Über den Kyffhäuser

Ein ganz ordentlicher Haufen von Bauernlümmels, gefährlich aussehenden Waldleuten und blassen Stadtmenschen hat Aufstellung genommen. Die Männer wollen möglichst schnell wieder dahin zurück, woher sie gerade gekommen sind – in die Arme ihrer Freundinnen und Frauen. Das schöne Weibervolk guckt dann auch ein wenig bedeppert, als das Vorspiel so unangemessen lange hinausgezögert wird und der Tambourmajor verkündet: „Einen haben wir noch!“ Das Musikchor spielt den Yorck’schen Marsch, Beethovens berühmte Auftrags-Komposition, die eigentlich von allen Militärs, die nach seiner Kaiserlichen Hoheit, Erzherzog Anton kamen, für ihre persönlichen Zwecke mißbraucht wurde.
Auch Erich ließ sich diesen Marsch gerne blasen. Irgendetwas muß also dran sein an dem guten Stück. Selbst mein Vater hatte sich seiner angenommen und sich einen ganz anderen, zugegebenermaßen etwas haarigen Reim darauf gemacht…
Die Mannspersonen, die sich da aufgebaut haben, wollen, daß es endlich losgeht. Seit Stunden stehen sie sich die Beine in den Bauch. Sie werden langsam unruhig. „Ruhe im Glied!“ zischts da wie aus einem Schlangenkorb. Auf den Tag genau sind wieder einmal 100 Jahre vergangen, und es ist allerhöchste Zeit, daß sich das lange Warten auszahlt.
Der Rotbärtige blinzelt mir zum wiederholten Male komplizenhaft zu. Die da könnten ihm gefallen! Ich weiß! – „Sag ihnen, ich zahle gut, wenn auch in den bekannt großen Zeit-Abständen…!“ nuschelt er in seinen roten Bart. Er braucht halt unbedingt, bevor der Laden hier endgültig geschlossen wird, noch ein paar zuverlässige Leute, mit denen es sich aushalten läßt.
Allerlei wunderbares Weibervolk kommt jetzt hinzu. Man merkte sofort, woher es kommt, wes Weib es ist. Ich kenne es zur Genüge. In dieser übernatürlicher Form kennen „die von drüben“ ihre Hexen natürlich noch nicht. Aber selbstverständlich sind auch sie begierig darauf, so etwas in der Art einmal kennenzulernen. Man muß halt nur einmal ihre diesbezüglichen Bittgesuche lesen. Da weiß man doch alles! Da bedarf es doch gar keiner Erklärungen mehr. Es ist doch immer wieder dasselbe. Schon so manch einer hat dann den folgenden Parforceritt auf dem Hexen-Besen nicht ohne Blessuren überstanden. „Au! Au! Au! Au! Verdammtes Tier! verfluchte Sau!“ Bevor sich so einer in der feuerroten Hexenmähne überhaupt erst richtig festkrallen kann, ist er bereits hinten wieder abgängig. „Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er…“
Ich freue mich, daß sie doch noch gekommen sind. Diese Weiber haben es drauf. Die etwas anders sozialisierten Hexenfrauen, besonders die „over 40“, bringen alles Dagewesene total durcheinander. Und da ist auch keine unter den Weibern, die sich plötzlich, wie im Schreck, die Hand vor den Mund schlüge – Oi !- , nur weil sie vielleicht ein wenig zu weit gegangen sein könnte in ihrem Mut und Übermut. Gewohnt unbotmäßig mischt sich dieses Weibervolk ins laufende Geschehen ein und redet sich um Kopf und Kragen. Es diskutiert gar nicht erst, sagt einfach so seine Meinung. Das ist neu für die diskussions-wütigen AltachtundsechzigerInnen, die auch hier neuerdings das Sagen haben. Obwohl man den Stammsitz des reinen Frauenbetriebes (nur ein paar Kilometer von hier entfernt, Luftlinie nicht einmal 30 km) beibehalten hat, ist der gesamte Vorstand komplett ausgewechselt worden. Staatsnähe lag nahe. Berufsbedingte Kontakte zur „Firma“ ließen sich wohl nicht länger leugnen. Regelmäßig, so wußte so ein altes Waschweib dem „Spiegel“ zu stecken, wäre in der Hexenküche ein dubioser Herr aufgetaucht, der sich immer nur als Mephisto vorgestellt habe. Einer! Daß ich nicht lache! Die Klinke haben sich diese Stasimänner in die Hand gegeben. Hier ist wirklich alles das gelaufen, was sich zwischen Himmel und Erde vorstellen läßt. Ich sage nur „Unternehmen Romeo“. Mal sehen, was am Montag im „Spiegel“ steht?
Gegen alle Regeln der Vernunft haben die Weiber nun auch noch ihren Schwebezustand aufgegeben und sich im Tiefflug auf den langen Weg nach hier oben gemacht. Für die Zuschauer an der Strecke eine große Freude. Ein Vergnügen, ihnen bei der Flugschau zuzuschauen. Klasseweiber das. Alle.

Was ist das hier?
Wer seid ihr hier?
Was wollt ihr da?
Wer schlich sich ein?
Die Feuerpein
Euch ins Gebein!

Zu früher überhaupt keine Parallele. Die, die man so leichthin „alte Hexen“ nennt, toben sich gewaltig aus. Sie haben es sich im Traum nicht mehr vorstellen können, daß sie es noch einmal so ungehemmt treiben dürfen, herumfliegen können, wie und wo sie es nur wollen. Start ist nach wie vor auf dem Blocksberg. Aber dann! Dann ist alles anders. Die meisten hier fliegen die allerneuesten Rutenbesen von „Airbroom & Co,“ nicht mehr die anfälligen sowjetischen Straßenfeger von Tupolew. Nun ist gleich überhaupt kein Halten mehr. Wenn sie wollten, könnten sie auf einen Ritt bis zur Zugspitze durchbrausen. Aber sie wollen nicht! Was sollen sie dort?! Heute wird am Kyffhäuser geflogen, dem Rabenberg. Hier ist Action angesagt. Und wieder sind es die ausgereiften Modelle, die, die es dem Nachwuchs noch einmal so richtig zeigen wollen. So manches dralle Weib scheint dabei ein wenig zu weit zu gehen. Es fliegt zwar zügig, aber vielleicht doch ein wenig zu freizügig über die hocherhobenen Köpfe der Schaulustigen hinweg. Alle Kraft – man sieht das deutlich – geht dabei vom aerodynamisch geformten Fleische aus. Solche Extratouren bringen die Veranstaltung erheblich in Gefahr, Imponderabilien dieser Art mag man sich hier nicht leisten. Was ist da schon das lächerliche Wackeln mit so einem bemitleidenswerten Ärschchen, wie man es von anderen Flugtagen kennt. Schon spricht man hi und da von Abbruch.
Mutwillig vom Blocksberg und der festgelegten Flugroute abgewichen, geben die alten Maschinen selbst bei der Ankunft noch eine Extra-Einlage. Muß das wirklich sein?! Sie drehen Loopings, schlagen Purzelbäume, reizen die Technik voll aus. Die erfahrensten Hexen, die sogenannten – auch drüben wohl so genannten – ÜberfliegerInnen, überraschen die Anwesenden mit noch nie dagewesenen Vorführungen. Diese Weiber sind Höllenweiber. PerfektionistInnen. Spitzenathleten. Alle entstammen sportbegeisterten Familien. Hexen-Dynastien. Als Schlußfliegerin landet Renate, meine personengebundene Hexe. Ihre so überaus kreativ gestaltete gesamtdeutsche Hexenmähne in der Hand, kommt sie winkend auf mich zu. Was soll denn das nun wieder heißen? Sie läßt jetzt voll die Hexe raushängen. Mit kaum verholener Lüsternheit blickt sie mich von der Seite her an, daß ich schon überlege, ihr einfach hinten auf den Besen zu steigen – und dann aber ab durch die Mitte!

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