssohne trotzen dürfen? Hasst dich das Volk? Wäre ich so jung wie du und der Sohn des Odysseus – eher sollte mir dieser Schamlosen einer den Kopf von den Schultern hauen, als dass ich ihren schändlichen Taten länger untätig zuschaute!“ Voll Bitterkeit erwiderte ihm Telemachos: „Nein, lieber Gast, das Volk hasst mich so wenig wie meinen verschollenen Vater, und es fehlt dem Sohne des Odysseus keineswegs an Mut oder an Waffen. Aber es sind zu viele feindliche Fürsten von allen Inseln ringsum mit Gefolge und Gesinde auf Ithaka gelandet, zu viele sind in der Heimat selbst aufgestanden und mit ihnen in den Palast eingedrungen, als dass ich ihrer Herr würde. Sie bedrängen meine Mutter, die weicht ihnen aus, so gut sie kann, aber sie vermag sich ihrer doch nicht völlig zu erwehren. So lungern sie denn im Königshause umher, schmausen und vergnügen sich den lieben, langen Tag und die halben Nächte. Sie zehren allen Reichtum auf, und bald werden mein Haus und Gut verwüstet sein.“ Hierauf wandte sich Telemachos an den Sauhirten und bat ihn: „Ach, Väterchen, sei doch so gut, eile hinein in die Stadt, noch ehe die Freier in den Palast kommen, und melde meiner Mutter Penelope, dass ich wieder da bin. Doch sag es ihr leise, damit es die Mägde nicht hören und unseren Feinden erzählen, mit denen manche unter einer Decke stecken.“ „Soll ich nicht gleich den kleinen Umweg über das Landgut deines Großvaters Laertes machen und auch ihm die Freudenbotschaft überbringen?“ fragte der Hirt. „Nein“, antwortete Telemachos, „halte dich nirgends auf. Die Mutter kann meine Rückkunft gar nicht früh genug erfahren.“ Da band sich Eumaios die Sohlen unter die Füße, griff zu seiner Lanze und eilte fort.
Nun waren Vater und Sohn in der Hütte allein. Da erschien Pallas Athene, die Göttin, vom der Pforte des Hofes in dem Gestalt einer schönen Jungfrau. Sie war nur dem Odysseus sichtbar und den Hunden, die sich winselnd vor ihr verkrochen, dem Telemachos nicht. Sie winkte den Dulder aus der Hütte zu sich an die Hofmauer und sprach zu ihm: „Du brauchst dich jetzt nicht mehr länger vor deinem Sohne zu verbergen. Gib dich ihm zu erkennen und gehe mit ihm hinab zur Stadt, dort bereitet dem Treiben der Freier ein blutiges Ende! Bald folge ich euch nach in den Palast, ich brenne vor Kampfbegier!“ So sprach die Göttin. Hierauf berührte sie den Bettler mit ihrem goldenen Stab, und – o Wunder! – da verjüngte sich seine Gestalt, seine Schultern strebten empor, sein Antlitz straffte und bräunte sich, die Wangen wurden voller, dicht und lockig fiel das Haar vom Scheitel in den Nacken, und der gekräuselte Bart umrahmte wieder das Kinn. Das räudige Hirschfell schwand von seinen Schultern, Leibrock und Mantel umhüllten wie vordem den königlichen Leib. Die Göttin entwich, Odysseus trat in die Hütte ein. Staunend blickte ihm Telemachos entgegen, er glaubte einen Gott zu sehen, so sehr blendete ihn der Glanz, der von dem Vater ausging. Mit abgewandten Augen sprach er: „O Fremdling, wie bist du verändert! Du bist gewiss einer der Himmlischen. Lass dir opfern und sei uns gnädig!“ „Nein, ich bin wahrlich kein Gott“, entgegnete ihm Odysseus, „ich bin dein Vater, um den du dich so sehr gegrämt hast. Mein Kind, erkenne mich doch!“ Dabei stürzten ihm die lange zurückgehaltenen Tränen aus den Augen, er eilte auf den Sohn zu und umarmte ihn. Telemachos aber konnte es noch nicht fassen, dass der Vater wirklich zurückgekehrt sei. „Nein“, rief er verzweifelt, „du bist nicht Odysseus, du bist ein böser Dämon, der mich täuscht, damit ich nur noch tiefer im Leid versinke – ein Sterblicher kann sich nicht so verwandeln!“ „Ich bin es dennoch!“ sagte Odysseus und küsste schluchzend den Jüngling, der ihn ungläubig anstarrte. „Nach zwanzig Jahren kehrt Ithakas Fürst in die Heimat zurück. – Unsägliches hab ich erduldet! Das Wunder meiner Verwandlung ist Athenes Werk: leicht fällt: es den Göttern, einen Sterblichen bald zu erniedrigen, bald zu erhöhen.“ Nun erst umarmte Telemachos den Vater, auch seine Tränen rannen, der Gram überwältigte beide so heftig, dass sie laut und lange weinten. So herzzerreißend ertönte ihre Klage wie die Klage der Vögel, denen ein roher Bauernbursch die Jungen aus dem Nest raubte, noch ehe sie flügge wurden. Endlich fasste sich Telemachos wieder und fragte: „O Vater, sage mir doch, auf welchen Wegen du in die Heimat zurückkehrtest, was hielt dich so lange auf?“ Da erzählte ihm Odysseus, wie es ihm seit Troia ergangen und wie ihn die treuen Phaiaken gepflegt und, während ihn süßer Schlaf umfangen, über das Meer gebracht hätten.,, Und nun bin ich da“, so schloss er seine Erzählung, „um auf Athenes Geheiß über den Tod unserer Feinde mit dir zu beraten. Nenne mir die Zahl der Freier, damit ich weiß, ob wir beide sie zu bewältigen vermögen oder ob ich nach Helfern Ausschau halten muss.“ „O Vater“, erwiderte Telernachos, „ich hörte die Kraft deines Armes und die Klugheit deines Rates immer wieder rühmen! Doch diesmal sprichst du zu kühn! Wir sind zwei, der Freier aber sind über hundert, das Gesinde nicht mitgerechnet. Ohne Freundeshilfe werden wir ihrer nicht Herr.“ Da richtete sich Odysseus hoch auf. „Mein Sohn“, sagte er, und Feuer brach aus seinen Augen, „Athene und Zeus sind auf unserer Seite, was brauchen wir da noch andere Hilfe? Wenn der Morgen graut, gehst du in die Stadt zurück und setzt dich zu den Freiem in den Saal, als wäre nichts geschehen. Mich wird Athene wieder in einen Bettler verwandeln, und in dieser Gestalt werde ich mit dem Sauhirten nachkommen. Doch was immer mir die Freier zufügen mögen, ob sie nach mir werfen oder mich an den Füßen über die Schwelle zerren, du musst es ertragen. Halte also dein Herz im Zaum! Mit Worten magst du versuchen, sie zu besänftigen, doch werden sie sich nicht daran kehren, denn ihr Verderben ist beschlossen, sie rennen selber hinein. Auf einen Wink von mir verbirgst du sodann die Waffen, die im Saale hängen, in einer der oberen Kammern des Hauses, und fragen die Freier danach, so sagst du: Ich habe sie wegschaffen lassen, weil sie vom Herdrauch den Glanz verlieren, den Schimmer, den sie noch zu Odysseus‘ Zeiten hatten. Zwei Schwerter und zwei Speere nur lässt du zurück und zwei stierlederne Schilde dazu, die sind für uns beide. Kein Mensch darf wissen, dass ich heimgekehrt bin, weder Laertes noch der Hirte, ja nicht einmal deine Mutter!“ Während Odysseus und Telemachos in der Hütte des Sauhirten so miteinander sprachen, landete das Schiff, das Telemachos und seine Genossen von Pylos nach Ithaka gebracht hatte, im Hafen der Stadt. Die Begleiter des Königssohnes, der leider vergessen hatte, ihnen Schweigen aufzutragen, schickten einen als Herold zu Penelope, der sie von Telemachos‘ Heimkehr unterrichten sollte. Gleichzeitig kam auch der Sauhirt vom Lande herein, und die beiden trafen einander im Palast. Da rief der Herold laut vor allen Dienerinnen: „Königin, dein Sohn ist wiedergekommen!“ Eumaios aber richtete ihr die Botschaft ganz im geheimen und ohne Zeugen aus und bat sie, auch den Großvater Laertes durch eine Schafferin von Telemachos‘ glücklicher Rückkunft zu benachrichtigen. Sodann eilte er wieder heim zu seinen Schweinen. Die Freier hörten von der Heimkehr des Telemachos durch die treulosen Dienerinnen der Königin. Voll Unmut setzten sie sich zusammen auf die Bänke vor dem Tor, und Eurymachos sprach vor den Versammelten: „Nimmer hätten wir gedacht, dass der Knabe diese Fahrt vollenden und unseren Freunden in der Meerenge entwischen würde! Rüstet sogleich unser bestes Schiff aus und meldet den Gefährten im Seehinterhalt seine Rückkehr!“ Doch noch während er diese Worte sprach, lief das Schiff der Freier mit vollen Segeln in den Hafen ein. Nun eilten alle hinab ans Ufer und geleiteten die Ankömmlinge auf den Markt. Antinoos, ihr Anführer, trat vor und rief: „Wir sind nicht schuld daran, dass uns der verhasste Knabe entkommen ist! Bei Tage stellten wir auf allen Uferhöhen Wachen aus, und des Nachts kreuzten wir beständig auf der Meerenge, einzig darauf bedacht, den Telemachos zu fangen und in aller Stille umzubringen. Doch ihn muss einer der Unsterblichen geleitet und beschirmt haben, nicht einmal sein Schiff ist uns zu Gesicht gekommen, und nun liegt es hier im Hafen neben dem unseren! Dafür lasst ihn uns jetzt in der Stadt aus dem Wege räumen, denn solange der Jüngling lebt, werden wir nie ans Ziel kommen. Er ist klug, und bringt ero es unter die Leute, dass wir ihm auflauerten, so steht am Ende das Volk gegen uns auf und jagt uns aus dem Lande. Wie gefällt euch mein Vorschlag?“ Lange schwiegen die Fürsten; endlich erhob sich Amphinomos aus Dulichion, der bestgesinnte unter den Freiem, und sagte: „Freunde, ich möchte nicht, dass wir des Odysseus einzigen Sohn heimlich ums Leben bringen; ein Königsgeschlecht durch Mord auszurotten, ist allzu furchtbar. Lasst uns zuvor die Götter befragen. Billigen sie unsere Tat, so bin ich bereit, ihn mit eigener Hand zu töten; verwehren sie es uns, so rate ich euch, kein Blut zu vergießen.“ Diese Rede gefiel den Freiem. Sie schoben ihren Plan auf und kehrten in den Palast zurück. -Am selben Abend kam der Sauhirt in seine Hütte zurück. Odysseus und Telemachos bereiteten gerade ein geschlachtetes Schwein zum Nachtmahl zu, als er eintrat. Athenes goldener Stab hatte dem Dulder wiederum Bettlergestalt verliehen, so dass Eumaios ihn nicht erkennen konnte. „Kommst du endlich?“ rief ihm Telemachos entgegen. „Was bringst du Neues aus Ithaka? Lauern die Freier noch immer auf mich, oder sind sie von ihrem Hinterhalt zurück?“ „Sie mögen wohl zurück sein“, antwortete der Hirt, „ich sah ein Schiff mit Bewaffneten einlaufen.“ Da blinzelte Telemachos vergnügt lächelnd seinem Vater zu, doch so, dass es der Sauhirt nicht sehen konnte: So waren denn die Freier alle wieder vollzählig im Palast! Zufrieden setzte sich auch Odysseus zu Tisch. Sie schmausten miteinander und legten sich bald zur Ruhe. Frühmorgens gürtete sich Telemachos und sprach zu Eumaios: „Alter, ich muss in die Stadt, ich will nach meiner Mutter sehen. Komm du mit dem Fremden nach. Ich hab es mir überlegt: er soll sich in der Stadt sein Brot erbetteln! Wo komme ich hin, wenn ich aller Welt Last auf mich nehme, ich habe genug an meinem eigenen Kummer zu tragen. Fühlt sich der Greis dadurch beleidigt, um so schlimmer für ihn.“ Diese Rede war natürlich eine abgekartete Sache, und Odysseus antwortete sogleich: „Lieber Freund, auch ich möchte hier nicht länger verweilen, zu lange schon und zu aufopfernd hat dein Hirte mich beherbergt und bewirtet – nun will ich selbst in die Stadt, wo sich jeder Bettler leichter fortbringt als auf dem Lande. Lass mich noch ein wenig am Herde sitzen, dass ich mich wärme, und wenn dann die Sonne steigt und die Luft ein wenig milder geworden ist, mag mich der gute Eumaios dahin begleiten.“
Telemachos eilte aus der Hütte. Als er vor seinen Palast kam, war es noch immer früh am Tage, er hatte den Weg vom Gebirge an die Küste rasch zurückgelegt. Von den Freiem war nichts zu sehen, sie schliefen noch. Also lehnte Telemachos seine Lanze an eine Säule des Eingangs und schritt über die steinerne Schwelle in den Saal, wo die alte Schafferin Eurykleia gerade damit beschäftigt war, den stattlichen Thronsessel mit schönen Fellen zu bedecken. Als sie den Jüngling, ihren jungen Herrn, erblickte, eilte sie mit Freudentränen auf ihn zu und hieß ihn willkommen. Auch die anderen Mägde umringten ihn, küssten ihm Hände und Schultern. Bald kam auch Penelope herzu. Weinend schloss sie den Sohn in die Arme und rief: „Mein süßes Leben, kommst du mir wieder! Wie habe ich mich um dich gegrämt, seit du heimlich nach Pylos fuhrst, den Vater zu suchen! Sag mir, was bringst du für Nachricht?“ „O Mutter“, antwortete Telemachos, „mach mir das Herz mit deiner Frage nicht noch schwerer, als es schon ist! Ich bin selbst eben erst dem Tode entronnen, Athenes Schild und die Nacht verbargen mich vor den Mördern, die meinem Schiffe auflauerten. Von Odysseus erfuhr ich nur so viel, wie König Menelaos wusste: dass ihn ein Sturm auf die Insel Ogygia verschlug, wo ihn die Nymphe Kalypso wider seinen Willen zurückhält. Es fehlt ihm zur Heimfahrt an Schiffen und Ruderknechten. Doch nun, liebe Mutter, lass dir ein erquickendes Bad bereiten, lege frische Gewänder an und gelobe den Göttern ein reiches Dankopfer, wenn sie uns dereinst den Vater und König zurückführen und Rache an den Freiem vergönnen.“ Penelope gehorchte dem Rat und begab sich ins Innere des Königshauses, wo sie so manche Nacht auf einsamem Lager um Odysseus geweint.

Schreibe einen Kommentar